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Gruppentherapie: CIRITH UNGOL - Forever Black

28.04.2020 | 10:13

Totgesagte leben länger. Gilt das auch für die Underground-Kauze CIRITH UNGOL?

Glaubt man dem Soundcheck-Ergebnis, der Besprechung von Ober-Fan Rüdiger oder der Mehrzahl unserer Therapeuten, lautet die Antwort: ja. Doch wir lassen natürlich auch die Kollegen zu Wort kommen, die mit dem Album gar nichts anfangen können oder es "nur" ganz in Ordnung finden.

 

Wo soll man hier nur beginnen? In seiner ausgiebigen Besprechung liefert Kollege Stehle ja schon Kaufanreize am laufenden Band. Probieren wir es mit einem Perspektivenwechsel: Im Gegensatz zum eingefleischten CU-Legionär fand ich das bisherige Schaffen der Truppe gut und habe es auch in der Sammlung stehen, Jubelsprünge oder sonstiges hat bei mir die Reunion aber nicht gleich verursacht. Was für ein Fehler! "Forever Black" hat ruckzuck Einzug in die tägliche Rotation gehalten, sobald es hier zum ersten Mal lief. Mittlerweile vergeht kein Arbeitstag am heimischen Schreibtisch mehr ohne diese Scheibe. Mehr oder weniger wahllos hatte ich neulich fünf Songs des Albums als meine persönlichen, derzeitigen Lieblingssongs im Forum verkündet. Seien wir ehrlich: Es könnte auch jede andere Nummer der acht Hits, lässt man mal das Intro 'The Call' außen vor, mein derzeitiger Lieblingssong sein. Epische Melodien werden von der stampfenden Rhythmusgruppe transportiert, so dass man unentwegt die Faust recken und lauthals mitsingen möchte. 'The Frost Monstreme' ist ein Paradebeispiel dafür. Und dann trifft diese Kauzigkeit, wie ich sie auch bei PAGAN ALTAR schätze, auf swingende Beats, wie sie einst Bill Ward und Geezer Butler eingespielt haben. Die Produktion? Perfekt! Jeder, der zurzeit ein Heavy-Metal-Album im Studio eintrümmert, darf sich bitte an "Forever Black" orientieren. Wobei das nicht für die Musik an sich gilt, denn einen Tim Baker hat eben nur CIRITH UNGOL. Und bevor ich mich hier ebenfalls in biblischem Ausmaße über die Qualitäten dieser Platte auslasse, fasse ich mich kurz: "Forever Black" ist das beste Metal-Album des Jahres 2020. Wie könnte man das bitteschön noch toppen?

Note: 10/10
[Nils Macher]

Ja, die Produktion von "Forever Black" ist wirklich atemberaubend gut. Hier hat Nils absolut recht. Und dass CIRITH UNGOL sich nicht mit einer halbgaren Reunion zufrieden gibt, wurde mir bei den beiden miterlebten Live-Konzerten beim "Keep It True"-Festival und beim "Hammer Of Doom"-Festival sehr deutlich. So kann man den Jungs auf jeden Fall ein bärenstarkes Comeback zuschreiben, mit dem trotz allem auf diesem Niveau nicht zu rechnen war. Trotzdem kann ich, anders als Nils oder unser Haus-und-Hof-Fan Rüdiger noch nicht zur Höchstnote greifen. Dabei kann ich eigentlich kaum etwas Schwaches sagen über dieses Scheibchen. Aber diese Band, die bei vier Alben bisher drei mal die 10-Punkte-Marke erreicht hat, steigt aus meiner Sicht hier eher auf dem sehr starken Niveau von "One Foot In Hell" wieder ein. Mir fehlt ein wenig das proggig-fuzzig angehauchte Material des Debüts, der vielleicht kauzigsten Metalscheibe aller Zeiten. Und mir fehlt die ausladende Epik von der "Paradise Lost"-Trilogie sowie die doomigen Einsprengsel des Zweitlings. Aber eigentlich ist das unfair. CIRITH UNGOL-Scheiben waren bisher immer sehr eigenständig. Auch für "Forever Black" gilt das. Und bei den acht Songs ist wirklich kein Ausfall zu verzeichnen. Ich bin hoch zufrieden und würde mal so feststellen, dass die Band sich momentan mit IRONSWORD und LORD VIGO um den bisherigen Epic-Metal-Thron 2020 streitet. Aber sie führt das Feld nicht in gnadenloser Perfektion an. Ob wir es mit einem zeitlosen Klassiker zu tun haben, wird erst die Zeit zeigen. Dass wir es mit einem mit Hits gespickten, brillant produzierten und phänomenal eingesungenen Album zu tun haben, kann ich aber feststellen. Wer mit einer fairen Erwartungshaltung an das Album herangeht, wird mit einem der besten traditionellen Metalalben des Jahres versorgt werden; die Diskographie der Band bleibt letztlich makellos. Trotzdem höre ich noch nicht den großen Wurf, der alles andere aus diesem Jahr plattwalzen wird. Aber damit kann ich gut leben. Und wenn man ehrlich ist, ziehe ich den Notenschnitt jetzt auch nicht zu krass nach unten.

Note: 9,5/10
[Jonathan Walzer]

Und erneut werde ich zum "Buhmann" in unserem Soundcheck. Denn mit meiner Note für CIRITH UNGOL versaue ich einen 9er-Schnitt. Aber warum ist das so? Ganz ehrlich? Das wüsste ich auch gerne. Warum auch immer, wäre ich gerne Fan dieser Band. Denn insbesondere die Albencover der Truppe haben mich oft angesprochen. Aber jedes Mal, wenn ich erneut einen Versuch gestartet habe, um der Musik der Band näher zu kommen, scheitert der Versuch insofern, dass ich leicht enttäuscht feststellen muss, dass mich die Songs nicht mitnehmen. Und so ergeht es mir leider auch mit "Forever Black". Aus rein objektiver Sicht sind die Songs wirklich sehr gut und die Lobeshymnen der Kollegen sind sicherlich nicht zu Unrecht. Aber bei der Bewertung von Musik spielt in meinen Augen auch immer die subjektive Sicht, also die Frage, was die Songs mit einem machen, eine Rolle. Und hier fehlt mir auch bei "Forever Black" wieder dieser letzte kleine Funke, der mich endgültig überzeugt und mich mitreißt. Ich höre mir die Songs an und weiß, dass sie gut sind. Aber dieser letzte Schritt zum mit der Musik mitgehen und sich mitreißen lassen fehlt. Aber dennoch ist "Forever Black" das beste Album, das ich bislang von CIRITH UNGOL gehört habe. Denn so nahe dran am "Abgehen" war ich bei der Band bislang noch nie, was u.a. an der fantastischen Produktion liegt. Da mir aber der letzte Kick zum dauerhaften Auflegen fehlt, kann ich entsprechend unserer Notenskala nicht über eine 7,5 als Note gehen. Auch wenn ich dadurch wieder zum "Buhmann" werde.

Note: 7,5/10
[Mario Dahl]

Im Grunde spricht Jhonny das aus, was auch ich denke. Dieses kaum mehr erwartete Comeback-Album ist wahnsinnig gut, für 10 Punkte reicht es mir aber ebenfalls nicht. Rüdiger hat das Paradoxon ja sehr treffend in seiner Rezension beschrieben: Jeder erwartet ein bisschen was anderes von der Band, und obwohl dieses Album wirklich eine punktgenaue Mischung aus allen bisherigen Alben ist, ist es eben keines komplett. Rein musikalisch - also vor allem die Gitarren - ist es aus meiner Sicht wohl das beste Album der Band. Aber die Melodien haben mich früher mehr gepackt, etwa bei 'Death Of The Sun'. Oder die unverschämt kauzige Poppigkeit des Debüts: Die Anspielungen darauf kommen sehr gut, 'The Frost Monstreme' und 'The Fire Divine' machen großen Spaß! Aber Hits wie 'Frost And Fire' oder 'I'm Alive' sind das halt nicht. Auch die monumentale Epik ist nicht in Gänze vorhanden, ein oder zwei Stücke dürften gern etwas länger sein. Der Klang ist indes richtig gelungen, Tims kaum gealterte Stimme wurde ja auch schon zur Genüge lobend erwähnt. Dazu muss man sagen: CIRITH UNGOL wächst mit der Zeit, allein für das Debüt habe ich mehrere Jahre benötigt. Womöglich sehe ich "Forever Black" in einigen Jahren noch positiver. Für den Moment halte ich es für ein sehr gutes Album, dem das ein oder andere fehlt, um makellos zu sein.

Note: 9,0/10
[Jakob Schnapp]

Oh, ich bin erstens zu spät, denn in unserer Therapieversammlung warten schon die anderen, tippen ungeduldig mit den Stahlkappen und grimmen in den Kreis, in dem wir zusammensitzen, um uns über diese Band zu unterhalten. Ich bin zu spät, habe ein schlechtes Gewissen. War viel los, diese Woche. Jetzt höre ich dieses Album zum sechsten Mal. Ich schwöre. Ich wollte das auch so. In Gänze hören. Zauber. Dieses Phänomen. CIRITH UNGOL. Verstehen. Ich bemerke aktuell in der Redaktion viel Demut, viel Spannung und Freude. Ein Überalbum scheint erschienen zu sein. Und irgendwo und überall im Therapieraum ist er da, ist präsent, der hochgeschätzte Rüdiger, der so euphorisch, verliebt und erwartungsvoll und nun so zufrieden ist. Ein wirklicher CU-Enthusiast. Seine Liebe hat sich auf diese Band gelegt. Und ich kann mir das auch sehr gut vorstellen und habe das selbst mit diesen "meinen" Ensembles erlebt, an denen jedwede Kritik abperlt, denen ich Rosen streue oder auch Reis oder egal, was die wollen. Hauptsache neues Material. Und Erinnerungen. Oder Erinnerungen.

Sechs Mal gehört. Gleich ist noch mal angesagt. Aber der Zauber kommt nicht an. Bei mir. Das wird sich auch beim achten und neunten Mal nicht ändern. Ich glaube, Jakob hat gesagt, zu diesem einen Punkt zur Zehn braucht er noch ein paar Durchläufe. Alter, was für ein hohes Niveau. Das Schöne ist - und glauben Sie mir, bei uns in der Redaktion fliegen in regelmäßigen Abständen und laufend die Fetzen - dass ich mir sicher sein kann, wenn ich eine Euphorie nicht teilen kann, auch wenn der Soundchecksieger da drohend vor mir thront, dann werde ich nicht enterbt. Oder zur Konkurrenzseite weggelobt. Nein. Oder verdammt. Oder doch? Muss mir egal sein. Ist es auch. Ich darf hier öffentlich sagen: Ich komme mit dem Gesang nicht klar, er scheint mich die gesamte Hörzeit über zu kneifen. Ich vermisse Überraschungen, eine Stänkerei, einen Stilbruch. Ich mag die erzählende Gitarre sehr, ich finde den Sound und auch das Einzigartige verdient erobert und gut und durchdacht und besetzt. Aber wir werden nicht zusammenwohnen, dauerhaft, CIRITH UNGOL und ich. Die Liebe dafür ist schon vergeben, ich verbeuge mich, ohne mich mit der Leistung, dem Einfluss, der Einzigartigkeit sehr eingehend beschäftigt zu haben. Ich habe es einfach sieben Mal auf mich wirken lassen. Und das bleibt stehen.

Note: 5,0/10
[Mathias Freiesleben]

Redakteur:
Nils Macher

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