MASTORD: Interview mit Kari Syvelä

01.07.2019 | 22:16

"Es fühlt sich so abgrundtief schlecht an, wenn Kinder Gewalt mit ansehen oder gar aushalten müssen. Das hinterlässt tiefe Wunden in jedem. Und jedes Mal."

MASTORD aus Finnland hat meines Erachtens ein Glanzlicht im Bereich des Prog Metal für das Jahr 2019 gesetzt. "Trail Of Consequence" ist eine berührende, teilweise schockierende Geschichte zum Thema häusliche Gewalt, und die Band schafft es tatsächlich, den Hörer für das Thema zu sensibilisieren, ihn mitzunehmen. Dies passiert mir persönlich nur noch sehr selten bei Prog-Metal-Bands, begeistert mich aber derart, dass ich Kari Syvelä, den Kopf der Band, um ein Interview bitte. Das ist auch die perfekte Gelegenheit, Kari auf ein kleines Minus hinzuweisen. Denn der Musiksammler möchte gerne etwas in der Hand haben, "Trail Of Consequence" gibt es bislang aber leider nur digital.

Mastord

Ich habe euer Album mit großer Freude gehört. Gerade auch angesichts der Story wäre es echt schön, es als CD oder LP mit einem richtigen Artwork und Booklet zu besitzen. Wird dies denn mal geschehen?

Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Wir haben erst wenig Wind um dieses Projekt und Album gemacht. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob die meisten unserer Freunde vom Album wussten, bis wir es veröffentlicht haben. Ursprünglich wollte ich "Trail Of Consequence" einfach nur mit diesen tollen Musikern und Freunden machen und dann auf YouTube und vielleicht noch Spotify stellen, ohne Label oder andere Partner. Mehr nicht. Doch je mehr das Album Klang und Gestalt annahm, desto besser und größer wurde es, und ich wollte, dass es möglichst viele Leute zu hören bekommen. Dafür brauchte ich aber jemanden mit guten Kontakten zur Musikwelt. Ich glaube, es war Ende Herbst/Anfang Winter 2018, als ich Jaakko Tarvainen von Inverse Records ansprach und glücklicherweise zeigte er Interesse. Wir haben dann auch über CDs gesprochen. Ich habe allerdings dann entschieden, das Album zunächst nur digital zu veröffentlichen, auch um auszuloten, ob es überhaupt auf Interesse stoßen würde. Aber ich hoffe auf jeden Fall, dass es eines Tages auch einen physischen Release geben wird. Einen solchen hätte ich auch sehr gerne in der Hand!

Es heißt, MASTORD wurde gegründet, während oder nachdem du die Musik für "Trail Of Consequence" geschrieben hast. Ist MASTORD eine richtige Band und wird es sie live zu sehen geben?

MASTORD ist keine Band im traditionellen Sinne. Es ist eher ein Projekt, zumindest zum heutigen Zeitpunkt. Wir haben nicht darüber gesprochen, zusammen als Band zu spielen und Gigs zu haben, aber man weiß ja nie, was in der Zukunft passieren kann. Im Moment passt es uns allen so, wie es ist. Ich habe Texte und Musik geschrieben, bevor ich einen der anderen Musiker kontaktiert habe. Aber erst Markkus', Pasis und Tonis Beitrag hat dem Album den Glanz, den es jetzt hat, verliehen. Und auch Produzent Teemu hat einen Höllenjob gemacht, das Album zum Leben zu erwecken. Ich liebe die Musik, die wir alle zusammen geschaffen haben, und die Rückmeldungen darauf waren bislang äußerst positiv. Von daher ist MASTORD sicherlich etwas, was ich weiter entwickeln möchte, und wer weiß, vielleicht werden wir ja doch irgendwann mal vor Publikum spielen.

"Trail Of Consequence" dreht sich um das Thema häusliche Gewalt. Magst du die Geschichte mal kurz für unsere Leser zusammenfassen?

Oh, das ist schwer! Kurz gesagt, es ist eine fiktive Geschichte über etwas, das Tag für Tag passiert und was jeden treffen kann. In meiner Geschichte geht es um einen weiblichen Charakter, der sich in einem (Ehe-)Leben wieder findet, das er so nicht mehr leben will. Die Frau hadert lange damit, ihren Partner zu verlassen, doch als sie sich dann dafür entscheidet, es wirklich zu tun, reagiert ihr Partner verbittert, wird eifersüchtig und fängt an, sie zu bedrohen. Er sagt sich: "Wenn ich sie nicht haben kann, wird es auch kein anderer können." Es kommt zu einem gewaltsamen Konflikt, bei dem die Frau den Mann aus Notwehr erschießt. Durch die Gewalt und den Stress verliert sie ihr Bewusstsein. Am Ende steht sie vor dem Scherbenhaufen ihres Lebens, und ständige Schuldgefühle begleiten sie. Von außen betrachtet man sie als einen kaltblütigen Killer. Diese Dinge versucht sie zu verarbeiten und fragt sich, was sie denn jetzt noch und in Zukunft als Person definiert.

Somit wird die Story am Ende sogar noch philosophisch.

Ich denke, für uns alle kommt irgendwann mal ein Zeitpunkt, wo man sich fragt, wer man eigentlich ist, ob man eine Aufgabe oder Berufung im Leben hat und wenn ja, welche? Oder treibt man einfach nur so umher? Und was bleibt von einem übrig, wenn man von der Welt geht?



Warum ist dieses Thema so wichtig für dich? Hast du persönliche Erfahrungen mit dem Thema häusliche Gewalt gemacht?

Ich mache gerade meinen Bachelor auf dem Gebiet der Sozialarbeit. Zudem arbeite ich beim Kinderschutz. Bei dieser täglichen Arbeit gab es mal einen Zeitpunkt, an dem ich nichts anderes mehr wahrnehmen konnte, als all diese vielfältigen sozialen Herausforderungen um mich herum. Dies hat mich zu den Lyrics inspiriert. Doch es war jetzt kein spezieller Fall, mit dem ich konfrontiert war. Dennoch werde ich oft mit den Schäden, die häusliche Gewalt hinterlässt, konfrontiert. Es fühlt sich so abgrundtief schlecht an, wenn Kinder Gewalt mit ansehen oder gar aushalten müssen. Das hinterlässt tiefe Wunden in jedem. Und jedes Mal. Es verursacht eine Vielzahl an Konsequenzen und es dauert Jahre oder gar Jahrzehnte, um sich davon zu erholen.

Viele Prog-Bands adressieren ja ernsthafte oder persönliche Themen, aber selbst wenn ich die Musik mag, passiert es eher selten, dass ich bei den Lyrics tiefer einsteige. "Trail Of Consequence" hat es aber tatsächlich geschafft, mich auch mit den Worten zu berühren, besonders der letzte Song 'Heritage'. In meinem Review habe ich geschrieben, dass ich mir gar nicht so sicher bin, ob ich beim Musikhören überhaupt mit solchen ernsten und auch traurigen Themen konfrontiert werden möchte. Möchtest du dies kommentieren?

Ich bin sehr froh zu hören, dass die Geschichte dich berührt hat. Das bedeutet mir viel. Ich glaube, du bist nicht allein mit deiner Meinung. Doch als ich die Texte schrieb, habe ich keine Minute lang an den Hörer gedacht. Dieses Album ist das Debüt für mich als Musiker und Texter. Es hat lange gedauert, die Lyrics zu schreiben und ich habe immer noch das Gefühl, dass ich das, was ich sagen wollte, nicht so ganz einfangen konnte, obwohl ich mit dem Ergebnis am Ende glücklich bin. Aber es ist ziemlich schwer, eine lyrische Geschichte in einer fremden Sprache zu schreiben.

Ich finde sie gelungen!

Ich hoffe, dass sich so viele Leute wie möglich auch mit den Texten beschäftigen. Ich habe mich wirklich bemüht, die Emotionen in der Musik mit den Texten zu verknüpfen. Und wenn dies beim Hörer etwas auslöst, dann ist das toll! Die meisten von uns kennen jemanden, der sich vermutlich in einer ähnlichen Situation wie die Frau in meiner Geschichte befindet. Vielleicht erleichtert meine Geschichte es dir ja, in Zukunft mit jemandem über solche Dinge zu reden.

Oh, Gott sei Dank kenne ich hier niemanden, aber man weiß ja nie. Im Kontext mit der letzten Frage: Fühlst du dich als Künstler verpflichtet, über soziale Missstände oder ähnliche Themen zu berichten?

Ich persönlich fühle dies, ja! Aber ich kann sehr wohl verstehen, wenn andere dies nicht so sehen. Ich trage zwar nicht das Gewicht der Welt auf meinen Schultern, aber wenn ich soziale Missstände und Ungerechtigkeiten sehe, möchte ich schon versuchen, dies auf den einen oder anderen Weg zu beeinflussen.

Redakteur:
Thomas Becker

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