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Interview mit Jasper Werhahn vom Inzestival

25.05.2010 | 10:28

Was ein Name - doch was steckt hinter dieser inzestiösen Aktion in München, bei der nicht nur acht Stunden Live-Musik geboten werden, sondern auch Fußball, Wein und... andere Dinge.

Am 11. Juni 2010 steigt eine reichlich ungewöhnlich wie faszinierende Aktion: Die bayerische Band THE NEIGHBOURS lädt mit allen Bands, die in direkter Verwandschaft stehen, zu einem musikalischen Reigen der Extraklasse ein: Zum Inzestival. Auftreten werden nur Bands, in denen mindestens ein Musiker der NEIGHBOURS spielt. Dabei kommt eine illustre Meute zusammen. Neben der genannten Hauptband, die sich dem Rock verschrieben hat, stehen mit NEBELKRÄHE und DRYAD'S TREE auch zwei reinrassige Metal-Bands auf der Bühne. Darüberhinaus starten GERMAN ANGST ihren Alternative-Kreuzzug, während sich STEEP und DON'T CALL ME CHARLIE ganz dem schnelleren Rock verschrieben haben. Zuletzt sorgen die recht bekannten BENUTS für die Extraportion Off-Beats. Eine gelungene Mischung, oder? Wir haben uns den Organisator Jasper Werhahn geschnappt, der alle Fäden in der Hand hält. In der Metalwelt ist er als umbrA bekannt geworden, nicht zuletzt wegen seinen Engagements bei Bands wie STERNENSTAUB, ATRORUM oder GOLDEN DAWN. Here we go.

Julian Rohrer:
Jasper, du bist einer der oder sogar der Hauptverantwortliche für das Inzestival im Juni. Kannst du ein paar Worte über deine Person verlieren und erklären, was das ist, und warum du das ganze aufziehst?

Jasper Werhahn:
Zu meiner Person: Ich bin musiksüchtig seit ich denken kann, und habe auch seitdem musiziert, ab meiner Teenagerzeit dann überwiegend in diversen Bandformationen. Meine ersten Banderfahrungen habe ich bei der damals in Bad Tölz ansässigen Formation 'THE NEIGHBOURS' gesammelt. Später kamen diverse neue Projekte bei allen NEIGHBOURS-Beteiligten hinzu, und die NEIGHBOURS selbst gerieten durch diverse Ortswechsel der Beteiligten und berufliche Gründe immer mehr in den Hintergrund. Bei der letzten Bandprobe, die schon ein Weilchen zurückliegt, wurde im Spaß darüber spekuliert, wie es wohl wäre, ein Festival mit den NEIGHBOURS im Mittelpunkt und allen livetauglichen Bands, in denen wir unser Unwesen treiben, auf die Beine zu stellen. Damit war die Idee des Inzestivals geboren. Dass ich mittlerweile der bin, bei dem die Organisationsfäden zusammenlaufen, liegt an keinem konkreten Grund. Vielleicht hat mich das Konzept einfach am meisten begeistert (lacht). Generell ist es immer spannend, so ein Event ins Leben zu rufen und zu sehen, wie viele Leute man damit begeistern kann.

Julian:
Die Bandauswahl ist ja doch sehr breit gefächert, von Pop bis Black Metal ist eigentlich alles dabei. Wer war am schwersten von dieser Idee zu überzeugen?

Jasper:
Eigentlich keiner. Die NEIGHBOURS zeichnet ja immer schon der Wille zum gepflegten Stilbruch aus, und der gegenseitige Respekt der Bandmitglieder untereinander ist weitaus größer als musikalische Differenzen. Ich persönlich kann jeder gitarrenorientierten Musiksparte was abgewinnen, solang die Qualität stimmt. Die ist bei den beteiligten Bands glücklicherweise durchgehend gegeben

Julian:
Wie läuft das dann konkret ab? Dürfen erst die Popper vor die Bühne, dann die Rocker und am Schluss die Skater, um Zusammenstöße zu vermeiden?

Jasper:
Ich will hier natürlich niemandem auf die Füße steigen, aber das einzige Publikum, das ich bislang als schwierig in Stilfragen erlebt habe, sind die Rapper. Die können ganz schnell ganz intolerant werden. Keine der Bands am Inzestival ist jetzt derart extrem oder derart zahm, dass ich Angst vor stilistischen Clashs habe, daher ist - ganz im Gegenteil - die Philosophie eher die, dass das Programm so bunt gemischt wie möglich daher kommt. Das hat auch den Vorteil, dass Leute im Publikum, die auf irgendeine Stilistik keinen Bock haben, nicht zu lange am Stück auf dem Trockenen sitzen – rein musikalisch natürlich (lacht). Ich hoffe sogar ganz verwegen darauf, dass Leute vielleicht der einen oder anderen Band was abgewinnen können, die sonst nicht so in ihrem musikalischen Horizont liegt.

Julian:
Hast du so einen Clash im Positiven denn schon einmal woanders erwähnt - sprichst du hier also von Erfahrungswerten oder ist das wirklich absolutes Neuland?

Jasper:
Die NEIGHBOURS sind immer so eine Band gewesen, die nirgendwo recht reinpassen wollte - deswegen haben wir mit Punk-, Rock-, Ska-, Metalbands gespielt, eigentlich mit allem was sich nicht intensiv genug gewehrt hat. Und da habe ich schon ziemlich oft die Erfahrung gemacht, dass Leute plötzlich voll auf eine Musik abgehen, die sie sonst nicht zu begeistern vermag. Die Livesituation macht es einem ja da auch einfacher. Wie oft hat man nicht schon Konzerte erlebt, die einen voll mitgerissen haben, weil die Stimmung einfach gepasst hat und der Sound geil war?

Julian:
Absolut. Mit welchen Bands stehst du eigentlich auf der Bühne im Feierwerk?

Jasper:
Von mir sind natürlich die NEIGHBOURS mit ihrem verrückten Nerd Rock am Start. Des weiteren trete ich mit den Black Metallern von NEBELKRÄHE auf, wo ich für den Gesang zuständig bin und die modernen deutschen Black Metal in der Tradition von NOCTE OBDUCTA und Konsorten machen. Außerdem wird DRYAD'S TREE mit Progressive Death Metal am Start sein, deren Musik Anhänger von OPETH bis DISILLUSION definitiv begeistern kann.

Julian:
Wow, Respekt. Gibt es da keinen Übungsoverkill und Konzentrationsoverload mit allem drum und dran und der Festivalorganisation?

Jasper:
Naja, es geht schon einigermaßen. NEBELKRÄHE und DRYAD'S TREE sind schon ein paar mal zusammen aufgetreten, da macht die eine Band mehr jetzt auch nix aus. So eine Festivalorganisation ist natürlich ein Haufen Arbeit, aber die diversen Mitmusiker des Inzestivals bringen sich derart begeistert ein, dass es vor allem wichtig ist, den Überblick zu behalten, viel Arbeit erledigt sich wie von selbst. Das Feierwerk München veranstaltet die ganze Chose offiziell, auch da haben wir alle Unterstützung und Rückendeckung, die wir brauchen.

Julian:
Alles klar. Wo siehst du zur Zeit dir größte Arbeit? Was hat sich als besonders spannend in der Organisation herausgestellt?

Jasper:
Das Spannendste ist definitiv der Versuch, eine 'Marke' zu etablieren. Der erste Inzestivalanlauf soll bitte nicht der letzte bleiben, daher war es wichtig, einen griffigen Namen, gute grafische Umsetzung, quasi ein Maskottchen, und all das zu haben. Großer Dank gebührt an dieser Stelle dem Jan Reiser, der sich für die grafische Konzeption verantwortlich zeichnet. Der Rest ist wie immer - Werbung kostet Zeit und Nerv, alle Organisiererei drumherum auch.

Julian:
Gab es schon den Punkt an dem du gesagt hast: Noch ein Ereignis dieser Art und ich lasse diese musikalische Familienfeier bleiben?

Jasper:
Nein, absolut nicht! Bis jetzt ist alles ein reines Zuckerschlecken (lacht).

Julian:
Oh, das klingt ja phänomenal. Wie habt ihr das mit der Finanzierung gelöst? Ich kann mir vorstellen, dass da schon einige Gelder im Spiel sind, oder?

Jasper:
Naja, eigentlich ist das nicht so tragisch. Nachdem sich das Feierwerk bereit erklärt hat, die Geschichte zu veranstalten, treffen uns keine Mietkosten. Alle Druck- und Werbungskosten werden vom Musikhaus Hieber Lindberg übernommen, unserem Hauptsponsor, die Bands sind nicht anspruchsvoll... Mit einem kleinen Startbudget als Vorschuss quasi kann man das eigentlich alles ganz gut stemmen.

Julian:
Eine Sache haben wir ja noch gar nicht geklärt: Wie seid ihr auf diesen genialen Namen gekommen?

Jasper:
(Lacht) das war auf ner NEBELKRÄHEparty. Ich hatte immer nur das Motto 'Incest is best' im Kopf. Ein Freund der Nebelkrähen machte dann aus dem mittelmäßigen Motto den heutigen Namen des Festivals.

Julian:
Ihr werdet auch ein Public Viewing anbieten: Echte Fußball-Freude oder fieser Kommerz-Pop?

Jasper:
Tja, das sollte jeder für sich selbst entscheiden. Nein, im Ernst: Der einzige Termin, der mit dem Veranstalter sowie allen sieben Bands vereinbar war, fiel genau auf den Tag der WM-Eröffnung. Zunächst stand natürlich die Idee im Raum, das einfach zu verschweigen, aber das schien uns zu riskant. Die jetzige Lösung, public viewing des Eröffnungsspiels plus acht Stunden abwechslungsreiche Musik sollte vom Fußballfan mit Musikgeschmack bis zum Tonpuristen alle zufrieden stellen und maximale Partytauglichkeit garantieren.

Julian:
Es gibt Fußballfans mit Musikgeschmack? Das musst du mir jetzt erklären...

Jasper:
Hm, kannst du dich an 'Roadkill Extravaganza' erinnern? Da hat sich ein norwegischer Spieler als großer SATYRICON-Fan geoutet. Mein Mitbewohner vereint die beiden Welten auch ganz vorzüglich. Ich glaube, da hast du einfach bislang die falschen Fußballfans getroffen (grinst).

Julian:
DRYAD'S TREE werden ja ihren vorerst letzten Gig auf dem Inzestival spielen - wie kam es dazu und was hat das zu bedeuten?

Jasper:
Im Moment steht bei DRYAD'S TREE einfach eine Pause aus persönlichen Gründen ins Haus. Es gibt schon einen Schwung neuer Songs, die vermutlich in der Pause auch schonmal aufgenommen werden, alles weitere zum Thema DRYAD'S TREE gibt sich dann Anfang nächsten Jahres. Es ist ja auch nicht so, dass die DRYAD'S TREE Mitglieder damit von der Bildfläche verschwunden wären, bis auf unseren Bandleader basteln alle eifrig an anderen, metallastigen Projekten mit.

Julian:
Für NEBELKRÄHE ist es mit Sicherheit eines der ungewöhnlichsten Konzerte, oder? Habt ihr euch etwas vorgenommen, um den Clash etwas abzumildern?

Jasper:
Natürlich! Hippieoutfit, Tierkadaver, Schweineblut, um allen Zuschauern was Neues zu bieten.

Julian:
Kar, euer Bassist, hat das ja schon vorgemacht. Aber im Ernst: Gleiches Outfit, gleiche Show?

Jasper:
So ziemlich, ja. Der ungewöhnlichste Auftritt mit NEBELKRÄHE bislang war bei einer Vernissage im Lothringer 39. Das Publikum war durchschnittlich Mitte 40, kunstbegeistert, nicht gerade metalversiert. Das Konzert fand in einem Betonkeller statt, mit kleiner Bühne, der ersten Reihe voller Nebelkrähefans, der Rest des Raums war mit besagten Kunstbegeisterten gefüllt, und ich dachte, vermutlich ist der Raum nach den ersten 4 Takten quasi leer.

Julian:
Aber es ging anders aus? Willst du behaupten, dass Metal doch mehr Kunst beinhaltet als ihm viele unterstellen wollen?

Jasper:
Ja! Meine Befürchtungen ware weit gefehlt, wie sich herausstellen sollte. Der Gig kam dermaßen gut an, die Bude blieb bis zur zweiten Zugabe gerappelt voll und alle waren total begeistert. Wie man sich mit seinen Vorurteilen in Menschen täuschen kann. Viele meinten, es sei zwar nicht grade ihre Musik, aber wenigstens nicht so langweilig wie der ewige französische Intellektuellenpop, und außerdem sei die Performance sehr authentisch rübergekommen. Ein paar haben sich sogar fasziniert die headbangende erste Reihe angeschaut und versucht, diesen Tanzstil nachzuahmen. Es war der Wahnsinn!

Julian:
Ja, stark! Lässt sich in diesem positiven Ereignis vielleicht auch so etwas wie eine positive Grundhaltung gegenüber der ganzen Veranstaltung und letztlich auch deine Motivation ableiten?

Jasper:
Naja, die Veranstaltung im Lothringer war für mich mal wieder eine Bestätigung, dass Menschen oft viel offener sind als man selbst sie einschätzt. Ich muss auch sagen, dass ich nach meinen Liveaktivitäten der letzten Jahre, die überwiegend im Metalsektor beheimatet waren, mich wieder sehr auf nichtmetallisches Publikum freue. Bei den Metallern ist es immer sehr unterschiedlich, da trifft man vom Szenedogmatiker bis zum offenen Musikfan ziemlich viele verschiedene Typen, während in der härteren Rock bis Punkschiene mir das Publikum durchgehend toleranter vorkam bislang. Fest steht, dass viele Nichtmetaller weniger Berührungsängste haben als man denkt, und dass der Großteil der Metaller mit härterem Rock eh glücklich ist. Da sehe ich im Grunde unser Zielpublikum.

Julian:
Perfekt, ein gutes Schlusswort. Ich wünsche euch, dass das eine tolle Angelegenheit wird und werde mich natürlich vor Ort davon überzeugen. Bitte, dein letzter Satz geht an die Unentschiedenen.

Jasper:
An alle Konzertbegeisterten da draußen: Das Inzestival wird die vermutlich bunteste Musikdarbietung des Jahres in München. Gerade in einer Stadt, deren Livemusikkultur immer mehr leidet, wäre es wichtig, die eigene Musikbegeisterung durch Konzertbesuche gerade der kleineren Bands zum Ausdruck zu bringen, sonst haben wir bald nur noch das Olympiastadion und als einzige Künstler so totgelutschte Kapellen wie U2. Und das will nun wirklich keiner. Zumal sechs Euro für sieben gute Bands und die Party des Tages wirklich keinen in die Armut treiben. Wer es noch billiger will, kann sich ja hier am Gewinnspiel auf Powermetal.de beteiligen und seine Eintrittskarten gewinnen.

So ist es, hier geht es zum Gewinnspiel. Viel Erfolg!

Redakteur:
Julian Rohrer

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