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Gruppentherapie: NECROPHOBIC - "Dawn Of The Damned"

20.11.2020 | 20:51

Extremer Metal unter den Top3 im Soundcheck?

Eine Überraschung - zumindest eine kleine - ist das Abschneiden der neuen NECROPHOBIC im Oktober-Soundcheck. Überraschung deswegen, weil es extremere Metalklänge bei uns oft schwerer haben, sich als Geschmacksmittel in unserem Team durchzusetzen. Doch auch außerhalb der Soundcheck-Crew sorgt "Dawn Of The Damned" für Begeisterung.

Wenn sich eine musikalisch doch recht extreme Band wie NECROPHOBIC in unserem bärenstark besetzten Oktober-Soundcheck den dritten Platz angelt und dabei sogar offiziell bestätigte Redaktionslieblinge wie FATES WARNING vom Stockerl kippt, dann muss sie etwas richtig gut gemacht haben, und genau so ist es auch, denn mit dem neunten Studioalbum einer an Glanzpunkten wahrlich nicht armen Diskographie gelingt den fünf Schweden für meinen Geschmack ihr überzeugendstes Werk seit 2002. Die für ihr Heimatland so typische Kombination aus geifernder, schwarzmetallischer Bosheit, treibendem Death-Metal-Groove und so rasenden wie doch immer hoch melodischen Leadgitarren bringen nicht viele Bands so vollendet auf den Punkt wie NECROPHOBIC auf "Dawn Of The Damned" in feinem Necrolord-Artwork. Frontmann Anders Strokirk hat das Mikro auf dem zweiten Werk seit seiner Rückkehr wieder so fest im Griff und füllt seine Rolle so charismatisch und intensiv aus, als wäre er nie weg gewesen, und die Herren Ramstedt und Bergebäck an den Sechssaitigen beweisen, dass Black Metal eben auch mit Gitarrenspiel im klassischen Heavy-Metal-Sinne perfekt funktionieren kann. Vom natürlich überwiegenden, rasenden Blizzard bis hin zum dunkel und boshaft groovenden Stück ist auch das Songwriting wieder auf den Punkt getrimmt, die Stücke bleiben hängen, und die Atmosphäre dunkler Majestät ist erhaben. Nachdem die Band uns also schon im Frühjahr mit Geisterkonzerten in der Pandemiekrise trefflich beistand, so bringt sie ihre Fans jetzt auch mit feinem Futter für die Anlage und die Gehörgänge durch Herbst und Winter. Danke dafür nach Stockholm!

Note: 9,5/10
[Rüdiger Stehle]

Selbst wenn man schon lange dabei ist und viel Zeit mit Musik verbringt, ist es nicht möglich, alles zu kennen, was angesagt ist. So ist der Oktober-Soundcheck zugleich auch eine tolle Gelegenheit, endlich ein paar Bands kennenzulernen, die schon lange auf dem Zettel standen. WYTCH HAZEL und WOBBLER sind hier vollauf überzeugend. Die Überraschung für mich ist allerdings NECROPHOBIC. Irgendwie habe ich die Band eher mit technischem Death Metal und damit mit für mich eher uninteressanter Musik in Verbindung gebracht. Nun, so falsch ist die stilistische Verortung ja nun auch nicht, das Verblüffende ist nur, dass es mir ausgesprochen gut gefällt. Warum, das fasst eigentlich schon Rüdiger gut in Worte. Ja, die Musik ist brachial, sie ist extrem und damit auch ein Stückweit anstrengend zu hören, aber: Sie kommt einfach haargenau auf den Punkt! Man versteht es, seine Songs beisammen zu halten und diese als Ausgangspunkt zu nehmen, sie mit allerlei melodischen Schnörkeln zu versehen. Und genau das macht es aus. Die Band bietet dem Hörer die Steigbügel an, man kann auch als dem Sound nicht Geneigter einfach aufsitzen und lostraben. Einmal im Sattel, bekommt man umso mehr geboten, je vertrauter man mit dem Ross wird. Es belohnt mit schier unglaublichen Kraftritten, wahnwitzigen Soli und manchmal mit gar blackmetallischer Melodienraserei. Und wenn ich im Promotext lese, dass die Gitarristen für dieses Album mehr als jemals zuvor geübt haben, ist dies für mich eine weitere Hörmotivation. Es gibt Musiker, die damit prahlen, nicht mehr üben zu müssen. NECROPHOBIC ist jedoch eine Band, die für Fortschritt steht, gerade der Gitarrenbereich ist hier sensationell. Schon eine kleine Ironie, dass "Dawn Of The Damned" am Ende vor FATES WARNING steht. Ich finde, zu Recht!

Note: 8,5/10
[Thomas Becker]

Ja, was für eine gute böse Tat der Soundchecker, diese extremere Metalband mit auf das Treppchen zu hieven. Wie hier auch zu sehen ist, bestätigen die Mittherapeuten diesen Eindruck gleich noch mal. Mich freut es, dass die Schweden es schaffen, mit scheinbarer Unmühe mehrere Elemente aus diversen Spielarten der Extremmusiken zusammenzuführen und locker leicht verschmelzen zu lassen. So leicht hört es sich zumindest an. Dass da eine längere Erfahrung dahinter steckt, bemerkt man beim Blick in die Bandbio und daran, wie die einzelnen Parts hier aneinander gefügt werden, miteinander ineinanderschmelzen und keine dunkle Minute wie die andere klingen lassen. Jaaaa, auch das kann sie leisten, diese Musik, sie kann lernen, unterhalten, wenn nicht sogar fesseln. 'Tartarian Winds' ist da so ein Beispiel für mich, wo die Gitarrenhälse sich einiges an Atmosphäre zutrauen und dem Schlagzeuger mal eine Ruhepause zu gönnen scheinen. Aber so richtig wird hier keiner aus seiner Pflicht entlassen. Nahtlos wird miteinander gespielt und Stimmungen entworfen, in welchem Tempo das geschieht, ist eigentlich egal. Das ist ein Album, was gut zur Festsetzung des Dark Metal (nenn ich jetzt mal so) auf der Tribüne der Hartmucker beiträgt und für Neueinsteiger und Probierer ebenso geglückt ist. Man bemerkt bei den Entwürfen die unendliche Spielfreude, die dieser Musik zu entlocken ist, ist man ihr erst mal verfallen. Auch haben die schwarzbelederten Kollegen die Kellererfahrungen des Untergrunds noch in den gepuderten Nasen und auch das ist zu hören und vor allem zu spüren. Herausragendes Beispiel der Verschmelzung all dieser Eindrücke ist auch 'The Infernal Depths Of Eternity', das sich nicht zu true dafür ist, mit einer tollen längeren, melodisch ausschwingenden Phase zu enden. Also: NECROPHOBIC hat wieder dazu beigetragen, den extremeren Metal noch mehr an den samtenen Salon heranzuführen. Dessen Sessel stehen sowieso in der Mitte.

Note: 8,0/10
[Mathias Freiesleben]

Drei schwedische Referenzalben haben in den 1990ern die Schnittmenge aus Death und Black Metal mit melodischen Auflockerungen perfekt getroffen. "Storm Of The Light's Bane" von DISSECTION, "Far Away From The Sun" von SACRAMENTUM und "The Nocturnal Silence" von NECROPHOBIC. Während DISSECTION ein bekanntermaßen unrühmliches Schicksal ereilte und SACRAMENTUM schnell in der Mittelmäßigkeit verschwand, hat NECROPHOBIC über viele Jahre hinweg immer wieder exzellente Qualität abgeliefert. Und das tut die Band mit "Dawn Of The Damned" nun wieder in beeindruckender Weise, zum neunten Mal schon. Druckvolle Elchtod-Gitarrenwände wechseln sich mit eingängigen Breitwand-Riffs ab; auf hypertrophe Raserei folgen mächtige, hymnische Momente, das Ganze angereichert mit großartigen Melodien (Hört Euch mal das Gitarren-Solo in 'The Infernal Depths Of Eternity' an!) und garniert mit einem dezent schwarzwurzeligen Oberton. Der vor einigen Jahren glücklicherweise zurückgekehrte Anders Strokirk knurrt und bellt dazu seine Geschichten von den Verlorenen und Verdammten dieser Welt in den Äther. Und am Ende der Platte findet man dann sogar eine waschechte Black-Thrash-Keule vor. Ihr seht schon: Abwechslung und Kreativität werden groß geschrieben auf "Dawn Of The Damned" und mit 'Tartarian Wind' scheint sogar ein verschollener SATYRICON-Track am Start zu sein. Viel besser kann man das nicht machen, liebe Freunde!

Note: 9,0/10
[Martin van der Laan]

Mich persönlich freut es ja sehr, wenn auch mal Bands aus extremeren Bereichen des Metal-Universums in unserem Soundcheck vordere Plätze einheimsen können. Dass dieses Kunststück ausgerechnet NECROPHOBIC schafft, hatte ich tatsächlich nicht unbedingt erwartet. Mit "Dawn Of The Damned" habe ja sogar ich mich einige Zeit echt schwer getan. Bei vorherigen Alben wie "Hrimthursum" ('Blinded By Light, Enlightened By Darkness') und "Mark Of The Necrogram" (Titeltrack, 'Tsar Bomba') hatte ich Songs, die mich sofort begeistert haben und auch jeweils in meinen Jahresrankings zu den Songs des Jahres zählten. Und genau so ein Song fehlte mir anfangs auf "Dawn Of The Damned". Aber mit jedem weiteren Durchgang wuchsen die Songs immer weiter und weiter. Mittlerweile findet sich nach wie vor kein Song auf dem Niveau der genannten Tracks, allerdings kommen 'Darkness Be My Guide', 'Mirror Black' und 'Tartarian Winds' (die von Martin gehörte Verbindung zu SATYRICON höre ich hier ebenfalls ein wenig raus) ganz nah an diese heran. Mir persönlich gefällt jedoch (wenig überraschend...) der Thrasher 'Devil's Spawn Attack' am besten, bei dem Schmier als Gastsänger auftritt und der auch insgesamt stark an DESTRUCTION erinnert. Natürlich ist dieser Song nicht repräsentativ für "Dawn Of The Damned", aber er macht mir einfach Spaß. Der Rest ist natürlich viel weniger thrashig, sondern düsterer und böser Blackened Death der Spitzenklasse. Das liegt erstens natürlich an den klirrenden Gitarren und zweitens an den fiesen und variablen Vocals von Fronter Anders Strokirk. Wahrscheinlich schafft es dieses Jahr kein einzelner Song in meine Bestenliste, das Album wird es aber definitiv unter die Top 20 schaffen. Vielleicht sogar Top 10.

Note: 9,0/10
[Mario Dahl]

 

Promofotos wurden freundlicherweise von Century Media Records zur Verfügung gestellt.

Redakteur:
Thomas Becker
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