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Gruppentherapie: CATTLE DECAPITATION - "The Anthropocene Extinction"

16.08.2015 | 10:29

Das Anthropozän soll als neues, eigenes Zeitalter in erdgeschichtlicher Sicht eingeführt werden, das dem massiven Einfluss der Menschen auf die Erde Tribut zollt. Ob das geschieht wissen wir nicht, dafür haben die Tierenthauptunger schonmal kräftig Einfluss auf die Ohren (und scheinbar Nerven) unserer Therapeuten Einfluss geübt. Lest selbst!

Okay, es wird niemanden überraschen, dass ich bei CATTLE DECAPITATION mal wieder das Mädchen mache. Das Album hat alles, was mich eher nicht so anmacht: Gekreischten, unverständlichen Gesang (mangels eines besseren Ausdrucks benutze ich das Wort, und auch weil ich die Musiker nicht beleidigen will, denn ich respektiere, dass die das, was sie machen, gekonnt umsetzen; nur wie heißt es so schön? "Das kann man so machen, aber dann isses halt kacke" - für mich kommt es dem leider nahe), Karnickelfickdrums und wildes Gitarrengeschredder, das häufig nicht Melodie, sondern Geräusch darstellt. Aber warum schreibe ich das, das war doch klar, oder? Ja, aber. Das aber ist die Tatsache, dass sich bei den Death-Grindern doch tatsächlich gelegentlich Melodien einschleichen. Wer hätte das gedacht? Da kann der Opener 'Manufactured Extinction' ab 2:25 Minuten mit einem großartigen Melo-Doom-Part aufwarten! Ich horche auf und lasse mich vom Griffbrettrodeln und Blastbeats nicht abschrecken, aber es bleibt ein "Musikunfall". Doch im Laufe des Albums mit dem schönen Titel "The Anthropocene Extinction" gibt es das noch häufiger. Da schleichen sich Melodien und Riffs ein in das Krachgewitter, die wirklich bemerkenswert sind. Das wollte ich hiermit kundtun. Nun kann ich aber trotzdem nicht umhin, zu gestehen, dass mich das Geröhre und der durchgehend hohe Aggressionslevel auf Albumlänge extrem langweilen. Das ist nicht meins, aber ich habe zumindest meine Schuldigkeit getan und erwähnt, dass ich sehr wohl erkannt habe, dass sich die US Amerikaner Mühe geben, das doch sehr einengende Grindkorsett zu dehnen. Bis hin zu einem deutschen Textfragment in dem toll betitelten 'Pacific Grim'. Aber als Note bleibt am Ende trotzdem nur ein schmerzliches "schade" in Zahlenform.

Note: 4,0/10
[Frank Jaeger]



Im Prinzip muss ich nach Franks Worten gar nicht mehr viel schreiben, um zu erklären, warum bei mir am Ende locker-flockige drei Punkte mehr für "The Anthropocene Extinction" drunterstehen. Ich mag musikalische Unfälle, wenn sie richtig schön aus den Boxen drücken und meinen Kopf immer wieder mit Freude gegen die Wand hauen. Das tut zwar weh, macht aber höllisch Spaß. Als Freund derartiger Klänge stellt sich für mich insofern eher die Frage, warum es "nur" sieben Zähler für CATTLE DECAPITATION sind. Das lässt sich klar benennen: Zum einen geht mir der immer wieder eingesetzte Klargesang - wenn man diese gepressten Geräuschen (Verdacht auf Obstipation!) denn als solche bezeichnen - tierisch auf den Zeiger, zum anderen ist "The Anthropocene Extinction" selbst für meinen Geschmack etwas eindimensional geworden. Letzteres betrifft sowohl Klang (auch wenn im Brutal Death selbstredend alles maustot ist, kann man den Sound lebendiger hinbekommen) als auch Songwriting (viel beliebiges Patchwork-Geschiebe). Das reicht dann allerdings auch mit Gemecker, denn die Band sorgt hier mit viel Rums und Bums für eine ordentliche Knüppel-Party und hat haufenweise coole Parts am Start (ein paar davon erkennt ja sogar unser Mädchen), zu denen man mal wieder so richtig schön abspacken kann. An meinen persönlichen Genre-Primus MISERY INDEX kommt CATTLE DECAPITATION dabei allerdings lange nicht heran.

Note: 7,0/10
[Oliver Paßgang]


Ich bin zwar kein musikalischer Katastrophentourist wie Kollege Passgang, aber auch ich kann "The Anthropocene Extinction" nicht einen gewissen Reiz absprechen. Ja, die ersten Lieder machen wirklich Spaß, alles ist leicht chaotisch, übertrieben brutal und dann gibt es eben hin und wieder diese wirklich eingängigen melodischen Parts. Alles sehr unterhaltsam, nur dass sich das nach spätestens drei, vier Liedern erschöpft. Ab da ist mir das Gelärme der Truppe schlicht zu anstrengend und ich mache aus. Wenn ich beim nächsten Mal ab Lied vier anfange, halte ich wieder ein paar Songs durch, bevor das gleiche Problem auftaucht. Da helfen auch die wirklich coolen Songtitel nicht. Um bis zu 'Pacific Grim' durchzudringen, brauche ich mindestens drei, eher vier Anläufe. Nein, echte Freunde werden wir wohl nicht mehr.

Note: 6,5/10
[Raphael Päbst]


Also wenn ich mir die vorangegangenen Reviews zu Gemüte führe ohne "The Anthropocene Extinction" zu hören, könnte ich zu dem Schluss kommen, dass es sich beim Album der Brutal Death Grinder aus San Diego um einen Totalausfall handelt. Doch das trifft den Kern der Sache nicht im Geringsten. Betrachten wir also die Fakten: Fakt ist, dass sich die Amis auf konstant hohem Energieniveau durch die 12 Songs ihres nunmehr sechsten Longplayers schroten. Fakt ist ebenso, dass Abwechslung, musikalische Finesse und feinfühliges Songwriting genauso wenig zu finden sind wie ein natürlicher, transparenter Sound. Doch was soll ich sagen, "that's brutal death, baby". Da mag man transparente Produktionen und progressives Songwriting noch so sehr schätzen, für die Zielgruppe wären derartige Experimente schlichtweg unpassend. Den auf "Monolith of Inhumanity" eingeschlagenen Weg, ihre Blast-Attacken mit melodischen Passagen zu würzen führt die Band konsequent fort und liefert dabei Slam-Attacken wie "Clandestine Ways (Krokodil Rot)", die wie selbstverständlich neben für Brutal Death-Verhältnisse beinahe schon epischen Tracks wie "Plagueborne" und Höchstgeschwindigkeits-Attacken wie "Mutual Assured Destruction" stehen. Fazit: Für mich ist "The Anthropocene Extinction" zwar kein Volltreffer, aber auch weit vom Totalausfall entfernt. Die Zielgruppe wird's definitiv zu schätzen wissen.

Note: 8/10
[Ben Kettner]



Ich freue mich, dass unser Therapie-Format sich heute Zeit nimmt für diese Art von Musik! Manche sagen, der grindige Metal ist an sich schon eine Art, sich zu therapieren... vom Alltag, vom Stumpfsinn, von der Eingeengtheit. Geeignet, genutzt als Sprengsatz, sich vom Spießertum abzusetzen, benutzt, um sich anders und exklusiver fühlen zu können. Oder auch: da schlittern Typen durch diese durchtrainierten überproduzierten Tempowechsel, um sich selbst zu therapieren. Nun ja, es ist nicht einfach, sich mit extremen Tönen dauerhaft auseinanderzusetzen, wo bleibt da zum Beispiel die Nachhaltigkeit? Hauen nicht Hunderte von Combos jeden Tag ihre Aggressionen, ihre Obszönitäten und ihren Weltenhaß auf diese Weise in die Netzwerke?Hier steht aber ein großes Label dahinter, was wir der Produktion gern und schnell anmerken können. Angesichts der Tatsache, dass Bands wie CATTLE DECAPITATION in der Bühnenpräsenz sehr schnell überfordernd sind und wir schnell wegen der fehlenden Variantenbreite den Abenden schnell Langeweile attestieren müssen, ist ein Urteil wegen der Nachhaltigkeit schnell gefällt. Gefällt nicht. Dislike. Aber, großes ABER sogar: So, auf dem Kopfhörer, im vierten Durchgang fragen wir uns, warum es Bands wie diese gibt. Und wir lassen uns dazu hinreißen, die Vielfältigkeit des Sektors Metal in den lauten, chaotischen, fast wirren Nischen zu loben. Schön, dass es Euch gibt! Ich habe wahrscheinlich aber hoch gestapelt. Vier Mal am Stück gehört, das geht nicht, das ist Zeitverschwendung. Aber mir gefällt ausnehmend gut der Klargesang, der das Ton-Getümmel ab und zu ordnet und die Möglichkeiten des Grind-was-auch-Immer gut kontrastiert. Viele Worte zu finden ist schwer: technisch, handwerklich besehen an der Obergrenze, ist dieses Album gefühlt jedoch ein ziemlicher Klumpen. Liebe Grinder, macht EP's, dann hören wir besser zu. Weil es einfach einfacher ist.

Note: 4/10
[Mathias Freiesleben]

Redakteur:
Raphael Päbst

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