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Gruppentherapie: THE HIRSCH EFFEKT - "Holon:Agnosie"

05.05.2015 | 00:22

Die Dekonstruktion einer Gruppentherapie

Diese Band verwirrt. Allein schon mit ihrem seltsamen Namen. Aber catchy ist er, wenn man ihn einmal hört, vergisst man ihn nicht. Doch auch die Noten für "Holon:Agnosie" im April-Soundcheck verwirren. Das Album landet auf Platz 15 trotz zwei 9,5er-Noten, weil auch gleich drei Leute 5,0 oder schlechter zücken. Was mag das für seltsame Musik sein? Kollege Stehle schreibt was von Xavier Naidoo und Farin Urlaub. Andere reden von "positiv bekloppt" oder "verzettelt". Thomas Becker faselt irgendetwas mit Zellen, Jakob von NDW, Math Metal und "Dekonstruktion". A propos, irgendetwas ist diesmal mit der Gruppentherapie passiert. Wer hat denn hier die Beiträge zerschnipselt und wieder zusammen geklebt? Das war sicher ein Hirsch.



Kollege Oli Passgang bringt die extrem variablen Noten für "Holon:Agnosie" im April-Soundcheck mit einem einfachen Satz auf dem Punkt:

Es ist immer wieder interessant, wie sehr sich die Geister an einem Album scheiden können - "Holon:Agnosie" scheint seit Längerem mal wieder so ein extremer Fall zu sein.

Was hat es also auf sich mit diesem Album? Und was ist überhaupt dieser ominöse "Hirsch-Effekt"? Bei der Recherche stoßen wir auf ein Fernsehinterview auf Kanal 21 mit Nicki Steinke. Dort sagt die Band:

"Als die Emu-Farm von Philips Mutter Pleite gegangen ist, hat sie angefangen, Hirsche zu züchten. Das ist eines von Philips Kindheitstraumata, dass er nachts immer diese schreienden Hirsche gehört hat. Deshalb konnte er nicht schlafen. Danach hat er dann angefangen, Leuten die Haut abzuziehen und das haben wir eben als den "Hirsch-Effekt" bezeichnet.


Philip ist übrigens der ehemalige Schlagzeuger der Hirsche. Wir betonen: ehemalig. Klar, nach dem was er so in seiner Freizeit anstellt. Dieser "Hirsch-Effekt scheint ja schon sehr gefährlich zu sein, und könnte vermutlich auch beim Hören von "Holon:Agnosie" eintreten:

Schon vor "Holon:Agnosie"  kam ich über mehrere Hör-Versuche hinweg an Meckereien über diese Musik nicht vorbei. Dann sogar mal zwei leibhaftige Auftritte bei Festivals. Ich habe schlechte Laune bekommen. Jeweils. Kontrovers-Musik, ist ja klar. Ähnlich ging es mir schon bei einer anderen deutschen Band: RINDERWAHNSINN aus Frankfurt. Nee, das Gehacke war nichts für mich. Und nun ein Herantasten auch an das neue Werk. Mmh. Gefühl der Ablehnung steigt bereits beim ersten Gniedel auf. Ich brauche Linien, will nicht sagen, Harmonien, aber doch schon so etwas wie Strukturen. Gut, diese gibt es hier auch, aber eben zu viele. Das Titelstück, es läuft, es knattert, es brandet, es kneift mich, regt mich auf, macht mich zappelig. [Mathias Freiesleben]

Nun, "zappelig" ist ja noch harmlos.


Schon die ersten Minuten dieses Album sorgen für absolute Verwirrung in meinen Ohren. Eine wunderschöne Melodieführung von Blasinstrumenten und klagender Klargesang leiten das Album viel versprechend ein, aber nach wenigen Minuten fängt der Mann am Mikrophon an, herum zu schreien, mich an zu schreien und die verzerrten Gitarren klingen kratzend, unangenehm und schrammelig gurgelnd. Alles Komponenten, die mir schnell auf die Nerven gehen, obwohl mir die hektische Rhythmik sehr gefällt. Aber mit dieser Art des Gesanges werde ich im Leben nicht mehr klar kommen. Das klingt für mich so tot, so ohne Emotionen, einfach mal drauf los geschrien. Da kommt bei mir nichts an außer dem Wunsch nun tatsächlich lieber andere Musik hören zu wollen. Dabei mag ich in anderen Stilistiken, wie Thrash, wenn der Sänger sich mal die Lunge aus dem Hals brüllt. Aber dieses Screamo-Gekreische ist für mich immer mehr ein Anschreien und ich mag es nicht angeschrien zu werden. An vielen Stellen geht es soweit, dass ich nicht einmal verstehe, welche deutschen Worte da ins Mikrophon gebrüllt werden. Das ist für mich beinahe paradox, will man mit dieser Kunstform doch ganz offensichtlich etwas aussagen. Da ist es doch kontraproduktiv mit dem Aufnahmegerät am Zäpfchen eine Lautgabe für die Nachwelt fest zu halten. [Holger Andrae]

Gefährlich. Ein Hirsch schreit unseren sonst so gutmütigen Holger an. Gott Sei Dank ist Powermetal.de keine Emu-Farm. Allerdings gibt es auch Menschen, die wollen angeschrien werden.

Ich fühle sich vom Sänger nicht mehr angebrüllt als von vielen anderen Schreihälsen anderer Subgenres - zudem mag ich das aber auch einfach! [Oliver Passgang]

Ich bin ja nun ähnlich wie Holger kein großer Fan von corigem Gebrülle und finde es oftmals zum Davonlaufen. Doch bei THE HIRSCH EFFEKT finde ich, wirkt dies - und hier ist meine Wahrnehmung diametral zu Holgers - unglaublich echt. Die ganze Wut auf das Falsche in dieser Welt, das Falsche im Menschen selbst, wird hier herausgeschrieen, und es ist zudem noch absolut perfekt auf die rhythmisch extrem komplexe Instrumentierung abgeglichen. Das ist eine absolute Beherrschung der Wut und fasziniert mich zutiefst. [Thomas Becker]




Doch abgesehen vom Brüllgesang zeichnet sich im Soundcheck-Team und nicht nur dort ein grundsätzlicher Konflikt zwischen dem traditionellen Metal-Hörer und dem modern-hippen intellektuellen Hornbrillenträger ab. Ganz wie das Klischee es verlangt.


Das Album wallt durch unsere Redakteursohren, es gibt klare Trennlinien zwischen Traditionalisten und math-erprobten Freiergeistern. Und wahrscheinlich ist das Zeug der Hannoveraner auch genau darauf angelegt: die Hörerschaft zu spalten. Ein Riss geht durch die Nation. [Mathias Freiesleben]

Doch so schlimm? Scheint so...

Drei Hirsche aus Hannover dekonstruieren Pop, Metal und alles dazwischen. Das kann man hochinteressant und faszinierend finden und im distanziert-intellektuellen Sonnenlicht dieser Methode baden. Ja, selbst ich komme nicht umhin, dem Trio exzellente musikalische Fähigkeiten zuzugestehen. Ja, ich mag die Klangfarbe im leicht nöligen Klargesang nicht und finde das aggressive Gebrüll weniger überzeugend als Kollege Timon, aber das sind hier Detailfragen. Nein, warum ich "Holon Agnosie" so furchtbar anstrengend und auch unsympathisch finde, liegt eben an der Ausgangssituation. Der Metal ist nichts, das ich dekonstruiert sehen möchte. Ich liebe ihn in seiner Schrulligkeit, seiner naiven Begeisterung für kitschige oder plumpe Themen gleichermaßen und das Bejahen der Freude an schönen Melodien oder stumpfen Riffs, der reinen Energie und dem Spaß an der Musik an sich. Das alles macht aus Metal für mich mehr als ein einfaches populärmusikalisches Genre, eben den oft beschworenen Way of Life. Und genau weil ich diesen Aspekt am Metal liebe und er der Grund dafür ist, dass mich diese Musik mehr packt, als es alle anderen Spielarten von Musik tun, kann ich mit einer Band wie THE HIRSCH EFFEKT und einem Album wie "Holon Agnosie" nichts anfangen. [Raphael Päbst]

Neben der grundsätzlichen Herangehensweise gibt es aber auch ganz konkrete Beanstandungen am Sound:


Dazu addiert sich im Falle des HIRSCH EFFEKTES noch das Klangbild der Klampfen. Das hasse ich schon bei anderen zeitgemäß klingenden Bands aus dem Briefträger-Musik-Bereich. Es klingt undifferenziert, kratzend, gurgelnd und schrammelnd in meinen - auf altmodische Klangbilder spezialisierten - Ohren. [Holger Andrae].




Muss man also Mr. Superbrain sein und zumindest ein Diplom in Musikwissenschaft und Quantenphysik haben, um THE HIRSCH EFFEKT gut zu finden?

Wenn die drei an sich grundsympathischen Herren von sich erzählen, bemerkt man den Spass, den sie laut Eigenaussage beim Spielen dieses Gehackes haben. Sie sagen ja selber "Hören können wir unsere Musik selbst nicht, aber sie zu spielen macht Spass." Aha, also doch Muckermucke, ein Experiment, Grenzen ausloten? [Mathias Freiesleben]

Okay, "Spaß haben" soll helfen. Das kann man als Traditions-Stahl-Anbeter aber auch. Und man muss dabei gar nicht denken. Also was noch?

Wenn ich die Beiträge meiner eher gen Tradition orientierten Kollegen so lese, nicke ich genau so sehr verständnisvoll wie ich gleichzeitig vehement den Kopf schütteln muss; das sieht bescheuert aus, passt dadurch aber auch wunderbar zur Musik von THE HIRSCH EFFEKT. All das, was Raphael für "seinen" Metal ins Feld und gleichzeitig zur Ablehnung von "Holon:Agnosie" führt, kann ich wunderbar nachvollziehen. Der Punkt ist nur: Für mich ist das Album eben keine bloße "distanziert-intellektuelle", "hochinteressante" und "faszinierende" Angelegenheit (wobei das sicherlich alles Attribute sind, die man ohne größere Diskussionen durchwinken kann), sondern ein rundes Werk, das mir in seiner geschmeidigen Gesamtform genau so viel Spaß macht wie Scheuklappen-Traditionsstahl, Sommer-Sonne-Alternative-Rock und Auf-die-Glocke-Geballer. Genau so kann ich Holgers Probleme mit Sound und Gesang verstehen, nehme beides jedoch ganz anders wahr; denn für mich gehört zu solcher Musik genau so ein moderner (jedoch angenehmer und toller!) Klang. [Oliver Passgang]

Okay, Spaß haben plus andere Ohren haben scheint der Schlüssel zu THE HIRSCH EFFEKT zu sein. Aber ist das nicht immer noch zu einfach?

Auch wenn bisher allerorts beschrieben wird, wie überaus komplex und wie wenig nachvollziehbar die Musik der Hirsche sein soll, so stelle ich fest, dass dieses Album die garstigsten, unauslöschbarsten Ohrwürmer hat, die mir dieses Jahr bislang serviert wurden. Vielleicht ist ja gerade der Kontrast zwischen undurchdringbaren Techno-Gefrickel und tiefdringenden Texten und Melodien, die für mich das Album so unwiderstehlich machen. Aber die Musik dringt bei mit, wie in 'Agnosie' zutreffend beschrieben, "in jede Zelle ein". Und ein Song wie 'Tombeau' ist mit so viel Gefühl vorgetragen, dass man ganz einfach auch das Hirn ausschalten und sich in den Song hinein fallen lassen kann. [Thomas Becker]

Da haben wir es also. Alle guten Dinge sind drei: Spaß haben, andere Ohren haben und seine Zellen "kompetent" machen. Das ist übrigens ein Ausdruck aus der Genetik, um eine Zelle permeabel für Fremd-DNA zu machen. [Aha. Schon viel verständlicher! SV] Hirsch-DNA wohl in diesem Falle.




Sind obige Voraussetzungen erfüllt, wie muss man dann an die Musik heran gehen und was erwartet einen in diesem Falle beim Hören von "Holon:Agnosie"?


Wer ähnliche Maßstäbe anlegt wie meine geschätzten Kollegen Päbst oder Andrae, der sollte THE HIRSCH EFFEKT in der Tat fern bleiben. Der Rest darf sich in diesem mal traum-, mal alptraumhaften Album verlieren und entdecken, wie unglaublich toll heutzutage noch Akzente gesetzt werden können. Mit jeder Umdrehung törnt mich alles an dieser Musik einfach noch mehr an: der verschrobene Krach und die schmeicheligen Wärmeeinheiten, die tollen deutschen Texte und die instrumentalen Achterbahnfahrten, die Rhythmik sowie Dynamik, die vollkommen logisch und beinahe "natürlich" vom einen Extrem ins andere wechseln. Mit "Holon:Agnosie" wurde ein Album komponiert, das mich aus meinen gewohnten Mustern herausgerissen und vielleicht nicht schnell, dafür jedoch umso tiefer fasziniert hat. Es spricht Kopf und Herz gleichermaßen an, für mich ist in-Gedanken-versinken genau so möglich wie - kein Scherz - locker-flockiges Mitsingen (bestes Beispiel: mein Favorit 'Athesie'). [Oliver Passgang]

Es ist zwar spannend, ab und zu die mir genehmen Fragmente in der Musik zu entdecken, aber die Suche, das Warten darauf strengt auch an. Und während ich hier weiter fabuliere, läuft die Suche nach mir genehmen Parts weiter. Und die gibt es auch. [Mathias Freiesleben]

Das Suchen und das Finden scheint also das Herz dieses Albums zu sein. Und deswegen muss man es immer wieder hören. Zu was mag dies führen?


Mein Weg zu diesem Album war im Grunde derselbe wie der zu anderen Avantgarde-Alben in diesem Jahr. Ähnlich wie zum Beispiel bei den eigentlich ganz anders klingenden DØDHEIMSGARD aus dem selben Soundcheck fasziniert mich der Freigeist, das sich Loslösen von klassischen Stildogmen und Song-Strukturen, der Mut zum Chaos, und allen voran die Beherrschung desselben. Denn nur wer dazu in der Lage ist, kann, wie Oli bereits erwähnt hat, auf eine natürliche Weise in die diesseitige Welt zurückfinden und auch mit einfachen Melodien die Welt aus den Angeln reißen. [Thomas Becker]

Die ganze Welt kaputt machen? Chaos erzeugen und jenes beherrschen? Wir finden, dies geht so langsam zu weit mit diesem "Hirsch-Effekt". Kommen wir also zum Fazit:

Mich ärgert mein Missfallen selbst ein wenig, denn gerade die rhythmischen Ideen gefallen mir sehr gut. Leider überwiegt im Gesamteindruck das Negative, da ich sehr gesangfixiert bin und ein beinahe abstoßendes Klangbild mir das Durchhören des Albums am Stück komplett unmöglich macht. Schade.

Note: 3,0/10
[Holger Andrae]

Ich stelle fest: Elche sind die besseren Hirsche.

Note: 4,0/10
[Raphael Päbst]

Am liebsten würde ich auch hier keine Wertung im "klassischen Sinne" abgeben wollen, aber unser Therapieformat will es nun mal so. Für das Handwerk gibt es eine Acht, für die Strukturen eine Sechs, fürs Flüchten ins Geschrei eine Drei, für die Harmonie eine Eins.
Macht...


Note: 5,5/10
[Mathias Freiesleben]

Auch wenn ich mich jetzt noch seitenweise in erregte Rage schreiben könnte, möchte ich im Sinne unseres Formates auf den Punkt kommen und anmerken, dass die unten angegebene Note nicht das Ende der Fahnenstange darstellt und eigentlich schon die nächsthöhere Wertung fällig wäre. Ein ganz tolles und außergewöhnliches Album, ihr effektvollen Paarhufer!

Note: 8,5/10
[Oliver Paßgang]

Man kann solche visionären Musiker wie THE HIRSCH EFFEKT einfach nicht gut genug belohnen, denn für mich sind diese enorm wichtig für den Fortschritt im Heavy Metal, nein, in der ganzen Rockmusik. Und auch wenn ich Retro-Musik liebe, schaue ich genauso gerne in die Zukunft. Und die gehört über kurz oder lang Bands wie THE HIRSCH EFFEKT!

Note: 9,5/10

[Thomas Becker]

Am Schluss bleibt wie immer der Hinweis auf die wunderbare Haupt-Rezi von Kollege Krause, dem mittlerweile ein Geweih gewachsen ist (verständlich mit Hirsch-DNA im Genom) und natürlich auf dem April-Soundcheck!

Redakteur:
Thomas Becker
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