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Gruppentherapie: RAMMSTEIN - Rammstein

24.05.2019 | 22:16

Sehr groß war die weltweite Aufregung: Zehn Jahre der Ruhe sollten vorbei sein. RAMMSTEIN veröffentlicht tatsächlich ein siebtes Album. Große Vorfreude, noch gesteigert durch die Videos zu 'Deutschland' und 'Radio', wich ziemlicher Überraschung und geteilten Meinungen. Alles ist beim Alten geblieben, aber irgendwie ist auch alles ganz anders. Auch innerhalb der Redaktion wurde das unbetitelte Album mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Nur die ganz große Begeisterung blieb offenbar aus.

Ein neues RAMMSTEIN-Album, aber ansonsten alles beim Alten. Das ist mein Eindruck, denn natürlich gibt es wieder künstliche Diskussionen ob der gratwandernden Provokation, aber eben auch gefällige, RAMMSTEIN-typische Lieder mit gerolltem "r" und vor allem dann, wenn die Band nicht auf Aufregung spekuliert, starke Lyrik. Gerade die ersten drei Stücke 'Deutschland', 'Radio' und mein Albumliebling 'Zeig Dich' zeigen RAMMSTEIN von ihrer musikalisch wie textlich stärksten Seite. Danach wird es abwechslungsreich, wobei eben die berechnend kontroversen Lieder die geringere Halbwertszeit haben. Das war schon immer mein Problem mit RAMMSTEIN: Es nutzt sich halt schnell ab. Es bleiben neben den ersten drei Liedern noch das gefühlvolle 'Diamant', der Tanzschuppenkracher 'Tattoo' und das brachiale 'Puppe' als Highlights. Bei dem eigentlich schönen 'Weit Weg' stört Lindemanns dominante gesangliche Stilmonotonie ein eigentlich schönes Lied und der sexuelle Kontext schadet den Liedern 'Ausländer' und 'Sex' eher, als dass er die Songs interessanter macht. Aber das gehört bei der Band eben dazu. Insgesamt ein gutes Album mit Hits, aber auch einigen Liedern, die ich nach drei Durchgängen bereits lieber überspringe.

Note: 7,5/10

[Frank Jaeger]

 

Zu RAMMSTEIN habe ich eine ambivalente Beziehung: Zwar finde ich von jedem Album zwei-drei Songs richtig gut, das war's aber auch. Nun sind 10 Jahre seit "Liebe ist für alle da" ins Land gestrichen, hat sich das Warten gelohnt? Ich mache es kurz: teilweise. Für so eine lange Zeit hätte ich von einer Band solchen Kalibers mehr erwartet. Sicher, man könnte nun der Meinung sein, dass ein Song wie 'Puppe' den Kauf des Albums rechtfertigt: Beklemmend, beängstigend, schwer schluckend hört man sich die verstörende Geschichte an, Lindemann schreit wie im Wahn. Uff. Auch 'Zeig Dich' gehört nebst 'Deutschland' und 'Radio' zu den interessanteren Up-Beat-Tracks, die, mal nachdenklich, mal provozierend, mal schmunzelnd, unverkennbar die lyrische und instrumentale Handschrift RAMMSTEINs tragen. Hingegen bekomme ich aber auch in 'Ausländer', 'Sex' oder 'Tattoo' (eigentlich eine starke Stampf-Nummer) den Eindruck, dass die Themen langsam ausgehen und der Biss schwächer wird. Auch 'Was Ich Liebe' und 'Weit Weg' funktionieren nach bekanntem Prinzip und wurden inhaltlich schon längst bearbeitet. Insofern gebe ich Frank recht, es bleibt alles beim Alten: Ein paar Songs stechen heraus, der Großteil gibt sich aber zu sehr der Beliebigkeit hin. "Rammstein" ist kurzweilig und hat ein paar Überraschungsmomente im Ärmel, die dafür sorgen, dass es sicherlich kein schlechtes Album ist. An die Vorgänger kommt es jedoch nicht ran, dafür fehlt es mir an RAMMSTEINschem Wort- und Spielwitz.

Note: 7,0/10

[Jakob Ehmke]

 

Leider lässt mich als RAMMSTEIN-Fanboy Werk Nummer sieben ebenfalls etwas zwiegespalten zurück. Zehn verdammte Jahre lang haben wir gedürstet, nachdem "Liebe ist für alle da" zwar sicher nicht unter den Top 3 der Diskographie gelandet ist, aber dennoch wirklich stark war und immer noch ist. Die Vorfreude war enorm, die Erwartungen nach all den Jahren wohl kaum zu erfüllen. Und nun präsentiert sich RAMMSTEIN zum 25. Jubiläum recht verändert. Klar, die von den Kollegen genannten Trademarks sind alle noch da. Doch etwas ist anders. Der typische NDH-Stampfer gerät in den Hintergrund, es wird mehr experimentiert und ausgefranst. Poppiger, deutlich mehr Synthies (gut, Flake ist ja jetzt ein prominenter Bestseller-Autor, da muss man ihm vermutlich auch mehr Platz einräumen) und dadurch wirkt es weniger hart und metallisch als zuvor. In der Hinsicht erinnert "Rammstein" an "Rosenrot", wobei dort die Grundstimmung eine ganz andere war. Dennoch gibt es hier eine Fülle großartiger Songs, die von Frank und Jakob schon gut benannt wurden. Das eruptive 'Puppe' ist nicht nur mein Höhepunkt auf dem Album, sondern dürfte auch zu den besten RAMMSTEINern überhaupt gehören. So hat man Till bisher noch nicht gehört. 'Zeig dich' ist fast genauso stark, hier treffen gnadenlose Power-Metal-Riffs auf fantastische Lyrics und bedrohlichen Gothic-Sound. Unbedingt toll sind auch die beiden eröffnenden Single-Auskopplungen und das schöne 'Diamant', das, um mal Gerüchte in die Welt zu streuen, gut auf die gechasste Sophia Thomalla gemünzt sein könnte und ein wenig an 'Seemann' erinnert. Rein textlich aber bleibt das Album hinter den Erwartungen. Das hat Lindemann in der Vergangenheit schon besser und auch tiefgründiger hinbekommen, zuletzt eindrücklich auf seinem Solo-Album bewiesen. Das Album wächst noch, ich bin erst beim vierten Durchgang. Doch hier und jetzt kann ich lediglich acht Punkte geben, damit landet "Rammstein" nur auf dem siebten Rang der Diskographie. Zu empfehlen ist es nichtsdestotrotz und es bleibt die Hoffnung, dass die anderen 24 Songs, die auf "Rammstein" hätten landen können, für ein nächstes Album aufgehoben wurden.

Note: 8,0/10

[Marius Lühring]

 

Mich übermannt eine kleine Welle der Euphorie. Teil der Erklärung ist, dass ich RAMMSTEIN - im Gegensatz zu einigen meiner Kollegen - nach "Reise, Reise" etwas aus den Augen verloren hatte; heißt, obwohl sich die alten Sachen immer noch des Öfteren drehten, blieben jüngere Tracks außen vor. Doch seit Ankündigung der Sommertour juckt es gewaltig. Meine Freundin und ich waren ständig am Hadern, ob wir nun zweimal die stolze Summe für den Konzertbesuch ausgeben sollten. Dann kam die Single 'Deutschland' mit dem entsprechenden Video, was mich umgehauen hat. Und seitdem uns die Konzerttickets nach einem einfachen Mausklick nicht mehr zu nehmen sind, ist das Gefühl einfach nur gut. Und damit gehe ich auch an "Rammstein" ran.

Und ich höre bei den ersten drei Songs genau das, was ich mir wünsche, musikalisch wie textlich sind 'Deutschland', 'Radio' und vor allem 'Zeig Dich' Brecher und 'Puppe' der schockierende Höhepunkt, der Großeltern und Moralapostel empören wird. Bei 'Ausländer' und 'Sex' hingegen muss ich ein wenig schmunzeln, das ist schon nahe am Klamauk. Das ändert aber nichts daran, dass ich die neue RAMMSTEIN gerade feiere. Die Songs in der zweiten Hälfte werden sicher noch wachsen, generell ist die Lust auf die Band durch "Rammstein" wieder deutlich gestiegen und vielleicht entwickelt sich ja eine ähnliche Euphorie wie vor zwei Jahren mit SUBWAY TO SALLY, die mich quasi in einen Dauerrausch versetzt hat.

Note: 8,0/10

[Thomas Becker]

 

'Puppe' hat mich vollkommen schockiert. Und in den letzten 48 Stunden blieb dieser neue RAMMSTEIN-Track auch am ehesten haften. Das soll nicht heißen, dass "Rammstein" an sich die Wirkung verfehlt hat, sondern einzig allein, dass die restlichen Songs wohl die einen oder anderen Durchgänge brauchen, bis sie zünden. Erst hört man jahrelang nichts von der Band und mit einem lauten 'Deutschland'-Knall ist sie auf einmal wieder da, wie Phönix aus der Asche. Eigentlich hat Kollege Macher in seiner Rezension schon alles zu den Themen "Provokation" und "Rammstein und Deutschland" gesagt, sodass ich mich voll und ganz auf die Musik einlassen kann. Natürlich hat 'Tattoo' ein bockstarkes Riff, selbstverständlich ist 'Diamant' ein willkommener 'Ohne dich'-Nachfolger, klar ist, dass die Band mit 'Sex' und 'Ausländer' im Vorfeld schon Staub aufwirbelte, um dann - sobald man auf die Texte geachtet hat - einen Gang zurück zu rudern. Doch wirklich in meinen Grundmauern erschüttert hat mich eben die Geschichte von dem kleinen Mädchen, ihrer getöteten Schwester und der Umgang mit ihrem Geschenk, dem sie dann den Kopf abreißt, in den Hals beißt. Während ich die Zeilen formuliere, brüllt mein innerer Lindemann die psychopathischen Textzeilen in den Raum hinein und ich bekomme ein beklemmendes Gefühl, ein Gefühl der Angst, des Bedauerns und des Tieftraurigen, was RAMMSTEIN in der Vergangenheit schon mit 'Spieluhr' und 'Mein Teil' perfekt inszenierte. In diese Reihe gesellt sich nun auch 'Puppe'. Der Rest auf "Rammstein" ist für Bandverhältnisse leider nur zweitklassig, was sich zum einen mit der Zeit noch ändern kann, zum anderen aber auch der Tatsache geschuldet ist, dass die Erwartungshaltung einfach viel zu groß war.

Note: 7,5/10

[Marcel Rapp]

 

Oh, RAMMSTEIN. Die Kollegen schleichen so um eine Note 7 herum. Einer mag die Lyrik, die Tiefe, der andere die Konsequenz, einige können sogar die anderen Alben der Silberfeuerspeier zum Vergleich heranziehen. Keiner mag das hochschreiben, keiner zerstören. Macht bei dem Popularitätsvorschub dieser ostdeutschen Band auch eigentlich keinen Unterschied. Und Sinn. Warum eigentlich ostdeutsche Band? Die Poetik und Bildhaftigkeit vieler DDR-Bands bleibt mir bis jetzt ein Rätsel - und das geht mir bei diesen Nachfolgern von FEELING B ganz ähnlich. Ich glaube ja wirklich, dass die Band bei der Vorstellung der Texte, die zumeist Korbmacher Lindemann so handschriftlich abliest, kollektiv kichern muss. Die beiden tollen Gitarristen greifen spontan zu den Gitarren, stellen die Rotweingläser auf die Boxen und rammen spontane Riffs zu den Worten. Flake, ein übersympathischer Keyboarder und Radiomoderator des Öffentlichen Radios, schlurft zum Tasteninstrument, nickt kurz in die Runde und lässt die langen Finger tasten. Wir haben den Flow, Entschuldigung, den Rausch. Alle freuen sich, wenn der Till merkt, dass seine Texte nun offiziell als ein RAMMSTEIN-Stück angenommen worden sind, nur noch ein wenig über die Geschwindigkeit diskutieren, ein wenig hier und da eine Zweideutigkeit nachinstallieren, und ich glaube, dann gibt es High Five... Entschuldigung, Hoch Fünf. Poetisch ist das, was in 'Diamant' und 'Weit Weg' passiert. Vorhersehbar ist das, was in 'Zeig Dich' und in 'Tattoo' passiert. 'Deutschland', 'Ausländer', 'Sex' und 'Puppe' tragen das Provokante schon im Namen. Nix Neues auf der verseuchten Startbahn. Und RAMMSTEIN liefert dahingehend weiter. Nur dadurch, dass sie diese Titel, diese Themen versuchen musikalisch darzubringen. Und spätenstens da sollte jeder seine Beziehung zu dieser Band prüfen. 'Radio' ist eine gute Schlagermetalbratze. 'Hallomann' wirkt wie eine Zusammensetzung übrig gebliebener Soundfragmente. Braucht man nicht. Auch thematisch nicht. Ich kann mir vorstellen, dass Leute die Augen verdrehen werden, "Ja, ich habs ja verstanden", und auch, dass Grundhasser der Band wieder den Fokus auf die Wirkung legen, ohne umfassend zu ahnen, dass sich viele einfach von dieser Band berieseln und im Sinne des Popzirkus unterhalten lassen wollen. Die liefern eben.

Ich liebte das Debüt. Ich liebe das Debüt. Das Gitarrengebratze, so oft gehört im Regen und im Schnee. Und immer mit dem gutem Mitsinggefühl. Hat sich nicht geändert, wollte ich aber sechs weitere Alben lang überhaupt nicht ausprobieren. Ich war beim (glaube ich) dritten offiziellen RS-Konzert im Cottbuser Gladhouse und allem, was ich damals anhing, widersprach diese Band: blondgefärbt, oberkörpernackt, deutschbetext. Ich war gierig. Der Sound grandios. Seltsam abwesendes Bühnengebaren. Und trotzdem war das Metal. Heute ist RAMMSTEIN alles, vor allem ein professioneller Musikgenredurchritt: Konservenklassik, Käse-Pop, Hoppa Hoppa Rock, Zweifingermetal. "Was ich liebe, das muss sterben." Wie wahr. Aber das Geheimnis ist, es auszusprechen. Auf Deutsch. Eigentlich keine große Kunst.

Note: zwischen 4 und 8, je nach Stimmung

[Mathias Freiesleben]

 

Ich sehe das sehr ähnlich wie Mattes. RAMMSTEIN ist ein Phänomen, wie man nach bewährtem Strickmuster agieren kann und damit viel Aufmerksamkeit erzeugt, ohne wirklich etwas Neues zu sagen. Diesem Pendeln zwischen Interesse und Ablehnung wird die Band doch gar nicht mehr gerecht, denn ich kann das nicht als polarisierend empfinden. Wenn diese Band ihre erste Single 'Deutschland' nennt, produziert (und provoziert) sie selbstredend Aufregung, bevor auch nur eine Textzeile von irgendwem wahrgenommen wurde. Aber diese kommt natürlich aus Richtungen, die in RAMMSTEIN eh keinen legitimen Beitrag zur deutschen Kulturlandschaft sehen. Wer bitteschön, der sich mit der Band bereits näher befasst hat, zuckt bei 'Ausländer' und 'Sex' noch zusammen? Und 'Puppe' ist textlich so vorhersehbar im RAMMSTEINschen Kosmos - da kann von schockierend keine Rede sein. Ist das billig, inzwischen, für RAMMSTEIN? Ich finde schon. Aber natürlich kann man deutsche Texte auch viel besser zerpflücken als englische, wo definitiv auch nicht alles automatisch große Lyrik ist.

Musikalisch mag ich eigentlich die Vielfalt, eine gewisse Öffnung. Doch auch hier kommt wieder ein Aber. Aber man merkt, dass selbst den typischen Brachialo-Riffs der Punch, das Einschneidende komplett abgeht, was früher auf alle Fälle ein Aushängeschild der Band war. Aber da war das natürlich auch neu, unverbraucht. Hier fehlen nun das Kantige und die Wildheit komplett. Kein Schlag in die Magengrube in Sicht, nirgends. Und so kann ich dem Album eigentlich nur in der Hinsicht etwas abgewinnen, dass es ungeachtet der teilweise wirklich belustigenden Texte ('Ausländer') ein paar eingängige Refrains mitbringt, die ich mir gut im Discoschuppen vorstellen kann, die ich aber überhaupt nicht mit RAMMSTEIN in Verbindung bringen kann, so wie sich die Band einst ins kollektive Bewusstsein brachte. So kommt es auch, dass mir gerade 'Radio' und 'Was ich liebe' eigentlich ganz gut reinlaufen, trotz Schlager-Metal. Aber natürlich sind das nicht wirklich RAMMSTEIN-Songs. Insgesamt ist die zweite Hälfte der Scheibe deutlich ansprechender ('Hallomann' mal ausgeklammert), nachdem man den ganzen Ausländer/Sex/Deutschland-Quatsch hinter sich gebracht hat. Letztlich habe ich das Album schon nach dem zweiten Hören komplett "intus", da kommt auch beim weiteren Nachhören, ob da nicht doch noch irgendwas Unge(er-)hörtes drin steckt, nix mehr nach, das mir noch nicht aufgefallen wäre. Dass ausgerechnet diese Band so wenig Überraschendes, so wenig Tiefgehendes parat hat, das ist... ja, ist halt so. Es gibt Momente, da ist eben einfach alles gesagt.

Note: 5,0/10

[Stephan Voigtländer]

Redakteur:
Marius Luehring

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