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LACRIMOSA: Interview mit Tilo Wolff

01.01.1970 | 01:00

Ich gebe es offen zu: Tilo Wolff zu interviewen habe ich mir schon lange gewünscht und so war es für mich schon ein Erlebnis, mit ihm zu telefonieren. In Aussicht dessen kann man auch schon mal vergessen, dass man eigentlich gar keine Zeit hat, das Interview danach auch zu schreiben. Egal, denn Tilo Wolffs Antworten haben ja prinzipiell immer irgendwie etwas „zeitloses“. Es versteht sich von selbst, dass ein Interview mit einem solch vielschichtigen und nachdenklichen Künstler sich nicht ausschließlich um ein neues Album drehen kann. Seit dem 27. Januar ist „Echos“ auf dem Markt. Was Tilo selbst dazu zu sagen hat, und was der Mann sonst noch über das Leben und die Welt denkt, lest ihr im Folgenden.

Mathias:
Zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zu eurem neuen Album. Wie würdest du es in wenigen Sätzen selbst beschreiben?

Tilo:
Danke. Zunächst einmal ist es für mich das persönlichste und emotionalste Album. Vor allem zeichnet es sich dadurch aus, dass es trotz der zurückgenommenen Gitarren und des Schlagzeugs eigentlich irgendwie unser härtestes Album ist. Durch seine minimalistische Orchestrierung entwickelt es eine unterschwellige Kraft, die es so bislang nicht auf LACRIMOSA-Alben zu hören gab.

Mathias:
Was erwartest du dir persönlich vom neuen Album?

Tilo:
Dass man sich damit ausführlich auseinandersetzt und es nicht einfach wie jedes andere Konsumprodukt behandelt. Als solches ist es sicher nicht gedacht, sonst hätte ich es zum Beispiel nicht mit einem 13 Minuten langen Orchesterwerk beginnen lassen. Das Album symbolisiert so viele Grund-Gefühle LACRIMOSAs, es ist wie ein Film, der nur im Kopf abläuft. Es sind Themen, die die Seele ansprechen, deswegen sollte man sich die nötige Zeit dafür nehmen.

Mathias:
Und wie sind die Reaktionen bisher?

Tilo:
Bis jetzt sehr positiv, und zwar aus allen Bereichen. Sonst höre ich manchmal aus der Gothic-Ecke, ein Album sei zu hart, aus der Metal-Szene, es sei zu soft. Diesmal habe ich bis jetzt nur Super-Kritiken gehört, egal aus welcher Richtung. Das ist genial.

Mathias:
Wie würdest du eure Fortentwicklung seit "Stille"/"Elodia" über "Fassade" bis jetzt zu "Echos" beschreiben?

Tilo:
Zum einen war es ein stetiges besser Kennenlernen der Instrumente. Zum anderen habe ich mich in dieser Zeit persönlich, mit all meinen Gefühlen weiterentwickelt. Meine Musik ist der Nutznießer dieser Dinge. Außerdem hatte ich schon sehr lange den Traum eine für mich perfekte Kombination zwischen Gitarren-lastiger Rockmusik und klassischem Orchester zu finden. Für mich persönlich hat sich dieser Traum auf „Fassade“ erfüllt. Jetzt hatte ich die Gelegenheit, auf „Echos“ neue Wege zu gehen und auf meinen bisherigen Erfahrungen aufzubauen.

Mathias:
Normalerweise beginnt ja jedes neue Album mit einem Anknüpfungspunkt an das vorherige. Bei „Kyrie“ tue ich mich etwas schwerer ihn zu finden. Wo siehst du ihn?

Tilo:
Du hast schon recht, der Anknüpfungspunkt ist auch eher in „Durch Nacht und Flut“ zu sehen. Auf „Fassade“ war das ja mit „Der Morgen danach“ ähnlich. Im Prinzip braucht es „Durch Nacht und Flut“ als Brücke um dann auch „Kyrie“ zu verstehen.

Mathias:
War es generell schwer, nach "Fassade" nun zu einem neuen musikalischen Schema und zu neuer textlicher Thematik zu finden?

Tilo:
Einerseits ja, anderseits auch wieder nicht. Wie gesagt, nach der Erfüllung meines Traums mit „Fassade“ habe ich auf „Echos“ meinen Gefühlen relativ unvoreingenommen freien Lauf gelassen. Ich habe trotz des kurzen zeitlichen Abstands zum letzten Alben nur noch komponieren wollen, ich hatte so viele Ideen im Kopf und dachte, wenn ich jetzt nicht ins Studio gehe, müsste ich irgendwann ganz neu anfangen. Der Rest, das Schema, nachdem auch die neuen Lieder wieder miteinander zusammenhängen, was zum Beispiel in den Untertiteln ausgedrückt wird , entwickelte sich eigentlich erst im Studio. Einerseits ist es so eines der unbefangensten Alben, andererseits war es dann doch wieder ein ziemlicher Druck.

Mathias:
Wie würdest du euren jetzigen Musikstil in ein paar Sätzen selbst beschreiben? Ist es noch Gothic oder ist es schon eher moderne Klassik?

Tilo:
Ich persönlich kann das schwer sagen. Die meisten stecken uns schon noch mehr in die Gothic-Ecke, wobei wir heute vielleicht ein Stück weit mehr von außen betrachtet Gothic sind, als rein von der Musik her. Ich persönlich habe da keine Scheuklappen.
Auf dem neuen Album habe ich wie nicht nur wie immer verschiedene Musikstile integriert, sondern auch versucht, verschiedene historische Epochen zu verbinden, moderne Rockmusik vor allem mit der Renaissance und teilweise dem Barock. Auf „Malina“ ist deswegen zum Beispiel ein Spinett zu hören, neben Schlagzeug , Bass und Gitarre.
Anfangs haben mich viele als „Mitbegründer des deutschen Gothic“ bezeichnet. Das ehrt mich natürlich, aber ich möchte halt auch nicht darauf reduziert werden. Ich habe aber ganz sicher nicht dem Gothic abgeschworen. Er liegt mir sehr am Herzen, aber ich möchte mich natürlich auch musikalisch weiterentwickeln. Schließlich bestellt man ja auch nicht jedes Mal die gleiche Pizza.

Mathias:
Welche Geschichte oder Geschichten erzählt uns „Echos“? Wieviel ist dieses Mal von deinem persönlichen Leben und deinen Einstellungen mit eingeflossen?

Tilo:
Grundsätzlich basiert alles auf meiner persönlichen Weltanschauung. „Echos“ erzählt eine locker zusammenhängende Geschichte, wobei mir die Zusammenhänge aber größtenteils erst im Studio aufgefallen sind. Es geht darum die Hingabe zu erforschen, den anderen zu lieben um sich selbst zu verstehen, und wie man sich mit diesen Dingen selbst betrügen kann. Das ist einem oft in den entscheidenden Momenten nicht mehr präsent. Erst auf den Blick nach innen folgt der Blick nach außen.

Mathias:
Deine Texte haben sich im Lauf der Jahre verändert. Würdest du sagen, dass sie insgesamt positiver geworden sind?

Tilo:
Ich habe eigentlich immer versucht mich nach dem Licht auszurichten. Früher habe ich das aber nicht immer geschafft. Doch je älter ich werde, desto besser gelingt es mir. Ich sehe das Schwarze, aber ich bin kein Schwarzseher.

Mathias:
Siehst du die Welt selbst mittlerweile auch positiver?

Tilo:
Nein. Im Gegenteil!

Mathias:
Ich habe persönlich das Gefühl, dass die Texte im Vergleich zu "Stille" und bedingt auch zu "Elodia" seit "Fassade" und nun auch auf "Echos" irgendwie abstrakter geworden sind, nicht mehr so leicht verständlich. Würdest du dem zustimmen und warum ist das so?

Tilo:
Ja, durchaus, je emotionaler die Texte werden, desto poetischer werden sie auch. Je konkreter meine Texte waren, desto mehr sind sie meist aus Hass oder Wut heraus entstanden.

Mathias:
Glaubst du, dass sich alte Fans dadurch etwas schwerer tun werden, bzw. glaubst du, dass du mit der neuen Form deiner Musik neue Fans gewinnen kannst?

Tilo:
Das ist komplett unterschiedlich, aber prinzipiell sehe ich da kein Problem.

Mathias:
Als LACRIMOSA-Kernbesetzung sind auf „Echos“ nur noch Anne Nurmi und du aufgeführt, alle andern wie JP rangieren unter den Gastmusikern. Wie ist die derzeitige Hierarchie?

Tilo:
Die Band bestand eigentlich schon immer aus Anne und mir. Unsere Mitmusiker hatten nie kompositorischen Einfluss. Deswegen wird jetzt auch als Band explizit Tilo Wolff und Anne Nurmi angegeben. Die, die schöpferische Inputs geben machen die Band aus.

Mathias:
Wie schätzt du selbst die Bedeutung von LACRIMOSA für die Szene ein? Was glaubst du hast du für diese Musikrichtung bewirkt?

Tilo:
Das ist schwierig. Einerseits bin ich selbst ein Musik-Fan, der die Gelegenheit bekam, selbst Musik zu machen. Andererseits haben LACRIMOSA viele Bands beeinflusst, und so stelle ich mir schon vor, was wohl wäre, wenn ich nie Musik gemacht hätte. So könnte man schnell hochmütig und genauso schnell wieder demütig werden. Jeder Musiker beeinflusst etwas in der Welt, alles hinterlässt Spuren. Ich bin glücklich, dass ich andere inspirieren darf, aber ich möchte mich keinesfalls auf irgendeinen Sockel heben.

Mathias:
Wo siehst du selbst deine Einflüsse - moderne Bands, klassische Komponisten etc.?

Tilo:
Mein Musikgeschmack ist breit gefächert. Meine erste Platte war „Final Cut“ von PINK FLOYD und ist bis heute meine Lieblingsscheibe. Ansonsten höre ich alles querbeet, von DAVID BOWIE, GENESIS, AEROSMITH, über BAUHAUS, JOY DIVISION bis hin zu METALLICA, IRON MAIDEN und sogar Death Metal. Im Moment stehe ich sehr auf ALANIS MORISSETTE und RADIOHEAD.
Ansonsten lasse ich mich auch von Regisseuren inspirieren, vor allem Chaplin, Kubrick, Lynch und Greenway. Was Literatur angeht würde ich vor allem Kafka nennen.

Mathias:
Auf Echos sind verschiedene Elemente auch aus der Vergangenheit zu hören, zum Beispiel der Einsatz von Synthesizern. Hat das irgendeinen speziellen Zweck? Ist so der Titel "Echos" zu verstehen, oder wie meinst du ihn?

Tilo:
Ja, auch. Auf „Echos“ sind viele Elemente, die ich über die Jahre schon mal verwendet habe, vor allem in den verschiedenen Passagen von „Die Schreie sind verstummt“. Es sind tatsächlich Echos der Vergangenheit von LACRIMOSA, andererseits aber auch der gesamten Musikgeschichte. Es kommen alte Instrumente wie Spinett und Gambe zum Einsatz, das Spektrum der Musikstile erstreckt sich von Klassik bis Rock. Wir sind Geschöpe unserer Vergangenheit, der Verhältnisse in die wir geboren werden, und heute treffen wir Entscheidungen, die unsere Zukunft betreffen, die das Leben in andere Bahnen lenken. Das wollte ich mit „Echos“ deutlich machen.

Mathias:
In welche Richtung wird sich LACRIMOSA musikalisch weiterentwickeln? Was haben wir noch von euch zu erwarten?

Tilo:
Das kann ich heute noch nicht sagen. Die Entwicklung der Musik und der Band LACRIMOSA entspricht meiner Entwicklung als Mensch.

Mathias:
Was ist für die nähere Zukunft geplant? Tourneen, Festivals...?

Tilo:
Gar nichts. Ich habe seit Sommer 2000 konstant komponiert und auf der Bühne gestanden. Die Musik hielt mich gefangen, aber eigentlich bin ich schon längst ferienreif. Ich wollte das Album noch schnell fertig kriegen, aber jetzt brauche ich dringend eine Pause.

Mathias:
Auf "Elodia" war ein Sanctus zu hören, auf "Echos" nun ein Kyrie. Was bedeuten diese für dich?

Tilo:
Das Wort „Lacrimosa“ ist ja ein Teil aus einem Requiem. „Kyrie“ und „Sanctus“ sind ebenso Teile daraus. LACRIMOSA könnten also auch Kyrie oder Sanctus heißen. Es gibt wurzeln, die ich nicht über Bord werfen will. Viele Bands haben ihre Wurzeln verlassen. Ich fühle mich mit meinen Wurzeln verbunden, ich möchte ihnen Raum geben. Aber genauer möchte ich darauf nicht eingehen,

Mathias:
Damit erübrigt sich wohl auch die nächste Frage: Hast du vor, irgendwann mal eine komplette Messe zu schreiben?

Tilo:
Richtig, auch dazu möchte ich jetzt nichts sagen.

Mathias:
Sind die Pläne für dein Buch mittlerweile endgültig begraben?

Tilo:
Momentan ja.

Mathias:
Ein paar persönliche Fragen: Wie würdest Du den Menschen Tilo Wolff in all seinen Facetten kurz beschreiben?

Tilo:
Ich bin eher Gefühls- als Kopfmensch. Ich bin sehr emotional, das heißt, dass ich mich für Dinge sehr begeistern kann, anderen Dingen mit großer Ablehnung begegne. Manche sagen ich sei ein Perfektionist, das sehe ich aber nicht unbedingt als Kompliment an. Ich bin ein sehr gläubiger Mensch und ich glaube ich kann denen, die es verdienen, ein sehr treuer Freund sein.

Mathias:
Hast du ein spezielles Erfolgsrezept oder Lebensmotto?

Tilo:
Ich versuche, wahrhaftig zu sein. Ich möchte meinen Mitmenschen auf gleichem Level begegnen, also weder falschen Respekt haben, noch auf irgendwen herab schauen. Ich sehe es als Verantwortung, Mensch und göttliches Geschöpf zu sein.

Mathias:
Einer meiner Lieblingssätze von dir ist „Es ist der Traum, der mich geführt; und folgen werde ich bis in die Glut“. Was bedeutet dieser Satz für dich und wie stehst du heute dazu?

Tilo:
Er hat für mich heute die selbe Bedeutung wie damals. Ein Stück weit ist er mein Lebensmotto. Auch wenn’s mich umbringt, ich muss meinen Idealen folgen.

Mathias:
Ja, dann habe ich ihn richtig verstanden. Du bist für einen Tag der Herr der Welt. Was würdest du ändern?

Tilo:
Alle Gesetzesbücher verbrennen und an ihre Stelle die Zehn Gebote setzen. Alle, die aus egoistischer Profitgier heraus andere ins Verderben führen, von diesem Planeten verbannen. Außerdem wären Umweltkatastrophen verhinderbar, wenn die Welt sich endlich ihrer Tragweite bewusst würde.

Mathias:
Irgendwas, das du schon immer loswerden wolltest?

Tilo:
Eigentlich waren deine Fragen sehr umfassend, es ist alles gesagt. Vielleicht nur das: Ich hoffe, dass sich das Publikum mit meiner Musik wirklich auseinandersetzt, dass sie nicht wie irgendeines dieser Wegwerfprodukte behandelt wird.

Mathias:
Das war ein sehr interessantes Gespräch. Vielen Dank dafür, weiterhin viel Erfolg und viel Glück für die Zukunft.

Tilo:
Danke, dir auch.

Redakteur:
Mathias Kempf

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