In der Gruppentherapie: DREAM THEATER - "Black Clouds & Silver Linings"

19.06.2009 | 14:20

Über ein neues DREAM THEATER-Album muss man eigentlich nicht viele Worte verlieren. Qualität ist quasi verbürgt. So auch diesmal?


Dass DREAM THEATER einen extrem hohen Stellenwert bei mir haben, dürfte bekannt sein. Dennoch haben mich die letzten beiden Alben "Octavarium" und "Systematic Chaos" nur bedingt gekickt. Woran das lag, kann ich gar nicht genau sagen. Aber die zumindest anfängliche Dauerrotation, die alle Alben zuvor hatten, bekamen diese zwei Werke nie. "Black Clouds & Silver Linings" rotiert nun wieder sehr regelmäßig. Zwar wirkte der erste Durchlauf noch sehr sperrig, doch schon hier gab es Melodien und Momente, die aufhorchen ließen und Lust auf mehr machten. Und mit jedem Spin gewinnt das Album dann an Format. Der bärenstarke Opener 'A Nightmare To Remember' verknüpft die harten Momente der letzten Werke mit Reminiszenen an "Scenes From A Memory", 'A Rite Of Passage' könnte das 'Pull Me Under' der Neuzeit werden und 'Wither' ist eine der besseren Balladen. Das klingt jetzt schon gut, dennoch ist die zweite Hälfte des Albums noch besser. 'The Shattered Fortress' beschließt die Mike-Portnoy-Selbsttherapie der letzten vier Veröffentlichungen famos, 'The Best Of Times' ist der formvollendete Brückenschlag in die Anfangszeit der Band und 'The Count Of Tuscany' ist der beste Longtrack der Band in diesem Jahrtausend. Gleich mehrere tolle Melodien, ein sehr hübsch-atmosphärischer Instrumentalpart. Da ist alles drin, was der Fan hören möchte. Und mehr. Vielleicht tatsächlich das beste Album der Band seit "Scenes From A Memory".

Note: 9,0/10
[Peter Kubaschk]

Für ein Einzelreview zur neuen DREAM THEATER würde mir sicher die nötige Erfahrung fehlen, da die Band wegen meiner lange Zeit beinharten Prog-Resistenz fast komplett an mir vorbei gegangen ist. Ich habe über die Jahre wohl etliche Songs gehört und auch als "ganz nett" abgenickt, aber richtig gezündet hat es nie. So steht auch der unbestrittene Klassiker "Images And Words" bis heute mehr oder minder ungehört hier rum. Also ist diese Gruppentherapie für mich eine willkommene Chance, noch mal zu überprüfen, ob DREAM THEATER nicht doch was für mich ist.

Hier muss ich sagen, leistet "Black Clouds & Silver Linings" ganze Arbeit. Hatte ich im Vorfeld rein gar nichts erwartet, und am allerwenigsten, dass die neue Scheibe nach achtzehn Jahren Ignoranz noch meine Ohren für das Traumtheater öffnet. Doch genau das ist der Fall. Vom hohen kompositorischen Anspruch und der instrumentalen Klasse muss ich ja keinem was erzählen und so komme ich zum Kern dessen, was mich positiv überrascht, nämlich dass es DREAM THEATER auf dieser Scheibe sehr gut gelingt, ihren Anspruch und ihre Vielseitigkeit songdienlich zu kanalisieren, dabei eine gesunde Härte zu fahren, die etwa im Opener 'A Nightmare To Remember' auch mal die übliche Durchschlagskraft des Genreprogs überflügelt, und zwar so wohl gesanglich als auch instrumental. Die spacige Note tut ein Übriges, um mich hier für einen mit sechzehn Minuten sehr langen Song einzunehmen, der dennoch nicht langweilig wird.

Da dies unseren alten Prog-Helden mit den anderen Songs ebenso gut, und doch auf andere Weise gelingt, muss ich zugeben, dass die Band nun endlich mein Interesse geweckt hat. Daher ist "Black Clouds & Silver Linings" aus meiner Quasi-Neueinsteiger-Sicht auf jeden Fall ein gutes und spannendes Album. Wie es auf alte Hasen des Traumtheaters wirkt, kann ich nicht beurteilen.

Note: 8,5/10
[Rüdiger Stehle]



DREAM THEATER zählen zu den Bands, die grundsätzlich toll finde. Drei ihrer Alben zählen zu meinen imaginären Top 100, aber trotz aller musikalischer Qualitäten, konnten sie mich aber emotional mit ihren letzten Werken – mit Ausnahme des Konzeptknallers "Scenes From A Memory" – nicht mehr wirklich fesseln. Und genau dieser Umstand scheint sich mit "Black Clouds & Silver Linings" etwas zu ändern. Ich kann nur sagen "scheint", denn ein endgültiges Resultat darüber wird erst die Zeit mit sich bringen. Fakt ist, dass ich keine DREAM THEATER seit der genannten Scheibe zu Beginn so oft gehört habe, wie diese hier. Trotz aller Verspieltheit ist es der Band dieses Mal nämlich gelungen, Melodien zu erschaffen, die sich sehr schnell einprägen können. Und ich rede jetzt nicht nur von der potentiellen Hitsingle 'A Rite Of Passage', die bei entsprechender Promotion ein echter 'Pull Me Under'-Nachfolger werden könnte. Toll. Auch die einschmeichelnde Ballade 'Wither' und der herrlich getragene Longtrack 'The Best Of Times', dessen Melodielinien unfassbar ergreifend sind, verzaubern den Hörer unwillkürlich. Und auf dieser Faszination basierend kann man sich leicht die schwerer konsumierbaren, düsteren Kompositionen erhören. Zügig wird man feststellen, dass der beinahe zäh wirkende Opener 'A Nightmare To Remember' einfach nur brutal nach vorne prescht und dass das letzte Kapitel der Drogenbewältigungsproblematik namens 'The Shattered Fortress' nicht nur aufgrund der gelungenen Selbst-Zitate ganz phantastisch klingt. Und schlussendlich wird man sogar dahinter kommen, dass das abschließende 'The Count Of Tuscany' der beste lange Longtrack der Band seit Jahren ist.

Note: 9,0/10
[Holger Andrae]

Es gibt sie noch: Bands, die auf dem Boden geblieben sind und sich einfach auf das konzentrieren, für was sie geboren sind: Musik. DREAM THEATER zählen nicht erst seit gestern zu den ganz Großen der Rockgeschichte und auch mit ihrem aktuellen Werk "Black Clouds & Silver Linings" lassen sie daran keinen Zweifel aufkommen. Sechs Songs – sechs Leckerlis. Nur im Unterschied zu einem frischen Six-Pack ist die Haltbarkeit um einiges länger. Mit dem düsteren Opener 'A Nightmare To Remember' bringt man die Hörer in die richtige DREAM THEATER-Stimmung. Mal melancholisch, mal rockig – aber immer 100% DREAM THEATER. Beim himmlischen 'A Rite Of Passage' frag ich mich bereits, was denn hier noch alles kommen soll. DREAM THEATER 2009 klingen wie aus einem Guss. Keiner ruht sich auf seinen Lorbeeren aus, sondern jeder liefert Höchstleistung. James LaBrie singt einmal mehr wie ein junger Gott und brilliert bei der schönen Ballade 'Wither'. Doch erst jetzt geht es so richtig los. Drei verrückte, durchtriebene und einfach abgefreakte Teile (jeweils mit fetter Überlänge) führen dieses Werk in noch weitere Höhen. Die Sonne muss langsam Ohrensausen haben, denn dieses Album ist wahrlich galaktisch. Auch nach der zehnten Umdrehung finden sich immer noch neue Elemente, neue Melodien, neue Gänsehautmomente. Geniale Gitarrensoli, verträumte Streicher und und und. Wenn man sich nur ein Album in diesem Jahr kaufen kann, sollte es "Black Clouds & Silver Linings" sein. Musik in Vollendung.

Note: 9,5/10

[Enrico Ahlig]


Nun sind also DREAM THEATER auch schon bei ihrem zehnten Studioalbum angekommen, doch es stellt sich deswegen keineswegs Gewohnheit ein. Zumindest wenn man davon absieht, dass man immer wieder aufs Neue gespannt sein darf, was denn Petrucci & Co. servieren, und dass man sich mit der Musik auch eingehend beschäftigen muss.

Das ist auch mit "Black Clouds & Silver Linings" nicht anders, das zwar nur sechs Songs zu bieten hat, aber dennoch auf eine Spielzeit von 75 Minuten kommt. Dementsprechend länglich sind die einzelnen Songs - schon der Opener 'A Nightmare To Remember' dauert beispielsweise über 16 Minuten. Doch diese gute Viertelstunde hat es wahrlich in sich, spiegelt sie doch den Albumtitel perfekt wider. Es gibt nämlich auf der einen Seite die "black clouds" in Form von einer gehörigen Portion Härte und einer recht düsteren Grundstimmung, auf der anderen Seite aber auch unwiderstehliche Melodien als "silver linings".

Die beiden folgenden Stücke erinnern zumindest mich an das Zweitwerk "Images And Words": 'A Rite Of Passage' weist ein ähnliches Hit-Potenzial auf wie damals 'Pull Me Under', und das hat DREAM THEATER immerhin zum Durchbruch verholfen, und 'Wither' hat durchaus Ähnlichkeit mit 'Surrounded' - ruhig, melodiös und einfach nur schön.

Weniger schön ist dagegen das thematische Konzept der "Twelve-Step Suite" - Mike Portnoy verarbeitet hier seine frühere Alkoholsucht -, die mit 'The Glass Prison' (2002) begann und nun mit 'The Shattered Fortress' zum Ende kommt. Dementsprechend ist dieser Song mit Zitaten aus den vorhergegangenen Teilen vollgestopft, und er bleibt folglich auch schnell im Ohr hängen. Damit hat aber auch das äußerst melodische 'The Best Of Times' keinerlei Probleme, das insbesondere vom Gesang lebt, der abwechselnd von Gitarre und Keyboard getragen wird.

Nach fünf großartigen Songs fällt es schwer zu glauben, dass mit dem knapp 20-minütigen 'The Count Of Tuscany' noch eine Steigerung möglich ist. Aber DREAM THEATER belehren uns eines Besseren. Dieser Song hat nämlich alles, was man als prog-affiner Hörer braucht: Mal melodisch-eingängig, mal komplex-vertrackt, mal keyboard-lastig, mal gitarren-dominiert, mal rhythmus-betont, mal ... Aber immer mitreißend, und immer 100% DREAM THEATER.

Note: 9,0/10
[Martin Schaich]

Bitte beachtet auch unser DREAM THEATER-Gewinnspiel und die Einzelrezension von Frank.

Redakteur:
Peter Kubaschk

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