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KREATOR: Interview mit Mille

05.06.2012 | 07:29

Um "Phantom Antichrist" wurde von Labelseite aus dieses Mal ein ziemlich großes Geheimnis gemacht, sodass man als Interviewer Mille gegenübertritt, ohne die Musik gehört zu haben. Natürlich keine optimalen Voraussetzungen, allerdings ist Mille Vollprofi und von daher ist das auch kein größeres Problem. Außerdem bietet es auch Raum, um über Themen abseits der Musik zu sprechen.

Zu Beginn bitten wir Mille also, "Phantom Antichrist" zusammenzufassen: "Nun, mit dem Titeltrack haben wir einen typischen KREATOR-Thrasher ja bereits veröffentlicht, aber ich würde nicht sagen, dass er das Album repräsentiert, denn ich finde, dass "Phantom Antichrist" sehr abwechslungsreich geworden ist. Unsere letzten drei Alben finde ich ja alle sehr geil, aber so richtig überrascht haben wir mit ihnen ja nicht. Von daher wollten wir natürlich dieses Mal auch ein bisschen mehr experimentieren und ein paar Sachen machen, die wir bisher noch nicht gemacht haben, wie zum Beispiel das sehr getragene 'Until Our Paths Cross Again', wo die Gitarren beinahe schon folkig sind. Wir haben uns daher auch ein Jahr lang zurückgezogen, um an den Songs zu arbeiten. Und ich denke, dass das Ergebnis ein sehr abwechslungsreiches Album geworden ist, dass jeder Fan von Heavy Metal im weitesten Sinne geil finden kann. Ich zumindest finde es total geil, und wenn wir an einem Album arbeiten, bin ich ja auch immer im Fan-Modus und will in erster Linie, dass es mir gefällt. Und "Phantom Antichrist" kann ich locker rauf und runter hören.", erzählt Mille sehr selbstbewusst. Und nachdem man "Phantom Antichrist" hören durfte, ist dieses Selbstbewusstsein auch nur logisch.

Auch textlich hat Mille natürlich wieder einiges zu sagen, wie er anhand einiger Beispiele verdeutlicht: "'Civilization Collapse' handelt von der Finanzkrise in Griechenland und davon, wie ein Land zugrunde gerichtet wird und das Volk dafür bezahlen muss, während es bei 'Your Heaven, My Hell' um einen Jungen geht, der von einem Priester missbraucht wird und sich später an allen Religionen der Welt rächen möchte. Das ist natürlich stellenweise etwas überzogen dargestellt, aber das macht es ja gleichzeitig auch unterhaltsam."

Und auch sonst hat Mille natürlich einiges mitzuteilen. Wenden wir uns der Politik zu, da just die Wahlen in NRW stattfinden. "Du wirst lachen, aber neulich hat "Die Linke" bei mir nachgefragt, ob ich denn nicht für sie Wahlwerbung machen möchte. Aber obwohl ich durchaus einige Sympathien für "Die Linke" habe, habe ich abgelehnt, denn für Propagandazwecke mag ich mich dann doch nicht hergeben, dafür kann ich mich auch mit keiner Partei mehr genug identifizieren. Früher standen Parteien noch für ein gewisses Profil, für eine klare Richtung, aber ob man heute SPD oder CDU wählt, macht ja fast keinen Unterschied mehr, so stromlinienförmig ist alles geworden. Auch bei den Grünen kann man das beobachten, für die ich ebenfalls einige Sympathien hege, aber auch da entwickelt man sich immer weiter weg von dem, was die Partei mal ausgemacht hat. Ich habe jedenfalls sehr halbherzig für eine Partei gestimmt bei dieser Wahl." Die Piraten dürften es nicht gewesen sein: "Haha, du hast wohl meinen Artikel im Rolling Stone gelesen, wo ich zum Thema Urheberrecht Stellung beziehe?! Im Grunde gehe ich da absolut konform, mit dem was Sven Regner (ELEMENT OF CRIME - d. Verf.) gesagt hat. Wenn niemand mehr für Kunst bezahlt, wie soll denn ich als Künstler dann überleben und weiterhin Kunst machen können? Der Gedanke, dass Kunst grundsätzlich umsonst sein soll, ist einfach Unsinn."


Als besonders politisch sieht sich Mille - entgegen der landläufigen Meinung - aber eigentlich nicht. "Nun, ich stelle vielleicht kritische Fragen und bin ein Vernunftsmensch, aber ich könnte einige politische Ämter wahrscheinlich nicht einmal benennen. Eine Karriere als Politiker könnte ich wohl auch eher nicht machen. Man muss auch ganz klar mal sagen, dass man Politiker um ihren Job echt nicht beneiden darf. Die Piraten wollen ja, dass die Bürger mehr in die Entscheidungen einbezogen werden, aber viele der Themen sind so komplex, dass ich nicht möchte, dass wir da wirklich mitreden dürfen, das setzt nämlich eine Grundintelligenz voraus, die ich dem Volk nicht zutraue. Dafür wähle ich ja Experten, damit sie mich in solchen Fragen vertreten und die bestmögliche Entscheidung treffen. Aber offensichtlich sind auch viele Politiker damit glatt überfordert. Aber ich glaube, dass die Menschheit an sich auch einfach zu komplex ist, um das alles gut steuern zu können. Es gibt so viele Staatsformen, die in der Theorie gut aussehen, aber in der Praxis grandios gescheitert sind. Und auch die Demokratie scheint ja nicht die ultimative Form zu sein, denn die hat ja die Finanzkrise auch möglich gemacht."

Kommen wir zurück zur Musik. Die Pläne nach der Albumveröffentlichung sind auch schon in Sack und Tüten. "Ja, wir gehen erst einmal mit ACCEPT in Amerika auf Tour und im Herbst geht es dann mit NILE, MORBID ANGEL & FUELED BY FIRE durch Europa. Ich denke, das ist ein ganz geiles Paket, auf das sich die Fans wirklich freuen dürfen." Mein Einwand, dass mir zwei Bands eigentlich reichen würden, kann Mille verstehen, liefert aber auch die Erklärung für das große Paket gleich mit: "Ja, im Grunde sehe ich das exakt wie du und würde am Liebsten auch nur eine geile Vorband und dann den Headliner sehen, aber durch die ganzen Festivals und Festivaltouren ist halt auch hier eine Mentalität eingetreten, dass viele Fans auf Konzerten vier bis fünf Bands sehen wollen und dann etwas von "value for money" erzählen. Es ist echt schade, dass dies so Überhand genommen hat und die Fans nicht mehr vor allem wegen dem Headliner kommen wollen, sondern man jetzt schon mit den drei Vorgruppen überzeugen muss."


Auch zu den ganzen Jubiläums- und Klassikertouren hat Mille einen klaren Standpunkt: "Also, ich kann mir das für KREATOR beim besten Willen nicht vorstellen. Welche Relevanz hätte KREATOR noch, wenn uns die Leute nur wegen der ersten drei, vier, fünf Alben sehen wollen würden? Nein, ich bin stolz darauf, dass wir immer dabei waren und aus allen Phasen Songs in unsere Setlist integrieren können, ohne dass es unpassend wirkt. Als ich neulich gesehen habe, dass METALLICA ihr schwarzes Album komplett spielen, habe ich mich gefragt, wer das denn hören möchte? Es gibt Songs, die man aus einem bestimmten Grund selten oder nie live spielt, denn sie funktionieren so einfach nicht. Bei "Pleasure To Kill" würden mir auf Anhieb drei Songs einfallen, die ich mir nicht auf der Bühne vorstellen kann. Im Grunde ist das einzige Album, wo das meiner Meinung nach funktioniert, "Reign In Blood" von SLAYER. Da ist jeder Song ultrabrutal, das wirkt alles aus einem Guss und mit 28 Minuten ist es so kurz, dass man sogar noch einen normalen 60-Minuten-Gig vorher spielen kann. Da passt das. Davon abgesehen braucht man das doch wirklich nicht und ich habe bislang all diese Angebote - die es natürlich immer mal wieder gibt - konsequent abgelehnt. Ich werde hier nicht sagen, dass wir das niemals machen würden, aber im Augenblick ist das für mich unvorstellbar, dafür bin ich auch viel zufrieden mit dem neuen Album."


Das kann er auch sein. Auch auf das Coverartwork. "Auf das bin ich sogar besonders stolz. Ich wusste vorher schon, dass ich mal wieder ein echtes Gemälde haben möchte und nicht so eine Photoshop-Sache und als ich das Cover zu AUTOPSYs "Macabre Eternal" gesehen habe, wusste ich auch, dass Wes Benscoter es machen sollte. Ich habe ihn dann kontaktiert, und schon als er mit den ersten Bleistiftentwürfen zurückkam, hat es mich von den Socken gehauen. Ich habe ihn dann einfach machen lassen und das Ergebnis ist fantastisch geworden." In der Tat. Wie auch "Phatom Antichrist" wie man mittlerweile weiß.

Redakteur:
Peter Kubaschk
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