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LACRIMOSA: Interview mit Tilo Wolff

08.04.2009 | 11:17

In knapp einem Monat erscheint mit "Sehnsucht" das zehnte Studioalbum von LACRIMOSA. Grund genug um mit einem prima aufgelegten und hörbar zufriedenen Tilo Wolff über das neue Album, einige Schwänke aus seiner Jugend und seine Träume zu reden. Vorhang auf für Teil 1!

Enrico:
Hallo Tilo. Glückwunsch zur neuen Scheibe. Zufrieden mit dem Resultat?

Tilo:
Dankeschön. Ich stell mir selber immer sehr hohe Erwartungen. Aber ich kann wirklich sagen, dass ich rundum glücklich mit dem Ergebnis bin. Das liegt aber auch daran, dass ich mir ja soviel Zeit zum Tüfteln gebe, wie ich will. Ich hab ja keine Plattenfirma im Nacken sitzen, die mir einen bestimmten Abgabetermin vorschreibt. Ich arbeite solange wie ich Lust habe und sag mir dann selbst: "Schluss jetzt – das war's."

Enrico:
Aber wann hörst du genau auf? Man findet doch sicher immer noch Sachen, die man verbessern könnte?

Tilo:
Technisch auf jeden Fall. Aber ich setze mir eher eine gefühlsmäßige Deadline. Wenn ich merke, ich könnte noch was verbessern, aber gleichzeitig würde ich das Ursprüngliche zerstören, dann höre ich auf. Das Ursprüngliche ist mir sehr wichtig. Wenn ich mir eine LACRIMOSA-Scheibe von vor 15 Jahren anhöre, dann fällt mir natürlich schon auf, was ich hätte anders machen können. Aber es ist eben echt und genau richtig in diesem Moment.

Enrico:
Wann haben denn deine Arbeiten zu "Sehnsucht" begonnen?

Tilo:
Konkret eigentlich erst ab Dezember 2007.

Enrico:
Wann stand für dich der Albumname fest? Vorher oder nachher?

Tilo:
Ganz zum Schluss erst. Das ist bei mir immer so. Ich mache mir vorher nie Gedanken über den Titel und bin selber immer gespannt, wie ich es am Ende nennen werde. Lange Zeit dachte ich, dass das Album "Koma" heißen würde – da es eines der zentralen Themen des Albums ist. Dass aber 'Koma' auch wiederum nur eine Sehnsucht beschreibt, hab ich damals noch nicht gesehen. Ich kann immer erst ganz am Ende sagen, wie das Album heißt. Erst wenn ich den Überblick habe, kann ich erkennen, was die Thematik ist. Zu "Sehnsucht" wurde es erst wenige Tage vor Produktionsende.

Enrico:
Ich finde "Sehnsucht" passt auch irgendwie besser. Koma ist für mich ein Wort, was eigentlich nur negativ ist. Und so negativ klingt das Album gar nicht.

Tilo:
Da gebe ich dir Recht.

Enrico:
Auch der Song 'Koma' klingt streckenweiße sehr fröhlich.

Tilo:
Das hat aber auch seinen Grund. Ein Koma-Patient merkt ja nicht, dass er im Koma liegt. Ich allerdings merke, dass ich im Koma bin. Es ist also schon eine Entwicklung geschehen. Dieser Wunsch da raus zu kommen – die Schreie "Ich will hier raus" verdeutlichen dies ja – dieser Wille ist also schon da. Ich sehe das Licht und muss es berühren – diese Gefühlen sollen die Streicher zum Ausdruck bringen. Ich habe ganz bewusst nicht da drüber gesungen, weil der Wunsch zwar da ist, aber ich ihn noch nicht formulieren kann.

Enrico:
Erstmalig befinden sich auf einer LACRIMOSA-Platte zehn Songs. Woher kommt diese ungewohnte Produktivität?

Tilo:
Dieses Mal ist kein Song über zehn Minuten drauf. Ich war also nicht produktiver als sonst. Stell dir das als langer Monolog vor, manchmal unterteilt in viele Sätze und manchmal an einem Stück. Bei "Sehnsucht" ist dieser Monolog etwas mehr unterteilt. Kürzere Songs – dafür aber eben ein paar mehr.

Enrico:
Sind wieder einige Stücke draußen geblieben?

Tilo:
Diesmal wirklich nicht. Es gibt Alben, wie "Echos", wo viel übrig geblieben ist. Das ist aber eher ein schlechtes Zeichen. Diesmal ist nichts zurück geblieben, was ich für mich als gutes Zeichen werte. Ich habe sozusagen keine einzige geschriebene Note als fehlgeleitet empfunden. Vielleicht ist aber auch das ganze Album fehlgeleitet und sollte in die Schublade, haha. Aber ich hoffe mal nicht.

Enrico:
Wieso empfandest du es bei "Echos" als schlechtes Zeichen? Bist du im Nachhinein nicht zufrieden mit dem Werk?

Tilo:
Doch doch, ich komponiere ja nicht, indem ich Eier an die Wand schlage und hoffe, dass eins hängen bleibt. Aber wenn ich dann doch einiges nicht veröffentlichen möchte, dann war ich wohl einfach nicht intensiv genug gewesen. Das beim Komponieren mal links und rechts einige Songs entstehen und die dann sogar aufs Album kommen, ist wunderbar. Daher hab ich auch gar nichts gegen "Echos". Ich kenn es einfach von mir eigentlich nicht, dass ich Sachen komponiere, und sie hinterher verwerfe. Das war auch gestern Abend so als ich "Sehnsucht" hörte. Du musst wissen, wenn ich ein neues Album habe, dann läuft das bei mir wirklich jeden Abend. Ich bin dann immer wahnsinnig glücklich über das Erschaffene. Und nachdem das Album zu Ende war, habe ich noch mal einige Demos rausgekramt – Songs, die bei "Echos" eben rausgeflogen sind. Ich musste es sofort wieder ausmachen, weil ich es einfach nicht hören konnte. Das passiert mir äußerst selten, dass ich meine eigene Musik nicht hören kann. Ich muss da wohl so richtig daneben gelangt haben. Das empfinde ich zwar nur selten, wenn es aber doch passiert, bin ich echt schockiert.

Enrico:
Wie gehst du ans Komponieren heran? Hast du den Song oder die Melodie vorher schon im Kopf?

Tilo:
Das ist ganz unterschiedlich. Bei 'Call Me With The Voice Of Your Love' bin ich mit dieser Melodie aufgewacht. Meistens ist es aber so, dass ich mich mit dem Text ans Klavier setze. Der Text ist dann wie ein Notenblatt. Ich lese mir den Text durch und klimpere herum. Irgendwann fließt es dann ganz automatisch. Das ist wie wenn man ein Bierfass anschlägt. Es sprudelt dann einfach (lacht).

Enrico:
Dieses Mal erscheint vorneweg keine Single, warum?

Tilo:
Für mich hat sich die Idee einer Single überholt. In den 80er war ich großer PRINCE-Fan. Ab und an kam mal eine neue Single raus und das war dann das Lebenszeichen. Damit hat man gesehen, was dieser Künstler in diesem Moment für Musik macht, was ihn eben auszeichnet. Wenn man Mitglied im Fanclub war, gab es dann vielleicht noch ein Briefchen mit Infos dazu. Mehr Informationen gab es aber nicht. Auf dieses Lebenszeichen hab ich mich immer total gefreut, man hat ihm entgegen gefiebert. Heute bekommt man diese Lebenszeichen auf allen Ebenen. Der Song selber ist ja gar keine große Überraschung mehr. DEPECHE MODE sind da ein gutes Beispiel. Ich kann mir die neue Single leider noch nicht kaufen, aber ich kann sie mir jetzt schon im Internet anhören. Daher hat sich die Single überholt und ich werde keine Single im herkömmlichen Sinne mehr machen.

Enrico:
Was heißt herkömmlich?

Tilo:
Na ja, in Russland wird es eine Vorab-EP geben. Das hat natürlich mit dem Song 'I Lost My Star In Krasnodar' zu tun. Da der Bürgermeister sich wahnsinnig gefreut hat, dass wir über seine Stadt singen, hat sich unsere russische Plattenfirma entschieden, eine EP als Geschenk an die russischen Fans zu produzieren. Eventuell machen wir solch eine Geschichte auch noch in Deutschland. Aber das ist im Moment noch nicht spruchreif.

Enrico:
Es wird von "Sehnsucht" zwei Editionen geben. Einige Kritiker sprechen schon von Abzocke - wo sind die Unterschiede der beiden Alben?

Tilo:
Das ist immer geil (lacht). Es ist ja eigentlich egal, denn es gibt immer Leute, die was zu meckern haben. Es gab sogar Leute die haben sich beschwert, dass es diesmal zehn Songs sind. "Es gibt doch die Regel, dass es immer acht Songs sein müssen – so eine Frechheit" (lacht). Diese Leute, die sich über alles aufregen, gibt es immer. Der ursprüngliche Gedanke der Special Edition ist eigentlich ein ganz abwegiger – oder für viele Leute ein abwegiger. Und zwar für die, die Musik nur noch über ihre MP3-Player konsumieren. LACRIMOSA ist ja eng mit dem Schwarz-Weiß-Artwork verbunden. Diese Linie will ich auch auf keinen Fall brechen. Aber die Idee des aktuellen Artworks ist die, dass das Feuer strahlt.

Enrico:
Also farbig?

Tilo:
Genau. Daher wollte ich eine zweite Version machen. Wenn ich aber nur das Artwork verändere, werden viele Fans auch wieder "Abzocke" rufen. Also habe ich mich hingesetzt und habe fast alle Songs neu überarbeitet. Ich wollte einfach mal sehen, was mit den Songs passiert, wenn man einige Änderungen vornimmt. Wer das als Abzocke sieht, der soll sich einfach nur die reguläre Platte kaufen. Die meisten werden es sich wohl eh nur aus dem Internet runterziehen. Und wer genauso musik- und artworkbegeistert ist wie ich, der kann sich gerne auch die Special Edition kaufen.

Enrico:
Apropos Artwork: Gab es mal einen Plan, ein Buch zu veröffentlichen, was die ganzen Artworks zum Thema hatte?

Tilo:
Ja, die Idee gab es tatsächlich mal. Dies ist auch schon sehr alt – erstmalig kam die Idee schon bei unserem dritten Album "Satura" zur Sprache. Ich habe mich damals schon mit Stelio Diamantopoulus darüber unterhalten. Aber das wird wohl eher mal so ein Altersprojekt werden. Wenn wir nicht mehr so viel zu tun haben, dann machen wir das (lacht).

Enrico:
Diesmal sind relativ viele englischsprachige Songs auf dem Album. Gibt es da einen bestimmten Grund?

Tilo:
Ja, den gibt es. Aber ich muss zunächst sagen, dass es sogar noch mehr hätten sein können, wenn ich nicht wüsste, dass gerade unser Publikum im Ausland die englischen Songs überhaupt nicht gerne hat.

Enrico:
Klingt paradox.

Tilo:
Ist es auch. Viele Künstler denken, sie müssten Englisch singen um im Ausland Erfolg zu haben. Bei LACRIMOSA scheint genau das Gegenteil der Fall zu sein. Wir haben im Ausland Erfolg wegen der deutschen Texte. Aber zurück zu deiner Frage: Es gibt gewisse Dinge, die kann ich auf Deutsch einfach nicht formulieren. Jeder geht mit seiner Sprache anders um. Ich habe eine sehr eigenwillige Herangehensweise, aber sie limitiert mich dann und wann. Was wiederum gut ist, weil ich dann eben mit der Sprache nicht so umgehe wie man das im Moment aus den Charts so kennt. Straßensprache möchte ich für LACRIMOSA eben nicht übernehmen. Daher verbieten sich für mich manche Dinge, so in der deutschen Sprache umzusetzen. Wenn so ein Punkt erreicht ist, greife ich auf die englische Sprache zurück, weil man da Dinge direkter und kompromissloser sagen kann. Aggressive oder schmalzige Sachen kommen in der englischen Sprache viel besser rüber. Stell dir mal 'Call Me With The Voice Of Love' auf Deutsch vor. Da gibt es Textstellen, die im Deutschen einfach nicht funktionieren würden. Aber wenn man sich die Diskografie anschaut, sieht man ja, dass wir viel mit Sprachen spielen. Wir haben Lateinisch, Finnisch, Spanisch und mit der russischen EP sogar Russisch in unseren Texten.

Enrico:
Also hat das nichts mit der Welttournee zu tun, wo du sicherlich hauptsächlich in Englisch kommunizierst?

Tilo:
Vielleicht ist da auch was hängen geblieben (lacht). Da fällt mir grad eine Rüge von einigen russischen Fans ein, die mich auf der Tour ermahnten, ich solle doch auf der Bühne Deutsch und nicht Englisch sprechen. A) Es sei ja meine Muttersprache – und B) sie verstehen sowieso weder das Eine noch das Andere – nur klingt Deutsch halt geiler (lacht).

Enrico:
Wie erklärst du dir diesen großen Erfolg von LACRIMOSA in Russland?

Tilo:
Ich denke es ist ähnlich wie in Lateinamerika. Dort haben wir sicherlich unsere meisten Fans und können ohne Polizeischutz nicht auf die Straßen gehen. Ich glaube das liegt an der Schwermütigkeit der Seele, der Kulturen. In anderen Kulturen geht man mit Schwermütigkeit anders um, als zum Beispiel in Deutschland. Hier ist es wahnsinnig schwierig über emotionale Dinge zu sprechen, weil alle dann schreien, dass es zu niederschmetternd, zu depressiv wäre. Hör dir doch nur mal Radio an – da geht es nur um Unterhaltung und es darf auf keinen Fall weh tun. Andere Kulturen sind da komplett anders. Das ist wirklich interessant. Schau dir Skandinavien an. Dort sind die Menschen vordergründig sehr schwermütig. Dort funktioniert LACRIMOSA überhaupt nicht. Wir verkaufen dort keine Platten, wir waren da noch nie auf Tour – und das obwohl Anne Finnin ist. Wir haben dort nicht mal einen großen Zeh in der Tür drin und das obwohl die Menschen sehr schwermütig sind. In vermeintlich positiv eingestellt Kulturen wie zum Beispiel Brasilien, die ja als Feiervolk gelten, oder bei den Russen, die gerne mal einen über den Durst trinken, da funktioniert LACRIMOSA sehr gut.

Enrico:
Woher kommt das?

Tilo:
Ich kann es mir nur so erklären, dass die Menschen diese unterschwellige Schwermut, aber auch die Hoffnung, dieses Sich-Nicht-Verschließen vor den eigenen Emotionen mögen. Sie akzeptieren ihre Emotionen als Stärke. Ich glaube, deswegen werden wir dort so positiv aufgenommen.

Enrico:
Weil wir gerade bei Anne waren – gab es eigentlich mal die Idee, ein Album nur mit ihren Songs aufzunehmen?

Tilo:
Ich hab es ihr schon mehrfach angeboten. Aber sie wollte das bisher noch nicht. 'A Prayer For Your Heart' ist auch der erste Song, den sie seit einiger Zeit wieder selber geschrieben hat. Bei den beiden vorherigen Alben haben wir beide an den Stücken geschrieben. Es ist bei ihr wie so ein Diamant. Es braucht Zeit, aber wenn dann mal was herauskommt, dann überstrahlt es einfach alles.

Enrico:
Kommen wir noch einmal kurz zum Artwork zurück. Ich liebe es immer, bei einem neuen LACRIMOSA-Album den Clown zu suchen und zu schauen, was er wohl wieder anstellt. Aber was macht er mit der Fackel genau? Hat er das Feuer entfacht oder will er helfen und zieht die Fackel aus dem Feuer? Oder soll sich jeder selber Gedanken machen?

Tilo:
Ich kann das schon sagen. Es ist auch sehr wichtig, weil es eben zum Gesamtkunstwerk "Sehnsucht" gehört. Er hat es tatsächlich angezündet und ist nun verwundert, was daraus entstanden ist. So geht es mir eigentlich auch ziemlich oft. Wenn ich anfange einen Song zu schreiben, bin ich am Ende auch immer total verblüfft, was daraus schlussendlich wurde. Ich schau dann genauso wie der Harlekin, der in dem Fall mein Spiegelbild ist. Der Harlekin wollte sich eigentlich nur ein kleines Feuer machen um sich den Weg zu erleuchten. Und aus diesem Feuer der Sehnsucht ist dieses Pferd entsprungen.

Enrico:
Und wofür soll das Pferd stehen?

Tilo:
Es soll Kraft symbolisieren und die Sehnsucht, einfach davon zu reiten. Nicht zu flüchten, sondern um Neues zu entdecken. Einfach die Freiheit zu spüren, dass man jederzeit alles erreichen kann. Die Reiterin ist die personifizierte Sehnsucht und ist ein Rückbezug auf die Geschichte von LACRIMOSA.

Enrico:
Wie sieht es denn mit der Tour aus? Wie weit sind die Pläne?

Tilo:
Noch nicht sehr weit. Der Plan ist, dass wir Anfang Juli die Tour in Sao Paulo starten werden. Dann soll es erstmal nach Japan, China, Mongolei und Russland gehen. Nach Deutschland werden wir dann wohl September oder Oktober kommen.

Enrico:
Ein Termin steht ja schon fest, das Wasserschloss bei Chemnitz.

Tilo:
Genau, um diesen Termin werden wir die anderen Shows auch planen.

Enrico:
Wird das Wave Gotik Treffen in diesem Jahr ein Ziel sein?

Tilo:
Dieses Jahr leider nicht, weil wir zu der Zeit wohl in den Proben stecken. Außerdem möchte ich dieses Jahr wieder den hautnahen Kontakt mit den Fans spüren – den hat man bei den Festivals nicht. Ich will wieder einen Dialog mit dem Publikum haben. Ich bin so glücklich über dieses Album, dass ich es kaum abwarten kann, wie die Fans das Album erleben und aufnehmen. Diese Erfahrungen kann man auf Festivals leider nicht machen.

Enrico:
Gibt es eigentlich eine bestimmte Location, wo du unglaublich gerne mal spielen würdest?

Tilo:
Es gibt sogar zwei Traum-Locations. Zunächst will ich 'I Lost My Star In Krasnodar' natürlich in Krasnodar spielen (lacht). Da freu ich mich schon riesig drauf. Des Weiteren – ich bin ja ein alter Frankfurter und als Kind hab ich miterlebt, wie die Frankfurter Oper wieder aufgebaut wurde. Ich kann mich noch erinnern, dass ich meine Mutter fragte: "Warum bauen die das wieder auf? Wenn die fertig sind, ist doch der nächste Krieg und es wird wieder zerbombt." (lacht) Die Frankfurter Oper wäre wirklich schön – mal mit einem richtig großen Orchester. Andererseits sollte man sich manche Träume wohl nicht erfüllen. Als ich damals mit dem Londoner Symphonie Orchester gearbeitet hatte, ist es mir danach echt schwer gefallen, mit anderen Orchestern zu arbeiten. Ich hab es zunächst als Rückschritt gesehen. Daher habe ich einige Dinge beim Komponieren verbessert, damit es eben besser war, egal wer es spielt. Aber gewisse Dinge sollte man sich aufbewahren. Und in der Frankfurter Oper ist etwas, was ich wohl nicht tun sollte. Ich würde mir wohl sehr viel Feuer nehmen.

Enrico:
Aber wenn du das Angebot bekommen würdest, würdest du doch zusagen, oder?

Tilo:
Es gab sogar schon die Anfrage. Aber ich habe Nein gesagt.

Enrico:
Siehst du dich heute zuerst als Künstler oder vielleicht schon als Ziehvater von jungen Künstlern? Ich schau da mal in Richtung CINEMA BIZARRE.

Tilo:
Ich bin da wohl etwas schizophren. Wenn ich etwas mache, will ich es eigentlich immer zu hundert Prozent machen. Zu der Zeit, als ich CINEMA BIZARRE aufgebaut habe, habe ich mich überhaupt nicht um LACRIMOSA gekümmert. Natürlich hab ich grad das Problem, dass es zurzeit zweigleisig läuft, weil wir gerade an den Vorbereitungen für das zweite Album der Jungs sind. Es ist schwer zu sagen. Das Herz gehört natürlich der künstlerischen Tätigkeit, aber ich finde es auch total spannend im Hintergrund zu arbeiten. Das war auch mein ursprünglicher Gedanke. Bevor ich Musik gemacht habe, hatte ich ein Fanzine. Und ich fand es total spannend, Leserbriefe von Leuten, die ich aus Clubs kannte, zu beantworten. Früher war das in der Szene so... (lacht) Kurze Anekdote: Das ist ja immer so, dass es darum geht, wer der coolste und extremste und so ist. Ich war wohl damals recht extrem und es gab daher auch Leute, die mich angefeindet haben. Es gab da einen Typen, der mich besonders angefeindet hat – gleichzeitig ein riesen Fan meines Magazins war. Der wusste eben nicht, wer dahinter steckt, weil ich mit einem anderen Namen gearbeitet habe. Der Typ hat mich auf Partys immer angemacht. Gleichzeitig schrieb er mir immer Briefe, wie sehr ihn dieser Tilo Wolff wieder genervt hat. Das fand ich total spannend (lacht). Ich finde es total klasse, aus dem Hintergrund etwas zu tun, ohne dass die Leute wissen, dass man dahinter steckt.

Enrico:
Bei CINEMA BIZARRE bist du aber nicht anonym.

Tilo:
Eigentlich wollte ich das aber, ich wollte anonym bleiben. Irgendwann wurde es jedoch veröffentlicht. Aber es gibt immer noch einige Projekte, die ich immer noch anonym mache, ohne dass irgendwer weiß, dass ich dahinter stecke. Ich finde das immer toll, wenn mir einer schreibt "LACRIMOSA sind voll Scheiße, aber hast du schon das und das gehört" – und er nicht weiß, dass ich das eben auch mache.

Enrico:
Wo wir beim Thema sind. Wann kommt denn was Neues von SNAKESKIN?

Tilo:
Das ist auch so was, was ich anonym halten wollte. Die ersten Singles hatte ich auch anonym veröffentlicht (bricht in großes Gelächter aus). Das war auch so geil: Es gibt ja einige Elektroniker, die mit LACRIMOSA ein großes Problem haben. Und auf solchen Internet-Seiten, wo LACRIMOSA immer mal wieder auseinander gerissen werden, stand dann mal: "Hier – das ist DIE Neuentdeckung, das nächste große Ding – die Zukunft: SNAKESKIN!" Ich hab mich totgelacht, als ich das gesehen hab. Das waren teilweise Leute, die schon öfter wirklich viele schlimme Dinge über LACRIMOSA verbreitet haben. Und die gleichen Leute haben SNAKESKIN dann so in den Himmel gehoben. Da hat mich dann der Schalk gepackt. Ich musste das dann einfach veröffentlichen, dass ich das bin. Ich wollte die Reaktionen sehen. Das war so spannend. Solche Sachen amüsieren mich tierisch. Bis es aber neues Material gibt, wird wohl noch einige Zeit verstreichen. Das Jahr 2009 ist voll mit LACRIMOSA und CINEMA BIZARRE.

...im zweiten Teil besprechen wir "Sehnsucht" in aller Ausführlichkeit. Stück für Stück kämpft sich Tilo durch alle zehn Tracks von "Sehnsucht". Nette Anekdoten garantiert! Also haltet die Augen offen!

Redakteur:
Enrico Ahlig

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