Gruppentherapie: SEPULTURA - Quadra

12.02.2020 | 22:43

Tanten-Alarm in der neuen Dekade!

Erster Soundchecksieger der neuen Dekade ist eine alte Tante. Doch Muttchen muckt ziemlich auf, zeigt ihre (dritten?) Zähne und lässt gar die Erde beben! Doch Spaß beiseite: Was SEPULTURA auf dem neuen Album "Quadra" abliefert, ist bemerkenswert. Doch wie so oft sind die Ohren unserer Therapeuten sehr verschieden und man kann sogar darauf wetten, dass sich einer findet, der gegen den allgemeinen Trend schwimmt. Lest es nach!

Zuerst einmal muss ich meinen fachkundigen Kollegen des Januar-Soundchecks ein dickes Kompliment für das Erkennen der großen Klasse des neuen SEPULTURA-Albums "Quadra" aussprechen, welches sich zurecht mit den Frankfurtern von THOUGHTS FACTORY brüderlich das Siegertreppchen teilt. Ich behaupte einfach mal direkt zu Beginn, dass das bereits 15. Studioalbum nicht nur qualitativ das beste, vielschichtigste und zugleich auch überraschendste Album der gesamten Green-Ära darstellt, sondern aufgrund der von mir genannten Attribute auch durchaus über genügend Potenzial verfügt, um mein bisheriges SEPULTURA-Lieblingsalbum "Arise" vom Treppchen zu stoßen. Dies wird aber schlussendlich wieder einmal erst der Test der Zeit zeigen. Fakt jedenfalls ist, dass "Quadra" sich mit keinem bisherigen Album der Brasilianer so richtig vergleichen lässt. Glücklicherweise sind sowohl gerade die südamerikanischen Wurzeln, die "Roots" zu etwas ganz Besonderem machten, noch immer zur Genüge zu erkennen ('Capital Enslavement'), als auch die urgewaltige stimmliche Brutalität eines Derrick Green ('Autem') - und dennoch hält "Quadra" noch einige weitere, sehr gelungene Experimente bereit. Beispielsweise garnieren die Vier einige Songs mit orchestralen Soundgewändern ('Guardians Of Earth'), was den Kompositionen voll und ganz zugute kommt und diese in einem völlig neuen Glanz erstrahlen lässt. Das grandiose 'Fear, Pain, Chaos, Suffering' erhält geschmackvolle weibliche Unterstützung beim Gesang und beim gefühlvollen 'Agony Of Defeat' glänzt der stimmgewaltige, hünenhafte Sangesbarde tatsächlich mit melodischem Klargesang. Die Krönung des Ganzen ist aber das famose Gitarrenspiel eines gänzlich befreit aufspielenden Andreas Kisser, der meiner Meinung nach hier seine beste Performance überhaupt abliefert und dem Ganzen damit die wohlverdiente Krone aufsetzt. Ganz großes Kino! Dies alles und eine zusätzlich meisterhaft druckvolle Produktion rechtfertigen die Vergabe von neun fetten Punkten meinerseits allemal.

Note: 9,0/10
[Mahoni Ledl]

Mahoni hat Recht. Aus all den Massen an Alben, die es im monatlichen Soundcheck durchzuhören gilt, eines, dieses eine herausragende, hervorstechende herauszusuchen, ist Knochenohrarbeit. Hut ab, Checkisten! Und auch dafür, dass im aktuellen neben den noch unbekannten Deutschen THOUGHTS FACTORY eine alte Dame SEPULTURA genauso eine Chance hat. "Verdientes Treppchen", da hatte ich aber meine Zweifel. SEPULTURA ist für mich immer noch "Arise", der nachkommende Ethno-Metal-Zirkus ging mir recht schnell auf die jungen Nerven. Im Vorfeld hiervon habe ich mich noch mal mit den Brasilianern beschäftigt, mit den Cavaleras war immer viel Bewegung drin, das war aber auch alles, womit mich in den letzten Jahren SEPULTURA streifte. So ging Album um Album ins Ländle. Die Band war für mich immer wie eine bekannte Tante - von mir aus - die ich ab und zu wahrgenommen habe, nicht wirklich anstrengend oder dazu im Stande, eine Beziehung mit mir aufzubauen, früher mal gern gesehen, irgendwann begrüßt man sich eben. Und sagt wieder Tschüss. Gibt sich die Hand. Bis in zwei Jahren.

"Quadra" beginnt, wie ich mir vorstellen kann, wie die letzten acht oder neun Alben, wiedererkennbar SEPULTURA. Dann ab Stück vier wird experimentiert, aufgelockert, mit Streichern gespielt und mit Pausen und Versuchen der Auflockerung. Mmh, klappt nicht wirklich, bei mir. Kisser ist ein herausragender Gitarrist, der sich mit seinen Kompagnons gekonnt die Dynamiken teilt. Die Elemente der "Roots"-Ära blitzen wieder auf, Mister Green röhrt, dass man zittert. So richtig aufgehorcht erst aber habe ich bei dem Instrumental 'The Pentagram'. Ich beschloss, wenn mich nächstens wieder Heranwachsende nach neuem Metal-Stoff fragen, dieses Stück zuzuweisen. Denn da ist alles drin und es zeigt, wie und was SEPULTURA ausmachen kann. 30 Jahre Thrash-Gestähltheit, gut durchproduziert und sehr variabel gespielt. Mein Favorit auf "Quadra". Und danach kommen auch die richtig interessanten Stimmungen. 'Agony Of Defeat' ballert trotz der Melodien, die Green da von sich zetert. Oder gerade deswegen? Egal, da bleib ich hängen. Und dasselbe Urteil fälle ich über den Ausgang 'Fear, Pain, Chaos, Suffering'. Ein Duett, wie gut das passt, wenn man nur will. Ein Tipp ist, das Album im Zufallswiedergabemodus zu konsumieren, der Mix aus Alt und Neu ist sehr reizvoll und macht das Album irgendwie auch besser. Die geliftete Tante hat gezeigt, was sie drauf hat, aber erst nach fünf Kurzen, ab 'Guardians Of Earth' wird "Quadra" wirklich interessant und gut. Wie das so ist, wenn man dem Tantentrott entgehen will.

Note: 6,0/10
[Mathias Freiesleben]

Ouh, jetzt kann ich hier ja den Insider geben. Metal-Gruppenbehör als Verwandtschaftsforschungsmöglichkeit. Denn auch Mattes' Schwesterlein empfindet 'The Pentagram' als außerordentlich interessant und das Hochlicht des neuen SEPULTURA-Rundlings "Quadra". Aber ich stimme ebenfalls zu. Und widerspreche Mattes sogleich vehement. Denn da ist nicht viel "wiedererkennbar SEPULTURA" drin. Ich war selten so geplättet ob einer spannenden und wirklich funktionierenden Weiterentwicklung bzw. sogar eher Neubesinnung einer Band wie in diesem Fall. Selbst das eröffnende rüpelhafte 'Isolation' kickt so dermaßen, dass das nicht bloß alter Wein in neuen Schläuchen ist. Ich wäre also auch über eine Platte in "lediglich" diesem Fahrwasser schon sehr erfreut gewesen. Doch dabei bleibt es ja nicht. Kurzum, dass eine einstmals in stilistischer Breite doch eher limitierte Band (und für mich ist "Arise" eine der besten Platten aller Zeiten - Prost, Mahoni!) sich jetzt so öffnet und so vielseitig zu Werke geht, hätte ich nicht erwartet. Auch mir gefällt die zweite Hälfte (noch) besser und die Details sind hier ja alle schon genannt worden. 'Agony Of Defeat', 'Guardians Of Earth'... Also, wenn alte Tanten so druff sind, dann gerne noch mehr Tanten-Alarm.

Note: 9,5/10
[Stephan Voigtländer]

Viel kann ich meinen Vorrednern nicht hinzufügen. "Quadra" ist einfach ein richtig gutes Album geworden. Gleich bei den ersten beiden Songs bin ich beides: im vollen Bewusstsein, genau SEPULTURA und nichts anderes zu hören; und dennoch erstaunt darüber, dass das, was ich gerade höre, wirklich SEPULTURA ist. Das ist die Energie von "Chaos A.D.", der Groove von "Roots", und wirkt dennoch frisch geölt und mit neuen Muskeln bepackt. Das ist schon toll, doch wie selbst der eher kritische Kollege Freiesleben feststellt, wird es nach hinten raus immer besser. Chöre und gar symphonische Klänge bei SEPULTURA? Das passt so gut, man will's kaum glauben. Proggige Klänge und gar längere Instrumental-Eskapaden? Selten hat das in den letzten Jahren so überzeugend geklungen wie bei, ja genau: SEPULTURA! Und Kisser, den ich noch nie so sehr als brillanten Leadgitarristen gesehen habe, dreht auf, als hätte er Ameisen in den Fingern. "Quadra" ist für mich also absolut verdient an der Spitze des Januar-Soundchecks.

Note: 8,5/10
[Thomas Becker]

Photocredit: Marcos Hermes

Redakteur:
Thomas Becker

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