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HOLY DRAGONS: Interview mit Jurgen Thunderson & Chris Caine

11.09.2005 | 22:48

Auch in Zentralasien gibt es Metal, und zwar klassischen Power/Speed Metal der gehobenen Klasse. HOLY DRAGONS aus der kasachischen Hauptstadt Almaty haben im europäischen Underground bereits den einen oder anderen Fan gefunden und sind nun mit ihrem Label Metalism darauf aus, den hiesigen Markt zu knacken. Das sollte ihnen mit dem sehr starken neuen Album "Wolves Of Odin" durchaus gelingen, und so war es definitiv an der Zeit die Band auch mit einem Interview bei POWERMETAL.de zu präsentieren. Da wir selten das Vergnügen haben, mit einer Band aus dieser Region der Erde zu sprechen, behandelt dieses Interview neben dem musikalischen Aspekt auch eine Menge geopolitischer Themen und Fragen zu den gesellschaftlichen Entwicklungen in den östlichen Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Die beiden Gitarristen Jurgen Thunderson und Chris Caine hatten dazu eine ganze Menge zu erzählen...


Rüdiger:
Vorher kannte ich nur einige Hörproben von eurer Homepage, aber euer neues Album "Wolves of Odin" ist das erste, das unsere Redaktion erreicht hat, und ich muss sagen, dass es mir wirklich gut gefällt. Wie zufrieden seid ihr selbst mit dem Resultat, und wie seht ihr es im Vergleich zu den älteren Scheiben?

Jurgen:
Offen gesagt, mir gefällt das Ergebnis. Das Album ist sehr schnell, technisch stark und kraftvoll geworden. Außerdem konnte ich einige meiner Ideen bezüglich des Gesamtsounds verwirklichen. Zum Beispiel ist der Gesang nicht ganz so laut wie man es heute gewohnt ist. Das Schlagzeug ist etwas gedämpfter und die Bassgitarre sehr klangvoll und deutlich. Man kann sie mitsamt allen Details klar heraushören und das war sehr wichtig für dieses Album. Im allgemeinen wollten wir den Sound stark an dem Stil der späten Achtziger anlehnen und ich denke, das ist uns gut gelungen.

Chris:
Nun, ich mag das Resultat auch sehr gerne. Weißt du, es ist immer sehr interessant zu sehen, wie sich ein Album durch die verschiedenen Produktionsphasen hindurch verändert, bis schließlich das Endergebnis vorliegt. Zunächst hat man ein Skelett, bzw. nur die Knochen: Melodien und Ideen. Dann kommen die Muskeln, die Arrangements jedes Stückes und zuletzt die Haut, also die Texte. Was "Wolves of Odin" angeht, ist das Resultat sehr eindrucksvoll. Wir konnten alles umsetzen, was uns vorschwebte. Wenn wir es mit den Vorgängern vergleichen, dann ist das neue Album viel schneller und technisch anspruchsvoller. Außerdem hat es ein geschlossenes Konzept, welches das ganze Album umfasst. Der skandinavische Geist der alten nordischen Legenden in Verbindung mit der philosophischen Reflexion im Bezug zur Gegenwart und den Geschehnissen der heutigen Welt aus dem Blickwinkel dieser alten Sagen.

Rüdiger:
Wenn ich mich recht entsinne, ist "Wolves Of Odin" schon euer siebtes Album. Ihr seid also schon sehr lange aktiv und dennoch liegt für die meisten unserer Leser eure Bandgeschichte wohl eher im Dunkeln...
Wo liegen eure Anfänge und wie war es mit den Aufnahmen zu eurem Debüt?

Jurgen:
Richtig, es ist unser siebtes vollständiges Album. Unsere Band entstand offiziell 1997, als wir endlich unser erstes vollständiges Line-Up beisammen hatten und das zugehörige Album aufnahmen. Wir fingen aber bereits 1995 an, unter dem Namen HOLY DRAGONS unser erstes Demo "Halloween Night" aufzunehmen, das sechs bis sieben Songs enthielt, die wir später auf "Dragon Steel" ausgearbeitet haben. Wenn wir noch weiter zurückgehen, dann kann man schon seit 1992 von einem Prototypen von HOLY DRAGONS reden, der damals unter dem Namen AXCESS unterwegs war. Damals traf ich Holger, der zwei Jahre lang für AXCESS sang und auch viele Songs schrieb, die im Endeffekt auf "House Of The Winds" und "Judgement Day" landeten. Aber AXCESS war eher eine Hard-Rock-Band im Stile von BLACK SABBATH oder DEEP PURPLE. Es war mein Projekt und der Name stand für mich in Verbindung mit vielen Fehlschlägen, so dass ich mich beim Auseinanderbrechen des letzten Line-Ups entschied, eine neue Band mit neuem Namen zu gründen. "Dragon Steel" wurde im lokalen Family-Studio aufgenommen. Es war ein billiges, schlecht ausgestattetes Studio, aber es ist uns gelungen ein Resultat zu erzielen, das uns damals als ziemlicher Erfolg erschien. Auch heute denke ich, dass wir uns dessen nicht zu schämen brauchen. Wir haben es in 28 Stunden eingespielt.

Rüdiger:
Hattet ihr über die Jahre viele Besetzungswechsel?

Jurgen:
In der Tat. Permanente Line-Up-Wechsel sind eines der größten Probleme von HOLY DRAGONS. Im Studio sind normalerweise drei Leute, Chris, unser Sänger (zunächst Dan, nun Holger) und ich. Ich muss nicht nur als Gitarrist, sondern auch als Basser und Schlagzeuger arbeiten. Das ist für mich natürlich viel anstrengender als für einen echten Drummer, aber wir haben leider keine wirkliche Alternative. Die ganzen Leute, die wir angetestet haben, konnten entweder den technischen Anforderungen nicht gerecht werden, oder hatten keine Lust, sich mit der Band weiter zu entwickeln oder genug Zeit für die Arbeit mit der Band zu verschwenden. Das hat zu vielen Problemen geführt. Zuletzt arbeiteten wir mit Session-Drummer und -Bassist für die Konzerte, aber ich glaube nicht, dass dies ein Ausweg ist. Also suchen wir weiter nach vollwertigen Mitgliedern, die den technischen Anforderungen gerecht werden und sich richtig in die Band einbringen.

Rüdiger:
Ihr habt keinen Keyboarder und scheint darauf auch stolz zu sein. Wieso gehört ein Keyboard eurer Meinung nach nicht zum richtigen Metal? DIOs 'Rainbow In The Dark' ist doch auch Metal, oder?

Jurgen:
Es gibt heute zu viele Metalbands, die so viel Keyboards benutzen, dass dies das Fehlen von Keyboards in unserer Band locker kompensiert. (lacht) Wenn du dir solche Bands anhörst und dann zwei Minuten lang nur Keyboards zu hören sind, dann finde ich das einfach enttäuschend. Wenn ich mir so viel Keyboard geben will, dann kauf ich mir lieber eine CD von AQUA, hehe. Anfangs waren Keyboards gedacht um Atmosphäre und Epik einzubringen, doch irgendwann wurde das alles zu viel... nur noch Synthesizer! Ich mag es wie viele Progbands das Keyboard einsetzen, ich mag auch die elektrische Orgel von Jon Lord, die Keyboards auf dem neuesten Album von MASTERPLAN, das Piano bei VIRGIN STEELE, MANOWAR oder SAVATAGE. Auch bei DIOs Band sind die Keyboards super! Aber ich mag es nicht, wenn Bands, die Metal spielen, weich und sanft klingen wollen und sich wie ein Chamäleon verhalten.

Wir blasen zum Gegenangriff gegen diese Art von Heavy Metal. Ich will kein Trademark aus der Abwesenheit von Keyboards machen und das zur kommerziellen Devise ausrufen. Dass wir den "No Keyboards"-Sticker auf der Rückseite des Albums haben, war einfach eine emotionale Entscheidung als Antwort auf den Keyboard Metal. Wir haben das bei einer anderen Band gesehen und es hat uns sehr gut gefallen. Aber auf dem nächsten Album, für das wir bereits die Instrumente eingespielt haben und nun die Gesangsspuren aufnehmen, wird es ein paar Keyboard-Sounds geben. Damit uns niemand vorwerfen kann, dass wir mit dem Slogan nur posen würden. Diese Keyboards werden aber eher für atmosphärische Effekte genutzt werden, wie zum Beispiel die E-Orgel mit dem Overdrive-Effekt über 16 Takte. Live werden wir die Keyboardparts mit Hilfe eines Gitarrensynthesizers spielen, der auf dem Album auch einige Passagen übernimmt. Aber allgemein werden auch auf jenem Album nur sehr wenige Keys zu hören sein, und meist auch nur als Effekt, nicht als Grundstein der Musik, was leider bei vielen Bands an der Tagesordnung ist.

Rüdiger:
Hattet ihr niemals Keyboards, oder ist das eine neuere Entscheidung, sie wegzulassen?

Jurgen:
Auf "Dragon Steel" hatten wir Keyboards, aber nur wenige. Als 1999 unser Keyboarder die Band verließ, gingen wir in eine härtere Richtung und beschlossen, das Instrument rauszunehmen, obwohl auf einigen Songs der "Judgement Day" noch diverse Keyboards in den Intros auftauchen.

Rüdiger:
Seit 2002 und dem Album "Judgement Day" steht ihr bei Metalism unter Vertrag. Seither erschienen dort vier weitere Alben, "Wolki Odina" ist das insgesamt fünfte. Ihr scheint zufrieden mit der Arbeit des Labels.

Jurgen:
Ich arbeite gerne mit Metalism Records. Es ist uns gelungen die negativen Momente auszublenden, denen sich viele Bands ausgesetzt sehen. Bevor wir bei Metalism unterschrieben, wären wir fast von einem amerikanischen Label gesignt worden. Die wollten sich aber in die musikalischen Belange der Band einmischen, ohne auch nur einen Cent in uns oder den Vertrag investiert zu haben. Also haben sie sich ein entschiedenes "NEIN!" eingefangen. Im Gegensatz dazu zeigen Metalism Records viel Verständnis für uns, und ich würde ohne Übertreibung jeder anderen Band ein solch gutes Verhältnis zu ihrem Label wünschen.

Rüdiger:
Es scheint sich ja auch um eines der aktivsten Label der ehemaligen Sowjetunion zu handeln. Wie ist denn allgemein die Labelstruktur in den GUS-Staaten?

Jurgen:
Momentan ist es sogar vielleicht das einzige Label der GUS, das seine Band wirklich unterstützt. Es ist kein reiches Label und bisher kann es sich vieles nicht leisten, was für westeuropäische Labels verfügbar ist. Zum Beispiel ausgedehnte Promotouren, aber im Gegensatz zur GUS-internen Konkurrenz hat Metalism eine sehr aktive Promoabteilung und verteilt auch viele Promos etc. Die anderen GUS-Label zeigen mit wenigen Ausnahmen kaum Interesse an Promoarbeit für lokale Metalbands. Sie kümmern sich nur um die Verkaufszahlen der bekannten ausländischen Spitzenbands, von denen sie Lizenzpressungen verkaufen oder sie beschäftigen sich mit weiter verbreiteter Popmusik. Ein Album das komplett fertig gemastert und designt ist, kann durchaus mal ein ganzes Jahr auf Halde versauern, während die große Firma damit beschäftigt ist einige Wagenladungen mit den CDs irgend eines angesagten Pop-Freaks zu verschiffen. Die Metal-CD wandert dann direkt in Resteverkauf.
Im Wesentlichen ist das klassische GUS-Label eine Firma, die vorwiegend ausländische Künstler für den einheimischen Markt auflegt und lokale Popstars fördert. Weil bei den CDs dann kein Zoll und geringere Arbeits-, Produktions- und Vertriebskosten anfallen, sind sie billiger als die Importware. Die Bands oder ihr Management müssen meist selbst für die Promotion sorgen. Ich arbeite gerne mit Metalism, weil dieses Label versucht sich in eine Richtung zu entwickeln, die weniger in Lizenzpressungen als in die Promotion der eigenen Bands investiert und dafür auch richtig arbeitet, wie es die meisten westeuropäischen Labels tun.

Rüdiger:
Es gibt aber nur wenige Bands aus eurer Region, die einen Vertrag bei einem ausländischen Label haben. Woran liegt das? Interessieren sich die westeuropäischen oder amerikanischen Labels nicht für eure Szene, oder arbeitet ihr selbst einfach lieber mit russischen Labels?

Jurgen:
Ehrlich gesagt trifft beides zu. In erster Linie hat es finanzielle Gründe. Es ist so, dass es für Labels nicht besonders ertragreich ist mit Bands aus unserer Region zu arbeiten, weil die Transportkosten zu hoch sind, um Promotouren und dergleichen durchzuführen. Das würde dann so viel kosten wie für deren Top-Acts. Natürlich ist es unter diesen Umständen leichter mit einer geographisch verfügbareren Band zu arbeiten. Außerdem: Europäische Bands kommen auch selten zu uns. Vor allem aus diesen Gründen senden die Bands ihre Demos vor allem an russische Labels - und natürlich an G.U.N., Noise und BMG (lacht). Wenn dann von denen keine Antwort kommt, dann machen die Bands den Vertrieb eben selbst.

Rüdiger:
Kann ein russisches Label genug Unterstützung bieten, um einer Band zum internationalen Durchbruch zu verhelfen? Es gibt ja oft Vertriebsprobleme.

Jurgen:
Hier hängt alles mit der Perspektive zusammen, wie viele Scheiben man vor allem in europäischen Läden verkaufen kann. In der russischen Szene gibt es wenig Zirkulation. Die Verkäufe sind meist geographisch sehr limitiert. Außerdem gibt es viele Probleme mit dem Kampf gegen die Piraterie, die den legalen Händlern und Musikern das Leben oft sehr schwer macht. In den entlegenen Regionen kommen die Piraten meist mit ihren Machenschaften durch, so dass es sehr schwer ist einen ordentlichen Vertrieb auf die Beine zu stellen. Nicht nur in Europa (wegen der bürokratischen Hürden), sondern auch hier außerhalb einiger großer Städte. Darüber hinaus stürzen sich die Provinzläden auch lieber gierig auf den Massenvertrieb von Popmusik oder sie arbeiten sogar mit den Piraten zusammen. So haben viele kein großes Programm, sondern befriedigen nur die Nachfrage nach Produkten von Popcorn Music und Soyz Music oder sie kooperieren mit SPV, allerdings nur nach dem Einbahnstraßenprinzip. Soyz vertreibt die Produkte von SPV, aber nicht umgekehrt.
Wenn unsere Labels es schaffen Verträge zu schließen, die einen regulären und vollständigen Vertrieb von russischen CDs im Ausland gewährleistet, so dass unsere CDs weltweit erhältlich sind, dann bekommen die Musiker die Möglichkeit bessere Instrumente zu kaufen und demzufolge auch qualitativ höherwertige Produkte zu liefern, sowie in Europa auf Tour zu gehen. Der Hörer soll entscheiden, was gut ist und was nicht. Dann sind beide Seiten Gewinner: Die Labels und die Musiker und vor allem - und das ist das wichtigste - die Headbanger! Einfach weil die Musik abwechslungsreicher wird. Wahrscheinlich wird die Durchmischung der Kulturen und Traditionen dem Metal einige neue Trends bescheren. Das ist alles sehr interessant und kann im Endeffekt nur den Pop-Leuten schaden, weil neue Musiker ihnen ihren Anteil am Kuchen streitig machen werden. Wirklich bekannte Bands werden davon keinen Schaden nehmen. Wenn ich immer schon IRON MAIDEN gehört habe, werde ich mir die auch weiter anhören und ihre CDs kaufen, auch wenn andere Bands dazukommen, die ich auch mag.

Rüdiger:
Wir reden immer über Russland, aber ihr seid ja aus Almaty in Kasachstan. Wie sieht's dort so aus mit der Metalszene?

Jurgen:
Ja, hier existiert schon eine Metalszene, aber die ist irgendwie eigenartig. Erstens ist eigentlich alles Underground. Bands, die ihr Material auch im Ausland verkaufen können, kann man an einer Hand abzählen. Zweitens orientieren sich fast alle aktiven Bands an kommerziellem amerikanischem Nu Metal oder an brutalen Stilrichtungen. Bei uns in der Stadt allein gibt es etwa 30-40 aktive Bands, aber wenn du mich fragst, wen ich davon empfehlen kann, dann komme ich meistens in Verlegenheit. Wir haben eine Band namens NEFORNAT, die gemäßigten Death Metal der alten Schule spielt. Dann haben wir brutale Bands, die keinen wirklichen metallischen Hintergrund haben. Fragst du mich nach Heavy und Prog Metal, nach Power, Speed oder Thrash? Dann kann ich nur die Augen schließen. Wir hatten in den Achtzigern viele Hard-Rock- und Prog-Bands und die hatten alle ein sehr hohes Niveau. TRIUMVIRAT, FORPOST, VIST, TERMINAL, 13, FEDERATION, ich kann noch weitermachen... Aber so um 1994-1995 haben die sich alle aufgelöst. Der Grund dafür war, dass das finanzielle System der ehemaligen UdSSR zusammengebrochen ist und mit ihm auch die Infrastruktur der Rockclubs. Die neuen Herren sahen keinen Profit im Veranstalten von Livekonzerten und dem Anschaffen teurer Ausstattungen und gaben der Pop-Musik aus der Konserve den Vorzug. Die Bands hatten keine Gelegenheit mehr zum Proben und konnten auch keine Konzerte mehr geben. Sie waren es nicht gewohnt in Kellern oder Proberäumen zu üben und vom eigenen Geld Ausrüstung zu kaufen und so haben sie diese Phase nicht überlebt.

Rüdiger:
Ihr kommt ja alle aus Kasachstan, seht aber nicht gerade wie Kasachen aus. Gehört ihr alle zur russischen (europäisch-slawischen) Bevölkerungsgruppe?

Chris:
Richtig! Wir sind keine Kasachen, aber ich bin auch kein reinrassiger Russe: Ich habe polnische, ukrainische und russische Wurzeln.

Jurgen:
Ja, das stimmt! Wir leben in einem sehr multinationalen Land. Hier ist alles so sehr durchmischt, dass es manchmal schwer ist zu sagen, wer zu welcher Nationalität gehört. Ich selbst bin zur Hälfte deutsch und habe auch ein wenig griechisches, ukrainisches und russisches Blut in meinen Adern. Die deutsche Gemeinde in Kasachstan ist übrigens sehr groß, obwohl ein großer Teil davon nach Deutschland ausgewandert ist. Die Großmutter unseres Sängers war Zigeunerin und das spürt man in seiner Persönlichkeit. Die Mitglieder von HOLY DRAGONS sind zwar alle europäisch-slawischer Abstammung, aber das heißt nicht, dass wir Rassisten wären. Ganz im Gegenteil! Im ersten Line-Up von AXCESS waren alle außer mir Kasachen. Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass für Angehörige orientalischer Völker Familienwerte, Kinder und Karriere, um für die Familie zu sorgen, sehr wichtig sind. Es ist für sie wichtiger ein geregeltes Familien- und Berufsleben zu führen als sich der Musik, oder Heavy Metal im Speziellen, zu widmen.

Rüdiger:
Wie fühlt es sich für euch als Nicht-Kasachen an, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in einem unabhängigen Kasachstan zu leben? Gibt es ethnische oder religiöse Spannungen zwischen Russen und der kasachischen Stammbevölkerung? Seid ihr voll integriert, oder hat die neue kasachische Gesellschaft Vorbehalte gegen die "früheren Kolonialherren"?

Jurgen:
Es gibt keine großen Probleme. Wir sind hier nicht im Baltikum oder der Ukraine. Es gibt ein paar interessante Auffälligkeiten. Die erste ist religiöser Art. Wir hatten nie einen kämpferischen Islam oder religiöse Fanatiker. Unser Land ist religiös sehr tolerant. Unsere Moslems haben zwar ihre religiösen Feiertage und Traditionen, aber niemand bedrängt andere damit. Wenn du auf der Straße eine Frau triffst, die ein Hidzhab - eine spezielle muslimische Kleidung - trägt, oder einen Mann in traditionellem muslimischem Gewand, kannst du dir zu 95% sicher sein, dass es sich um einen Ausländer handelt. Die Chancen solche Leute in London oder Paris zu treffen ist viel höher als hier. Der Glauben ist hier in uns und äußerliche, demonstrative Attribute tragen nur Fanatiker und ungebildete Leute.
Die zweite Sache ist, dass wir viele ethnisch gemischte Familien haben. Ich habe viele Bekannte, denen man nicht ansehen kann, zu welcher Nationalität sie gehören, die sind bereits gemischt-nationaler Abstammung.

Das dritte Element ist die russische Sprache. Sie ist und wird wohl auch in näherer Zukunft die "professionelle Sprache" bleiben. Ich werde das näher erklären: Wenn jemand im Beruf das Alltägliche verlässt und sich Informationen von außen beschaffen muss, braucht er viele Quellen um seine Qualifikation zu verbessern. Die findet man in Büchern oder im Internet, aber es gibt nur wenige wissenschaftliche Publikationen in kasachischer Sprache, die dann meist veraltet sind oder Fehler enthalten. Demgegenüber gibt es viele Übersetzungen von wissenschaftlicher und technischer Literatur ins Russische. Das gilt auch für das Internet. Es gibt Seiten in kasachischer Sprache, aber die enthalten kaum verwertbare Informationen. Wenn also jemand beruflich etwas erreichen will, dann muss er fließend Russisch und vorzugsweise auch Englisch und andere europäische Sprachen sprechen. Deshalb schicken viele Kasachen ihre Kinder gerne in russische Schulen und behalten Kasachisch nur als Sprache für zu Hause. Es gibt aber nun Maßnahmen zur Popularisierung des Kasachischen, die aber noch nicht wirklich greifen.

Es kommt ganz selten auch zu kleine Zwischenfällen, die sich aber meist als Streitereien zwischen Nachbarn entpuppen. Meistens zwischen der Landbevölkerung mit niedrigem Bildungsstand und wenig Kultur. Aber meistens ist der Grund für solche Konflikte zu viel Bier in Gemeinschaft, und die Tatsache, dass man die letzte Flasche davon nicht teilen kann, hehehe.

Chris:
Um ehrlich zu sein, ich vermisse die Sowjetunion noch immer, wie auch viele andere Leute unserer Generation. Sie war ein großartiges Land und es ist sehr schade, dass es sie nicht mehr gibt. Kasachstan ist wirklich ein sehr friedliches, multikulturelles und multiethnisches Land. Es gibt hier etwa 100 Völker, die alle friedlich zusammenleben.

Was das neue, unabhängige Kasachstan angeht, so gab es hier viele Reformen. Kasachstan versucht sich ökonomisch und politisch so gut wie möglich als gleichwertiges Mitglied in die Weltgemeinschaft zu integrieren. Zwischen Russen und Kasachen gibt es weder religiöse noch ethnische Konflikte und die Angehörigen der anderen Völker haben auch keine Ressentiments oder Missstimmungen untereinander.

Rüdiger:
Ihr müsst als Band sicher öfters mal euer Land verlassen, um für Konzerte oder aus geschäftlichen Gründen nach Russland zu fahren. Wie sieht es da heute mit der Grenzabfertigung aus?

Jurgen:
Früher musste man einen internationalen Reisepass haben, aber heute reicht der Personalausweis. Kein Visum, keine Zollerklärungen und auch keine anderen Dokumente sind nötig. Man kann die Grenze völlig frei passieren so oft man will. Es ist alles sehr einfach. Es gibt nur Zollkontrollen, um den Drogenhandel und die illegale Einwanderung aus China und aus muslimischen Ländern einzudämmen. Dummerweise gehen die traditionellen Drogenpfade aus Afghanistan nach Russland direkt durch Kasachstan und insofern ist diese Barriere durchaus berechtigt.

Rüdiger:
Ich habe von Bands aus Südafrika und Namibia gehört, dass die Metalszene dort fast nur aus Weißen besteht, während die Afrikaner nur selten zu Metalkonzerten kommen. Wie sieht's diesbezüglich mit den Asiaten und Moslems in Kasachstan aus?

Jurgen:
Nun, es gibt keine strikte Trennung in der Öffentlichkeit, aber es sind prozentual schon weniger Kasachen bei einem Metalkonzert. Aber ich kenne viele Kasachen, die Metal spiel(t)en oder einfach nur Headbanger sind. Die Ursache liegt vermutlich in der Familienstruktur, die ich bereits erwähnt habe.

Rüdiger:
Gibt's in euren Nachbarländern - die oft stärker islamisch geprägt sind - auch eine Metalszene?

Jurgen:
Ich kenne etwa ein Dutzend Bands aus Kirgisien und ich weiß auch, dass es noch einige Anfängerbands gibt. Die sind aber alle noch tief im Underground und gehen mehr in die brutalere Richtung wie Black oder Death Metal. Außerdem gibt es dort ein paar Pop-Rock-Bands.

Usbekistan war für mich etwa fünfzehn Jahre lang ein verschlossenes Land. Keiner wusste, was dort vor sich geht. Viele dachten sogar, dass es dort keine Anzeichen für eine normale Zivilgesellschaft mehr gäbe und dass alles, was man zu sehen bekam, nur dazu diente die Journalisten zu befriedigen. Man hatte den Eindruck jeder habe das Land schon lange verlassen und es gäbe dort nur noch islamische Fundamentalisten. Vor kurzem wurde dieser "eiserne Vorhang" ein wenig gelüftet, und man sah, dass sich trotz dieser allgemeinen Isolation des Landes noch viele der Menschen dort an europäischen kulturellen Werten orientieren und auch viele Bands noch versuchen Musik zu machen, auch Metal. Aber wegen der schlechten finanziellen Verhältnisse in der Bevölkerung kann sich die Mehrheit dieser Bands leider keine guten Aufnahmen leisten. Die Leute müssen noch mit alten Instrumenten spielen, die in der Sowjetunion oder der Tschechei hergestellt wurden und heute 20-30 Jahre alt sind. Das ist das Resultat dieser langjährigen Isolationspolitik.

Von Turkmenistan und Tadschikistan habe ich gehört, dass es dort auch einige Bands geben soll. Manche haben sogar CDs auf russischen Labels veröffentlicht. Aber es sieht so aus, als wäre es dort sehr schwierig für die Bands richtig zu arbeiten. In Tadschikistan wegen der schlechten Lebensbedingungen und in Turkmenistan wegen der politischen Umstände, die mich an Nordkorea erinnern.

Rüdiger:
Kennst du YAT-KHA aus Tuwa?

Jurgen:
Ich hab die ein paar mal live gesehen, aber das ist schon zehn Jahre her.

Rüdiger:
Doch nun genug von den geo-musikalischen Fragen und zurück zu eurem neuen Album. Es trägt den Titel "Wolki Odina" - "Die Wölfe Odins" - und die meisten der Texte beschäftigen sich mit nordisch-germanischer Mythologie. Was fasziniert euch an dem Thema? Hat es damit zu tun, dass die Wikinger den ersten russischen Staat gegründet haben?

Jurgen:
Heute gibt es in Russland, der Ukraine und in Weißrussland eine Menge Bands, die slawischen Pagan Metal spielen, der manchmal mit traditionellem Black Metal, seltener auch mit Power Metal vermischt ist. Vom normalen Pagan Metal unterscheidet er sich dadurch, dass sie viele alte slawische Melodien nutzen und sich einem anderen Götterpantheon widmen, das allerdings dem germanischen Pantheon sehr ähnlich ist. Mir liegt das Nordeuropäische einfach mehr, aber ich mag auch das slawische Heidentum. Das ist wohl "die Stimme des Blutes". Ich würde mich nicht zu den altgläubigen Heiden zählen, aber ich stehe dem nahe und ich mag es einfach. Auf dem Album, das wir gerade aufnehmen, widme ich mich dem Heidentum der Turkvölker, das ich auch sehr interessant finde. Das Thema der Götter der alten Griechen und Römer hingegen, dem sich viele nordamerikanische Bands widmen, fasziniert mich nicht so sehr.

Chris:
Nun, ich mochte die Geschichten der Wikinger und die skandinavisch-germanische Mythologie und Folklore immer schon sehr gerne. Sie üben eine Anziehung auf mich aus. Ich weiß nicht warum, vielleicht hab ich das auch im Blut? Wer weiß?

Rüdiger:
Bei 'The Light Of Fires' redet ihr von einem "großen steinernen Idol mit dem Gesicht eines französischen Mädchens, das die Welt mit seinen steinernen Füßen unterdrückt". Das dürfte wohl die Freiheitsstatue sein, nicht wahr? Ist das ein politisches Statement hinsichtlich des "Krieges gegen den Terror"?

Chris:
Du hast es erfasst! Wir haben mit diesem Song in der Tat die Freiheitsstatue gemeint. Aber es geht uns nicht nur um den Krieg gegen den Terror, den Herr Bush erklärt hat. Es betrifft die Rolle als "Weltpolizei", welche die USA versuchen zu spielen und dabei versuchen der ganzen Welt vorzuschreiben, wie sie zu leben hat. Die Macht des Dollars und seiner Diener, die Wall Street-Kassierer und die Tatsache, dass dies alles unsere Seelen zerstört. Was werden wir den kommenden Generationen hinterlassen? Nur die lodernden Flammen unserer Kriege, unserer religiösen und nationalen Konflikte?

Jurgen:
Das ist richtig. Es war sehr seltsam anzuschauen, wie in vielen Ländern, die sich demokratisch nennen, Tausende von Leuten mit Antikriegsplakaten auf der Straße standen, und die von ihnen gewählten Regierungen deren Meinung komplett ignorierten. Die Interessen internationaler Großkonzerne haben sie dabei aber nie aus den Augen verloren. Bush ist nur eine Marionette in den Händen der Wirtschaftsbosse und alles wurde so hingedreht, dass die amerikanische Kriegsmaschinerie am Ende für die Interessen einiger Privatleute kämpft. Wenn es keine Terroristen gäbe, dann müssten sie erfunden werden, um einigen Politikern all die Freiheiten zu geben, die sie haben wollen. Ich glaube wirklich, dass wir den Terrorismus besiegen müssen und ich halte auch Operationen für richtig, welche die Amerikaner gegen den Terrorismus richten, wie dies in Afghanistan geschehen ist. Aber wenn Regierungen unter dem Deckmantel der Demokratisierung den Willen des Volkes ignorieren, dann ist das nicht akzeptabel. Zu viele Opfer, zu viel Blut! Wenn die "Falken" jener Logik der Terrorismusbekämpfung folgen, dann müssten sie ja auch gewisse Bezirke in London, Paris oder Marseille bombardieren. Du verstehst mich schon richtig: Das wäre natürlich lächerlich! Das erinnert mich irgendwie and die alte Geschichte aus Texas, wo die guten Jungs den bösen Jungs immer eine Lektion erteilen, und die guten Jungs immer die mit den größeren Kanonen sind! (lacht)

Rüdiger:
Viele der Texte behandeln ja die Wikingerthematik einerseits und einen Fantasyaspekt andererseits, aber alles hat mit Kriegern und Helden, Schlachten, Mut und Ehre zu tun, sowie mit dem Stolz auf den Heavy Metal. Das ist gewissermaßen die "MANOWAR-Art". Mögt ihr das Klischee?

Chris:
Erstens gibt's nicht viele Songs in russischer Sprache, die wirklich dem Heavy Metal gewidmet sind und zweitens juckt es mich nicht, was die Kritiker sagen. Ich mag dieses Thema einfach und ich singe gerne über das was ich mag. Ob das den Kritikern passt oder nicht ist ihr Problem. Ja, MANOWAR haben damit angefangen und jeder hat das Recht, diese Tradition fortzuführen. Außerdem hören viele Metalheads gerne Songs über den Metal. Sie geben ihnen das Gefühl nicht allein zu sein und zu einer großen, ehrenhaften Gemeinschaft zu gehören. Das ist großartig!

Rüdiger:
Ihr benutzt schnelle, melodische Gitarren, aber ihr verzichtet bekanntermaßen auf die Keyboards und süßlichen Gesang in den höchsten Sphären. Holger singt sehr kraftvoll und aggressiv. Wollt ihr euch damit von den ganzen typischen europäischen Melodic/Power-Metal-Bands wie etwa RHAPSODY, STRATOVARIUS, FREEDOM CALL, SONATA ARCTICA oder EDGUY abgrenzen?

Jurgen:
Diese Bands sind einfach nicht mein Fall. Mir stehen GAMMA RAY zu "Land Of The Free"-Zeiten, die alten RAGE oder IRON SAVIOUR, JUDAS PRIEST mit "Painkiller" oder sagen wir Chris Impellitteri viel näher. Ich mag kraftvolle, aggressive Musik und ich stehe nicht besonders auf gebrochene Rhythmik, ehrlich gesagt mag ich das überhaupt nicht. Als RHAPSODY anfingen, hörte ich sie sehr gerne an, aber als Hunderte ihrer Klone auftauchten, hat das die Musik irgendwie zerstört. Gerade im GUS-Gebiet (besonders in Russland und der Ukraine) orientieren sich bedauerlicherweise die meisten Power-Metal-Bands and RHAPSODY und LABYRINTH. Lediglich die Veteranen wie ARIA oder andere Bands, die in Mitte der Achtziger gegründet wurden, spielen noch wirklichen Heavy Metal (manchmal auch mit Thrash-Einflüssen), aber keinen Power Metal im eigentlichen Sinn.

Rüdiger:
Was sind eure größten musikalischen Einflüsse seit eurer Jugend?

Jurgen:
Ich wurde stark von den alten Hard-Rock-Bands beeinflusst: DEEP PURPLE, LED ZEPPELIN, RAINBOW, BLACK SABBATH. Andere Einflüsse wie PINK FLOYD sind sicher schwer nachzuvollziehen, wenn man ein Album wie "Wolves Of Odin" gehört hat. Außerdem haben mich ANNIHILATOR, MEGADETH oder METAL CHURCH geprägt, doch mein größter persönlicher Einfluss ist alles, was mit IRON MAIDEN und Ritchie Blackmore zu tun hat. Blackmore hat mir als Gitarrist viel gegeben. Ich habe meinen Gitarrenstil durch das Spielen seiner Riffs und Soli entwickelt. Später waren es dann JUDAS PRIEST, MANOWAR, HELLOWEEN, GAMMA RAY und BLIND GUARDIAN und außerdem bin ich seit fast zwanzig Jahren DIO-Fan!

Rüdiger:
Woher kommen die russisch-folkloristischen Melodielinien, die öfters in eurer Musik auftauchen?

Jurgen:
Die folkloristischen Melodiebögen? Hmm, darüber hab ich nie wirklich nachgedacht. Ich höre viel Folkmusik, aber das ist meist Irish Folk wie Dave Spillian, oder Musiker die am Rande des Folk anzusiedeln sind, wie Mike Oldfield. Ich denke, wir haben das zum größten Teil von IRON MAIDEN. Mir ist da nämlich ein interessantes Detail aufgefallen: Auf "Killers" (ich bete dieses MAIDEN-Album einfach an!) gibt's ja den Song 'Ghengis Khan'. Nun, das ist eine typische Melodie aus der kasachischen Folklore. Ich weiß nur nicht, woher sie diese Melodie kannten. Ich finde es sehr schade, dass in all den Jahren, die ich jetzt mit Musikern hier verbracht habe, keine einzige kasachische Band etwas in dieser Art ausprobiert hat. Das sollten wir schnellstens verbessern. Auf dem neuen Album, für das wir gerade den Gesang aufnehmen, gibt es einen solchen Song. Wir haben allerdings auch keltische Melodien verwandt. Der Song wurde nach dem Namen des alten Turk-Gottes 'Tengry' benannt.

Rüdiger:
Wenn ich eure Musik so anhöre, dann fällt auf, dass ihr sicher auch sehr gerne traditionellen deutschen Metal hört...

Jurgen:
Das stimmt! Die Mehrheit unserer Lieblingsbands kommt aus Deutschland. Wenn wir ganz vorne anfangen, dann sind es natürlich die SCORPIONS. Eine Band, die hier in den GUS-Staaten immer populärer war als BON JOVI, GUNS'N'ROSES und KISS zusammen. Sie waren hier immer absolute Megastars und ich glaube immer noch, dass sie in den Siebzigern und Achtzigern großartige Alben gemacht haben, denen die moderne Power-Metal-Szene sehr viel verdankt. Außerdem sollten wir Ausnahmegitarristen wie Uli Jon Roth und Michael Schenker nicht vergessen. Wenn wir uns den härteren Stilen zuwenden, dann ist meine "Nummer 1" HELLOWEEN zu Hansen-Zeiten und natürlich GAMMA RAY. Ich mag zwar auch, was HELLOWEEN heute machen, aber Hansen-HELLOWEEN ist mir immer noch lieber. Dann kommen BLIND GUARDIAN, ihre alten Alben waren ein großer Einfluss für unsere Band, und dazu noch RAGE, SINNER, SCANNER, HEAVENS GATE. Außerdem höre ich auch gerne alten deutschen Art Rock wie ELOY, TANGERINE DREAM und andere Krautrocker wie AMON DÜÜL, CAN oder GURU GURU. Das sind zwar sehr alte Bands, aber sie sind immer noch sehr inspirierend. AXXIS höre ich auch manchmal sehr gerne, und natürlich muss ich auch Klassiker wie ACCEPT und RUNNING WILD nennen. Als Gitarrist mag ich natürlich vor allem Wolf Hoffmann. Zuletzt fallen mir noch IRON SAVIOUR, PRIMAL FEAR, PARAGON, WIZARD und natürlich MASTERPLAN ein, die meinen Player in diesem Monat blockiert haben. In Deutschland gibt es eine Unmenge metallisch korrekter Band und ich halte Deutschland für das Heavy-Metal-Königreich schlechthin, obwohl ich auch viele alte britische und amerikanische Bands und dazu neuere schwedische Truppen sehr mag. Die letzteren sind mir allerdings manchmal ein bisschen zu sehr überproduziert.

Rüdiger:
Wenn wir bei deutschen Metalbands und der früheren Sowjetunion sind, dann drängt sich natürlich die Frage nach U.D.O. und ACCEPT auf. Udo Dirkschneider scheint einer der wenigen westlichen "Stars" zu sein, dem seine Fans im Osten wirklich sehr viel bedeuten... Wie seht ihr Udo und seine Bands, sowie deren Verhältnis zum ost-eurasischen Raum?

Jurgen:
U.D.O. und ACCEPT waren hier immer Stars auf dem gleichen Level wie METALLICA, AC/DC, DEEP PURPLE und die SCORPIONS. Vor fünfzehn bis zwanzig Jahren zierten die Logos dieser Bands alle Zäune und Schulbänke. Sogar die artigsten Schüler (zu denen ich glücklicherweise nicht gehörte) malten sie auf die Umschläge ihrer Hefte. Heute sind es meistens Rap-Graffitis... Ich hab U.D.O. 1998 live hier in Almaty gesehen. Die größte Konzerthalle der Stadt war mit 5000 Leuten gerappelt voll. Großartiger Sound, toller Auftritt. Kurz vor U.D.O. hatten wir NAZARETH hier, und der Sound war fürchterlich. Hier denken immer noch viele Leute, dass deutscher Metal eben "U.D.O. und ein bisschen RUNNING WILD" ist. Die haben noch nie von HELLOWEEN gehört, was manchem sicher lächerlich erscheinen dürfte.

Rüdiger:
Wie sieht's bei euch auf dem Livesektor aus?

Jurgen:
Momentan spielen wir kaum Konzerte. Vor allem, weil wir gerade Line-Up-Probleme haben - kein Basser und kein Trommler - und außerdem auch aus finanziellen Gründen. Wir bekommen die ganze Zeit Angebote in verschiedenen Teilen der Welt zu spielen, aber wenn die Veranstalter mitkriegen wie teuer es ist, die Band herbeizuschaffen, dann verpufft all ihr Enthusiasmus. Wir lachen inzwischen darüber, dass wir eine sehr teure Band sind, die aber nichts davon hat. Um aufzutreten, müssten wir eine sehr bekannte Band werden, für welche die Booker gerne mal die Tickets zahlen würden.

Rüdiger:
Was habt ihr gerade für Zukunftspläne?

Chris:
Nun, aus genannten Gründen haben wir erstmal keine konkreten Tourpläne. Wenn wir die Schwierigkeiten jedoch überwinden sollten und jemand von einem Festival Interesse daran äußert, eine Band aus Zentralasien einzuladen, dann sind wir definitiv dabei.

Rüdiger:
Außerdem stehen noch zwei Wiederveröffentlichungen an. Zunächst eine neue Version von "Twilight of The Gods" mit neuem Cover und remastert. Wart ihr mit dem Original nicht zufrieden?

Jurgen:
Es ist so, dass die ersten beiden Pressungen von Metalism gemeinsam mit Soyz gemacht wurden. Soyz ist das größte GUS-Label und veröffentlicht viel Popmusik und vertreibt Lizenzpressungen westlicher Metalbands, hat aber kein Interesse daran mit den Metalbands zusammenzuarbeiten, außer mit jenen, die auf den Covers von Metal Hammer, Rock Hard und Kerrang stehen. Als die Erstauflage ausverkauft war, beschlossen wir, nicht mehr mit dieser tollpatschigen Industrie zu kooperieren und stiegen komplett auf Metalism um. Eins noch: Die ersten Auflagen wurden ziemlich hastig zusammengeschustert und wir waren mit dem Design unzufrieden. Da wir uns statt für eine Neuauflage für eine richtige Wiederveröffentlichung entschieden haben, wollten wir zusammen mit Metalism auch ein Remastering durchziehen. Der Sound wird sich nicht radikal verändern, also keine Sorge deswegen. Es wird nur noch ein bisschen angenehmer klingen.

Rüdiger:
Dann kommt auch eine Neuauflage eures Debüts "Dragon Steel", das bisher nur als Eigenpressung verfügbar war. Es wird allerdings englische Texte haben. Warum, wo doch alle eure anderen Scheiben auf Russisch gesungen werden?

Jurgen:
Das liegt an den Texten. Es ist schwierig zu erklären, wenn man kein Russisch versteht, aber ich versuch es mal. Wenn wir ein und den selben Satz auf Russisch und auf Englisch formulieren, dann ist die russische Variante ein wenig länger. Ursprünglich wurden die Texte auf Englisch verfasst und es waren meist kurze Sätze. Als wir die dann ins Russische übersetzten, mussten wir sie vereinfachen und so waren sie am Ende ziemlich primitiv. Bei "Thunder In The Night" und "House Of The Winds" ist es uns gelungen, die Texte zu übersetzen und so haben diese Alben etwas längere Formulierungen als "Dragon Steel", aber auch hier sind die russischen Texte etwas schwächer als die englischen. Nachdem wir viele Versionen ausprobiert haben, haben wir die Idee verworfen. Heute machen wir unsere zweisprachigen Songs günstigerweise zuerst auf Russisch, damit wir in der englischen Version genug Platz haben, unsere Gedanken zu entwickeln.

Rüdiger:
Die russischen Lyrics machen eure Band irgendwie speziell. Ich hoffe also nicht, dass ihr irgendwann mal komplett auf Englisch umsteigt.

Jurgen:
Nein, davor brauchst du keine Angst zu haben. Wir planen aber in Zukunft von jedem Album zwei Versionen zu machen: Eine englische und eine russische.

Rüdiger:
Oha, das könnte teuer werden... Das war's erstmal. Wollt ihr sonst noch was los werden?

Chris/Jurgen:_
Um die Sache zu krönen, wollen wir uns mit einem kleinen Zitat verabschieden:

"Feel the power of the steel - We will get the score - We were born to fight and win - This Glory War!"
(HOLY DRAGONs "Glory War" – "Thunder in the Night")

Stay Metal and all the best!

Redakteur:
Rüdiger Stehle

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