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Gruppentherapie: CRIPPLED BLACK PHOENIX - "White Light Generator"

06.04.2014 | 10:50

Von langatmig und spannungsarm bis hin zu "große Klasse" und "tolles Album" reichen die Einschätzungen der Redakteure im März-Soundcheck. Ähnlich vielfältig und differenziert wird "White Light Generator" auch in der Gruppentherapie charakterisiert. Auch wenn dies natürlich die eigene Meinungsbildung nicht ersetzt, versuchen wir nun also etwas Licht ins Dunkel zu bringen.

Ich bin gerade recht unentschieden. Das Album, die schön arrangierte Musik des Kollegiums läuft gerade über den Hörer. Bin gerade bei 'Northern Comfort' angelangt, habe mich gerade über das sehr präsente Piano in den vorherigen Stücken aufgeregt, aber hier passt es sehr gut hinein. Vorhin hatte ich auch schon einen Langeweile-Anfall. Haha, das ist ja paradox. Aber das Stück überzeugt mich. Sehr sogar. Ich merke schon, das ist so eine Stimmungsplatte. Mal wird sie passen, mal werd' ich sie hassen. Dass hier noch die vielgereiste Vokalistin Miriam Wolf einen irgendwie ethnologisch korrekten Jodelabschluss mit einbringt - geschenkt. Mit 'Wake Me Up When It's Time To Sleep' erreicht uns wieder ein sehr getragenes, wallendes Stück. Nun kippt die Stimmung meinerseits in feste Zustimmung. Nachher, nein morgen dann mit Zeitabstand noch mal die ersten Stücke hören. Oder war ich abgelenkt vorhin? Kann auch sein. Wer sich Zeit nimmt - und die braucht, wer hinter diese Dusterballaden sehen und steigen will - der wird eingefangen werden von diesen Morbiditäten, die Wert auf uneingeschränkte Aufmerksamkeit und keinen Wert auf Flüchtigkeit legen. "Shuffle". Nachhören, ob da ein gewisses Konzept dahinter steckt. 'We Remember You' erwischt. Doch hängengeblieben. Erinnert mich verstärkt an Platten von ANATHEMA, PORCUPINE TREE oder alles andere von Mister Wilson. Genug von der Namensschau. Eigenartig fesselnde Musik. Ohne Aufregung und doch Erregung stiftend.

Note: 7,5/10

[Mathias Freiesleben]

 

In einer Hinsicht geht es mir wie Mathias: Recht unentschieden. Ein seltsames Album ist "White Light Generator" geworden. CRIPPLED BLACK PHOENIX mischt darauf die Farben zu einem nicht immer gleißenden Weiß. Vom leicht ELVIS PRESLEY-mäßigen, romantischen Opener sollte man sich nicht trügen lassen. In einigen Passagen ist das Album nämlich das härteste des Kollektivs bis dato. Ich kann mir nicht helfen, noch immer ist mein empfundenes Kernstück der jüngsten CBP-LP 'Let's Have An Apocalypse Now!'; das klingt so majestätisch, düster, mächtig, dass alles Vorangegangene daneben wie Vorgeplänkel wirkt. Grandios! Der Titelsong dann kommt fast schon als Stadionrock daher, spacig-psychedelisch-großspurig, wie ich mir das von MONSTER MAGNETs "Lost Patrol" gewünscht hätte, aber nicht bekam. Ansonsten wird hier immer wieder gewohnt hypnotische Musik geboten (etwa bei 'NO! Pt. 1' und dem unerhört grungigen 'Parasites' - letzteres hat's in sich!); wird sich episch vor der post-rockenden GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR-Schule (und zugleich auch vor PINK FLOYD) verneigt ('Wake Me Up When It's Time To Sleep'), wie man das vom schwarzen Krüppelaschevogel ja durchaus gewohnt ist; gibt es zwischen all dem Dräuenden mit 'You Will Be Murdered' auch wieder elegische Musik zu hören; bietet man noch mehr Floydiges mit 'NO! Pt. 2' - und 'We Remember You', bevor das Stück ins Bombastische abdriftet; und zum Abschluss krönt das Album mit 'A Brighter Tomorrow' ein Stück, das so ähnlich auch das tolle Debütwerk "A Love Of Shared Disasters" hätte zieren können. Allein: Seltsam zerfächert wirkt "White Light Generator" zwischen all diesen Facetten dennoch auf mich. Der gemeinsame rote Faden will sich mir nicht so recht erschließen. Als zweites Kernstück nach 'Let's Have An Apocalypse Now!' offenbart sich mit 'Northern Comfort' aber ein progressives Wunderwerk, das wohl keine andere Band so hinbekommen hätte. Chapeau! Unter'm Strich bleiben zwei tolle Hits, einige gute und keine wirklich zu beanstandenden Songs, aber auch einiges an Verwirrung und Ratlosigkeit angesichts der in dieser Form vorgenommenen Zusammenstellung.

Note: 8,0/10
[Eike Schmitz]

Einige der härtesten Passagen bis dato? Ja, vielleicht, aber sicherlich nicht so vordergründig, dass man von einem harten Album, auch nicht für CBP-Verhältnisse, sprechen müsste. Im Gegenteil, die Songs sind viel flächiger, harmonischer und PINK FLOYDiger (vor allem 'NO Pt. 2') als auf der "(Mankind) The Crafty Ape". Ich muss wirklich häufig an die "Division Bell" denken, ein Album, bei dem Gilmour und Co. alles Sperrige, Vertrackte über Bord geworfen haben. Ein ähnliches Gefühl habe ich hier, auch wenn Sperrigkeit sicherlich nicht das passende Attribut für CRIPPLED BLACK PHOENIX-Alben ist. Sagen wir so: Der vielschichtige Vorgänger hatte zumindest einen "experimentelleren" Charakter und dieser wurde von der Band ungemein spannend umgesetzt. Auf der aktuellen Scheibe verfügen nur 'Let's Have An Apocalypse Now!' und 'Black Light Generator' über etwas mehr Gitarrenkante - insgesamt geht das von der Atmosphäre her vor allem im zweiten Teil der Scheibe eher in Richtung Post Rock (u.a. 'We Remember You') oder - auch den Vergleich finde ich treffend - neuere ANATHEMA (z.B. 'Wake Me Up When It's Time To Sleep). Man verstehe mich nicht falsch, die Melodien sind großartig und fast alle Songs sehr eindrücklich. Da kommen viele ähnlich ausgerichtete Bands nicht mal ansatzweise ran. Zudem wirkt das Album sehr homogen, sodass ich es schon für in sich schlüssig halte und nichts Verwirrendes erkennen kann. Es ist halt ein etwas anderer Ansatz als auf dem Vorgänger, der aber trotz des geringeren "Überraschungseffekts" durch die Bank weg gut umgesetzt wurde. Einen Ausnahmesong wie 'The Heart Of Every Country' oder auch 'Rise Up And Fight' von der "200 Tons Of Bad Luck" hat diese Scheibe jedoch nicht zu bieten. Das soll jetzt jedoch nicht als Meckern auf hohem Niveau rüberkommen, denn man kann sich wunderbar in "White Light Generator" vertiefen und da jeder Song einen unverwechselbaren eigenen Charakter hat, wächst das Album eher noch, als dass sich Abnutzungserscheinungen einstellen würden.

Note: 9,0/10
[Stephan Voigtländer]

Abnutzungserscheinungen weist "White Light Generator" in der Tat nicht auf. Das Problem ist nur: Es wächst auch nicht wirklich. Ich habe für den Soundcheck nach relativ wenigen Umdrehungen eine Note geben müssen, bei der ich schon Angst hatte, nach einem halben Dutzend weiterer Durchläufe nicht mehr zu ihr stehen zu können. Für diese Gruppentherapie hörte ich das Album dann nochmal. Und nochmal. Und nochmal. Weil es mir so gut gefällt? Leider nein. Mir fällt schlichtweg kaum etwas dazu ein. Kaum sind die letzten Töne von 'A Brighter Tomorrow' verklungen, fragt man sich, was genau jetzt nochmal in den letzten 70 Minuten gewesen ist. CRIPPLED BLACK PHOENIX hat hier ein Album komponiert, das mir - und da muss ich Eike beipflichten - wie eine wilde Sammlung vorkommt. Ich könnte jetzt hier ebenfalls mit Referenzen um mich werfen und etwas von SÓLSTAFIR auf "Svartir Sandar" über 08/15-Post-Rock bis hin zu neuerem Artrock und ein wenig Gedudel sowie Gesäusel erzählen, aber stattdessen fallen mir nur pseudo-poetische Metaphern ein: "White Light Generator" ist wie eine alte Fotokiste aus Kindertagen, dessen Bilder durcheinandergeraten sind. Das klingt jetzt so, als würde unbeschreiblich viel passieren, aber dem ist nicht so. Es verhält sich eher wie mit vorbeiziehenden Wolken: Mal sind wenige da, mal viele, hin und wieder auch gar keine; manche sind dunkel, die meisten weiß; das eine Mal zeugt der Blick gen Himmel vom puren Genießen des Moments, das andere Mal von der Tatsache, dass man gerade nichts Besseres zu tun hat. Wer mit diesen blumigen Umschreibungen nun nichts anfangen kann, der weiß ungefähr, wie es um mein Verhältnis zu "White Light Generator" steht, das ich nun mit einer Note im undefinierbaren Mittelfeld bewerte(n muss). Erschreckend ambivalent, ohne wirklich etwas auszulösen. Schon komisch, diese CRIPPLED BLACK PHOENIX.

Note: 6,5/10

[Oliver Paßgang]


Mehr zu diesem Artikel:
Soundcheck 03/2014
Review von Thomas Becker

Redakteur:
Stephan Voigtländer

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