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KOTIPELTO: Interview mit Timo Kotipelto

03.05.2007 | 14:33

Wenn von den besten und vielseitigsten Stimmen im Heavy Metal gesprochen wird, muss früher oder später auch der Name TIMO KOTIPELTO fallen. Mit STRATOVARIUS hat das finnische Goldkehlchen großartige und einflussreiche Alben veröffentlicht und auch als Solo-Künstler hat er sich inzwischen etabliert. Sein neuer Alleingang "Serenity" wanderte in seiner Heimat schnurstracks auf den achten Platz der Album-Charts. Dabei ist "Serenity" ein eher konservatives Melodic-Metal-Album geworden. Oder sollte gerade das der Schlüssel zum Erfolg sein?

Martin:
Timo, dein neues Solo-Album "Serenity" ist soeben auf den Markt gekommen, erzähle den Fans dort draußen doch bitte mal mit deinen eigenen Worten, wie es klingt und was für dich das Besondere daran ist!

Timo:
Wenn ich "Serenity" mit meinen ersten beiden Solo-Scheiben vergleiche, würde ich sage, das Besondere für mich war, dass ich dieses Mal mit einer festen Band gearbeitet habe. Früher haben mir immer einige Freunde ausgeholfen und den einen oder anderen Song eingespielt, jetzt gibt es eine einzige Besetzung, die alles aufgenommen hat. Mein Gitarrist Tuomas Wäinölä war sogar ins Songwriting involviert, die Single 'Sleep Well' und 'Last Defender' haben wir zusammen komponiert. Außerdem hat dieses Album im Gegensatz zu zum Beispiel "Waiting For The Dawn" so gut wie nichts mehr mit Power Metal zu tun. Ich würde sagen, "Serenity" ist ein klassisches Melodic-Metal-Album, nicht mehr und nicht weniger.

Martin:
Ja, genau das ist ja der Punkt. Versteh mich nicht falsch, "Serenity" ist in meinen Augen ein sehr professionelles, rundes und starkes Album, aber es ist ziemlich normal, um nicht zu sagen unspektakulär. Ich hatte ehrlich gesagt gehofft, du würdest auf deiner neuen Solo-Platte auch mal etwas Neues ausprobieren, mal die eine oder andere Überraschung aus dem Hut zaubern und das Risiko suchen. Doch es hat den Anschein, als wolltest du auf Nummer sicher gehen. Stimmt das?

Timo:
Das Risiko suchen? Wenn ich das Risiko suchen will, gehe ich zum Pferderennen und platziere eine Wette auf einen Außenseiter! Ich kümmere mich nicht darum, was die Leute von mir erwarten, und die Verkaufszahlen interessieren mich auch nicht, wenn du das mit "auf Nummer sicher gehen" meinst. Ich schreibe einfach die Melodien auf, die mir im Kopf herum schwirren, das sind meine Songs, das bin ich selbst. Wenn ich kommerziell denken würde, müsste ich wohl Timo Tolkki kopieren, und versuchen wie STRATOVARIUS zu klingen. Dann würde ich wahrscheinlich noch viel mehr Alben verkaufen. Aber das hier ist nicht STRATOVARIUS, das hier ist KOTIPELTO! Es steckt viel von meiner Seele und meinem Herzblut in "Serenity". Das war beim Vorgänger "Coldness" nicht unbedingt immer der Fall.

Martin:
Welche Songs repräsentieren denn deiner Meinung nach am besten das Wesen und den Charakter von KOTIPELTO?

Timo:
Ich würde sagen der Titelsong 'Serenity', 'Angels Will Cry' und 'Last Defender'. Die Songs sollte man sich anhören, wenn man wissen will, wie wir klingen!

Martin:
Ja, das sind neben 'Sleep Well' in meinen Augen auch die besten Tracks der Scheibe. Vor allem 'Last Defender' hat es mir angetan, da der Song meinen Wunsch nach Ungewöhnlichem und Neuartigem am besten erfüllt. Dieses episch-majestätische Doom-Feeling kommt total gut. Wovon handelt der Songs eigentlich?

Timo:
Von der großen Schlacht um Stalingrad. Dort haben zwei Wahnsinnige Hunderte und Tausende unschuldiger Menschen geopfert für nichts und wieder nichts. Ich habe mehrere Bücher zu diesem Thema gelesen und verschiedene Dokumentarfilme gesehen, die mich sehr berührt haben. Ich musste dieses Thema einfach in einem Song verarbeiten. Der Text ist aus der Sicht eines einfachen Soldaten geschrieben, der weiß, dass er einen sinnlosen Tod sterben wird, aber dem man eingebleut hat, er dürfe nicht aufgeben, nicht zurückweichen. Wie ich eingangs ja schon erwähnte, hat Tuomas einen großen Teil der Musik geschrieben, das ist wohl der Hauptgrund, warum die Nummer etwas anders klingt. Ich mag 'Last Defender' sehr!

Martin:
Was das Album – Risiko hin, Herzblut her – zu einem absoluten Hörgenuss macht, ist die exzellente Produktion. Aufgenommen hast du in den Sonic Pump Studios, die bekannt sind für einen ausgezeichneten Melodic-Metal-Sound. Was machen die Jungs dort besser als andere?

Timo:
Na ja, das Schlagzeug und die Rhythmusgitarren wurden dort eingespielt, alles andere habe ich in meinem eigenen Studio aufgenommen. Das Mixing hat Mikko Karmila übernommen, das Mastering Mika Jussila, beide arbeiten ja bekanntlich im Finnvox. Das ändert aber nichts daran, dass das Sonic Pump in der Tat eines der besten Studios in Finnland ist. Die Einrichtung ist super, es ist sehr gemütlich dort, alles läuft in der Regel sehr entspannt ab. Vor allem der Drumsound, den sie dort machen, ist einsame Spitze, die haben dort einfach den perfekten Raum für das Schlagzeug. Außerdem sind die Besitzer gute Freunde von mir, das erleichtert auch noch mal vieles. Hinzu kommt, dass es nicht weit von Helsinki entfernt liegt und es eine super Sauna hat!

Martin:
"Serenity" ist bei AFM Records erschienen, zuerst hieß es jedoch, du würdest das Teil über dein eigenes Label heraus bringen. Ganz an Anfang gab es sogar mal Gerüchte über eine Zusammenarbeit mit Frontiers.

Timo:
Also mit Frontiers habe ich nicht einmal gesprochen. Ist schon lustig manchmal, was für Gerüchte die Leute in die Welt setzen. Pass auf, die Sache ist so: Hier in Finnland erscheint "Serenity" bei meinem eigenen Label High And Loud. Aber ich kann mich nicht auch noch um Vertrieb und Promotion im Rest der Welt kümmern, schließlich bin ich Künstler und nicht Geschäftsmann. Folglich habe ich die Platte an AFM vertickt, die haben halt ein gutes Angebot gemacht. Ich denke, AFM ist eines der besten Label für Melodic Metal zur Zeit.

Martin:
'Sleep Well' wurde ja zuvor als Single ausgekoppelt und ist zugleich auch Titelsong eines finnischen Films namens "Vares 2". Was ist das für ein Film und wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Produzent Aleksi Mäkela?

Timo:
Der Aleksi ist einfach ein guter Freund von mir. Er hat mich vor etwa einem Jahr gefragt, ob ich nicht irgendeinen guten Song für seinen nächsten Film hätte. Als ich erfuhr, dass die Hauptfigur des Streifens ein Privatdetektiv ist, dachte ich sofort, 'Sleep Well' würde gut passen. Ursprünglich hatte ich einen Text geschrieben über einen Serienkiller, der abends seine Freundin ins Bett bringt und dann los zieht und andere Frauen aufschlitzt. Den habe ich dann umgeschrieben und nun geht es halt um einen Auftragskiller, der seinen letzten Job erledigen soll, bevor er in Rente geht.

Martin:
Du hast auch ein Video zu dem Song gemacht.

Timo:
Oh ja, das ist toll geworden. Die Aufnahmen haben total viel Spaß gemacht. Der große Kerl, der den Killer spielt, ist Jussi Lampi, mein alter Schlagzeuglehrer. Vor zehn Jahren hat er schon zu mir gesagt, dass er unbedingt mal mit spielen möchte, wenn ich ein Video mache, und nun ist es endlich dazu gekommen. Du musst wissen, der Jussi ist in Finnland ein sehr bekannter Schauspieler und außerdem ist er ein fantastischer Schlagzeuger. Bei der Produktion des Clips hat mich die Firma Solar Films sehr unterstützt. Dan Peled führte dann Regie wie auch bei "Vares 2".

Martin:
Sagen der Albumtitel und das Coverbild (eine in rot gekleidete Dame, der verträumt und gelassen durch einen etwas unheimlich anmutenden Wald streift) etwas über die momentane Gemütslage des TIMO KOTIPELTO aus?

Timo:
Interessante Frage, hehehe... Ich denke, da ich ein ziemlich unruhiger und stets suchender Mensch bin, sehne ich mich tief in meinem Inneren wohl nach jener heiteren Gemütsruhe (im Englischen "serenity"). Aber tun wir das nicht alle? Es war auf jeden Fall so, dass ich von dem Moment an, als ich den Titel ausgewählt hatte, eine ziemlich konkrete Vorstellung davon hatte, was ich auf dem Cover haben will. Um das Mädchen herum sieht es sehr bedrohlich aus und ein Sturm zerrt an ihrem Kleid. Dennoch scheint sie das alles nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen, ihren Seelenfrieden nicht zu berühren.

Martin:
Stimmt es, dass ihr gerade für eine neue STRATOVARIUS-Scheibe im Studio ward? Kannst du uns schon mal ein bisschen was verraten über Album Nummer 12?

Timo:
Ich selbst war gar nicht im Studio, bisher wurden lediglich die Drums aufgenommen. Die Platte wird wohl erst im nächsten Jahr erscheinen. Timo Tolkki hat ein paar exzellente Songs geschrieben in den letzten Monaten. Für mich klingen die Demos ein bisschen nach der Zeit von "Visions", welches meiner Meinung nach unser bestes Album war - das Album, das am besten zeigt, wofür der Name STRATOVARIUS steht.

Martin:
Die große Krise im Hause STRATOVARIUS ist jetzt schon einige Zeit Geschichte, wie ist denn die Atmosphäre in der Band zur Zeit? Wie kommst du heute zurecht mit Mr. Tolkki und seinen Marotten?

Timo:
Oh, alles ist cool, keine Probleme! Timo Tolkki hat seine Krankheit inzwischen unter Kontrolle und ist wieder deutlich besser drauf. Wir haben uns erst vor ein paar Wochen auf ein paar Tassen Kaffee getroffen. Ich denke, alle in der Band freuen sich auf das neue Album und die kommende Tour.

Martin:
In Finnland ist dein Album auf Platz 8 in die Charts eingestiegen. Überrascht dich dieser Erfolg eigentlich oder rechnet man als STRATOVARIUS-Sänger zumindest daheim mit so etwas?

Timo:
Finnland ist halt ein tolles Land, vor allem für Metaller, hahaha! Klar freue ich mich über den Charts-Einstieg, aber die Zeit hat mich gelehrt, dass man besser gar nichts erwartet, sondern alles was an Gutem kommt, dankbar annimmt.

Martin:
Wie berühmt bist du eigentlich in Finnland? Wirst du auf der Straße erkannt? Kannst du noch in Ruhe in den Supermarkt oder ins Restaurant gehen, ohne das dir die Leute auf den Zeiger gehen?

Timo:
Na ja, so berühmt wie Ville Valo oder Lauri von THE RASMUS bin ich nicht, aber ich werde schon ab und zu erkannt und auch angesprochen. Das liegt aber zu einem großen Teil auch daran, dass ich inzwischen hier in Finnland für MTV arbeite und Gastgeber der Headbanger's Ball-Show bin. Aber auf die Nerven geht mir eigentlich niemand, höchstens mal, wenn mich die Leute sternhagelvoll zutexten... aber, das muss man wohl akzeptieren, so sind wir Finnen nun mal!

Martin:
Du bist zur Zeit in Europa mit Chris Caffery auf Tour. Wie war's denn bisher und wie kommst du mit Chris klar?

Timo:
Oh, die Gigs haben jede Menge Spaß gemacht, auch weil Chris Caffery ein verdammt cooler Typ ist. That guy ROCKS live!! Außerdem war es toll, John Macaluso mal wieder zu treffen, der in Chris' Band Schlagzeug spielt. Wir haben uns vor ein paar Jahren mal in Mailand kennen gelernt. Ein verrückter Kerl ist das! Ich liebe es, auf Tour zu sein, Auftritte sind für mich das Größte überhaupt, die Atmosphäre, die Kommunikation mit dem Publikum, die Energie, die freigesetzt wird, das ist atemberaubend. Was ich total faszinierend finde ist, dass ich inzwischen teilweise sogar Gesichter im Publikum wieder erkenne, Leute, die schon seit Jahren zu unseren Konzerten kommen. Ich wünschte, die Tour wäre länger. Ich habe eine großartige Liveband im Rücken und hoffe, dass wir vielleicht im Herbst noch mal los ziehen. Zudem werden wir ein paar Sommer-Festivals in Finnland spielen und wenn alles gut geht, touren wir Ende des Jahres in Südamerika.

Martin:
Okay, Timo, ich danke dir für deine Zeit und das Gespräch!

Timo:
Ich habe zu danken! Bis zum nächsten Mal dann! Rock the metal!!!

Redakteur:
Martin van der Laan

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