KETZER: Im Gespräch mit Sören und Marius

20.04.2016 | 15:18

Dass KETZER mit "Starless" für derart kontroverse Reaktionen innerhalb der POWERMETAL.de-Redaktion und unserer Leserschaft sorgen würde, damit hätten die Jungs selbst nicht gerechnet.

Konsequenterweise wurde auch im Forum darüber diskutiert. "Man kann Black Thrash auch einfach mit Anspruch spielen, anstatt pseudo-intellektuellen Gothic Rock zu dudeln, wenn man sich entwickeln will", meinte beispielsweise Kollege Päbst. Oder Kollege Andrae: "Gerade bei einem Newcomer finde ich dieses marktstrategische Stilausloten ganz besonders gruselig. Ich gehe davon aus, dass man Musik deshalb spielt, weil man ein bestimmtes Gefühl ausdrücken möchte und nicht, weil man in erster Linie Knete verdienen will." Wie auch immer die kritischen Worte forumliert wurden, die Kernaussage war meist dieselbe: KETZER habe eine Stilkorrektur vollzogen, um auf der Erfolgsleiter einige Sprossen zu überspringen. Wir klingelten bei Schlagzeuger Sören und Gitarrist Marius an.

"Es gab Reaktionen, die teils sehr kontrovers ausgefallen sind, weil wir uns eben musikalisch weiterentwickelt und auch visuell Veränderungen vorgenommen haben", fasst Schlagzeuger Sören die neue Marschroute von KETZER zusammen. "Das war für ein paar Leute zuerst etwas Neues, was sie zunächst verarbeiten mussten." Doch so einseitig wurde "Starless" natürlich nicht aufgenommen. Im Januar-Soundcheck kletterte die Band mit ihrem dritten Streich aufs Stockerl.

Dass sich die negativen Stimmen nicht ausschließlich auf die Qualität der auf "Starless" enthaltenen zehn Songs bezogen, sondern darüber hinaus gingen, war für das Quintett eine Überraschung. "Uns hat es grundsätzlich gefreut, dass wir anscheinend auch eine Diskussion über Authentizität im Metal-Bereich ausgelöst haben. Damit haben wir nicht ganz so stark gerechnet", so Sören. Gitarrist Marius klinkt sich ein: "Schön fand ich, dass "Starless" ein Album ist, das die Leute nicht unbedingt kalt lässt. Auch eine negative Reaktion ist eine Reaktion und eben auch emotional. Es ist toll, dass wir ein Album herausgebracht haben, das die Leute irgendwie emotional berührt."

Doch auch wenn die Band die Vorwürfe von außen, jegliche Authentizität über Bord geworfen zu haben, eher ausklammert, gehen sie nicht spurlos vorbei. "Persönlich trifft uns das jetzt nicht. Aber man macht sich darüber natürlich seine Gedanken", erkärt Sören. "Wir als Band sehen es absolut nicht, dass wir mit dem Album irgendwie mehr in Richtung Mainstream gehen oder dass da gar Kalkül dahinter steckt - ganz im Gegenteil." Die Entwicklung zwischen "Endzeit Metropolis" und dem aktuellen Werk sei nämlich natürlicher Natur gewesen. "Das klingt natürlich immer ein wenig klischeehaft. Es war aber nicht so, dass wir uns in den Proberaum gesetzt und überlegt haben, wie wir jetzt Musik schreiben könnten, die massentauglicher sein könnte. Und ganz ehrlich, wenn man sich "Starless" anhört, ist das absolut keine massentaugliche Musik." Vielmehr habe die Band eine ganz andere Erfahrung gemacht. Sören: "Viele Leute wissen auf den ersten Blick gar nicht, was sie dazu sagen sollen. Viele der Kritiken gingen in die Richtung, dass das Songwriting zwar okay sei, die Leute aber keine Meinung zu dem Album an sich haben. Auf der einen Seite finden sie es gut, auf der anderen Seite stoßen sie manche Sachen ab."

So viel steht also fest, KETZER selbst hat eine andere Definition, wie massentaugliche Musik zu klingen habe. Sören holt aus: "Aus meiner Perspektive ist das Album nicht das, was ich als massentauglich bezeichnen würde. Gerade im Metal-Bereich. Und da ist es eher so, dass da gerne das Wort "Hype" verwendet wird. Da krieg ich fast schon das Kotzen. Denn was ist mehr Hype? Eine Band wie wir, die jetzt mehr oder weniger was Neues macht und damit umgehen muss, dass sie negative Kritik einzustecken hat oder eben die 125. Oldschool-Schweden-Death-Metal-Band, die eben nach alten DISMEMBER oder ENTOMBED klingt, aber eben auch nichts Neues macht. Ich kann das absolut nicht nachvollziehen." Dabei will der Trommler aber nicht falsch verstanden werden und trifft den Nagel auf den Kopf: "Jeder kann ja machen, was er will. Ich will das nicht verurteilen, dass da Leute Bock auf die Old-School-Schweden-Death-Geschichte haben oder die 125. Retro-Rock-Band machen. Das ist ja alles schön und gut. Solchen Leuten wird dann aber als allerletztes vorgeworfen, dass es ihnen an Authentizität oder an Spirit mangelt."

Das einzige Argument, den Zuhörer zu überzeugen, ist letztlich die Musik. "Unsere Musik entsteht daraus, dass wir das machen, worauf wir Bock haben. Aber das kannst du den Leuten halt nicht beweisen. Für uns ist es Fakt und wenn jemand behauptet, dass das nicht so ist, dann sind das halt zwei verschiedene Meinungen. Wir können unsere eigene Überzeugung so gut es geht rüberbringen. Aber wir sind auch nicht in der Position, uns rechtfertigen oder beweisen zu müssen. Entweder, die Leute glauben uns das und nehmen es uns ab oder eben nicht", so Sören. Der Blick bei KETZER geht dabei stets nach vorne, wie Marius betont: "Wir sind nicht nach hinten gerichtet. Wir haben noch nie Musik gemacht, um ein gutes Jahrzehnt im Metal wieder aufleben zu lassen oder Vintage wieder vor zu holen. Wir wollen eigentlich eher die Zeit ein wenig mit prägen. Wir schauen eher nach vorne. Für uns alle ist wichtig, das so zu sehen, als seien wir in dem Jahrzehnt, das das größte im Metal werden soll. Vielleicht wird in 20 Jahren auf unsere Zeit zurückgeschaut. Mir ist wichtig, dass die beste Zeit des Metal noch kommen wird. So sehe ich das und eben nicht, dass man Altes wieder neu auflegen muss. Wir haben natürlich Elemente aus Vergangenem und kombinieren diese. Aber es geht hier um die Einstellung."

Das bezieht sich aber rein auf das Songwriting. Was Studioarbeit und die Produktion im Allgemeinen anbelangt, bedient sich KETZER gern an Althergebrachtem. "Wir sind gewissen Idealen näher als andere. Eine klinische Produktion würde für uns nicht in Frage kommen. Da sind wir natürlich näher bei älteren Bands. Das ist auch unser persönlicher Geschmack. Uns geht es aber nicht darum, zu klingen wie Band XY aus den Achtzigern, sondern wir versuchen eher, heutzutage ein Statement zu setzen", erklärt Sören. Die Kurskorrektur im Sound erklärt Marius wie folgt: "Wir haben einfach viel Zeit im Proberaum verbracht und diese Änderung kommt eher vom intensiven Jammen. Dadurch sind die Songs von der Richtung her offener ausgelegt. Aber das haben wir so nicht direkt beeinflusst." Sören wird konkreter: "Wir haben genauso JOY DIVISION zur "Endzeit Metropolis"-Phase gehört wie BLACK SABBATH oder JUDAS PRIEST oder auch FIELDS OF THE NEPHILIM. Das ist nicht so, dass wir auf einmal die Erleuchtung hatten und angefangen haben, diese Sachen zu hören und gesagt haben, dass wir diese Einflüsse auf unserem neuen Album haben wollen. Das machen wir generell nicht. Man ist natürlich nie frei von äußeren Einflüssen, sei das Musik oder andere Kunstrichtungen, aber viele Leute stellen sich das so vor, dass man eine Band hört und dann sagt, dass das nächste Album genau so klingen soll. Das hat es bei uns nie gegeben. Wir reden natürlich auch über Musik, aber sobald wir im Proberaum selbst spielen, geht es darum, dass wir Musik wie KETZER machen und nicht versuchen, Musik wie FIELDS OF THE NEPHILIM zu machen. Ich kann das schon nachvollziehen, dass Leute in unserem Stil andere musikalische Einflüsse ausmachen als noch auf "Endzeit Metropolis", wobei ich das mit dem Goth Rock nicht so sehe. Aber das ist unabhängig davon, was wir hören."

Ein weiterer gewichtiger Kritikpunkt bezieht sich auf das äußere Erscheinungsbild der Fünf. Vielen Fans der Frühphase der Band stößt der neue Dresscode auf - weg von Nieten, Spikes und Metal-Shirts hin zum SATYRICON-Hugo-Boss-Stil. Authentisch geht anders, behaupten einige. "Authentizität hat aus meiner Sicht etwas mit Ehrlichkeit zu tun. Und Ehrlichkeit bedeutet, dass man nicht Theater spielt", sagt Sören. "Unser Debüt liegt mittlerweile sieben Jahre zurück. Wir haben uns da einfach verändert. Und es ist ja nichts, wofür wir uns heute schämen müssen. Wir laufen eben nicht mehr so herum wie früher. Ich habe auch heute kein Problem damit, wenn Leute mit Kutte und Patronengurt herumlaufen. Aber wir machen das eben nicht mehr. Ob das jetzt jemand cool findet oder nicht, ist ganz egal. Wir persönlich haben das Gefühl, wesentlich ehrlicher zu sein, wenn wir uns auf Bandfotos so zeigen, wie wir wirklich sind. Und eben nicht, dass wir der Metal-Gemeinde zeigen müssen, dass wir noch dieselben harten Typen sind und die Kutten und Patronengurte aus dem Schrank holen. Das wäre für uns unehrlich und unauthentisch. Und zwei von uns haben jetzt kurze Haare, was aber nichts mit der Band zu tun hat. Wir tragen aber immer noch schwarze T-Shirts und schwarze Jeans. Was ist denn daran jetzt verwerflich? Ich kann das absolut nicht nachvollziehen, dass sich die Leute an so etwas dermaßen aufhängen. Und die Bilder sind eben auch etwas professioneller geworden. Die ersten haben wir noch per Selbstauslöser geschossen. Und dieses Mal hatten wir eben eine etwas bessere Fotografin am Start. Ich finde es schon seltsam, dass über solche Nebensächlichkeiten diskutiert wird. Und bei manchen Bands ist es dann okay und bei anderen nicht. Wenn sich MASTER'S HAMMER mit Gummistiefeln ins Wasser stellt, ist das cool und wenn sich KETZER ohne Kutte irgendwo hinstellt, dann ist das trendy."

Dabei verpasst viele Zuhörer die eine oder andere Perle, weil eine Band vordergründig nicht in ihr Weltbild zu passen scheint. "Manche Leute sind sehr engstirnig. Das ist aber eben auch ein Problem der viel zitierten schnelllebigen Zeit. Die Leute verbringen den halben Tag im Internet und fällen nach fünf Minuten ein Urteil über eine Band, nachdem sie einen Song einmal angehört und sich ein Bandfoto angeschaut haben. Wieviel Arbeit, Energie und Zeit eine Band da hineinsteckt, ist da zweitrangig. In den drei Jahren ist bei uns auch unglaublich viel passiert. Und wir haben uns viel Gedanken darüber gemacht", sagt Sören. "Ich glaube, das hat auch damit zu tun, dass das alles für manche mehr zur Ideologie geworden ist als die reine Musik an sich. Und viele fühlen sich dann vielleicht betrogen. Wenn man durch eine Band, die sich weiterentwickelt hat, plötzlich die eigene Welt bedroht sieht. Es ist eine bestimmte Wertvorstellung, die bei ihnen vorherrscht. Es ist mehr Ideologie als Musik", ergänzt Marius.

So mutig KETZERs Schritt mit "Starless" gewesen ist, so viel Mut erhoffen sich die Fünf auch von den Fans, über den Tellerrand zu blicken. "Ich kann einfach nur jedem raten, sich mit dem Album auseinanderzusetzen und sich seine eigene Meinung zu bilden, unabhängig davon, was so alles gelabert und geschrieben wird", so Sören abschließend. Dass die Jungs immer noch die Alten sind, davon könnt ihr euch auf einer der anstehenden Shows mit PRIMORDIAL und SVARTIDAUDI selbst überzeugen.

Redakteur:
Haris Durakovic

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