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Gruppentherapie: LONG DISTANCE CALLING - "Long Distance Calling"

19.02.2011 | 09:53

Wirkliche Klasse setzt sich durch. Obwohl fast die gesamte Belegschaft Vocals vermisst, merkt doch jeder, dass der Instrumental Rock von LONG DISTANCE CALLING eine ganz besondere Qualität hat. Und die heißt nicht nur John Bush.

Angefixt durch das letzte Album "Avoid The Light", welches wohl das Instrumentalalbum ist, welches ich am häufigsten auflege, freue ich mich auf den selbst betitelten Nachfolger. Und dies nicht nur, weil der wohl (zweit)beste Sänger der wahren Stahles dieses Mal als Gastsänger zu hören ist. Um es für die gierigen ARMORED-SAINT-Jünger gleich vorweg zu nehmen: Ihr müsst diese Scheibe auch kaufen, denn 'Middleville', der von John Bush eingesungene Riffbatzen, ist ein absoluter Koloss, in welchem sich die Lungenflügel von John so richtig austoben können. Das passt wie die berühmte Faust auf das noch berühmtere Auge. Aber auch, oder wohl eher sogar, die anderen Kompositionen, faszinieren durch einen unglaublichen Spielwitz, einen Fluss, der den Hörer mitreißt, ihn umhüllt und ihn einlullt. In eine farbenprächtige Musiklandschaft, in der mit satten Tönen unfassbar schöne Formen und Bilder gezeichnet werden. Wer jemals den Robin-Williams-Film "Hinter Dem Horizont" gesehen hat, wird mich verstehen. LONG DISTANCE CALLING sind schwelgerisch, ohne dabei pathetisch zu klingen. Wie kleine musikalische Tsunamis werden Gitarrenschichten mal aufeinander gelegt, mal scheinen sie wie kleine Springbrunnen aus dem letzten Ton der alten "Schicht" heraus zu spritzen. Und wenn in 'Timebends' dann auch noch der Spagat zwischen knarzigen Riffs und verträumten Tastenteppichen meisterlich gelingt und der Bassist wie ein Spreizfuss durchs Konstrukt tänzelt, dann lächelt meine Seele. Und ich mag es, wenn sie lächelt. Daher kann ich nur jedem Freund von innovativer Rockmusik dringend raten, diesem Album zumindest eine Chance zu geben. Eindrucksvoller, emotionaler und vielseitiger kann man solche Musik nicht darbieten. Und das aus dem Munde eines Vokalfetischisten.

Note: 8,5 /10
[Holger Andrae]

Ich tat mich ja schon mit "Avoid The Light" schwer, die bei mir lange Zeit sporadisch rotieren durfte, aber trotz der offensichtlichen Klasse nie zum ganz großen Kracher werden wollte. Genauso geht es mir auch mit dem aktuellen Werk der Deutschen. Der Grund dafür ist der Gesang, oder besser das Fehlen desselben. Ich brauche immer viel länger, um mir eine Instrumentalscheibe schön zu hören, und meist fehlt mir dennoch etwas. Auf dem neuen Album zeigen LONG DISTANCE CALLING aber, dass sie es könnten, wenn sie es den wollten. Der Song 'Middleville' mit John Bush am Mikro ist eine echte Granate und mein Favorit, aber trotzdem kann ich attestieren, dass selbst die anderen Songs - möglicherweise fahrlässig nicht mit Gesang ausgestattet, denn wer weiß, was das mit Vocals noch für Juwelen sein könnten -  mitreißend rockig, proggig und auf jeden Fall intensiv sind. Ja, im direkten Vergleich zieht der Vorgänger in der Tat den kürzeren, und das nicht nur wegen besagten Bush-Einsatzes. Mit den Songtitel tue ich mich schwer, aber Anspieltipps sind hier eh Quatsch. Wer solche Musik mag, wird sie wohl nirgends besser serviert bekommen als bei LONG DISTANCE CALLING. Ich werde wieder einige Zeit investieren müssen, um mich noch weiter reinzuhören, so dass meine Note in Zukunft eher noch zulegen könnte. Stark!

Note: 8,5/10
[Frank Jaeger]


Es bleibt dabei, mit instrumentaler Rockmusik habe ich ein ziemlich gravierendes Problem. Aber das habe ich euch im Detail ja schon in der Gruppentherapie zum Vorgängeralbum erzählt. Auch dieses Mal gefällt mir das alles sehr gut, was die Langstreckenrufer hier vom Stapel lassen. Das ist atmosphärisch überzeugend, musikalisch über jeden Zweifel erhaben und während es läuft, kann ich in dem Sound wirklich schön versinken. Aber es fehlt für mich der Langzeiteffekt, eine Erinnerung an das Gehörte prägt sich nicht ein. Wenn ich LONG DISTANCE CALLING richtig verstehe, dann sollen hier ja auch Geschichten erzählt werden. Doch Geschichten ohne Text kann ich nicht folgen. Das Sprachsample zu Beginn des ersten Stücks verheißt Großes: "Please tell me, why did you come to our planet? - Your planet? - This is our planet! - No, it is not!" ... Ja meine Güte, ich will doch wissen, wer hier mit wem spricht und um welchen Planeten warum gestritten wird. Das erfahre ich von stimmungsvoller und atmosphärischer instrumentaler Rockmusik leider nicht, sondern ich warte die ganze Zeit auf John Bush, dass der mir eine Geschichte erzählt. Daher hatte das Album im Soundcheck für mich auch den Arbeitstitel "Waiting For John Bush!". Andererseits gebe ich auch gerne zu, dass das Gebotene in Sachen Instrumentalrock doch zum Besten gehört, was ich kenne, weil LONG DISTANCE CALLING eben das Kunststück fertig bringen, auch aus Stücken ohne Sänger richtige Songs zu machen. Daher wecken sie trotz des Instrumentalistendaseins mein Interesse, und das ist mehr als man erwarten darf.

Note: 7,0/10
[Rüdiger Stehle]

Der tighte Opener 'Into The Black Wide Open' deutet schon eine erste, leichte Steigerung gegenüber dem Vorgängeralbum "Avoid The Light" an, doch was 'Arecibo (Long Distance Calling)' an eleganter und nicht minder wuchtiger Dynamik im subtilen Ton des Understatement abbrennt macht erst richtig nachdrücklich deutlich, dass sich die Instrumentalrocker von LONG DISTANCE CALLING nicht auf ihren Lorbeeren ausgeruht haben. Wie manche Kollegen da beim Hören auch nur einen einzigen Gedanken an vermeintlich fehlenden Gesang verschwenden können, statt einfach nur gebannt zu lauschen, ist mir schleierhaft. Auf mich wirkte vielmehr der im nächsten Stück einsetzende Gesang zunächst geradezu irritierend ablenkend, auch wenn John Bush sich hier schier die Seele aus dem Leib zu singen scheint und sein Organ dem Song letztlich doch gut zu Gesicht steht. Nun gut, mehrere Durchläufe brauchte auch "Avoid The Light", um schließlich glücklicherweise noch zu zünden. Nicht viel anders ergeht es mir nun mit "Long Distance Calling". Aber das Potential ist von vornherein da, die alchemische Ursuppe brodelt sich langsam aber sicher zum Garzustand vor, wirft mitunter gar latent psychedelische Blasen, die sogar das Etikett Postrock rechtfertigen. Doch dass es bei LONG DISTANCE CALLING weitaus konventioneller, durchstrukturierter, geradliniger zugeht als im Genre gemeinhin üblich, das gilt es auch diesmal zu konstatieren; erst im knapp zwölfminütigen, dabei jedoch deutlich kürzer wirkenden Ausklang 'Beyond The Void' kommen die typisch offen gehaltenen, filigran mäandernden Melodieläufe und zart stäubenden Drumpattern zur vollen Blüte, an denen sich Modernisten so gerne erfreuen, und damit hat sich LONG DISTANCE CALLING tatsächlich neues Terrain erschlossen, nur um in gekonnter Wende das Stück dann doch wieder mittels rockistischem Solieren in guter alter Tradition zu erden: Psych-/Prog-/Post-Rock traut vereint. Wer auch diesmal wieder den langen Atem mitbringt, sich an erst sorgsam aufzusuchenden Details zu erfreuen, wird mit LONG DISTANCE CALLINGs selbstbetitelten Album abermals für die zweifellos zu investierende Geduld entlohnt. Darum flugs hinter die Ohren schreiben: Wenn man erst einmal auf gleicher Wellenlänge liegt, funktioniert so ein Ferngespräch auch ohne viele Worte.

Note: 8,0/10
[Eike Schmitz]


Um ehrlich zu sein, scheiden sich bei mir in Punkto Instrumentalstücken oder gar -alben die Geister. Auf der einen Seite lege ich enorm großen Wert auf qualitativen und ausdrucksstarken Gesang, auf den anderen jedoch gibt es dutzende, starke Stücke, bei denen etwaige Vocals einfach fehl am Platz wären. Bei einer Gesamtspielzeit von knapp einer Stunde, wie beim selbstbetitelten Werk von LONG DISTANCE CALLING, wünsche ich mir trotzdem ab einer gewissen Zeit stimmliche Unterstützung. Zwar wird diese mit dem überaus geilen Ohrwurm 'Middleville' mit Hilfe des Goldkehlchens John Bush erreicht und muss man auch neidlos anerkennen, dass die Jungs ihr Handwerk von vorn bis hinten bestens beherrschen und in der Lage sind, erstklassige, atmosphärische und vielfältige Gassenhauer unter die Fangemeinde zu bringen, dennoch gibt es Passagen auf "Long Distance Calling", die mit herausragenden Vocals einfach mehr Pfiff und Energie bekommen hätten. Die Punktzahl tut mir zwar in der Seele weh, aber ich persönlich setze eben große Stücke auf Sangeskünste. Für jeden detailverliebten Instrumentenfanatiker sollte LONG DISTANCE CALLING jedoch zur Standardlektüre gehören.

Note: 7,0/10
[Marcel Rapp]


Eigentlich reagiere ich ja mit allergischem Kopfhautjucken, wenn mir jemand ein Album schmackhaft machen will, an dem das Etikett Post-Rock haftet. Aber für LONG DISTANCE CALLING ist diese Schublade eh viel zu klein. Der erste Eindruck dieses Werkes wird bestimmt vom wunderbar warmen, tief im klassischen Prog-Rock verwurzelten Gitarrensound. Unterlegt ist dieser von dezenten, leicht entrückten Klangmalereien, die für eine äußerst entspannte Stimmung sorgen. Schöne sphärische Soundteppiche breiten sich vor dem Hörer aus, der Bass blubbert gemütlich vor sich hin und zu einer heißen Tasse Tee macht sich eine gepflegte, feingeistige Behaglichkeit breit. Der Opener 'Into The Black Wide Open' klingt im Mittelteil, als ob eine verpeilte Lounge-Platte und ein RUSH-Album gleichzeitig laufen würden. Bei 'The Figrin D'an Boogie' werde ich ein bisschen ungeduldig, weil überwiegend recht schlichte Figuren repetiert werden, und ertappe mich dabei, dass ich mich frage, wann denn nun der eigentliche Song losgeht. 'Invisible Giants' ist atmosphärisch dichter und straffer komponiert, und spätestens mit dem zwischen jazzig und chillig hin und her pendelnden 'Timebends' und dem dynamisch aufbrausenden 'Arecibo' haben LONG DISTANCE CALLING meine Sympathien auf ihrer Seite. Das Highlight dieser Platte kommt mit 'Middleville' jedoch zugleich als Wehmutstropfen daher, denn John Bush am Mikro führt eindrucksvoll vor Augen, was ein großartiger Sänger aus dieser Musik noch so alles machen kann – ein Gedanke, den ich zwischenzeitlich schon völlig verdrängt hatte. Was mich zu dem Fazit bringt, dass LONG DISTANCE CALLING mein größter Respekt für dieses ästhetisch äußerst wertvolle Album gebührt, ich aber doch zu der Fraktion gehöre, der diese Musik seltsam unvollständig und manchmal gar mutlos vorkommt.

Note: 7,0/10
[Martin van der Laan]


Ich muss ja zugeben, dass ich reinen Instrumental-Bands eigentlich nicht so zugeneigt bin. Irgendwie fehlt mir da immer was. Der Wiedererkennungswert ist lange nicht so hoch, wie bei Bands mit Gesang. Zu den wenigen Ausnahmen gehören neben MOGWAI, KARMA TO BURN und ISIS auch LONG DISTANCE CALLING, die mit ihrem ersten Demo "Dmnstrtn" (2006) mich zum Fan haben werden lassen. Inzwischen hat die Truppe einige Alben am Start und kann auch auf ihrem neuen, gleichnamigen Longplayer musikalisch absolut überzeugen. Bei allen sieben Nummern kann man in wunderbare, atmosphärische Sounds eintauchen, die Entspanntheit genießen und einfach nur taumeln. Bei aller Schönheit und Perfektion muss man aber auch sagen, dass, wenn man sich Vocals zu den Tracks vorstellen würde, das Gesamtkunstwerk erst perfekt wäre. Die einzelnen Songs hätten eine noch höhere Dichte und Eingängigkeit. Alles würde abwechslungsreicher und noch interessanter klingen, wenn ein flüsternder Gesang mit den schon wundervollen Sounds und Melodien spielen würde. Eine Band wie die ehemaligen AEREOGRAMME oder deren Nachfolge-Truppe THE UNWINDNG HOURS sind das beste Beispiel hierfür. Aber auch PORCUPINE TREE müssen in diesem Zuge erwähnt werden, denen man musikalisch schon fast das Wasser reichen kann, die aber ohne Gesang weltweit auch nie so erfolgreich wären.

Note: 7,5/10
[Thomas Schmahl]

Redakteur:
Peter Kubaschk

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