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Interview mit IREPRESS: Dino DiNapoli und Bret Silverberg

18.05.2010 | 12:54

Das meiner Meinung nach beste Album des Jahres 2010 bisher ist "Sol Eye Sea I" der amerikanischen Band IREPRESS, eine abgedrehte Scheibe, die ich unter Progressive eingeordnet habe, die aber auch jede Menge weiterer Ideen und Einflüsse verarbeitet. Im Interview mit POWERMETAL.de zeigten sich die Gitarristen Jonathan "Dino" DiNapoli und Bret Silverberg als genau die unbekümmerten Individualisten und Nonkonformisten, die man hinter ihrer eigenwilligen Musik erwarten darf. Sehr ausführlich und mit Selbstironie gaben sie Auskunft.

Stefan Kayser:
Glückwunsch zu eurem großartigen Album "Sol Eye Sea I", das mir sehr gut gefällt. Es ist eine sehr vielseitige und komplexe Scheibe. Wie würdet ihr selbst die musikalischen Grundideen oder das Programm von IREPRESS beschreiben?

Dino DiNapoli:
Ich würde von einem musikalischen Büffet zufällig gefundener Stile der ganzen Welt vom Härtesten des Harten bis zum Friedlichsten und Heitersten sprechen, erzählt als eine Geschichte in Musik. Wie bei allen guten Geschichten versuchen wir, uns selbst und unsere Hörer nicht zu langweilen und sehr viele Möglichkeiten zu erkunden, die sich um das eine oder andere Thema gruppieren - oder auch um ein drittes. Wir sind alle sehr kreative Individuen mit fast schon zu vielen musikalischen Ideen, also versuchen wir, das Beste davon in einem sinnvollen Zusammenhang zu bringen, der zu einem bestimmten Song passt. Dann verbinden wir diese Songs so, dass es einen Fluss und Sinn auf verschiedenen Ebenen ergibt. "Sol Eye Sea I" besteht im Kern aus fünf epischen Stücken, die durch kleine Zwischenspiele verbunden werden. Lose verbunden durch Dinge des Lebens und Zwischenstufen, ist das Album voller Desaster, Wiedergeburt und Triumph, hahaha.

Stefan Kayser:
Für den letzten Satz gibt's die MANOWAR-Ehrenmedaille.

Bret Silverberg:
Es dauerte schon eine Weile, die Platte zu schreiben, und wir wurden beinahe wahnsinnig darüber. Wir fingen hauptsächlich mit Riffs und einzelnen Teilen an und ließen die Musik fließen. Wir hatten Schwierigkeiten, die einzelnen Songs hinzukriegen, weil immer weiter die Ideen kamen. Wir stehen nämlich auf alle Arten Musik, und ich glaube, auf der neuen Platte wollten wir uns technisch stärker herausfordern als in der Vergangenheit.

Stefan Kayser:
In meiner Rezi habe ich geschrieben, dass eine Mischung aus FRANK ZAPPA, DREAM THEATER, HAWKWIND, OZRIC TENTACLES und MAN eure Musik sicher nicht vollständig beschreibt, aber jemanden, der euch noch nicht kennt, eine erste Vorstellung geben kann. Findet ihr diese Einschätzung gut oder nur einigermaßen treffend oder seid ihr jetzt wütend auf mich?

Bret Silverberg:
Hahaha, ich bin nicht wütend auf dich. Du hast es besser getroffen als das, womit wir sonst verglichen werden, üblicherweise Gruppen wie ISIS und NEUROSIS. Das sind starke Bands, aber wir hatten nie das Gefühl, so sehr wie sie zu klingen. OZRIC TENTACLES ist eine interessante Wahl, da kann ich definitiv was erkennen, ich steh auf die Burschen. DREAM THEATER vielleicht. ZAPPA überrascht mich irgendwie, da wir kaum Text auf "Sol Eye" haben. Von den anderen Gruppen habe ich nie gehört, was aber auch ganz normal ist, wenn wir mit anderen Bands verglichen werden.

Dino DiNapoli:
Ich nehme solche Vergleiche nie negativ auf. ZAPPA könnte vielleicht wütend auf dich sein, denn er wäre vermutlich nicht von unserer Art zu schreiben, zu spielen und uns als Musiker zu benehmen angetan. Wir nehmen uns selbst in keinerlei Hinsicht allzu ernst. Wir wissen nur, was für uns gut klingt und wie man normal Klingendes in Richtung IREPRESS dreht. Aber was Musiktheorie, Notenschreiben, Akkordwechsel und Takte betrifft, sprechen wir nicht die Sprache klassisch ausgebildeter Musiker, und die sprechen nicht unsere Sprache und ahnen nicht mal, dass sie existiert.
Wenn du der Semi-Stoner-Rock-Schiene alter Schule folgen und uns vergleichen willst, könntest du sicher PINK FLOYD, KING CRIMSON, THE RESIDENTS und das MAHAVISHNU ORCHESTRA ergänzen. Wenn du der Metal-Schiene folgst, würde ich die alten epischen METALLICA, MESHUGGAH, TOOL und DEFTONES nennen. Wenn du von Smooth Jazz und anderen Einflüssen sprichst, dann hast du Sade, Snoop und Dre, Bone Thugs oder Michael Jackson. Oder die Vögel, die draußen singen, den Klang der Polizeisirene, die sich mit dem Lärm spielender Kinder in der Schule nebenan mischt, oder das Miauen der Katze meines Kumpels, weil sie Futter will und ich ihr keins gebe. Die Bandbreite unserer Einflüsse wurde riesig, sobald wir erkannten, dass Inspiration aus jedem Ort und Zeit kommen kann. Die Welt ist ein großer musikalischer Tummelplatz, dem wir uns beugen und von dem wir lernen müssen. Die Erde kümmert sich nicht um Erbhöfe und Ruhm, sie tut einfach, was sie tut - und wir auch.

Stefan Kayser:
Gibt es Stücke auf der CD, die ihr besonders mögt und die ihr unseren Lesern als Anspieltipps empfehlen würdet?

Dino DiNapoli:
Die ganze Scheibe, und zwar in der Reihenfolge, in die wir sie gebracht haben. Das zuerst. Danach fühlt euch frei herumzustöbern und euch die schönen Dinge herauszupicken, die euch gefallen. Ich persönlich halte 'Entanglement' für ein wahnsinniges Stück Musik. Es hat einfach alles, ist ein epischer Rausschmeißer, und hinterher fühlt man sich erschöpft, aber toll, genau wie bei einer anderen Art entanglement, also Verwicklung, hahaha. Wenn man aber in einen Club oder eine Disco gehen will, wird man wohl eher 'Fletchie' hören. Wenn euer Leben gerade auf einer Scheißespirale abtrudelt, hört euch 'Barageo' komplett an, aber zuerst 'Rhintu'. Wenn man an einem paradiesischen Strand ist und sich glücklich und angeregt fühlt, passt 'Adelugé'. Wenn ihr jemandem aufs Maul hauen wollt, was wir als friedliche Menschen natürlich nicht gutheißen, dann legt 'Diaspora' auf und zerstört alles in Sichtweite. Und hört euch 'Cyette' an, wenn ihr einen coolen Song hören wollt, hahaha. Falls man aber wirklich alles an Musik mag, sollte man unser erstes Album "Samus Octology" antesten. Wenn ihr dann die IRO-Sucht habt und mehr braucht, schreibt uns und wir schicken euch die alten zeitlosen Epics aus der Zeit, als wir noch Sänger hatten.

Bret Silverberg:
Mein persönlicher Favorit ist der Eröffner 'Diaspora'. Ich weiß nicht warum, ich mag einfach, wie wir den Song aufgebaut haben. Er entstand spät im Schreibeprozess, aber wir merkten, dass er mehr oder weniger unser bester Song ist, und so packten wir ihn an den Anfang der Platte. Mir gefiel es echt auch, wie sich 'Billy' entwickelte, ein kräftigerer, kürzerer Song auf der Platte. Ich wünschte, wir könnten ihn mehr live spielen, aber es war schwierig, die kürzeren Titel in die Setlist zu kriegen, weil wir immer unsere "Kern"-Stücke spielen wollen, die ganz schön lang sind.

Stefan Kayser:
Dino hat vorhin euer erstes Album "Samus Octology" erwähnt, das ich nicht kenne. Wie würdet ihr es beschreiben? Was sind die Gemeinsamkeiten, was die Unterschiede zu "Sol Eye Sea I"?

Dino DiNapoli:
"Samus" ist ein sehr organisches Album, das auch einen guten Fluss hat, und steht für unsere ersten Wanderungen in die Welt der Instrumentalmusik. Was die Songstrukturen betrifft, folgt das Titelstück 'Samus' ziemlich genau dem Strophe-Chorus-Strophe-Brücke-Blabla-Radiosong-Muster. Aber es ist da so ziemlich das einzige. Die meisten Stücke dauern drei bis sechs Minuten, und jeder Songaufbau ist völlig eigen. Nichts klingt wie die Nummer davor, und die Reihenfolge auf dem Album ist diejenige, in der wir die Songs geschrieben haben. Wir experimentierten mir vielen verschiedenen Stimmungen, Ideen, Dynamiken und Rhythmen, wobei unsere Harmonien und Solopassagen den Platz des menschlichen Gesangs übernehmen sollten. Die Aufnahme ist aber nicht so kraftvoll und repräsentativ für unsere Livedarbietungen wie "Sol Eye Sea I". Wir brauchten über ein Jahr, um "Samus" aufzunehmen, weil wir pleite und der Gnade eines Toningenieurs ausgeliefert waren, der uns jede Sekunde mehr hasste, uns aber einen unglaublichen Deal angeboten hatte. Eines Tages werden wir das Teil neu aufnehmen, vielleicht live.

Bret Silverberg:
Ich finde, dass auf "Samus Octology" sogar 90% der Songs einen typischen ABABCB-Aufbau haben. Es gibt Chorusse, wenn auch ohne Text, und Strophen, und in vielen Fällen wiederholen sich Teile. Diese Platte klingt etwas anders, weil wir sie in einem anderen Studio aufgenommen haben. Und ich glaube, ich spreche für jeden in der Band, wenn ich sage, dass die Platte einige Mängel hat, die wir gerne zurücknähmen. Aber wir sind auch auf diese Platte stolz, einige Leute halten sie sogar für die bessere. Das ist nicht unbedingt meine Meinung, es hängt halt davon ab, wen man fragt.

Stefan Kayser:
Im Beiheft der CD - jedenfalls bei meinem Promoexemplar - befinden sich keine Verfasserangaben. Schreibt ihr die Musik zusammen oder wechselt ihr euch ab?

Bret Silverberg:
Merkwürdig, dass in deinem Exemplar keine Credits stehen, da müssen wir wohl mal mit TL [Translationloss Records, das Label in Amerika; S.K.] sprechen. Kleiner Scherz. Wir schreiben die ganze Musik zusammen, und die Anteile sind gleich verteilt. Niemandes Ideen ragen heraus. Unsere beiden Platten sind das Ergebnis totaler Zusammenarbeit.

Dino DiNapoli:
Wir arbeiten extrem eng zusammen. Die Leute sind von unserer Arbeitsweise immer richtig verwirrt, aber es ist die einzige, die für uns sinnvoll ist. Wenn einer ein Riff oder eine Idee in einen Jam bringt, versuchen wir alle, das Riff innerhalb weniger Minuten oder Sekunden farbiger zu machen. In der folgenden Stunde macht das Riff auf einer evolutionären Entdeckungsreise eines anderen Bandmitglieds einige Wendungen durch. Wir spielen damit, und es wächst dabei. Weil es für uns nichts Besseres gibt, als im Alltag zwischen Jamsessions im Kopf die Repeattaste zu drücken und Songideen immer wieder durchzugehen, überlegt sich jeder, was danach oder auch davor kommen kann. Im richtigen Augenblick trifft einen die passende Idee, und so haben wir den nächsten Jamfortschritt. Wir haben alle jede Menge Riffs, die genutzt werden können oder genutzt werden müssen. Nicht zu vergessen, dass wir seit 13 Jahren zusammen sind, wir können mittlerweile unsere Gehirnwellen aufeinander einstellen und spontan und erfolgreich bis zu einer Stunde lang improvisieren. Fast immer. Wir sind auf der ständigen Suche nach musikalischen Juwelen, um sie mit der Welt zu teilen, uns selbst zu unterhalten und die unsichtbaren Wesen, die uns kontrollieren...

Stefan Kayser:
Wie kann man sich das Komponieren bei IREPRESS vorstellen? Immer das erwähnte Jammen, Schreibtischarbeit, erst mal nur ein Instrument?

Dino DiNapoli:
Jammen! Jedes Riffs, das auf dem geistigen Schreibtisch entsteht, bringt uns dazu, die verschiedenen Richtungen zu erkunden, in die es gehen könnte. Viel Zeit verbringen wir auch damit, auf eine Idee zu kommen, wie es weitergehen könnte, und wir diskutieren das. Wenn wir übereinstimmen, dass die nächste Passage härter, schneller, dunkler, softer, ruhig, hübsch, chaotisch, was auch immer werden soll, geht es ganz schnell, dass unsere Finger und Hirne sich genau ausmalen, was unsere Ohren und Zirbeldrüsen hören wollen, zu hören brauchen. Dann gehen wir tiefer, bis wir mit dem Ergebnis zufrieden sind. Dann ist es immer noch nicht fertig, sogar wenn ein Album aufgenommen ist, verbessern wir Passagen und werden technisch anspruchsvoller. In gewisser Weise spielen wir niemals einen Song zweimal genau gleich, alle Lebenserfahrungen spielen eine Rolle, wie der Song klingt, wenn er live gespielt wird. Wenn wir eine bessere Möglichkeit finden, ein Riff zu spielen, oder eine Note oder einen Takt zu ergänzen, der nicht auf der Platte war, dient das immer einer Verbesserung. Die Songs sind wie Lebewesen, die altern und reifen wie wir, das spiegelt sich wieder. Sie sind wir, und wir sind sie. Und ihr könnt uns kennenlernen, wenn ihr die Songs ergreift und als das annehmt, was sie sind, die strukturierten Sounds oder Musik von IREPRESS.

Stefan Kayser:
Welche Band haben die Mitglieder von IREPRESS beeinflusst?

Bret Silverberg:
Ich glaube, ich kann mit Sicherheit die DEFTONES als Konsens für alle Bandmitglieder nennen, aber wir haben so viele Einflüsse, dass es schwierig wäre, das an einem Namen festzumachen. Ich hörte viel MARS VOLTA, als wir an "Sol Eye Sea I" schrieben. Ich hörte zu dieser Zeit auch viel tanzbare Rockmusik, aber aufgewachsen bin ich als Metalhead. Am besten schreibst du, dass wir nur METALLICA in ihrer "Load"-Phase hören und uns das genügt. Ach ja, und wir haben niemals, unter keinen Umständen etwas angehört, das älter als von 1985 ist, hahaha.

Stefan Kayser:
Werdet ihr im deutschsprachigen Raum live auftreten?

Dino DiNapoli:
Wenn ihr alle unsere Musik mögt und danach verlangt, dass wir bei euch spielen. Es ist unser Traum, nach Europa zu gehen. Wir sind zwar alle in oder bei Boston geboren, aber wir sind Menschen dieser Welt. Wir lieben es zu reisen, neue Leute zu treffen, neue Orte, Kulturen und Landschaften zu sehen, und wir lieben es, Party zu machen und unser Leben zu feiern, von dem wir jeden Augenblick genießen. Und wenn wir das alles in Europa tun könnten, würden wir wahrscheinlich nie mehr nach Amerika zurückgehen. Einfach mit der Band die Straßen in den Städten entlang zu gehen, in denen Mozart wirkte oder Carl Jung nachdachte oder schöne nicht-amerikanische Frauen ständig vorbeikommen und lächeln, was nur wenige amerikanische Frauen machen, wäre für uns eine Gnade allererster Güte. Also bitte fordert, dass IREPRESS nach Europa kommen und ewig touren, wir werden euch die besten Shows bieten, die in unseren Möglichkeiten stehen. Holt uns bitte zu euch! Rettet uns! SOS!!!

Stefan Kayser:
Als Fan von Livealben möchte ich eure Favoriten wissen.

Bret Silverberg:
Einfache Frage: "101 Proof" von PANTERA. Ohne diese Platte hätte ich vielleicht nie den Wunsch gehabt, mir 18 Marshall-Amps zu kaufen und aufs Distortion-Pedal zu treten.

Stefan Kayser:
Eure aktuelle Platte ist gerade raus, aber könnt ihr schon was über Zukunftspläne der Band sagen?

Dino DiNapoli:
Wir werden weiter Musik schreiben und haben auch schon mit der Arbeit am nächsten Album angefangen, und wir werden nicht aufhören, bis wir zufrieden sind. Unser Traum ist eine Welttournee, auf der wir die Musik spielen, die wir lieben. Wir denken auch darüber nach, eine DVD oder zumindest so etwas wie ein Musikvideo zu machen. Aber wir sind derzeit finanziell so übel dran wie ein Guinness-Glas, das sich unser Bassist Shan Davé mit seiner Kraft schnappt. Wir hoffen also, dass Europa das Gelobte Land ist, das eine neue Ära der Inspiration und des Erfolgs für IREPRESS einläutet.

Redakteur:
Stefan Kayser

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