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Gruppentherapie PARADISE LOST - "Medusa"

01.09.2017 | 11:53

Zurück zum goldenen Frühwerk, oder doch eher in die Doom-/Death-Belanglosigkeit? Das ist die Frage, die sich angesichts der aktuellen Scheibe "Medusa" der Briten PARADISE LOST unseren Redakteuren stellt. Zwar hat der Fünfer mit dem Silberling einen souveränen dritten Platz in unserem August-Soundcheck eingefahren, doch trotzdem gab es bei unseren Gruppentherapeuten einiges an Redebedarf. Aber lest selbst:

"Back to the roots" - das ist wohl das Motto, das man "Medusa" attestieren kann. Nick Holmes, Greg Mackintosh & Anhang haben den Death Doom vor über 25 Jahren mitbegründet, bevor sie sich Ende der 90er stilistisch so weit geöffnet hatten, dass eher irrlichternde Werke wie "Host", "Symbol Of Life" oder "Paradise Lost" dabei herauskamen. Seit dem 2009er-Werk "Faith Divides Us - Death Unites Us" besinnen sich die Briten wieder auf ihre doomigen Stärken und spätestens mit den Engagement der beiden Bandköpfe bei VALLENFYRE (Mackintosh) bzw. BLOODBATH (Holmes) stand auch dem Death Metal nichts mehr im Wege. Schon "The Plague Within" deutete dies mehr als nur an, "Medusa" klingt anno 2017 wie eine im positivsten Sinne zeitgemäße Version von "Gothic" mit einem Schuß "Icon". Holmes gurgelt wieder herrlich tief, die Gitarren sind herrlich düster und dennoch sehr harmonisch, der Sound drückt warm und doch morbide. Ja, das ist richtig, richtig gut. Leider hat die Band bei mir mit gleich mehreren schwachen Live-Gigs das Euphorie-Gen komplett geschreddert, so dass am Ende kaum mehr als nüchterne Anerkennung bleibt, die sich auch in der Note widerspiegelt. Beinharte Fans dürfen aber sehr gerne einen Punkt oben drauf packen.

Note: 8,0/10
[Peter Kubaschk]

 

Autsch, was ist denn da los? Aha, Nick Holmes und Gregor Mackintosh sind jetzt so Mitte vierzig, da fallen manche Männer eben in die Midlife Crisis und denken, sie müssten ihre Jugendzeit aufleben lassen und lassen sich Bärte wachsen, zum Teil auch weil die Haare nimmer so wollen. Und es werden die Gitarrenverstärker wieder auf Elf gedreht, der Extra-Verzerrer eingeschliffen und wumms zur vollsten Übersteuerung gebracht, böse geschaut und gar knietief gegrowlt. Wie zu Teenager-Tagen eben. Nun, mit diesem Konzept hat die Band damals dem Hörensagen nach - wie auch immer - sogar Genres definiert. Doom-Death und Gothic zum Beispiel. Dumm nur, dass ich PARADISE LOSTs erste beiden Alben eher ungenießbar finde. "Icon", "Host" und vor allem "One Second", das sind "meine" PARADISE LOST, und wenn man schon nichts Neues mehr schafft, würde ich am liebsten etwas in dieser Art hören. Nicht jedoch dieses nervige Tiefton-Geschlabbel mit Elch, das dazu noch so dermaßen Standard 08/15 genrebeschränkt daher blubbert, dass ich mich fingernägelkauend zu Tode langweile. Da ist - kaum zu glauben - echt kein einziger brauchbarer Refrain dabei. Den hatten sonst sogar die schwächeren Alben ein paar Mal parat, doch dieses Mal haben nicht mal Gregs "sorrow leads" einen Ansatz von Schmiss. Das einzig Positive hier ist die ordentliche Produktion.
So und nu? Ich wollt eigentlich zum Konzert gehen, aber wenn die jetzt einen auf Jugendsünden-Aufarbeitung machen, geb ich da keinen Cent für aus. Allzu toll waren die live ja eh nie. Und wenn die das so durchziehen, werden drei Viertel des Publikums gehen.

Note: 4,5/10
[Thomas Becker]

 

Also mein Kollege Thomas hat schon eine sehr seltsame Sicht auf die Karriere von PARADISE LOST, denn die neue Scheibe "Medusa" klingt keinesfalls nach Mittvierzigern, die sich in einer Midlife Crisis befinden. Wie auch, haben die Engländer diese doch längst mit dem fürchterlich langweiligen "Host"-Album hinter sich gebracht. Genau damals klangen die Herren Mackintosh und Holmes nämlich so, als hätten sie ihren musikalischen Weg aus den Augen verloren und sich in ihrer Verzweiflung an einer DEPECHE MODE-Coverband versucht. Der aktuelle Silberling ist das genau Gegenteil davon und präsentiert eine Band, die sich, wie Peter ebenfalls schon korrekt bemerkt hat, wieder auf ihre eigenen Wurzeln besinnt. Zwar mag dieser Satz inzwischen recht ausgelutscht klingen, immerhin tauchte er sicher schon in fast jeder Rezension zu den letzten vier Alben auf, doch er hat nichts von seiner Richtigkeit eingebüßt. Inzwischen hat sich der Fünfer nämlich komplett durch die eigene Bandgeschichte gewühlt und ist wieder beim Debüt "Lost Paradise" und dem Nachfolger "Gothic" angekommen. Diese beiden Scheiben scheinen mit ihrer herrlich düsteren Grundstimmung und den mächtigen Gitarrenwänden für den neuen Silberling Pate gestanden zu haben. Trotzdem ist die Scheibe auch melodisch wie "Icon" und präsentiert damit genau das, was ich mir von einem PARADISE LOST-Album erwarte. Glücklicherweise wurde meine Bewunderung für die Band auch noch nicht wie in Peters Fall von schwächeren Liveshows getrübt und so komme ich folgerichtig auf neun von zehn möglichen Punkten in der Endabrechnung.

Note: 9,0/10
[Tobias Dahs]

Einleiten möchte ich mit einem Kommentar des Kollegen Jonathan, der sinngemäß meinte, die Presse würde seit 15 Jahren bei jedem PARADISE LOST-Album von einer Rückbesinnung zu den Wurzeln faseln. Tatsächlich waren die ehrenwerten Gentlemen seit dem Abstreifen jeglicher todesmetallischer Einflüsse nie so nahe dran an den ersten drei Meisterwerken der Bandhistorie. Grundsätzlich stehe ich dem sketpisch gegenüber, wenn sich eine Band darin versucht, Neuland auszukundschaften und vor lauter Orientierungslosigkeit den Weg zu den eigenen Roots sucht.
Und da wären wir bei einem Punkt angelangt, bei dem ich (von den vielen Fehleinschätzungen abgesehen) dem werten Kollegen Thomas vehement widersprechen muss. Sowohl Nick Holmes, vor allem aber Greg Mackintosh sind nicht erst seit gestern wieder todesmetallisch unterwegs. Der Sänger brüllt sich seit 2014 bei BLOODBATH die Stimmbänder blutig, sein kongenialer Songwriting-Partner wandelt mit VALLENFYRE schon seit 2010 auf todesmetallischen, verkrusteten Spuren. Wie Peter richtig erkannt hat, war es daher eigentlich eh nur eine Frage der Zeit, bis die Zwei mit PARADISE LOST dort ankommen, wonach es viele Fans dürstet. Also alles andere als Torschlusspanik bei den Briten.
Ähnlich wie Tobias kann auch ich mit den Alben ab "One Second" bis zur Rückkehr zu gotischem Metall wenig abgewinnen. Das haben andere Bands, allen voran MOONSPELL, wesentlich besser drauf. Daher sehe ich keinen großen Verlust in der Tatsache, dass PARADISE LOST nicht mehr mit diesem wannaba-DEPECHE MODE-Gedudel langweilt.
Die Produktion auf "Medusa" knallt, die Rhythmusgitarren haben einen leichten fuzzy Sound, was sehr nach meinem Gusto ist. Auch Holmes kann das Brüllen immer noch, was er ja beim aktuellen BLOODBATH-Album schon eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat. Das Songwriting erinnert mich neben den bereits genannten Scheiben eins, zwei und vier noch an das hier noch nicht erwähnte, absolut überragende Drittwerk "Shades Of God" - 'No Passage For The Dead' zum Beispiel. Aber klar, 'From The Gallows' erinnert mit dem Galopp-Rhythmus in der Strophe an "Gothic"s 'Falling Forever', der ultrazähe Opener würde mit Abstrichen sogar auf "Lost Paradise" eine gute Figur machen. Alles in allem eine Rückbesinnung, die Sinn macht. Vielen Dank dafür und hoffentlich auf eine Menge weiterer Alben ähnlichen Kalibers.

Note: 9,0/10
[Haris Durakovic]

 

Man man man, da zitiert mich Haris, bevor ich überhaupt einen Artikel einreiche. OK, also hier noch mal für alle: Seit ich Metal-Magazine lese, lese ich in nahezu jedem Review einer PARADISE LOST-Scheibe, dass die Band sich wieder stärker an ihren Wurzeln orientiert. Ich kenne fast alle Scheiben dieser Phase und merke, dass sich die Jungs meist eher an "Draconian Times" orientiert haben - mit "Medusa" schaut man (noch stärker als auf dem feinen Vorgänger) zu den ersten Alben hin und vergisst völlig die Schwächephase um die Jahrtausendwende. Mal ehrlich, ich freue mich, dass Thomas diese Alben gefallen, aber sonst kenne ich eigentlich niemanden, der "Host" oder ähnliches Goth-Pop-Gefeier gut findet.
Mit "Medusa" gibt es in der Tat echten Doom Death. Die Gothic-Tage sind außer weniger Klargesang-Passagen vorbei. Nun ist ein besseres Genre natürlich keine Garantie für eine bessere Scheibe. Hier gibt es allerdings episches Songwriting mit ganz großen Gitarrenmelodien und wunderbaren Gesangslinien. Und Achtung, Sakrileg: Im Moment gefällt mir diese Scheibe besser als das mir bekannte Frühwerk, ich würde sie momentan in einem persönlichen (unvollständigen) PARADISE LOST-Highscore auf Rang 2 (nach "Draconian Times") einsortieren. Auch die starken VALLENFYRE-Ausflüge werden weggeblasen (wobei ich sie, wie auch das wunderbare letzte BLOODBATH-Album, bedingungslos empfehlen möchte). Genial sind die tiefen Growls, und mich begeistert vor allem das Doom-Element ('Gods Of Ancient'!) auf den Alben. Stellt euch MY DYING BRIDE ohne den Kitschfaktor vor.
"Medusa" klingt wie eine längst verschollene Perle des 90s Metal, nur ohne die teils störenden Gothic-Elemente mancher Artverwandten. TIAMAT, MOONSPELL oder MY DYING BRIDE würden heute für solches Material töten, und ANATHEMA oder KATATONIA könnten sich sogar daran erinnern, dass sie mal Metal gespielt haben. Natürlich ist das nur eine Voreinschätzung, aber ich glaube, wir haben es mit der besten PARADISE LOST-Scheibe seit 22 Jahren zu tun.

Note: 9,5/10
[Jonathan Walzer]

 

Dieses Therapie-Dialog-Format ist toll. Wir haben beschränkte Redezeit bzw. Platz zum Sichauslassen. Wie aufmerksame Leser mitbekommen, fetzen sich auch hier bei uns die Ansätze. Und die Band PARADISE LOST steht im Mittelpunkt. Gut so. Da gibt es unter uns die Potentialerkenner, die aber nicht so richtig wissen, was eigentlich das Faszinierende an dieser Band ist. Was sie so erwarten und auch irgendwie immer einfordern. Sie wissen es nicht. Sie hoffen. Und es gibt die "Jaja's", die genau diese Unklarheiten, diese Unsicherheit den jahrzehntealten Begleitern der Band vorhalten. Ich sehe mich dazwischen festgenagelt. Zwischen den Stühlen, zwischen den Alben. "Icon" 1993 hat mich melodisch sehr geprägt. Mein Album des Jahres. Exklusiv. Einprägsam. Derb und gefühlvoll. Das vorherige seltsame Zeug im Zuge der britischen Death-Doom-Melancholie, deren Spitze auch PARADISE LOST eine war, sogar noch mehr. 'True Belief'. Diesen aufkommenden Beigeschmack habe ich, der der "Draconian Times" noch eine kleine Chance gab, immer behalten. Dann lange nichts. Teilweise Erschrecken, was aus einer Metalband geworden ist. Dann der Gedanke: "Na und. Warum denn nicht?" Die kotzt an, was sie jahrelang gemacht haben. Da sind andere Kollektive viel starrsinniger! Und kloppen jahrzehntelang auf demselben Stil herum. Ich verstehe beispielsweise den MOTÖRHEAD-Kult ganz und gar nicht. Ich verehre 'Mouth' vom 2001er "Believe In Nothing". Für mich ein Beispiel, wie Musiker es schaffen, ihre so vielen Eindrücke und Leidenschaften zu einem neuen Stück zu vereinen. Aber das PARADISE LOST-Gefühl... es war nicht mehr da. 'Dead Emotion', paradox. Dann Mister Holmes 2014 in BLOODBATH. Wieder Haare, wieder Kapuze, wieder Bart, wieder rollende Death-Metal-Riffs. Und er mit entfesselter Stimme. Und nun, erst jetzt nach diesem ganzen Vorgeplänkel lege ich mir "Medusa" auf die Ohren. Habe mir vorher 'Beneath Broken Earth' angehört. Ein Stück von 2015 und wie ein Druck auf die Reset-Taste. Auf meine. 'Fearless Sky', ganz neu, habe ich nun schon oft gehört. PARADISE LOST-Gefühl sofort. Dringt ein, sofort. Auch, weil ich ehrfürchtig geworden bin. Ein Kracher. 'The Longest Winter' - eindringlich. Und 'Blood And Chaos', wie man es sich wünscht. 'Medusa' elegisch, melodiös und eingängig, aber auch vorhersehbar. Und überhaupt: das Aber, das große Aber! Auf Albumlänge bleiben diese auch genau die Stücke, die fesseln, oder mich zumindest zuhören lassen. Durch die anderen Beiträge lasse ich mich schleppen und ärgere mich darüber, dass sie nicht zünden. Ich höre genau zu und bin doch oft gelangweilt. Zu oft. Zwei Seelen sind es, die hier werten. Hier anbetungswürdig, dort nur Zeit fressend.

Note: 6,0/10
[Mathias Freiesleben]

Redakteur:
Tobias Dahs

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