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Gruppentherapie: DARK QUARTERER - "Pompei"

04.01.2021 | 20:01

Nochmal ein Album für die Jahresliste 2020?

DARK QUARTERER ist ein weiteres Beispiel für eine Band, die wohl auf ewig Kennern und Liebhabern vorbehalten sein wird. Doch nun haben die Italiener den November-Soundcheck gewonnen und dabei eine breite Streuung an Geschmäckern überzeugt. Wir fragen unsere Therapeuten, wie viel Potential "Pompei" denn mitbringt.

Dass der Herr Kollege Päbst den von ihm sehr verehrten italienischen Epikern in seiner Einzelrezension eine glatte Zehn verpasst hat und bei deren siebtem Studioalbum "Pompei" von einem Meisterwerk spricht, ist zwar nicht gänzlich überraschend, doch handelt es sich dabei keineswegs um eine Einzelmeinung. Denn so wenig kommerziellen Erfolg und mediale Beachtung DARK QUARTERER über weite Strecken der gut 45-jährigen Bandkarriere erfahren hat, so viel Eindruck hinterlässt die Band inzwischen in unserem Hause. War das Vorgängerwerk "Ithaca" bereits auf dem Stockerl unseres Soundchecks ins Ziel gekommen, da setzt die neue Langrille dem noch eins drauf und streicht den Monatssieg ein, und das völlig zurecht, weil die Band einerseits sicherlich zu den originellsten Vertretern des so progressiven wie epischen Heavy Metals gehört, die sich stilistisch und atmosphärisch stets einzigartig und unverkennbar präsentiert, und andererseits, weil in ihr perfekt arrangiertes und ausgearbeitetes neues Werk so viel hörbare Liebe zu Detail und Facettenreichtum geflossen ist, dass der Hörer auch beim zigsten Durchlauf noch viele neue Glanzpunkte erheischen kann. Wie auch Raphael treffend erwähnt hat, gelingt den Italienern um Bandgründer, Bassist und Ausnahmesänger Gianni Nepi eine perfekte Synthese aus epischem Heavy Metal und so verspieltem wie progressivem Hardrock der 1970er. Die sechs Epen, welche die tragische Geschichte von "Pompei" nacherzählen, haben allesamt Spielzeiten von gut sechs bis knapp zehn Minuten, und wer, wenn nicht DARK QUARTERER, weiß solch ausladende Kompositionen so überzeugend mit Anmut, Spielfreude, wunderbaren Soli aller vier Instrumentalisten und Tiefgang im Songwriting zu füllen? Ganz gleich ob es Keyboarder Francesco Longhi ist, der das Piano neoklassisch singen lässt wie ein David DeFeis oder sein Keyboard mit magisch-epischen Siebziger-Vibes wabern lässt wie dereinst die Herren Lord und Hensley, oder ob Francesco Sozzi seine flammenden Gitarrenleads gen Himmel streben lässt, hier verbinden alle Musiker extrovertierte instrumentale Virtuosität mit songdienlicher Prägnanz; auch Drummer Paolo Ninci gelingt dies vortrefflich, denn durch die ausgeprägte Dynamik seines Spiels und seine gefühlvollen Fills setzt auch das Schlagwerk markante Akzente. Würde ich nun sagen, dass über dem allem noch Gianni Nepi thront, so wäre dies zwar nicht verkehrt, doch es würde der Tatsache nicht gerecht, dass es sich bei DARK QUARTERER um eine wunderbar harmonierende Einheit handelt, die hier ein homogen und schlüssig aus den Boxen fließendes Gesamtkunstwerk geschaffen hat. Gleichwohl, Nepi wäre nicht Nepi, wenn er nicht sowohl im Bassspiel als auch im Gesang ganz hervorragende Alleinstellungsmerkmale ins Bandgefüge miteinbrächte, für welche man DARK QUARTERER an sich nur lieben kann. Gianni ist der große Storyteller, der jede Zeile seiner Lyrik lebt, und zugleich der große Dirigent eines ganz besonders virtuosen Orchesters, das die Geschichte um "Pompei" so eindringlich zum Leben erweckt, wie es eines großen Monumentalfilms aus den 1950ern würdig wäre. Damit ist das neue Werk von DARK QUARTERER ein heißer Anwärter auf die bald anstehenden Jahresbestenlisten, und soll euch ganz dringend ans Herz gelegt werden, zumal die sympathische Band jede Unterstützung sicherlich sehr gut gebrauchen kann: Also, zögert nicht und holt euch "Pompei"

Note: 9/10 Punkte
[Rüdiger Stehle]

Also, holen will ich "Pompei" von DARK QUARTERER natürlich. Und zwar nicht erst, weil Rüdiger es einfordert, sondern weil alles, was ich von der Band bisher kenne wirklich besonders und völlig eigenständig ist. Mit dem neuen Album gibt es die logische Fortsetzung von "Ithaca", und damit meine ich nicht "Ithaca 2.0", sondern eine sinnvolle Weiterentwicklung des Sounds. Der Gesang ist aus meiner Sicht etwas abgefahrener als auf dem Vorgänger. Von der Schublade Epic Metal haben sich die Italiener weitestgehend verabschiedet. Es gibt komplexe Prog-Sounds, die durchaus auch an eine Truppe wie LEVIATHAN (die Ami-Proggis) erinnern; dabei ist "Pompei" zwar nicht ganz so modern, aber dem engen traditionsmetallischen Konzept ist man allein schon durch das stark von den Neunziger- und Nuller-Jahren inspirierte Riffing entwachsen. Die Keyboard-Einsätze erinnern dagegen nicht nur an klassische Neoprog-Acts, sondern auch an große Hard-Rock-Heroen der Siebziger. Doch dieser stilistisch hochinteressante Cocktail wäre wertlos, würden die Songs nicht funktionieren. Ich muss zugeben: Für ein abschließendes Urteil zur Qualität der Songs kenne ich "Pompei" leider noch nicht gut genug. Für frühlauschende Ohren ist das Material aber durch die Bank überzeugend. Ist es so gut wie die feine "Ithaca"? Das ist wohl noch offen und wird die Zeit zeigen. Klar ist aber: Das Material ist wieder faszinierend und kann sich auch in die Gehörgängen festsetzen. Somit schließe ich mich der Verpflichtungsempfehlung des Kollegen Stehle gerne an.

Note: 8/10 Punkte
[Jonathan Walzer]

Ein Mysterium. Ich will das Album mögen, weil einfach alles dafür spricht. Menschen mit vorzüglichem Musikgeschmack feiern es hemmungslos ab, die Thematik ist erfrischend und spannend und eigentlich ist das nun einmal genau die Art von Metal, der ich unheimlich viel abgewinnen kann. Mir kommen diesbezüglich vor allem Parallelen zu ADRAMELCH-Sternstunden in den Sinn. Es könnte also alles so einfach sein. Ist es aber nicht. Denn nach drei durchaus intensiven Hördurchgängen ist da immer noch kein Funke übergesprungen. Die Prog-Fans unter euch nicken jetzt wissend mit dem Kopf und haben damit klar den Grund für meine augenscheinlich falsche Meinung (hehehe) gefunden. So ein Meisterwerk muss man für eine objektive Beurteilung nicht weniger als einhundertfünfzehnmal durchzelebrieren! Ja, mag sein. Aber "Pompei" ist mindestens zur Hälfte auch Epic Metal und das muss schneller zünden. Dafür wird mir allerdings zu oft musikalisch vor den Kopf gestoßen. Dabei kann ich der Einschätzung Rüdigers fast vollständig zustimmen. Beinahe alles, was er schreibt, sehe ich auch so. So etwa die Verweise zum Klaviereinsatz im Stile von VIRGIN STEELE. Allerdings: Das ist mir auch bei den New Yorkern oft zu progressiv. So ruft das jazzige Geklimpere auf 'Plinius The Elder' bei mir außer Respekt für die musikalische Klasse keinerlei Emotionen hervor. Ein weiteres Negativbeispiel ist 'Gladiator'. Zu überladen, zu hektisch, zu zerfahren. Das klingt nun alles sehr negativ. Warum dann doch die relativ hohe Punktzahl? Das liegt daran, dass ich überzeugt davon bin, dass es sich hier um ein wirklich starkes Album handelt. Insgeheim weiß ich nämlich, dass man hier mit viermal Hören nicht weiterkommt. Zu oft habe ich Alben zu schnell abgetan und später gemerkt, wie genial sie sind. Hier mag nicht alles perfekt sein, aber es gibt auf "Pompei" so viel Klasse, dass eine niedrigere Bewertung ganz einfach falsch wäre.

Note: 8/10 Punkte
[Jakob Schnapp]

Die Kollegen Päbst und Stehle loben die Band in die Höhe und die Herren Walzer und Schnapp versuchen hier aufzuschließen, schaffen es aber noch nicht ganz. Daraus schließen wir, dass "Pompei" wohl ein Album mit viel Potential ist, dem man allerdings schon ein wenig Aufmerksamkeit widmen muß. Dem kann ich nach zwei Schnelldurchgängen nur zustimmen. Ein kleiner Stolperstein hierbei könnte immer noch der Gesang von Gianni Nepi sein, über den ich mich bei der Gruppentherapie zum Vorgänger "Ithaca" ein wenig mokiert habe. Klar, Herr Nepi versucht sich trotz hohen Alters immer noch an hohen Tönen, eventuelle Schwächen fallen mir aber diesmal nicht auf, so daß diesmal auch für mich der Weg frei sein dürfte, tiefer in die interessante Story einzusteigen. Zumal ich momentan meine Zeit in Kroatien verbringe, wo viele Bewohner in Angst und Schrecken sind ob der jüngsten Erdbeben. Vielleicht fänden sie ja ein wenig Trost, wenn sie dieser Musik lauschen würden, die sich - wie Raphael bereits erklärte - mit dem Ausbruch des Vesuv vor gut 2000 Jahren beschäftigt. Ich jedenfalls fühle mich zunehmend angezogen von den überlangen Kompositionen, die zwischen Tragik und Hoffnung pendeln, und für die sich ausgerechnet der von mir so gescholtene Gesang als wichtiger Botschafter entpuppt. Nach den letzten Ausklängen des letztens Songs ('Forever') ist nun der Drang groß, einfach nochmal von vorne zu beginnen. Am besten mit Kopfhörer.

Note: 8,5/10 Punkte
[Thomas Becker]

Redakteur:
Thomas Becker

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