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Gruppentherapie: BEHEMOTH - I Loved You At Your Darkest

08.10.2018 | 14:21

Platz 16 im Soundcheck. Eigentlich kein Grund für eine Gruppentherapie. Jedoch ist da dann auch noch dieser Unterschwied zwischen durchschnittlichen 7,0 Punkten und einem 10-Punkte-Review. Daher ist "I Loved You At Your Darkest" doch ein Fall für eine Gruppentherapie mit der Frage: Ist das Review zu übertrieben oder wurden nur die "falschen" Kollegen im Soundcheck befragt?

Es fällt mir schwer, ein Urteil über "I Loved You At Your Darkest" zu verfassen, welches dem Meisterwerk von BEHEMOTH auch nur annähernd gerecht wird: Denn das, was das polnische Flagschiff des Black Metals in diesem Oktober auf den Markt wirft, bewegt sich jenseits festgelegter Regeln. Die Jungs brechen mit Titeln wie 'Ecclesia Catholica Diabolica' oder auch der ersten Singleauskopplung 'God=Dog' die starren Genregrenzen auf und überraschen beispielsweise mit abrupten Melodiewechseln sowie einer dramaturgischen Inszenierung der Songs, welche fast schon cineastische Züge hat. Unglaublich emotional und ambivalent kommt "I Loved You At Your Darkest" daher. Das Album zeigt sich als schwindelerregender Balanceakt zwischen erhebender satanistischer Elegie, die vor allem in dem ruhigen Stück 'Bartzabel' zum Tragen kommt, und brachialem Black Metal. Vor allem 'Wolves Ov Siberia' entwickelt sich so beispielsweise zur idealen Plattform und Bühne für Drummer Inferno, der den Song mit einer beachtlichen Leistung und immensem Druck nach vorne schiebt. BEHEMOTH taucht den Hörer abwechselnd in emotionale Tiefen und aufpeitschende Höllenritte und rüttelt an sämtlichen Grundfesten der Kirche, Moral und auch musikalischer Gewohnheiten. Mit "I Loved You At Your Darkest" läutet BEHEMOTH eine neue Ära ein und hinterlässt für die Konkurrenz nur noch verbrannte Erde. Ein Album, welches mir keine andere Wahl lässt als tiefste Bewunderung zu empfinden.


Note: 10/10
[Leoni Dowidat]

 

Seit wann, Leoni, sind denn abrupte Melodiewechsel untypisch für das Genre Black Metal? Ja, BEHEMOTH ist seit langem keine typische Black-Metal-Band mehr, das steht wohl außer Frage. Denn das musikalische Grundgerüst ist eher angeschwärzter Death Metal, der zu MORBID ANGEL hinschielt und symphonische Elemente einbaut. Die Bösartigkeit früherer Werke ist jedenfalls nahezu komplett verschwunden. Dafür beherrschen die Jungs ihre Instrumente auf eindrucksvolle Weise und sind definitiv in der Lage, kleine Hits zu schreiben. Der Songtitel 'God = Dog" ist wohl der stumpfeste und blödeste Titel seit J.B.O., und insgesamt finde ich es erstaunlich, dass die ach so bösen Jungs ständig Bibeltexte zitieren müssen, um ihrem "Satanismus" Ausdruck zu verleihen. Die Großartigkeit mancher früherer Scheiben der Band ("Demigod" zum Beispiel) höre ich insgesamt leider nicht mehr. Dafür ist das Material zu generisch. Trotzdem ist das natürlich gut gemachter Extrem-Metal, der nie wirklich böse ist, aber schon Spaß machen kann. Ich geh jetzt wieder zu meinen grimmen Schwarzmetall-Scheiben (VERHEERER oder UADA empfehle ich gerade), dauerhaft hören muss ich neuere BEHEMOTH-Sachen dann doch nicht.

Note: 7,5 / 10
[Jonathan Walzer]

Ich muss mich doch fragen, welche Scheibe Herr Walzer da im Player hatte, denn seine Meinung zu "I Loved You At Your Darkest" kann ich so überhaupt nicht unterschreiben. Wo haben die Polen denn bitte ihre Bösartigkeit verloren? Natürlich wird dem Hörer selbige lange nicht mehr so plump und direkt ins Gesicht gebrüllt wie noch zu Zeiten von "Pandemonic Incantations", doch diese unterschwellige Finsternis, die einen selbst an einem sonnigen Sommertag in düsterste Gedankenwelten entführen kann, ist auf dem Vorgänger "The Satanist" und dem neuen Silberling deutlich ausgeprägter und eindrucksvoller als beim Frühwerk der Band. Und im Gegensatz zu den von Jonathan empfohlenen VERHEERER oder UADA (deren Alben wirklich sehr empfehlenswert sind), hat es das Quartett geschafft, einen Sound zwischen Schwarzmetall und Todesstahl zu kreieren, den man schon nach wenigen Sekunden zweifelsfrei Nergal und seinen Mitstreitern zuordnen kann. Gepaart mit einer ganz eigentümlichen visuellen Darstellung und der unglaublich eindrucksvollen Bühnenshow ist so ein Gesamtpaket entstanden, das in der Metalszene ganz und gar einzigartig ist. Die Einzigartigkeit untermauert auch der neue Langspieler wieder eindruckvoll und auch wenn ein Songtitel wie 'God = Dog' zugegeben etwas plump anmutet, wird die musikalische Darbietung und die Kunst des verdrehten Zitierens der "heiligen Schrift" umso ausgefeilter zelebriert. Unter dem Strich hat für mich trotzdem der Vorgänger "The Satanist" ganz knapp der Nase vorne, hauptsächlich weil ein absolutes Epos wie 'O Father O Satan O Sun' auf "I Loved You At Your Darkest" fehlt. Trotzdem ist das hier ganz großes Tennis, das sämtlichen Genre-Kollegen einmal mehr zeigt, wo der Hammer hängt.

Note: 10/10
[Tobias Dahs]

 

Es ist mir einfach unbegreiflich, wie man MANOWAR und Konsorten das ständige Wiederholen der gleichen Thematiken vorwirft und nicht gleichzeitig auch Bands wie BEHEMOTH für selbiges abwatscht. Eine bitterböse Abrechnung mit dem Christentum? Ist ja mal ganz was Neues. Ich dachte, selbiges hätte DIMMU BORGIR schon Ende der Neunziger besiegt. Parallelen zu den Norwegern sind mir im Übrigen während des Hörens von "I Loved You At Your Darkest" öfters durch das vor lauter Bitterbösigkeit vernebelte Hirn geschossen. Nicht unbedingt nur musikalisch (aber eben auch!), sondern durchaus was die Atmosphäre angeht. Wir haben es also aus meiner Sicht mit keiner schlechten Musik zu tun, dazu sind die Behemotten zu erfahren. Aber kompositorisch haut mich das nicht von meiner Sitzgelegenheit. Ich spüre auch keine "unterschwellige Finsternis". Zwar kann man dem Album eine gewisse Emotionalität nicht absprechen, es finden durchaus Gefühle statt, aber so recht will der Funke nicht zu mir überspringen. Der Gesang ist mir zu eindimensional, die Umsetzung der durchaus zahlreich vorhandenen Ideen, wie unverzerrte Gitarren, Kinderchöre, Orgeln (gäähn) oder pseudomonastischen Klargesang (Doppelgähn), zu platt und zu wenig zielgerichtet. Der Death-Metal-Anteil evoziert bei mir zwar keine Jubelarien, doch will ich keinem Black-Metal-Purismus das Wort reden: Wie man den Schwarzmetall stilecht weiterdenkt, haben Bands wie SATYRICON, ENSLAVED oder von mir aus auch DARKTHRONE aber deutlich geschickter bewiesen. Nun, so mies wie es jetzt wirkt, finde ich das Album ja gar nicht, ich wollte der Abfeierei nur ein gesundes Gegengewicht zur Seite stellen und zu den positiven Aspekten wurde ja genug Richtiges gesagt.

Note: 7/10
[Jakob Schnapp]

Ich grätsche hier mal dazwischen. Ich gebe es zu, ich habe bislang nicht viel von BEHEMOTH gehalten. Vor der Bemusterung von "I Loved You At Your Darkest" bin ich erneut davon ausgegangen, meinen Cursor permanent um den Skip-Button kreisen zu sehen. Aber es kam tatsächlich anders. Diesmal gibt es keine Nergal-Nörgelei meinerseits, aber auch keine Lobhudelei wie bei der geschätzten Kollegin und Kollegen Leoni, Tobias und Mario. "I Loved You At Your Darkest" lebt von seiner Vielschichtigkeit. Nergal hat, ähnlich wie jüngst Allan von PRIMORDIAL oder auch Matt mit GRAVE PLEASURES und BEASTMILK, sein Faible für kitschlosen Goth und Post Punk für sich entdeckt. Und damit meine Aufmerksamkeit geweckt. Allein der Einstieg ins neue Album mit dem Intro 'Solve' ist beste Finsterkunst ohne jegliche Albernheiten. Der Kinderchor gepaart mit der Instrumentierung entfacht seine volle Wirkung. 'Wolves Of Siberia' ballert anschließend die Gehörgänge sauber, der Bläser-Einsatz gegen Ende des Songs unterstreicht die unheilvolle Atmosphäre ganz hervorragend. Lieber Jonathan, ich finde das alles ultraböse, (musikalisch) gleichzeitig gut gereift. Auch wenn ich mit den ultraplakativen Songtiteln ebenso meine Probleme habe. Ich habe nichts gegen Satanismus, Blasphemie und ähnlichem in der Kunst. Im Gegenteil! BEHEMOTH scheint mir in der Hinsicht aber gewissermaßen Opfer der Erwartungshaltung zu sein: Man muss ja schließlich das Image wahren... Weitere Kritik in diese Richtung ist aber unangebracht, solange mir die Texte nicht vorliegen. Wunderbar auch, wie Nergal und Co. in 'God = Dog' das Thema aus dem Intro geschickt in die Komposition einbinden. Das ist ganz großes Kino. Die eingangs erwähnten Post-Punk- und Goth-Einflüsse verarbeitet BEHEMOTH selbstverständlich ganz anders als beispielsweise PRIMORDIAL oder GRAVE PLEASURES. Gepaart mit Nergals imposanter Stimme tönen selbst besagte Einflüsse in Titeln wie 'Ecclesia Diabolica Catholica' oder 'If Crucifixion Was Not Enough...' immer noch ganz klar nach BEHEMOTH. Das alles ist recht stimmig und opulent in Szene gesetzt. Die Fans werden's lieben. "Ein Album, das man häufiger auflegen wird und auf jeden Fall Hits hat", um einmal unsere Bewertungserklärung zu zitieren. Nochmal nachgeschaut, genau: Das entspricht genau 8,5 Punkten.

Note: 8,5/10
[Haris Durakovic]

 

Nur Bestnoten, wenn ich das richtig überblicke. Wenn BEHEMOTH angrollt, gehe ich zumeist in Deckung, so üppig, umfassend und weitgreifend ich die Band bisher erlebt habe. Und das wird mit dem aktuellen Album nicht anders, eher verstärkt sich mein Eindruck. Die Polen haben längst die Pfade des schnöde geschredderten Black Metal verlassen und bieten auch hier weiter ausufernde und ausgeklügelte Schwermutmusik an, die sich eben auch Elemente aus anderen Gitarrengenres holt. Das kann die Band auch leisten, wie man an den Übergängen und Arrangements bemerkt. In 'Bartzabel' wirkt ein Kontrast zu Nergals gepresster Singstimme sehr gut durch den Chor aufgefangen, wie ich finde. An diesen Stellen gefällt mir BEHEMOTH wahrhaft am besten: wenn experimentiert wird. Das Stück ist ja auch an sich sehr getragen und tobt sich auch in den Gitarrensoli aus. Und somit ist auch 'Havoej Pantocrator' eines, was mir außerordentlich gefällt. In der Summe kann ich für das Album schon aus der Deckung kommen, denn das Dark-Metal-Handwerk beherrschen die Danziger natürlich seit Jahrzehnten und wissen die Parts sehr gekonnt miteinander zu verweben. Es gibt größtenteils auf die Ohren, aber sie haben Handschuhe dabei an. Aus Ziegenleder versteht sich.

Note: 8/10
[Mathias Freiesleben]

Redakteur:
Mario Dahl

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