Im Rückspiegel: BLIND GUARDIAN (Teil IV: "The Forgotten Tales" - "Nightfall In Middle-Earth")

14.11.2019 | 08:51

So langsam war der Zenit überschritten.

Mein Kollege Jakob Schnapp hat mit "Tokyo Tales" und "Imaginations From The Other Side" die Ehre erhalten, über BLIND GUARDIAN auf dem Zenit des Schaffens zu berichten. Doch jeder Zenit wird auch mal überschritten. So geschehen auch bei BLIND GUARDIAN. Zuerst einmal: Auch nach 1995 gibt es nur ganz wenige Bands in Deutschland, die Metal-Alben auf dem Niveau von BLIND GUARDIAN veröffentlicht haben. Ich denke dabei an ATLANTEAN KODEX mit den letzten beiden Großwerken, die ersten beiden Metal-Opern von AVANTASIA, die ein oder andere überraschende HELLOWEEN-Großtat ("Better Than Raw" oder "7 Sinners"), die späten GAMMA RAY-Highlights ("No World Order" zum Beispiel) oder das ACCEPT-Comeback "Blood Of The Nations". Nur diese und ganz wenige andere Alben bewegen sich auf einem Niveau mit den Scheiben, die BLIND GUARDIAN nach der überragenden Form zwischen 1990 und 1995 veröffentlicht hat. Aber der Nimbus der Unantastbarkeit der besten deutschen Metal-Band ist halt verloren gegangen. Und hier werde ich darauf eingehen, wie und wann das passiert ist. Daher wird es hier auch keine Jubelarien wie in Jakobs letztem Text geben.

 

The Forgotten Tales (1996)

Die vergessenen Geschichten ("The Book Of Lost Tales" hätte den Krefeldern auch gut getan als Plattentitel...) sind eine Zusammenstellung verschiedener Titel auf 45 Minuten, die sich so (weitestgehend) nicht auf den normalen Alben finden. 'Mr. Sandman' ist ein Cover des CHORDETTES-Klassikers, den viele sicher im Original aus "Zurück in die Zukunft" kennen. Mir macht diese Version schon Spaß, aber wirklich zwingend ist sie nicht. Trotzdem werde ich mir die Single irgendwann ins Regal stellen, denn sie hat ein überragendes Marschall-Artwork. Das gilt natürlich auch für die normale CD, die sich stilistisch stark am Vorgänger orientiert.

Für mich als BEACH BOYS-Fan ist es klasse, dass es mit 'Surfin' USA' weitergeht. Überhaupt ist es eine der sympathischsten Seiten der Band, das sie sich nie bierernst nimmt. Das hat sie mit zwei anderen deutschen Titanen gemeinsam: HELLOWEEN und EDGUY. Die Double-Bass funktioniert hier auch gut, und der Song ist natürlich der Hammer.

Völlig genial ist die umarrangierte Version von 'Bright Eyes'. Diese akustische Variante kann emotional mit dem Zehn-Punkte-Original mithalten. Wer einen zwingenden Kaufgrund für diese Scheibe sucht, hat ihn hier sicher gefunden. Ich glaube, dass es nur ganz wenige so wertige umarrangierte oder wiederaufgenommene Versionen von Metal-Klassikern gibt wie diesen. Es folgt ein weiterer Klassiker - 'Lord Of The Rings' als Orchester-Version. Dass die Krefelder ein Faible für orchestralen Bombast haben, lässt sich ja nicht abstreiten, und wir freuen uns alle schon unheimlich auf ihren neuesten Release "Legacy Of The Dark Lands". Dieser frühe Versuch ist zwar ganz nett gemacht, klingt aber doch stark nach Heimkeyboard.

'The Wizard' stammt ursprünglich von Jakobs (also mein Mitautor) Faves URIAH HEEP. Hier finden wir den Song zuerst auf "Demons And Wizards". Dass dieses Album starken Einfluss auf BLIND GUARDIAN im Allgemeinen und Hansi Kürsch im Speziellen hatte, steht dabei außer Frage. Atmosphärisch sind sich die Bands auch unheimlich ähnlich; wer URIAH HEEP liebt, sollte auch BLIND GUARDIAN feiern, und umgekehrt. Das Gleiche könnte nebenbei bemerkt natürlich auch über MAGNUM gesagt werden. Das mystische Flair passt zu den Gardinen, die den Song auf eine starke Art adaptieren. Ihr großer Vorteil ist, dass sie mit Hansi den emotionalsten deutschen Metal-Sänger in ihren Reihen haben, der den Titel hier noch mal ordentlich aufwertet. Wie auch beim CHORDETTES-Cover handelt es sich hier um eine Single-B-Seite, und wie IRON MAIDEN in den achtziger Jahren zeigten die Jungs enormen Geschmack in der Auswahl von Cover-Versionen.

'Spread Your Wings' gab es dann als QUEEN-Cover schon auf "Somewhere Far Beyond". Auch QUEEN ist ein ständig-unüberhörbarer Einfluss für BLIND GUARDIAN. Das Cover ist gelungen und passt zur Band, ist aber auf der Compilation letztlich überflüssig, da man hier sonst nur eher rare B-Seiten und Neues hören kann - wie zum Beispiel die akustische Version von 'Mordred's Song'. Der unfassbar starke Song gewinnt in dieser Version noch mal interessante Facetten dazu. Aber mir fehlen ein Stück weit die hohen Schreie, die Hansi wie kein zweiter mit Brillanz vorträgt. Die orchestrale Version von 'Black Chamber' dagegen hätte ich nicht unbedingt gebraucht, wobei ich die mehrstimmigen Gesangsarrangements schon schön finde.

Live-Versionen von 'The Bard's Song' gibt es ja zur Genüge auf BLIND GUARDIAN-Veröffentlichungen. Diese Aufnahme stammt aus der Vorweihnachtszeit 1995 in Köln. Damals war der Song noch nicht in etlichen Versionen verfügbar (ich habe vier Live-Versionen des Titels, obwohl er bei den "Tokyo Tales" fehlt). Somit ist diese Aufnahme die älteste Live-Aufnahme, die ich kenne - und natürlich singen auch Mitte der Neunziger schon alle Fans alles mit. Machen wir uns nichts vor: Obwohl der Track völlig totgenudelt wurde, ist er wunderbar komponiert und arrangiert.

Was folgt? 'Barbara Ann / Long Tall Sally' in der gewohnten Doppel-Version. Kennt der geneigte Fan natürlich schon, aber trotzdem spricht die Auswahl für den Musikgeschmack der Jungs. Bei 'Long Tall Sally' habe ich sonst ja immer die Version der BEATLES in den Ohren, die auch schon eine sehr aggressive LITTLE RICHARD-Kopie abgegeben haben. Es folgt - völlig unnötig - die originale Version von 'A Past And Future Secret'. Wer würde sich eine solche Veröffentlichung kaufen, ohne die Originalalben zu besitzen?

Das Cover von 'To France' dagegen ist wirklich eine wunderbare Sache. Der MIKE OLDFIELD-Klassiker (der immerhin Platz 6 der deutschen Single-Charts erreicht hatte) passt wieder mal hervorragend zur Band. Ich finde das Gardinen-Cover sogar besser als das Original. Es folgt zum Abschluss die dritte Version von 'Theatre Of Pain', und diese klingt wirklich orchestral, ja, sie ist sogar eine Instrumental-Version.

Insgesamt finde ich diese Zusammenstellung schon sehr hochwertig. Ärgerlich ist, dass einige Titel enthalten sind, die so schon identisch auf Studio-Alben zu finden waren. Aber das neue Material und die raren Single-B-Seiten machen das Album zu einem Pflichtkauf. Die Version mit weiteren Covern von DIO, JUDAS PRIEST und DEEP PURPLE steht bei mir logischerweise noch auf dem Einkaufszettel. Platz 36 der deutschen Albencharts damals ist übrigens für eine Compilation einer Metalband in den neunziger Jahren echt eine Hausnummer.

 

Nightfall In Middle-Earth

Liebe Leser, für viele Fans folgt hier ein Überwerk, immerhin Platz 50 in unseren Essentials. Für mich ist dieses Album auch stark, es ist wichtig, es ist ambitioniert - aber es ist auch der erste Studio-Schritt hinweg vom Olymp. Diese Meinung mag für manche Leser ketzerisch sein, aber ich werde versuchen, sie gut zu begründen.

Fangen wir bei den Äußerlichkeiten an. Das Artwork gehört zu den besten Plattencovern der Metalgeschichte, ohne jede Frage. Auch wenn ich Angband nur semigenial getroffen finde, und auch Luthien nicht wirklich, nun ja, wie eine Elbin im Tolkien-Sinne aussieht, ist es trotzdem ein wunderschönes Kunstwerk - nach "Imaginations From The Other Side" das zweitbeste im Gardinen-Kosmos. Noch mal ein herzliches Dankeschön an Andreas Marschall!

Meine Ausführungen beziehen sich auf die originale Veröffentlichung des Albums. Mir ist bewusst, dass es dank des aktuellen Nuclear Blast-Re-Releases noch eine Variante mit etwas überarbeitetem Sound gibt. Diese werde ich mir ebenfalls noch zulegen, aber musikhistorisch liegt die entscheidende Relevanz logischerweise bei der Erstveröffentlichung.

Die Tracklist machte mich beim ersten Hören stutzig, und sie macht es immer noch: 22 Titel, davon elf unter zwei Minuten - Intros, Zwischenspiele und so weiter, die aus den elf guten Songs eine Art Hörspiel machen sollen. Und so viel gleich am Anfang: Natürlich kann man das auch noch schlechter machen (siehe "Gods Of War" von MANOWAR oder diverse VIRGIN STEELE-Geschichten), aber es geht leider auch eindeutig besser. Die Zwischenspiele auf der ersten Metal-Opera von AVANTASIA sind zum Beispiel klar besser platziert. Ein paar Highlights unter den Zwischenspielen sind aber schon erkennbar. Ich mag zum Beispiel 'The Minstrel' echt gern.

Zur Story vielleicht noch: Wer versucht, das Silmarillion von Tolkien zu vertonen, sollte grundsätzlich geadelt werden. Mein emotionaler Zugang zu Alben ist selten an Texte geknüpft, aber hier gibt es natürlich Einflüsse auf meine Gefühlswelt, die sich einfach nicht leugnen lassen. Denn das Silmarillion gehört zu meinen Lieblingsbüchern.

Wenn dann der Sturm hereinbricht und 'Into The Storm' loslegt, erlebt man BLIND GUARDIAN in Hochform. Der Sound ist merklich voller geworden - mehr Spuren, mehr Chöre, dazu der überragende Oliver Holzwarth (SIEGES EVEN, RHAPSODY OF FIRE) am Bass, und Hansi kann sich völlig aufs Singen konzentrieren. Und das ist auch gut so. Natürlich passiert hier viel, teils unheimlich viel, aber der Mix ist BLIND GUARDIAN hier noch mal so richtig genial gelungen. Dies hat sicher auch mit der großartigen Produktion von Charlie Bauerfeind (ANGRA, AXEL RUDI PELL, GAMMA RAY, HAMMERFALL, HELLOWEEN, RAGE, SAXON) zu tun.

Das orchestral-emotionale 'Nightfall' ist eine der besten Gardinen-Balladen. Beim Mitsingen im Kinderzimmer standen mir hier schon dereinst die Tränen in den Augen, und noch heute reißt mich der Titel mit seiner wechselhaften Dynamik und den Over-The-Top-Gesängen von Hansi völlig mit. Bei wenig anderen Titeln ist Hansi so dermaßen erhaben über fast allen anderen Metalsängern zu hören wie hier. Unglaublich, was der Mann an Emotionalität und Aggressivität drauf hat.

'The Curse Of Feanor' ist aggressiver und flotter. Ich muss aufpassen, den Track nicht nur aufgrund des Titels zu lieben. Das ist aber natürlich nicht nötig, denn auch der Refrain ist absolut großartig und liebenswert; das Gleiche gilt für die maidenesken Gitarrenläufe. Das entspannte 'Blood Tears' überzeugt nicht nur mit dem phänomenalen Arrangement, sondern auch mit den wunderbar eingesungenen Harmonien. Die starken Einflüsse von QUEEN oder frühem Pop-Rock der Fünfziger und Sechziger machen sich hier bemerkbar.

Die Speed-Metal-Hymne 'Mirror Mirror' ist dann für mich der beste Song des Albums, und wahrscheinlich auch der beste BLIND GUARDIAN-Song nach 1995. Warum? Nun, zum einen sind die ganz hohen Gesangspassagen das Beste, was es von Hansi zu hören gibt. Voll aufdrehen und es gibt Gänsehaut am ganzen Körper! Dann ist das Arrangement so meisterhaft, die Orchester-Spuren sind so gezielt und nie überdimensioniert eingesetzt, die Gitarrensoli sind echte Ohrwürmer, kurzum, wir haben es mit einem Song ohne Fehl und Tadel zu tun.

Auch 'Noldor (Dead Winter Reigns)' ist klasse, vor allem die Chöre sind überzeugend. Aber hier gibt es keinerlei Speed Metal mehr. Man kann es recht platt sagen: BLIND GUARDIAN hat auf dieser Scheibe das Genre gewechselt, hinweg vom Melodic Speed Metal, den es bis 1990 in Reinkultur gab und danach zumindest im Grundansatz bis 1995 noch durchgängig. Hier haben wir es eher mit einem orchestralen Metal zu tun, der noch Anleihen und Versatzstücke aus dem speedigen Bereich hat. Natürlich ist das alles noch großartig, die Songs auf diesem Album sind oft überirdisch, und Hansi allein bleibt ein Kaufgrund. Aber stilistisch sagen mir die Speed-Werke mittlerweile einfach eher zu.

Auch 'Time Stands Still (At The Iron Hill)' ist ein sehr feiner Track, aber halt einfach kein Speed Metal mehr. Die folkigen Elemente sind hier sehr präsent, vom Flair her denke ich eher an CRUACHAN oder SKYCLAD als an alte HELLOWEEN-Sachen. Vieles passiert so nebenher, die Instrumente singen irgendwie auch alle mit. 'Thorn' braucht dann etwas, um in Fahrt zu kommen. Aus meiner Sicht wäre hier weniger als die 6:19 Minuten Länge mehr gewesen. Meilenweit von speedigen Alttaten entfernt gibt es hier fett produzierte Gitarrenharmonien und Chöre. Im MAGNUM-Stil folgt dann 'The Eldar', eine ruhige, pianogetragene Ballade. Stellt euch den Track mal mit Jon Oliva am Gesang vor - das wäre durchaus spannend! Aber natürlich ist Hansi keinen Deut schlechter als der Großmeister aus den Staaten (überhaupt nehmen BLIND GUARDIAN und SAVATAGE in den Neunzigern eine ähnliche Entwicklung).

Noch mal ein bisschen speediger wird es mit 'When Sorrow Sang'. Für mich ist es wohl trotzdem der schwächste Song des Albums, der wenig im Ohr hängen bleibt. 'A Dark Passage' klingt wirklich dunkel, noch fantastischer als manches früheres Material, und auch nicht sonderlich metallisch. Dafür ist der Song spannend komponiert und eingetrommelt, die Chor- und Instrumental-Arrangements sind künstlerisch verziert. Neuere BLIND GUARDIAN-Sachen sind hier schon vorweggenommen, in aller Brillanz, aber auch in aller Distanz zum alten Metalsound.

Dass es zum ersten Mal für die Top 10 der deutschen Albencharts reichte (Platz 7), überrascht nicht. Der Hype um die Band war auf dem Höhepunkt angekommen, und ein so unfassbar arrangiertes Album gab es davor in der Metalszene wohl nicht. Mit weltweit über 300.000 verkauften Einheiten dürfte es das bestverkaufte Album der Bandgeschichte sein.

In der Rückschau wurde das Album vom britischen Metal Hammer zu den zehn besten Symphonic-Metal-Alben aller Zeiten gekürt - in einer Liste mit HAGGARD, KAMELOT, EPICA, NIGHTWISH, THERION, RHAPSODY, WITHIN TEMPTATION, AFTER FOREVER und SYMPHONY X. Eine illustre und starke, gut zusammengestellte Liste. Auch unter die zehn besten Power-Metal-Alben setzten sie dieses Album. Zwischen NOCTURNAL RITES, DRAGONFORCE, RIOT, SONATA ARCTICA, HAMMERFALL, STRATOVARIUS, KAMELOT, HELLOWEEN und LOST HORIZON (ernsthaft?) ist das Album aber in einer kruden Zusammenstellung von Leuten, die wohl kaum mehr als zehn Alben des (sehr, sehr weit gefassten Genres) kannten.

Ich stehe nun zu meinen Worten aus der Einleitung: Die Band hatte ihren Zenit überschritten. Eine gute, sehr hörenswerte (aber nicht essentielle) Compilation und ein Album, das mit zu vielen Zwischenspielen einen krassen Abschied vom klassischen Bandsound mit sich brachte - dafür steht BLIND GUARDIAN Ende der neunziger Jahre. Alles gut gemacht, alles besser als fast jedes Werk der Konkurrenz, aber irgendwie nicht mehr ganz in der Weltklasse. Trotzdem ist "Nightfall In Middle-Earth" das letzte unumstrittene Meisterwerk der Band, das in keiner Metal-Sammlung fehlen sollte. Ich mag auch die danach folgenden Werke und finde kein Album der Band schwach, aber die Brillanz der späten Achtziger und der kompletten Neunziger endet auch ein Stück weit mit diesem Artikel. Hansi Kürsch tat sich danach mit Jon Schaffer zusammen, um das erste DEMONS & WIZARDS-Album aufzunehmen, das das Niveau der Hauptbands zu dieser Zeit leider nicht erreichen konnte (aber schon einige spätere ICED EARTH-Werke locker in die Tasche steckt). Wie es im neuen Jahrtausend weiterging, wird euch dann Jakob Schnapp wieder berichten.

Redakteur:
Jonathan Walzer

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