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MAYFAIR: Interview mit Mario

29.03.2016 | 13:11

Geisterstunde mit Tiefgang

Ein großer Spuk steht für Mitte April an. MAYFAIR wird das fünfte Studioalbum "My Ghosts Inside" auf die Fangemeinde loslassen, und wird die Musik auch im Rahmen einer kleinen Konzertreise durch südliche Gefilde (Feldkirch, Innsbruck, München, Wien und Brescia) live darbieten. Wir sprachen mit Sänger Mario über das neue Album, alte Fehler und unvergessliche Erlebnisse in Griechenland.



"MAYFAIR holt schlummernde Kräfte aus der Komfortzone", so heißt es in der Pressemitteilung zum neuen Album "My Ghosts Inside". Mario versucht, dies ein wenig näher zu erläutern.

"Inhaltlich geht es bei "My Ghosts Inside" um die inneren Kräfte, die in jedem von uns schlummern, positiv als auch negativ. Die Momente oder Lebensphasen, wo diese in uns wirken oder sogar Überhand nehmen, sind aber aus meiner Sicht die spannenden und auch entscheidenden Phasen. Diese kurzen Ausbrüche haben wir textlich als auch musikalisch bei "My Ghosts Inside" umgesetzt. Ich persönlich habe während des Songwritings sehr viel in mich hineingehorcht, war strotzend vor Selbstbewusstsein, aber auch zerrissen und unsicher. Ich ließ dies jedoch zu und habe viele neue Seiten in mir entdeckt. Auch der Kunst wegen, da ich in einer Phase mit einem gewissen Ungleichgewicht einfach am besten Musik mache. Dies war für mein Umfeld nicht immer einfach, musste aber aus meiner Sicht sein. Hinter unseren Fassaden steckt doch eigentlich so viel unterdrückte Energie. Wie oft unterdrücken wir ein sexuelles Verlangen, Wut, oder einfach nur das schöne Gefühl, frisch verliebt zu sein? Doch sind es nicht diese Momente, wo wir uns am besten spüren? Genau auf diesen Prozess habe ich mich eingelassen, bin als Person gewachsen und mit etwas Abstand kehrt zum Glück auch wieder etwas Ordnung ein."

Aus einem solchen, ich nenne es mal "positiven Ungleichgewicht" lässt sich so ein Song wie 'Schrei es raus' wohl ganz gut verstehen. Hier spürt man, wie auch an anderen Stellen des Albums, eine Art von Aggressivität, die für MAYFAIR ungewöhnlich ist. Dazu habe ich bei diesem Song immer wieder eine FALCO-Assoziation.


"Stimmt, das hat Jolly [MAYFAIR-Drummer - T.B.] auch schon gemeint. Wir werfen hier als Vorarlberger "Provinzler" in der Tat auch einen Blick auf die Dekadenz Wiens, die wohl auch diese FALCO-Eindrücke erklären könnte."



Damit kommen wir schnell zur Diskussion, wie sich das neue Album vom Vorgänger "Schlage Mein Herz Schlage" unterscheidet.


"Wir stehen nach wie vor voll hinter der "Schlage...". Wir wollten hier die Proberaum-Situation und das Live-Feeling einfangen und haben zu diesem Zeitpunkt meiner Meinung nach einhundertprozentig auf die Zwölf getroffen. Für "My Ghosts Inside" hatten wir dann schon bei den Proberaum-Aufnahmen das Gefühl, dass wir diesmal besonders gute Songs mit sehr viel Tiefgang geschrieben haben. Deshalb wollten wir, dass das Album insgesamt geschlossener wirkt. Ausbrüche sollten nur dann stattfinden, wenn sie Platz haben, ruhige Passagen nur gespielt werden, so lang sie nötig sind. Ich hatte für das Album das Bild von einer Autobahn vor Augen: Die Leitplanken sind festgelegt und wir wollten diesmal nicht jede Ausfahrt nutzen, um zu sehen, was es denn dort gibt. Nein, wir wollten den direkten Weg im Sinne des Songs nutzen. Wir wollten sozusagen trotz einer gewissen Komplexität in der Song-Struktur minimalistisch spielen. Dadurch erhoffen wir auf der einen Seite, dem Hörer einen leichteren Zugang zu ermöglichen, auf der anderen Seite soll aber auch ein Suchtfaktor entstehen."

Das kann ich bestätigen, das Album ist ein typischer Grower. Und ich finde, die Rhythmus-Fraktion kommt noch viel deutlicher zur Geltung als bei "Schlage...".

Ja, auch der Prozess mit Hannes (Bass) und Jolly ist weiter gegangen. Vor allem der Hannes hat Zeit gebraucht, mit der MAYFAIR-Arbeitsweise klarzukommen. Bei mir und Réné [Gitarrist und zusammen mit Mario Gründungsmitglied - T.B.] ist es eben nur ein Blick und wir verstehen uns, für den Hannes war dies schwieriger. Doch auf der "Ghosts" hat sich die Rhythmus-Sektion stark eingebracht, was sich sehr liebe, aber auf gewisse Weise auch erstmal akzeptieren lernen musste.

Dieser Lernprozess ist ein wichtiger Aspekt der "neuen" MAYFAIR. Mario erzählt, dass die Band damals "alles verloren" habe und für den Fortschritt "über Leichen gegangen" sei. Gerade die Zeit der "Fastest Trip To Cybertown" war eine schwierige Phase in der Bandhistorie, mit der man sich jedoch positiv auseinandergesetzt habe. Schließlich hat man mit Thomas "Cook" Koch auf den Produzenten dieses letzten MAYFAIR-Lebenszeichens aus den Neunzigern zurückgegriffen.


Der Abschied von "Cook" nach der "Fastest..." hat bei uns allen Wunden hinterlassen, und Vieles wurde damals nicht ausgesprochen. Die Initiative, wieder mit Thomas zusammenzuarbeiten, kam dann vom Réné. Wir haben uns erst ein wenig beschnuppert und philosophiert, uns dann über ein halbes Jahr lang oft gemeinsam getroffen, alle damaligen Vorkommnisse aufgearbeitet und natürlich unsere Vorstellung bezüglich "Ghosts" diskutiert. Die Studiozeit war dann einfach wunderbar. Wann hat man schon drei Monate lang Zeit mit solchen Möglichkeiten zur Verfügung? Das war eine sehr intensive Zeit!



Auch das Cover von "My Ghosts Inside" ist einen Sonderapplaus wert. Wer ist denn diese Künstlerin, Melanie Grieser?


Melanie ist ein Glücksgriff! Ich bin auf sie aufmerksam geworden, weil mir ein Firmenlogo so gut gefallen hat. Ich habe dann recherchiert, von wem das ist und herausgefunden, dass sie aus unserer Nähe stammt und 25 Jahre (oder noch jünger) alt ist. Da ich sowieso vorab im Kopf hatte, eine junge Künstlerin, sozusagen einen frischen Geist für MAYFAIR zu engagieren, hat dies gut gepasst. Sie entpuppte sich als unglaublich schnell und unglaublich talentiert. Jetzt musste ich nur noch lernen, loszulassen und sie eigenständig arbeiten zu lassen, denn ich hatte schon ein paar Cover-Entwürfe vorgeschlagen. Ich habe sie dann aber machen lassen, was sie möchte, habe ihr ein paar Proberaum-Aufnahmen geschickt und einen Tag später kam dieses Cover. Und das war wunderbar...

Auch für mich ein Kunstwerk, für das man sicher auch über den Kauf der Vinyl-Version nachdenken sollte.
Zum Schluss geht es aber um die kommenden Live-Aktivitäten. MAYFAIR ist ja in Griechenland bereits eine Kult-Band. Mario erzählt von den Erlebnissen auf dem "Up The Hammers"-Festival in Athen, wo MAYFAIR am Warm-Up-Abend spielen durfte.

Das war fanatisch. Die Leute dort sind sehr euphorisch, aber das würde ich jetzt nicht explizit auf die Griechen reduzieren. Auch der Gig im Hamburg (zum Bericht) war sehr emotional. Ich denke, wir schaffen es, die Leute während des Auftritts an gewissen Punkten zu berühren, was dann den Konzertabend für uns und die Fans einfach wunderbar macht. Das ist einfach eine andere Welt. Ich brauch dann immer ein, zwei Tage, um wieder runterzufahren. In Griechenland kommen mittlerweile so ca. 100 - 150 Leute nur wegen uns. Und die Reaktionen sind einmalig. Wir bekommen von den Fans unglaubliche Anekdoten oder Fragen zu hören. Z.B. dass jemand 'Sunlight' (Track auf "Die Flucht") wären seiner Militärzeit dauernd gehört hat, oder was es mit den deutschen Texterläuterungen bei der "Fastest Trip" auf sich hat. Einer hat sogar das 1989er-Demo "Live For The King", dessen Cover ich noch von Hand gezeichnet habe, dabei gehabt. Und dann bringen Leute Briefe mit, die ich vor 20 Jahren geschrieben habe...



Aber auch viele junge Fans kann MAYFAIR anlocken. Begeistert erzählt Mario auch von der Aftershow-Party in einem Club namens "Ragnarök".


Dort lief Musik von SANCTUARY, CRIMSON GLORY, AGENT STEEL, QUEENSRYCHE etc. und das Erstaunliche war, dass zwanzig Jahre jüngere Leute hier alles mitgesungen haben. Sie konnten den ganzen Text auswendig, inklusive der Kopfstimme, das war sensationell. Ich bin dann zu denen hingegangen und erklärte ihnen, dass dies der Sound ist, mit dem ich selber schon vor 20 Jahren aufgewachsen bin. Und die Jungs wachsen jetzt auch damit auf. Das heißt, in der Metal-Szene sterben uns die Leute nicht aus. Ich fand es unglaublich, diese alten Songs zu hören mit all den jungen Freaks...

Dann schauen wir doch mal, wie dies in Österreich und Deutschland so läuft. POWERMETAL.de organisiert exklusiv den CD-Release-Gig in der Münchner Garage Deluxe am 16. April.

Redakteur:
Thomas Becker

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