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HELHEIM: Interview mit V'Gandr

01.01.1970 | 01:00

Seit dem letzten Meilenstein "Yersinia Pestis" im Jahr 2003 war es beängstigend still geworden um die norwegische Kultband HELHEIM. Eine Mini-CD wurde angekündigt, aber immer wieder verschoben, das neue Album sollte längst draußen sein. Was ist los im nordischen Höllenlager? Beim Hole In The Sky, dem zweitgrößten Metal-Festival in Norwegen, traf ich Mitorganisator Ørjan alias V'Gandr, seines Zeichens Bassist, Sänger und gemeinsam mit Keyboarder Lars alias H'Grimnir Kern von HELHEIM. Er stand mir ehrlich Rede und Antwort zu den Widrigkeiten, mit welchen die Band zur Zeit fertig werden muss.

Wiebke:
Hallo Ørjan, was macht das Leben in Bergen?

V'Gandr:
Im Moment sind Lars und ich eifrig dabei die Aufnahmen zum neuen HELHEIM-Album zu beenden. Nebenbei arbeiten wir zwei auch noch an einem kleinen Black-Metal-Projekt. Damit hatten wir schon einen Auftritt im "Garage". Das Publikums fand es gut.

Wiebke:
Das neue Album ist ja eine schwere Geburt. Ich habe oberflächlich davon gehört, dass ihr großes Pech mit eurer Plattenfirma habt. Die Scheibe hätte eigentlich schon längst draußen sein sollen, nicht wahr?

V'Gandr:
Ja, Massacre kümmern sich im Moment überhaupt nicht mehr um uns. Die Aufnahmen waren eigentlich schon im Frühjahr fertig, aber die Plattenfirma hat einfach nicht auf unsere Anfragen reagiert. Das ging ja schon mit unserer Mini-CD "Helsviti" los, die eigentlich schon 2000 hätte erscheinen sollen. Wir warten bis heute darauf. Inzwischen ist das Material veraltet und spiegelt in keiner Weise mehr unseren jetzigen künstlerischen Stand wieder. Es wird wohl nie veröffentlicht werden. Das Problem ist nun, dass unser Vertrag noch nicht gekündigt ist und wir auch noch keinen neuen Verleger gefunden haben. Das ist alles sehr frustrierend! Wir arbeiten aber trotzdem weiter an dem Material.

Wiebke:
Solange, bis sich endlich eine Plattenfirma gefunden hat? Himmel, ihr seid doch solche Perfektionisten! Das wird dann wohl noch ewig so weiter gehen?!

V'Gandr:
Ich hoffe nicht. Im Prinzip ist ja jetzt wirklich alles fertig, es fehlen nur noch die Drums. Lars und ich basteln täglich stundenlang in seinem "Homestudio" am PC. Aufgenommen und gemixt wird das Ganze dann wie gehabt in der Grieghalle zusammen mit unserem langjährigen Produzent und Freund Pytten. Im Moment gibt es aber noch ein weiteres Problem: Wir haben keinen Proberaum. In unserem bisherigen stand dann irgendwann das Wasser knöchelhoch am Boden. Der Vermieter wollte sich aber nicht darum kümmern. Wir haben dann einfach jegliche weitere Mietzahlung verweigert. Nach drei Wochen wurden wir dafür rausgeschmissen. Nun stehen wir ohne Proberaum da und in Bergen ist es zur Zeit sehr schwer einen neuen zu finden. Es gibt hier einfach zu viele Bands.

Wiebke:
Habt ihr denn keine Hütte irgendwo außerhalb der Stadt, wo man in aller Abgeschiedenheit Musik machen könnte?

V'Gandr:
Nein! Außerdem wollen wir keinen Platz zum Proben, der weiter als fünfzehn Minuten von unserem Wohnort entfernt liegt. Wir möchten unbedingt in der Stadt bleiben. Diesbezüglich sind wir sehr bequemlich.

Wiebke:
Nicht aber, wenn es um das Musikmachen an sich geht. Du bist ja mindestens 24 Stunden am Tag damit beschäftigt. Nebenbei hast du ja noch eine weitere Band am Start: DEATHCON. Die erste Promo "Zerohuman" hat schon sehr gute Reaktionen bekommen und wird jetzt sogar als CD und LP erscheinen. Wie würdest du eigentlich eure Musik und auch die von HELHEIM charakterisieren?

V'Gandr:
Also DEATHCON kann man nur unter Extreme Metal einordnen, weil da quasi alle Formen des Metal in sehr extremer Form einfließen. Bei HELHEIM verhält es sich so: Es ist eigentlich auch eine Mischung aus Black, Death, Thrash und Heavy Metal. Früher wurde unsere Musik ja als North Metal bezeichnet. Aber das trifft es nun auch nicht so gut, es gibt ja die unterschiedlichsten Bands in Nordeuropa, auch wenn die nordische Mythologie nach wie vor eine wichtige Rolle in unserer Musik spielt. Am Ende ist es auch Extreme Metal.

Wiebke:
Es gibt ja viele Kritiker, vor allem in der Black-Metal-Szene, die sich durch diese Veränderung in der Musik ursprünglicher Black-Metal-Bands verraten fühlen. Zum Beispiel habe ich mich neulich mit einem Fan unterhalten, der die alten HELHEIM-Scheiben wegen ihrer Rauheit, Aggressivität und Atmosphäre geliebt hat. Er empfindet die Eingriffe durch euren Tastenmeister H'Grimnir als echte Zerstörung der Musik. Ihm fehlt einfach das Feeling in der neuen Musik, sie lässt ihn kalt. Wird denn das neue Album den Stil von "Yersinia Pestis" fortführen?

V'Gandr:
Sicher, es gibt immer Menschen, die unsere neuen Sachen nicht mögen werden, aber das stört uns nicht. Da muss jeder für sich selbst entscheiden. Wir streben letztlich nur nach Weiterentwicklung auf jeder Ebene und machen das, was unserem Gefühl nach das Richtige ist.

Wiebke:
Ich mochte "Yersinia Pestis" sehr, weil es so ruhelos und treibend ist. Es ist der perfekte Soundtrack um auf dem Highway mal richtig Gas zu geben und einfach nur endlos durchzurasen. Ein Song hat mir besonders gut gefallen und zwar 'Warlot'. Das ist eine echte Hymne! Wird es etwas Derartiges auf dem neuen Album geben?

V'Gandr:
'Warlot' ist ein sehr alter Song, den wir irgendwann im Jahr 2000 geschrieben haben. Er ist eigentlich ziemlich simpel, aber er wirkt für sich. Allerdings wird es auf der neuen Scheibe kein solches Stück geben. Insgesamt wird sie noch viel extremer und verrückter als "Yersinia Pestis" sein. Außerdem gibt es noch eine Neuerung. Ein befreundeter Sänger wird ein paar klare Gesangslinien auf drei neuen Songs besteuern. Seine Name ist Marius und er singt eigentlich in der norwegischen Pop-Band CORVINE. Er macht seine Sache sehr gut, sein Gesang ist sehr eigenartig, wirklich etwas ganz anderes. Er passt perfekt zu unserer Musik.

Wiebke:
Worum wird es denn im Groben auf dem neuen Werk gehen? Werdet ihr wieder mit Zahlenmystik spielen? Wird z.B. die "9" eine Rolle spielen?

V'Gandr:
Es gibt einen Song mit dem Titel "13 To The Parished". Außerdem werden es insgesamt dreizehn Stücke sein. Die Zahl 13 spielt also dieses Mal eine wichtige Rolle, 13 wie 13 Pferde, die von der hiesigen Welt nach Valhalla reiten... (Lacht) Die Neun wird dafür im Zentrum der neuen AETERNUS-Scheibe stehen. Sie ist gerade im Fertigstellungsprozess.

Wiebke:
Schön zu hören! Aber jetzt will ich mit dir doch erst mal über das neue HELHEIM-Album sprechen. Ich habe gehört, dass du dich dafür mit dem Thema Tod in allen seinen Perspektiven beschäftigt hast. Kannst du bitte kurz das Konzept beschreiben?

V'Gandr:
Der Titel ist "The Journeys And The Experiences Of Death". Mich fasziniert das Thema sehr. Bei meinen Recherchen stieß ich auf ein Buch, dass mich besonders gefesselt hat. Daraus wählte ich ein Kapitel aus, welches sich mit allen Aspekten des Todes beschäftigt. Das war die Grundlage für meine Texte. Ich habe jetzt bald zwei Jahre lang an ihnen geschrieben. Meine Lyrik bildet seit jeher die Essenz aus meinen literarischen Studien. Ich habe ja einmal nordische Sprachen studiert. Allerdings musste ich mich dann zwischen der Musik und dem Studium entscheiden und ich habe die Musik gewählt. Die geht über alles. An erster Stelle steht immer meine Vision, bestimmte Bilder und Ideen, dann fallen mir langsam Melodien dazu ein. Derweilen bastelt der Rest der Band natürlich auch immer an neuem Material. Zwischendurch wähle ich dann das aus, was zu meinen Ideen passt und so wächst die ganze Sache langsam zusammen.

Wiebke:
Erzählst du wieder Geschichten bzw. sind sie wieder in der Ich-Perspektive geschrieben? Erzähl mir doch mal etwas genauer, wovon die einzelnen Songs handeln werden.

V'Gandr:
Nein, meine Texte sind zwar immer sehr persönlich, aber dieses Mal gibt es nur einen Erzähler. Ein Song heißt 'Oaken Dragon'. Darin geht es um eine Beerdigung zur See. Man blickt auf einen toten Menschen, der in einem Schiff aus Eichenholz über das Wasser getragen wird. Am Bug des Bootes ist ein Drachenkopf, der den Weg nach Valhalla weist. Der Tod nahm in der nordischen Mythologie eine wichtige Position ein, es gab viele Kulte darum und es herrschte der Glaube an die Wiederkehr in Valhalla. Dorthin gab es verschiedene Transportmittel und Begleiter, z. B. Pferde wie in dem Song 'Ride' und Hunde, welche geopfert wurden. Auch Ehefrauen konnte sich frei dazu entscheiden ihrem Gatten in den Tod zu folgen. Ihnen oblag dafür das Recht an der Nacht vor der Beerdigung ihr Lager mit jedem Mann zu teilen, der ihnen gefiel. Darum geht es in 'The Thrall And The Master'. Dagegen handelt 'Veneration For The Dead' von einem sehr grausamen König, der nicht sterben und durch niemanden getötet werden konnte. Er ersteht immer wieder auf's Neue von den Toten auf. Erst als er sich selbst umbringt, findet der Ort, in dem er wütete, Frieden. Wir haben den Song letztes Jahr schon einmal im "Garage" vorgestellt und dem Publikum hat er sehr gefallen.

Wiebke:
Dann werden die neuen Stücke wohl Bilder sprechen. Man wird sich sicher darauf freuen können sich in die einzelnen Perspektiven hineinzuversetzen und die Songs mitzuerleben. Wann wird es euch denn mal wieder live zu sehen geben?

V'Gandr:
Nun ja, wir würden ja wahnsinnig gern auf Tour gehen, vor allem in Deutschland. Pille hat uns sogar eingeladen beim "Fucking Christmas" im Knaack in Berlin zu spielen, aber leider ist unser Gitarrist aus familiären Gründen verhindert. Wir sind wirklich heiß darauf endlich wieder aufzutreten, aber solange wir keine neue Plattenfirma gefunden haben, wird das wohl nichts.

Wiebke:
Warum sucht ihr euch nicht ein norwegisches Label wie z.B. Dark Essence?

V'Gandr:
Dark Essence gehört ja mir und Martin Kvam. Nun, als letzte Lösung wird das Album dort veröffentlicht. Aber eigentlich möchte ich keine eigenen Bands auf unserem Label haben. Es ist ja auch noch nicht besonders groß und wir suchen schon erst mal nach einer größeren Plattenfirma. Also müssen wir noch weiter warten. Immerhin gibt es inzwischen eine gute Neuigkeit. Die HELHEIM-Scheiben "Av Norrøn Ætt" und "Nidr Ok Nodr Liggr Helvegr" erscheinen als Re-Release demnächst bei Perverted Taste auf CD und LP. Sie werden erstmals englische Übersetzungen zu den nordischen Texten enthalten.

Wiebke:
Na wenigstens etwas um sich die Wartezeit zu verkürzen. Wann auch immer es so weit sein wird, die nächste HELHEIM wird alle Erwartungen in den Schatten stellen. Das Material, was es bisher aus dem eigenen Studio zu hören gab, spricht jedenfalls stark dafür. Ørjan, ich danke dir für das Interview und wünsche euch viel Durchhaltevermögen!

V'Gandr:
Ich danke dir ebenso! Wir werden nicht aufgeben, dafür haben wir einfach schon zuviel durchgemacht.

Redakteur:
Wiebke Rost

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