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Gruppentherapie: JUDAS PRIEST - "Redeemer Of Souls"

13.08.2014 | 00:41

Sechs lange Jahre mussten wir auf das fünfzehnte Album der Legende um den Oberstahlgott persönlich warten, und nun liegt "Redeemer Of Souls" auf unserem Seziertisch, ohne auf ungeteilte Begeisterung zu stoßen. Wieso, weshalb, warum? Wer nicht liest bleibt dumm!

Ja, da liegt es nun auf unseren Schreibtischen, das gute Stück. Die beiden Kollegen Rapp und Schmitz haben sich quasi nach dem Motto eines Plus-Minus-Kritikdoppels ausführlich mit der Scheibe auseinander gesetzt, und die Herren kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Wo Eike die Scheibe bei aller Liebe zu hübsch lackiert findet, da geht Marcel auf Unkenjagd, sieht alle Abgesänge auf JUDAS PRIEST als verfrüht an und sieht sein langes Warten einem freudigen Ende weichend. Was die weiteren therapierten und therapierenden Kollegen so zu sagen haben, findet sich in den folgenden Zeilen, doch, so viel sei vorweg genommen, auch hier findet sich weitgehend wohlwollende Anerkennung und nur wenig echte Euphorie.


"What goes around, comes around" - dieses Sprichwort scheinen sich die Herren Halford, Tipton und Kollegen zu Herzen genommen zu haben. Denn nur so lässt es sich erklären, dass 'Sword Of Damocles' gitarrentechnisch stark nach Deutschlands vorderstem Verfechter von "Don't ask, don't tell" im Bereich elektronischer Schlagwerker klingt. Dieser hatte bekanntlich seine Band RUNNING WILD dereinst nach einem Lied der Priester benannt, weshalb sich hier ein Kreis schließt. Ansonsten gibt's viel Neues und viel Altes auf "Redeemer Of Souls" zu bewundern und zu beklagen. Machen wir es kurz: Der Sound ist kein Meisterstück und teilweise ziemlich dumpf geraten, die Lieder reichen von ziemlich stark bis ziemlich schlecht und bei 13 bzw. 18 dieser Stücke wäre dieses Problem recht einfach zu lösen gewesen. Halfords Gesang ist natürlich nicht mehr so hoch wie früher, dafür hat der Gute aber in den letzten Jahren eine pathetische Theatralik entwickelt, die ihm sehr gut steht. Und so bleibt noch die Gesamtabrechnung: 'Halls Of Valhalla', 'Sword Of Damocles', 'Down In Flames' und 'Battle Cry' sind tolle Stücke, die auf jedem Album der Band ihre Position behaupten könnten, 'Cold Blooded', 'Secrets Of The Dead' und die völlig belanglose Ballade 'Beginning Of The End' sind hingegen völlig überflüssig. Somit ist "Redeemer Of Souls" kein Desaster und keine Offenbarung, sondern schlicht ein ordentliches Album einer legendären Band; nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Note: 7,5 / 10
[Raphael Päbst]


Ein bisschen Angst hatte ich vor "Redeemer Of Souls" ja schon, doch nach einer Woche Dauerrotation bin ich mit leichten Abstrichen doch über weite Strecken erleichtert. Sicher, der Sound gewinnt keinen Produktionspreis und andere altgediente Bands haben sich da zuletzt eher mit Ruhm bekleckert. Dennoch vermiest der Klang mir keineswegs den Spaß an den eigentlichen Songs. Vielleicht bin ich von MANOWAR in der jüngeren Vergangenheit aber auch einfach nur wirksam desensibilisiert worden. Was gibt es aber über die Songs an sich zu sagen? Möglicherweise liegt es an Richie Faulkners Einfluss aufs Songwriting, der beim Ausfüllen von K.K. Downings Fußstapfen sich nahtlos ins Bandgefüge einreiht, anstatt einen Kontrast zu Glenn Tiptons Spiel zu bilden, sodass die zweistimmigen Gitarrenduelle unauffälliger daherkommen als in der Vergangenheit. Das rückt "Redeemer of Souls" nahe an Halfords letztes Soloalbum "Made Of Metal" und begeistert mich aus den gleichen Gründen. Halford hat die unscheinbaren, aber hartnäckigen Widerhakenmelodien auch weitestgehend ohne seine einst charakteristische Kopfstimme perfekt drauf und klingt gerade in den Mitten unglaublich souverän und charakterstark. Vermutlich hätte ich auch einen Ohrwurm, wenn er mir das örtliche Telefonbuch vorsingen würde. Ein schneller Song wie 'Metalizer' passt zwar stilistisch durchaus auf "Painkiller", kommt aber nicht mit der gleichen Vehemenz aus den Boxen. Genauso ist das Bluesfeeling in 'Crossfire' ein anderes als das auf den 70er-Klassikern. Hat man es deshalb dann nicht mehr drauf? Doch, denn "Redeemer Of Souls" ist eine stilistische Rundreise durch die meisten Stationen der Entwicklung des PRIEST-Sounds, doch diese Stationen liegen mittlerweile zu weit zurück, um sie originalgetreu und ohne Abstriche zu reproduzieren. Dennoch ist das Songwriting alles in allem mit seinen erwähnten Widerhakenmelodien so etwas wie das kleine Einmaleins des traditonellen Metals. Natürlich hätte man die Deluxe-Edition mit ihren 18 Songs zwecks der Kompaktheit durchaus auf die Highlights, unter denen mit Sicherheit 'Halls Of Valhalla', 'Battle Cry' , 'Dragonaut' und 'Down In Flames' zu finden wären, zusammenschrumpfen können, allerdings fühle ich mich beim Hören nie bemüßigt die Skiptaste zu betätigen, sondern freue mich darüber wie viele solide bis sehr gute Songideen noch in der Band stecken. Das ist sehr viel mehr als ich im Vorfeld erwartet habe. In diesem Sinne: The Priest is back - Hail to the Metal Gods!

Note: 8,5 / 10
[Arne Boewig]


So recht will ich mich nicht zu einer Entscheidung über "Redeemer Of Souls" durchringen. Erschlagen von der Masse eines Albums mit Überlänge - was selten ein Bonuspunkt für diese Art Metal ist - sitzt man da und versucht zu sortieren, wieviel nun wirklich gelungen oder sogar sehr gut war und sich dabei nicht zu negativ von dem sonstigen Mittelmaß beeinflussen zu lassen. Denn schlecht ist das Album keineswegs, hätten wir da doch zum Beispiel den Opener, der ein perfekter PRIEST-Song mit teutonischem Anstrich ist. Gleiches gilt für das Titelstück, welches noch eine gelungene Selbstkopie darstellt. 'Halls Of Valhalla' ist eigentlich auch cool, zumal Robs Schreie lustigerweise an einen gewissen Udo erinnern, aufgrund der rhythmischen Ähnlichkeit zum Vorgänger aber etwas ungeschickt platziert. Das folkloristische 'Sword Of Damocles' wird zum leichten Durchhänger, denkt man daran, was BLIND GUARDIAN aus dem Material gebastelt hätte. Naja, und danach? Um nicht alle 17 Stücke einzeln zu kommentieren: nach dem recht flotten Anfang, fängt das Album an, etwas vor sich hin zu plätschern, mal besser oder sogar sehr gut ('Battle Cry'), mal eher langweilig und belanglos ('Cold Blooded'). Zwischendrin beweist der Metal God auch mal, dass er so singen kann, dass er mir nur noch auf die Nerven geht (!), nachzuhören in 'March Of The Damned' oder dem 'Metalizer' (welcher an sich auch eine einzige kompositorische Schwachstelle ist), wobei zu sagen ist, dass er seine sonstige Arbeit angesichts seines Alters tadellos versieht. Eine andere Schwachstelle ist unter Umständen auch der Sound. Wie der bei einem ankommt hängt auch von der eigenen Anlage ab - in diesem Falle werden sich Hörer mit Bassbox nicht freuen. Was bleibt, ist ein gutes Album mit Überlänge (vorausgesetzt, man hat alle Bonustracks), welches gerne um fünf, sechs überflüssige Songs hätte erleichtert werden können. Ein gutes Album einer legendären Band, die hiernach vielleicht einen würdigen Abschied nehmen könnte.

Note: 7 / 10
[Christian Schwarzer]


Als jemand, der JUDAS PRIEST seit bald einem Vierteljahrhundert zu seinen ewigen Favoriten zählt, erwarte ich nach sechs Jahren Wartezeit an sich nicht mehr und nicht weniger als ein Album, das mir direkt den Schädel spaltet und mich glückselig durch mein Wohnzimmer hüpfen lässt, so wie das bizarrer Weise unlängst MANOWAR mit "The Lord Of Steel" einmal mehr gelang, und dem Priester höchstselbst zuletzt mit "Angel Of Retribution". Wenn sich dieses Gefühl auch nach knapp einem Monat nach Veröffentlichung noch nicht eingestellt hat, dann fällt es mir schwer nicht doch zu einem gewissen Grad von einer Enttäuschung zu sprechen. Das liegt zum einen daran, dass sich unter die 18 Songs der limitierten Auflage doch einige Songs geschlichen haben, die auf eine etwas ernüchternde Weise müde wirken, wie zum Beispiel 'March Of The Damned'. Da hat Christian absolut recht, wenn er sich durch Halfords Gesang auf diesem Track genervt fühlt, denn das ist von Rob ähnlich lustlos intoniert wie weite Teile der letzten MAIDEN-Scheibe von Herrn Dickinson. Dass es auch anders geht, das beweist der Metal God aber an zahlreichen Stellen, an welchen er in seiner inzwischen etablierten mittleren Tonlage wirklich auf ganzer Linie glänzt und mit viel Seele und Tiefgang singt. Dafür sind gleich das folgende 'Down In Flames', oder auch der tolle Opener, das hervorragende Titelstück oder die richtig geniale Ballade 'Never Forget' die perfekten Beispiele. Je öfters ich mir die Scheibe anhöre, desto mehr Songs fangen an zu zünden, und inzwischen fühlt sich das Album doch insgesamt recht cool an. War ich nach zwei bis drei Durchläufen noch böse ernüchtert und versucht, eine unbefriedigende Note zu zücken, so habe ich inzwischen durchaus Zugang zu den meisten Stücken gefunden. Das mögt ihr nun als Schönhören eines Fans abtun, doch mal ehrlich: Wer gibt seinen Favoriten nicht genügend Zeit zum Wachsen? Eben! So oder so: "Redeemer Of Souls" ist nicht der erwartete Volltreffer, den ich mir erhofft hatte, denn dazu findet sich darauf etwas zu viel Füllmaterial; aber mit "Nostradamus" kann die Scheibe in jedem Fall mithalten, und - wenn wir mal von der speziellen Comeback-Freude und den drei bis vier Überfliegern absieht, die sich auf "Angel Of Retribution" fanden, dann fällt "Redeemer" auch kaum gegenüber diesem Werk ab. Damit bleibt unterm Strich eine mehr als solide Leistung, die mit etwas mehr qualitativer Konstanz im Songwriting und einem etwas knusprigeren Sound richtig gut hätte werden können. Daher hoffe ich tatsächlich, dass dies kein würdiger Abschied wird, sondern dass durchaus noch etwas mehr nachkommen darf, auch wenn ich eine kleine Enttäuschung nicht verbergen kann und nicht verbergen will.

Note: 7,5 / 10
[Rüdiger Stehle]


Eigentlich hatte ich mich ja darauf gefreut etwas über "Redeemer Of Souls" zu schreiben. Eine lebende Legende bekommt man ja nicht alle Tage auf den Seziertisch. Von dieser Freude ist inzwischen aber kaum etwas übrig geblieben, denn das neue JUDAS PRIEST-Album lässt mich so was von kalt, dass ich beinahe schon über mich selbst erschrecke. Jeder Text, den ich bisher angefangen habe, endete irgendwann bei meinen offenbar über die Jahre veränderten Hörgewohnheiten und meiner Übersättigung und Unlust im Bezug auf klassischen Heavy Metal ohne Schnörkel und Budenzauber. Ich traue mich kaum zu schreiben, dass ich da schon lieber irgendwelchen südeuropäischen Keyboard-Speed-Kitsch anhöre; der befriedigt wenigstens meine niederen geschmacklichen Instinkte und unterhält mich zumindest ein wenig. Natürlich beherrschen die Priester auch anno 2014 das kanonische Metal-ABC nach Belieben. Aber "Redeemer Of Souls" bricht nicht für eine Sekunde, nicht für einen Takt aus seinem bieder-konventionellen Klangkorsett aus. Ich spüre da kein Leben, kein Feuer, keine Begeisterung - Song für Song wird so routiniert und berechenbar abgespult wie bei einer Senioren-Tanztee-Kapelle. Es mag ja sein, dass JUDAS PRIEST der "größte" Name in der Liste der Neuerscheinungen dieses Jahres ist und es sich bei "Redeemer Of Souls" nach formal-medialen Kriterien um des "wichtigste" Metal-Album des Jahres handelt. Wenn das hier allesdings tatsächlich und wahrhaftig das wichtigste und größte Ereignis des Metal-Jahres 2014 sein sollte, dann ist der (klassische) Heavy Metal dem Tod aus meiner Sicht dieses Mal näher als in jeder vorherigen Diskussionsschleife über seinen Gesundheitszustand. Zum Glück gibt es ja noch genug junge frische Bands da draußen, welche die Fahne hoch halten oder besser gesagt die Galeere neu beflaggen und dem traditionellen Sound eine ordentliche Frischzellenkur verpassen. Die finde ich persönlich sehr viel "wichtiger". Und weil der Heavy Metal ja inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, sehen wir PRIEST (natürlich ohne das böse JUDAS davor) dann bald im Vorprogramm von Helene Fischer...

5/10 Punkte
[Martin van der Laan]

Redakteur:
Rüdiger Stehle
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