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Interview mit RAGNARÖK RECORDS-Betreiber Stephan Becker

05.09.2018 | 22:31

Ein Label, welches uns in letzter Zeit immer wieder mit tollen Releases verwöhnt, hört auf den Namen Ragnarök Records. Da hier im Gegensatz zu den meisten anderen Underground-Labels Qualität vor Quantität zur Geschäftsphilosophie gehört, wollen wir euch dieses kleine Label einmal ein bisschen näher vorstellen.

Moin Stephan, vielleicht stellst du dich unseren Lesern erstmal kurz vor. Du bist ja schon seit Ewigkeiten in der Szene aktiv. Ich erinnere mich an erste Vertriebsaktivitäten, die wohl 30 Jahre zurück liegen dürften. Da ist mir besonders die EUDOXIS 12" im Gedächtnis geblieben, die du sogar Fanzines für Verlosungen gegeben hast. Also, wie hat alles bei dir angefangen?

Mein Name ist Stephan, ich komme aus dem Großraum Dortmund und höre nun seit weit über 30 Jahren Metal. Angefangen hat für mich alles mit dem allerersten MAIDEN-Album und die Band hat mich bis heute nicht losgelassen. Musikalisch geprägt haben mich aber auch die Achtziger mit der damals aufkommenden Thrash-Welle. Bands wie EXODUS, METALLICA und SLAYER haben mich als Heranwachsender begleitet und hatten großen Einfluss auf meine Entwicklung. Schon sehr schnell war mir aber klar, dass mich das Fan-Dasein allein nicht befriedigt. Da ich allerdings kein Instrument spielen konnte, mussten sich die vorhandene Energie und der Enthusiasmus anders entfalten. Da es im Underground nur so von tollen Bands wimmelte, hab ich kurzerhand angefangen bei mir bekannten Bands anzufragen, ob Interesse besteht, dass ich deren Demos hier in Deutschland promote und vertreibe. Schnell war die Idee, zwar nicht finanziell, aber doch ideologisch, ein Selbstläufer und was mit den Texas-Thrashern PREMONITION und der Cleveland-Combo SEVERE WARNING begann, entwickelte sich mit Bands wie etwa EUDOXIS, DESULTORY (Metal Blade) oder CONCEPTION (Noise) recht erfolgreich weiter. Damals hatte ich erstmalig die Idee einen Tonträger selbst zu veröffentlichen. Mangels finanzieller Möglichkeiten blieb dies allerdings ein Wunschtraum.
Mit dem Aufkommen der Black-Metal-Welle verlor ich etwas die Lust an der Promo- und Vertriebstätigkeit, stieg aber bei einem Freund, der damals das Fanzine Obliveon (heute www.obliveon.de) gegründet hatte als Schreiberling ein und verbrachte die nächsten Jahre freizeittechnisch damit Tonträger zu besprechen und Bands zu interviewen. Aber auch hier verlor ich bald das Interesse an der vorgekauten, immer gleich klingenden Masse an Industrie-Releases und fing an unsere Import-Seiten mit selbst aufgespürten Tonträgern von Bands aus dem hintersten Winkel der Welt zu füllen. Neben den USA und Kanada sowie Europa und Australien bekam ich eben auch richtig gutes Zeux etwa aus Bolivien, Namibia, Taiwan oder den Färöer zu hören.
2014 trug ich noch immer die Idee eines Tonträgers im Hinterkopf und bei näherem Nachdenken wurde klar, dass es heißen musste: jetzt oder nie! Die Frage nach der Finanzierung stellte sich nun nicht mehr als die Entscheidende heraus und auch die Bandfrage war - zumindest für mich - sehr schnell geklärt. Und somit erschien im September 2014 mit "Visions Of Emptiness" von PREMONITION der erste Tonträger auf dem nun offiziell gegründeten Ragnarök Label. Weitere Hintergrundinfos als auch Soundclips, Biographien, Newsletter-Abos oder Bestellmöglichkeiten für sämtliche bislang elf Releases kann jeder auf  www.ragnaroek-records.com finden.

Du konzentrierst dich auf Thrash aus eher exotischen Gegenden. Woher kommt dieses besondere Interesse?

Dass bislang sämtliche Releases dem doch recht breiten Spektrum des Thrash Metals zuzuordnen sind, ist purer Zufall. Eine Band, die ich mache, muss lediglich meinen eigenen Qualitätsansprüchen genügen und bereit sein selbst Arbeit zu investieren, aber der Stil ist eher nebensächlich. Im Grunde hätte ich sehr gerne auch in der Vergangenheit schon Heavy-, Power- oder Speed-Metal-Bands gemacht, allerdings hat es dann nie geklappt. Ob irgendwas am Puls der Zeit liegt oder völlig gegen den Strom schwimmt, interessiert mich nicht die Bohne. Das ist der Underground, so klein diese Szene auch mittlerweile ist.


Wie stößt du auf die teilweise sehr obskuren Bands?

Ich glaube "obskur" trifft es nicht, "exotisch" schon eher. Zumindest wenn wir von den Herkunftsländern einiger Bands ausgehen. Mit vielen "meiner" Bands hatte ich schon in der Vergangenheit Kontakt. Sei es, dass ich mit diesen Bands schon zu den seligen Demo-Distribution-Zeiten zusammengearbeitet hatte wie etwa PREMONITION (Texas) oder RAWHEAD (Seattle) oder ich ihre Eigenproduktionen im Obliveon besprochen hatte. HATE SA sind dafür ein gutes Beispiel. Bolivien ist vermutlich selbst heute noch ein exotisches Herkunftsland für Heavy Metal, aber ich verfolge die Erfolgsgeschichte des Trupps um Gitarrero Extraordinaire Ricardo Larrazabal schon seit 2003 und seitdem sind sie immer besser geworden und heutzutage schlicht und einfach DIE beste Groove-Thrash-Combo Südamerikas. Ich konnte mit PANTERA nie etwas anfangen und fand auch MACHINE HEAD komplett überbewertet, aber ignoriert mal die Kategorisierung Groove Thrash und hört euch die fantastische Gitarrenarbeit im Zusammenspiel mit den aggressiven Vocals an und ihr werdet feststellen, dass an dieser Band kein Weg vorbei führt. Da  "La Sangre Del Tiempo", der vorletzte Longplayer der Band, ausverkauft und auch nie außerhalb Südamerikas erhältlich war, wollte ich diese CD unbedingt machen. Ich finde, die Sonderedition mit den englischen Lyrics und den handverlesenen Bonustracks ist richtig stark geworden. Und wenn HATE SA auf diesem Wege auch nur einen einzigen Fan hinzugewonnen hat, war es das wert. Kontakte zu anderen Bands wie MASS HYPNOSIA (Death/Thrash meets Old-School-KREATOR) oder STORMTHRASH (laut einhelliger Meinung der Presse DIE aktuell beste Nachwuchs-Thrash-Band) kommen von den Philippinen bzw. aus Venezuela und ergaben sich eher zufällig. Aber wenn du diese Musik schon lange hörst, erkennst du das Potential dieser Combos sofort.


Seit 2014 bist du wieder sehr aktiv geworden und hast uns einige echte Perlen serviert. War das Label in der Zwischenzeit komplett außer Betrieb?

In den Neunzigern war Ragnarök ja kein Label, sondern ein Non-Profit Promotion- und Distribution-Service. Das mit dem Non-Profit hat sich übrigens nicht geändert, haha. Aber ja, bis zur offiziellen Gründung als Label 2014 gab es Ragnarök nicht mehr. Ich selbst war halt in anderer Form aktiv und der Szene eher in schreiberischer Art und Weise verbunden.  

Du legst besonderen Wert auf eine liebevolle Optik und viel Information im Booklet. Ist das etwas, was dich an anderen VÖs stört? Vermisst du manchmal die Liebe zum Detail?

Definitiv! Ich selbst habe schon immer ein Mehr an Information und optischer Aufmachung geliebt. Und wenn du siehst, was ein paar Seiten mehr im Booklet kosten, so halte ich es schlicht für einen Witz, dass es offizielle Releases mit einem oder zwei Einlegeblättern in der CD gibt. Schluss ist allerdings dann bei circa 20 Seiten. Ich finde es zu nervig so ein ultrafettes Booklet wieder in die CD-Hülle quetschen zu müssen. Die Coverartworks der bisherigen Releases sind sehr unterschiedlich und äußerst individuell, allerdings scheint die (Thrash-)Szene doch mehrheitlich gezeichnete Artworks zu bevorzugen. Ich versuche dem Rechnung zu tragen, fand aber auch das verwendete Foto auf der "Visions Of Emptiness" echt klasse und war megastolz darauf es verwenden zu dürfen. Zumal die Fotografin mit ihren Schnappschüssen schon mehrfach die Titelseiten etwa des Times Magazines zieren durfte.


Du arbeitest komplett ohne die Hilfe von Vertriebspartnern. Eine bewusste Entscheidung?

Jein. Um das Label auf die nächste Stufe zu bringen, müsste ich vermutlich mit einem Vertrieb zusammen arbeiten. Aber nach allen Informationen, die ich von verschiedenen Seiten bekommen habe, hieße das nur: möglicherweise einige verkaufte CDs mehr für deutlich weniger Geld, viel Bürokratie und jede Menge Abzocke. Dazu müsste ich vertragliche Verpflichtungen eingehen, die ich mir nicht ans Bein binden möchte. Mir ist meine Unabhängigkeit unglaublich wichtig! Und wo, wenn nicht auf diesem Level? Fairerweise muss ich dazu sagen, dass ich ohne die Hilfe von guten Freunden wie etwa Joachim Schlums, der mich von der ersten CD an gnadenlos unterstützt hat, schnell die Segel gestrichen hätte. Die Homepage (www.ragnaroek-records.com) - ebenfalls die Arbeit eines guten Freundes - unterstützt natürlich auch als Absatzstelle. Und die fast immer herausragend guten Kritiken helfen mir bei den Leuten, die heutzutage überhaupt noch lesen.

Welche Deiner VÖs liegen dir besonders am Herzen?

Eigentlich alle. Das stimmt auf jeden Fall für den Zeitpunkt der Veröffentlichung, denn sonst hätte ich die jeweilige Scheibe nicht gemacht. Nachträglich gibt es aber ein, zwei Releases, die ich heute nicht mehr machen würde, was aber eher an dem fehlenden Engagement der Bands liegt. Musikalisch sprechen wir, auch wenn alles irgendwie dem Thrash zuzurechnen ist, verschiedene Sub-Genres an, aber alle sind für mich eine Bereicherung im doch hoffnungslos mit Durchschnittskost überfluteten Markt. PREMONITION war sicherlich ein Meilenstein, weil ich die Musik seit den Achtzigern kenne und noch immer liebe und es außerdem der erste Schritt für mich war. Aber abgesehen davon finde ich es einfach toll, was für tolle Menschen ich durch diese Tätigkeit kennengelernt habe. Stellvertretend seien Karl von MASS HYPNOSIA, Ricardo von HATE SA oder Ben von RaAWHEAD genannt, die allesamt auf ihre Art exzellente Musiker, herzensgute Menschen und herausragende Persönlichkeiten sind.


Ich habe den Eindruck, dass wir in den letzten Monaten mit Re-Releasen von Kultdemos förmlich überschwemmt werden. Du bist da mit deinen gezielten Releases eine löbliche Ausnahme. Wie siehst du die Situation konkret bei derartigen Veröffentlichungen?

Ich stimme dir zu. Natürlich lässt sich über Geschmack nicht wirklich streiten, aber vieles von dem, was heute gelobt und als "Kult" betitelt wird, war schon damals scheiße.


Durch die Limitierung dieser Teile ist man als Sammler oftmals gezwungen schnell zu agieren, da man sonst Gefahr läuft, irgendetwas nicht mehr (oder nur überteuert) später kaufen zu müssen.

Diese ganzen Re-Releases laufen mit Auflagen von 500 bis (angeblich) 1.000 Stück. Tendenz abnehmend. Und von ganz wenigen Highlights abgesehen, werden diese Auflagen auch nicht ausverkauft. Das Meiste geht im Tausch mit anderen Klein- und Kleinstlabels über den Tisch und wenn das betreffende Label "Ausverkauft" meldet, dann findest du die Veröffentlichung im Zweifel noch bei anderen Händlern auf Plattformen wie etwa Discogs. Zudem sind einige der 1.000er Auflagen tatsächlich nicht in der Menge gepresst worden. Soweit wir von Demo-Wiederveröffentlichungen sprechen, ist der Markt in der Regel mit 500 Stücken abgefrühstückt.


Gab es Bands, die du gern machen wolltest, die aber kein Interesse hatten?

Es gibt alles in jeder Konstellation. DREEMWICH war mein Herzenswunsch als zweite Veröffentlichung, da ich mit der Band in den Achtzigern sehr erfolgreich zusammen gearbeitet hatte. Leider hatte ich null Erfolg bei der Kontaktaufnahme und als der Kontakt dann doch zustande kam, hatten sie bereits einen Deal mit einem anderen Label. Ähnliches gilt für MOONCALF oder SURREALIST, die bereits vor längerer Zeit von einem Label "eingesammelt" wurden, aber vermutlich nie etwas veröffentlichen werden, da das Label nun lieber mehr Geld mit Album-Re-Releases macht. Sehr schade, da ich mit allen drei Bands in den Früh-Neunzigern gearbeitet hatte und ihre Musik fraglos gut ist. Bei EMISSARY weigerte sich der ehemalige Bandleader - warum auch immer - irgendwelche Anfragen zu beantworten und bei vielen Bands scheitert es auch einfach daran, dass die Leute nicht bereit oder schlicht nicht in der Lage sind, irgendwelche Dinge zu erledigen. Eine andere Band - echte ICED EARTH-Soundalikes - möchte lieber alles selbst machen, was ich absolut respektiere.


Mir würden jetzt spontan IN-MAN (mit FATAL OPERA-Sänger), DESTINY DREAMING "Horizons", RAGNARÖK "The Tape" (würde ja passen, hahaha) oder die BayArea-Thrasher MERCENARY sofort einfallen als Must-Haves.

Ich habe derzeit keine der genannten Bands in der näheren Planung.


Was steht denn in Zukunft bei dir auf dem Plan?

Als recht sicher dürfte die Veröffentlichung des dritten Albums von MASS HYPNOSIA gelten, die beim Songwriting in Sachen Aggressivität noch einen Zacken zugelegt haben. Dann gibt es da noch die Songs einer US-Band aus der DREAM THEATER-Ecke, die zur Diskussion stehen, und möglicherweise wird innerhalb der nächsten fünf Jahre (haha) das LIFE ARTIST-Comebackalbum auf Ragnarök erscheinen. Sowohl der Sänger als auch der Bassist sind Freunde von mir und musikalisch wird das Ganze sicherlich sehr, sehr anspruchsvoll werden. Fuck the Commerce - wie der Prog Metaller sagt!

Danke für deine Zeit und dein Einsatz, Holger!

Redakteur:
Holger Andrae

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