MERCYFUL FATE: Diskographie-Check

16.01.2024 | 22:17

Wir nehmen den 40. Geburtstag eines der wohl wegweisendsten Debütalben im Heavy Metal – namentlich "Melissa" – um einen Rundumschlag in Sachen MERCYFUL FATE zu präsentieren. Zumindest war dies der Anlass für diese Untersuchung. Dass wir uns nun etwas verspätet haben, liegt an unterschiedlichen Umständen. Der Verfasser bittet um Entschuldigung und hofft, dass nun kein Fluch über ihn kommt.

Dies geschieht in Form eines Diskographie-Checks, an dem in diesem Fall acht Kollegen teilgenommen haben. Konkret waren dies: Chris Staubach, Frank Jäger, Holger Andrae, Jens Wilkens, Kenneth Thiessen, Marcel Rapp, Rüdiger Stehle und Tobias Dahs. Wir haben die Studioveröffentlichungen in ein Ranking gesetzt, dessen Ergebnis wir Euch nun hier vorstellen wollen.

 

Platz 8: "9" (1999)

Genug der langen Vorrede und auf zu unserem achten Platz. Diesen belegt der bislang letzten Studio-Tonträger, welcher im Jahr 1999 bei Metal Blade Records unter dem Titel "9" erschienen ist. Eingespielt von Bjarne T. Holm am Schlagzeug, Sharlee D'Angelo am Bass und der Gitarrenfraktion Hank Sherman/ Mike Wead. Dass nun ausgerechnet die bislang letzte Scheibe der Band auch unseren letzten Rang markiert, mag seltsam erscheinen, heißt aber nicht, dass es sich hierbei um ein schlechtes Album handelt. Au contraire, denn ein schlechtes Album von dieser Ausnahmeband gibt es nicht. So viel mal zu den nackten Fakten. Was unterscheidet "9" nun so deutlich von den anderen sieben Releases, dass immerhin sechs Kollegen die rote Laterne für dieses Album schwenken? Ist es der Umstand, dass kein wirklicher Longtrack zu finden ist? Immerhin sind es diese extrem langen Nummern, bei denen zumindest meine Begeisterung jedes Mal in komplette Euphorie umkippt. Aber es gibt auch andere Rundlinge der Band ohne eben einen solchen Epik-Song. Dann sind es wohl doch die Songs an sich, die dafür sorgen, dass nur Marcel und der Verfasser dieser Zeilen andere Scheiben der Band noch ein kleines bisschen weniger toll finden. Wenn wir uns diese dann etwas genauer anschauen, komme ich zu dem subjektiven Ergebnis, dass schon das eröffnende 'Last Rites' ein absoluter Brecher ist. Obwohl man in dieser Nummer beinahe das Gefühl hat, die Band sei nun in den Speed-Metal-Sektor eingetreten, vergisst man nicht die typischen Melodienlinien, die ja jeden MERFYUL FATE-Song so einzigartig machen. Von ähnlicher Qualität ist der hinterhältige Ohrwurm 'Burn In Hell', dessen fieser Refrain trotz seiner Kürze einfach so prägnant verhooklined klingt, dass man der These, teuflische Musik sei halt immer besonders eingängig, zustimmen möchte. Nur der Schreiber selbst und unser Chefdenker haben das Album nicht ans Ende ihrer Liste gesetzt, was mich selbst etwas stutzig macht, denn deutlich anders als seine Vorgänger ist "9" nicht ausgefallen. Aber gut, irgendeine Reihenfolge muss man ja erstellen. Von daher grübeln wir nicht lange, sondern wenden uns lieber dem siebenten Platz in unserem Ranking zu:

[Holger Andrae]

 

Platz 7: "Dead Again" (1998)

Diesen belegt bezeichnenderweise das Album davor, "Dead Again" aus dem Jahr 1998. Ausgerechnet die beiden Redakteure, die "9" nicht auf dem letzten Platz haben, sehen dort dieses Album. Aber auch bei den anderen Abstimmern geht es nicht über Platz 5 von Tobias hinaus. Dabei ist auch diese Scheibe, die in der gleichen Besetzung wie "9" eingespielt wurde, eine sehr gute. In meiner persönlichen Wahrnehmung fehlen allerdings die Killer-Hooklines. Dies in Kombination mit einem extrem scharfkantigen Klang machen "Dead Again" zu einem Album, welches ich mir erarbeiten musste. Während ich 1983 den für damalige Verhältnisse unfassbaren Gitarrensound auf "Melissa" bis heute für den ultimativen Ohrgasmus halte, habe ich meine Probleme mit dem kristallklaren Klangbild von "Dead Again". Irgendwie ist das Album klangtechnisch sehr fordernd in meinen Ohren. Schauen wir auf die Songs an sich, so haben wir mit dem ohrwurmigen 'Banshee' eine verhältnismäßig harmlose Nummer an Bord, die zwar schnell haften bleibt, dafür aber im Gegensatz zu älteren Nummern dieser Machart auch fix abbaut. Auf der anderen Seite der Extreme gibt es den ellenlangen Titelsong, der auf dem Papier nach einer spannenden Riff'n'Rhythm-Achterbahn aussieht. Leider vergehen die 13 Minuten und 40 Sekunden nicht so kurzweilig wie der Sturz des einhufigen Hörnervieches aus dem Jahr 1983. Wirklich griffige Hooks fehlen mir fast gänzlich und so richtig fies evil klingt das leider auch nicht. Beim restlichen Material gibt es dann aber einige Male zwei Daumen, die nach oben zeigen. So überfährt uns das ungewohnt rabiate 'Torture' gleich zur Begrüßung mit der Urgewalt einer Dampframme. Auch das flotte 'Sins Forever' weiß mit akustischen Zwischenspielen und einer schön-mystischen Melodieführung zu überzeugen und zählt somit zu den Highlights des Albums. Mein persönlicher Favorit ist aber das abschließende 'Crossroads', in welchem wie von Geisterhand die Magie der alten Tage komplett neu erblüht. Hier haben wir eine Nummer, die mindestens auf "In The Shadows" eine ausgezeichnete Figur abgegeben hätte. Galoppierendes Riffing, ein King, der all seine Stimmfarben zur Geltung bringt und Rhythmusvariationen, die sofort zünden. Geht also doch noch.

[Holger Andrae]

 

Platz 6: "Time" (1994)

Den sechsten Rang unserer Liste belegt das 1994 erschienene Werk "Time". Auf diesem, dem zweiten Album nach der ersten Reunion, hören wir erstmalig Drummer Snowy Shaw an den Kesseln. Ansonsten ist die gleiche Besetzung wie auf "In The Shadows" zu bewundern. Sprich: Das für mich beste europäische Gitarrendoppel Denner/Shermann, Sharlee D'Angelo und natürlich den König am Tralala. Dass die Scheibe auch bei mir trotzdem so weit unten in der Betrachtung landet, ist objektiv nur schwer zu erklären. Einige Kollegen hören das nämlich deutlich anders. So landet die Scheibe bei Kenneth auf Rang vier und Chris hebt "Time" sogar auf den Bronze-Stuhl. Komisch? Nicht wirklich, denn offenbar hören wir alle nur Nuancen anders, denn es steht ja komplett außerhalb jeglicher Diskussion, dass es sich hierbei um eine schlechte Platte handeln könnte. Mein Problem mit der Scheibe ist, dass mir sowohl etwas der Biss wie auch die richtig herausragenden Songs fehlen. Auch wenn allen Veröffentlichungen nach "Don't Break The Oath" für mich die unfassbare Schärfe fehlt, ist dieses Manko für mich bei "Time" auffallend groß. Selbst eine wirklich schnelle Nummer wie 'The Preacher' erzeugt bei mir nicht die totale Begeisterung. Da kann die Band mit orientalischen Momenten im coolen 'The Mad Arab' deutlich mehr punkten. Auch das mystische 'Lady In Black', welches natürlich keine Coverversion ist, erzeugt eher das Flair der 80er, was ich persönlich natürlich extrem schätze. Hinzu kommt in dieser Nummer die herrlich variable Taktvorgabe, die mal hackend finster, mal treibend-galoppierend für die gewohnte Abwechslung sorgt. Obendrein haben wir hier auch die wie immer tollen ruhigen Momente, in denen vor allem Kings Stimme fasziniert. Dabei fängt die Scheibe mit dem furiosen 'Night Be Thy Name' mehr als vielversprechend an. Hier finden sich alle heiß geliebten Trademarks eines außergewöhnlichen MERCYFUL FATE-Songs: rhythmische Verschachtelungen, Gesangsvariationen, Hooks bis Blut aus den Ohren tropft und Gitarrenüberraschungen aller paar Sekunden. Höre ich dann aber das extrem melodische 'Witches' Dance' vermisse ich Härte und die Spinett(?)-Einlage erzeugt bei mir leider auch keine Begeisterung. Genau diese Problematik zieht sich für mich durch das komplette Album. Man findet die typischen Zutaten, aber die Songergebnisse sind nicht ganz so mitreißend wie auf anderen Alben.

[Holger Andrae]


Platz 5: "In The Shadows" (1993)

Kann man eine Legende wieder aufleben lassen? Man kann! MERCYFUL FATE bewies dies schlagend 1993, als ein Jahr nach der Reunion "In The Shadows" erschien. Schlägt man das Booklet der CD auf, fallen sofort Anknüpfungspunkte an "Don't Break The Oath" ins Auge. Der King trägt das klassische Make-up und sogar die Schrifttype der beigegebenen Texte erinnert an eines der größten Meisterwerke in der Geschichte des Heavy Metals. Mit Ausnahme von Snowy Shaw am Schlagzeug musiziert auch das bewährte Line-up. Sieht man einmal vom Abschlusstrack ab, fehlen satanistische Themen in den Texten. Auch führt uns keine Konzeptstory durch das Album wie bei KING DIAMOND. Auf Unheimliches müssen wir dennoch nicht verzichten. 'Egypt' huldigt beispielsweise dem Alten Ägypten, besonders aber seinen Göttern der Unterwelt. 'The Bell Witch' behandelt die Legende um die poltergeisthafte Hexe, die zwischen 1817 und 1821 die Familie Bell in Tennessee heimgesucht haben soll. Das abschließende 'Is That You Melissa' nimmt natürlich Bezug auf den Titeltrack des großartigen Debüts. Die Gitarrenleads verarbeiten auf geniale Weise Phrasen des zehn Jahre zuvor veröffentlichten Songs 'Melissa' und beschwören so ein überwältigendes Gefühl von Nostalgie herauf. Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass beim Erstdurchlauf 1993 Tränen der Rührung flossen und noch heute begeistert mich das Stück wie am ersten Tag. Ebenso verfluche ich weiterhin die Person, die auf die Idee kam, auf der CD-Version den von Lars Ulrich eingetrommelten Bonus-Track 'Return Of The Vampire...1993' folgen zu lassen und so für Ernüchterung zu sorgen.

Gesangstechnisch arbeitet der King teilweise mit Elementen, die er im Laufe der Jahre für sein Soloprojekt entwickelte. Er schlägt so eine Brücke zwischen MERCYFUL FATE vor der Auflösung und KING DIAMOND zu Beginn der 90er. Während die meisten anderen Bands zu dieser Zeit schwächelten, gelang es MERCYFUL FATE, ein durch und durch bärenstarkes Album mit einer Fülle von Ideen und Stimmungen zu erschaffen. Man muss sich nur das abwechslungsreiche Songwriting anhören oder die Gitarrenarbeit genießen, die der auf den Klassikern aus den 80ern ebenbürtig ist. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass kein Heavy-Metal-Album der 90er bessere Soli zu bieten als "In The Shadows". Dennoch konnte das gute Stück sich über die Jahrzehnte nicht den Ruf eines unsterblichen Klassikers erwerben. Das schafften nur die drei Monumente aus den 80ern. Die Hälfte der an unserem Diskografie-Check beteiligten Redakteure weist dem Album Platz vier zu (Holger, Frank, Tobias, ich), drei immerhin Platz fünf (Chris, Kenneth, Rüdiger); nur Marcel ist da kritischer und straft "In The Shadows" mit Platz sieben ab.

[Jens Wilkens]



Platz 4: "Into The Unknown" (1996)

Für meinen ganz persönlichen Draht zu MERCYFUL FATE spielte immer das Kennenlernen von "Into The Unknown" eine ganz besondere Rolle, denn als bei deren Erscheinen noch halbwegs junger Metalhead hatte ich ohne die Gnade und die Bürde der frühen Geburt seinerzeit noch nicht die Prägung durch das grandiose und musikhistorisch unheimlich einflussreiche Frühwerk der Band genossen. Vielmehr war dieses Album, und ganz speziell dessen Opener 'The Uninvited Guest' für mich die eigentliche Initialzündung für die Liebe zu den dänischen Diabolikern. Das eröffnende Stück lief damals zum einen als Videoclip in den einschlägigen Fernsehformaten, und außerdem stand es neben anderen Grandiositäten von unter anderem MANOWAR und MOLLY HATCHET auf einem Sampler der Soundcheck-Reihe des Rock-Hard-Magazins, und ja, diese herrlich sinistre, hintergründige und textlich überragende Hymne an einen ungebetenen und ziemlich hinterhältigen Gast wurde aus dem Stand und ist bis heute einer meiner am nachhaltigsten wirkenden Lieblingssongs überhaupt. Die Intensität, mit welcher King Diamond hier, aber auch auf allen anderen Stücken des Albums seine bestechende Lyrik zum Besten gibt, bereitet mir noch heute eine wohlige Schauderpelle nach der anderen, wenn er ein breites Feld der Horrormystik bedient, das von der hohen See bis zum Necronomicon reicht. Auch die fabelhafte Gitarrenarbeit der Herren Sherman und Denner, hier leider bis dato letztmalig gemeinsam auf einem Studiowerk von MERCYFUL FATE zu Gange, weiß immer und immer wieder zu packen, und so ist aus meiner Sicht wenig verwunderlich, dass sich dieses Fabelwerk in der Gunst des Kollegiums direkt hinter der natürlich erdrückenden Exponiertheit des Frühwerks und sogar knapp vor dem durch das unerwartet starke Comeback eingeleiteten Euphorieschub einreihen darf. Bei mir landete es durch die nachhaltige Wirkung der Initiation wie im Gesamtranking auch direkt vor dem Comeback auf dem vierten Platz, bei Chris gar auf dem ersten Platz. Chapeau dafür, denn ja, wenn man sich wirklich von objektivierenden Größen frei macht, dann gibt es eigentlich keinen Grund dafür, warum diese Platte nicht der persönliche Favorit eines Fans von MERCYFUL FATE sein sollte. Der Rest der Meute platziert sie stabil auf der #5 oder der #6, und allein der Umstand, dass ein solches Werk nicht noch weiter vorne landet, zeugt davon, wie stark diese Diskographie wirklich ist.

[Rüdiger Stehle]

 

Platz 3: "Mercyful Fate" (1982)

Der dritte Platz unserer Diskographie-Beleuchtung geht an eine Veröffentlichung, die vielleicht gar nicht hier hineingehört. Aber Erbsen zählen können andere, wir gehen nach Relevanz. Oder eben nach unserem Bauchgefühl. Dieses sagt sehr eindeutig, dass man keine vollständige Betrachtung des Schaffens dieser wegweisenden Band betreiben kann, ohne die am 8. November 1982 erschienene EP, die manchmal unter den Titel "Nuns Have No Fun" gelistet wird, zu berücksichtigen. Die vier hier vertretenen Songs sind allesamt nicht auf den Longplayern verbraten worden und zählen ohne Frage zu den besten Nummern von MERCYFUL FATE und zu den wegweisendsten Songs des europäischen Heavy Metal überhaupt. Das hören außer Chris alle in etwa so, denn nur er zückt hier einen siebten Platz. Alle anderen Teilnehmer sehen dieses musikalische Kleinod auf dem zweiten oder dritten Platz, Rüdiger sogar auf dem ersten! Ich erinnere mich noch, wie ich das erste Mal das Teil auf dem Player hatte. Endlich konnte ich die Songs, die ich bereits von zwei mittelprächtigen Livetapes her kannte in vernünftiger Qualität genießen. Da lief lange Zeit kaum etwas anderes im Hause Andrae. Das damals bei Bullshirt blind bestellte T-Shirt mit dem Covermotiv war dann auch das einzige Shirt, welches mein sonst sehr toleranter Dad nicht sehen mochte. Ein weiterer Grund für den rebellischen Jüngling, diese Band zu lieben. Aber es war ja nicht nur das satanische Image, es waren ja auch die Songs an sich, in denen bis dahin kaum gekannte Heavieness mit unfassbarer Spieltechnik gezeigt wurde. Bis auf das relativ eingängige 'Devil Eyes' war die Musik sehr verschachtelt. Kracher wie 'Doomed By The Living Dead' oder 'A Corpse Without Soul' beinhalteten so viele Breaks wie andere Bands auf einem ganzen Album nicht zusammen bekamen. Hier wurden die besten Elemente von JUDAS PRIEST und URIAH HEEP verschmolzen und es entstand so etwas wie ein neues Subgenre. Wo VENOM als Vorreiter bereits mit Okkultismus herumgespielt hatte, setzte King Diamond eine ernst gemeinte Steigerung an. Dieser Anfang war ein explosionsartiger Startschuss, den nicht viele Bands hinbekommen haben.

[Holger Andrae]

 

Platz 2: "Don't Break The Oath" (1984)

Die Silber-Medaille geht an das Album, welches in den meisten Diskographien anderer Bands locker die Führung einnehmen würde, da es bis heute nichts von seiner Ausstrahlung und Einzigartigkeit verloren hat. Die Rede ist vom zweiten Album aus dem Jahr 1984, welches auf den Titel "Don't Break The Oath" hört. Drei Kollegen sehen es auf der Pole Position und nur Rüdiger und Holger platzieren es auf Platz drei. Bei mir liegt es in diesem Fall ganz banal an der Chronologie des Kennenlernens, denn die beiden höher platzierten Veröffentlichungen kannte ich eben schon länger und diese hatten somit einen noch größeren Einfluss auf meine musikalische Ausprägung. Aber ich möchte hier nicht schon wieder von meiner Wertung schreiben. Das Album ist unweigerlich eines der ganz großen Alben der 80er Jahre und hat auf viele Weisen nachfolgende Musiker beeinflusst. Es beginnt schon beim sensationellen Coverartwork, welches bis heute auf vielen Merchandise-Artikeln zu bewundern ist. Auch der Verfasser dieser Zeilen trägt gern ein Hoodie mit eben diesem Backprint. Selten gab es ein spannenderes Farbspiel in Verbindung mit Motivwahl und diesem Titel. Ein absoluter Hingucker, bei dem es einem nicht nur warm ums Herz wird. Aber eine tolle Ummantelung allein reicht ja selten aus, um ein tolles Album zu machen. Das dänische Quintett, welches damals noch aus der wegweisenden Besetzung des Erstlings besteht, setzt hier musikalisch und lyrisch genau dort an, wo "Melissa" geendet hat. Noch immer dominieren messerscharfe Riffs, noch immer zelebriert Kim Ruzz auf seinem Schlagzeug die Kunst des permanenten Galoppierens im Zick-Zack und noch immer sorgt Timi "Grabber" Hansen mit seinem Lead-Bass für die nötige Abwechslung im Tiefton-Segment. Klugerweise hat man mit Hendrik Lund den gleichen Produzenten an Bord, der schon "Melissa" klangtechnisch zu einem Referenz-Album für mich gemacht hat. Und auch ein Jahr später lässt der gute Mann hier nichts anbrennen: Die Produktion ist einzigartig und begeistert mich durch ihre Klarheit, die es möglich macht, dass jedes einzelne Instrument dem Hörer unbarmherzig direkt ins Gesicht springt. So ist man beim altbekannten Demo-Kracher 'Walking Back To Hell', welcher nun unter dem Namen 'A Dangerous Meeting' das Album eröffnet, sofort wieder unter hypnotischer Begeisterung. Eben jene, man möchte beinahe das Attribut "diabolische" verwenden, Freude endet bei mir bis heute immer erst, wenn der letzte Ton des abschließenden Klassikers 'Come To The Sabbath' verklungen ist. Das ist so ein Song für die Ewigkeit, der belegt, dass Musik gleichzeitig eingängig und böse klingen kann. Eine Nummer, bei der live immer der Bär steppt, denn dieser Chorus ist einfach mal genial. Aber auch die sieben Nummern dazwischen sind allesamt sensationell. Einen Ausfall findet man auch mit der Lupe nicht. Manch einer mag 'Gypsy' zu catchy finden. Ich halte diese Notenfolge gar für ein absolutes Highlight in der kompletten Diskographie. So unterschiedlich können Beschwörungsformeln auf die Zuhörer wirken. Bei welchem Song es selten Diskussionen über die Qualifikation zu einer Bandhymne gibt, ist der Quasi-Titelsong 'The Oath'. Mit seiner Spielzeit von sieben Minuten und 31 Sekunden ist dieses Ungetüm aus Riffs und unheiligen Botschaften so etwas wie das Vater Unser der okkulten Rockmusik. Halleluja! So ist es wenig verwunderlich, dass Jens, Tobi und Marcel die Scheibe auf ihrer Pole Position sehen. Auch aus kommerzieller Sicht ging es mit "Don't Break The Oath" unerwartet schnell nach oben. Platz 202 in den Billboard Charts. Man musste 19 (!) Zusatzkonzerte für die USA buchen, wo es eh schon 15 Support-Gigs für MOTÖRHEAD gab.

[Holger Andrae]

 

Platz 1: "Melissa" (1983)

Wenig überraschend landet das Debütalbum aus dem Jahr 1983 bei uns auf dem goldenen Sockel. Lediglich Chris platziert das Album auf Platz vier seiner Liste, während der Rest der Kollegen es im Wechsel mit seinem Nachfolger auf den ersten beiden Rängen der Diskographie sieht. Es ist aber auch schwer, sich der unfassbaren Macht dieser Platte zu entziehen. Mit oder ohne Zeitzeugen-Bonus. Gut, heutzutage ist man sicherlich ganz andere Maßstäbe in Sache Okkultismus und Extreme gewohnt, aber ich habe noch kein Album gefunden, welches so eine diabolische Ausstrahlung hat wie "Melissa". Das beginnt beim schlichtweg grandiosen Artwork, welches mich vom ersten Tag komplett in seinen Bann ziehen konnte. Die perfekte Farbgestaltung dieses thematisch sensationell umgesetzten Motives, welches man wohl unumstritten als ikonisch bezeichnen darf, erzeugt bei mir auch 40 Jahre später noch dieses angenehme Kribbeln beim Anschauen. Da darf man sehr froh sein, dass das ursprüngliche Artwork, welches später für ein Bootleg benutzt wurde, nicht zum Einsatz kam. Aber auch das Klangbild ist für mich bis heute perfekt für diese Art der Musik. Allen Instrumenten wird der gleiche Freiraum geboten, sodass auch die oftmals freidenkende Rhythmustruppe sehr prominent in Szene gesetzt ist. Das ist auch gut so, denn was die Herren Grabber und Ruzz hier abliefern, ist die Blaupause für jeden Heavy-Metal-Song, der den Hörer in Ekstase versetzen soll. Permanent nach vorne treibend, mal im Galopp, meist aber im Zick-Zack über Hürden springend, häufen sich hier die Taktwechsel in jedem Song so oft wie bei anderen Bands in der gesamten Diskografie.  Auch wenn alle sieben Songs auf diesem Album allein jeweils 10 Punkte von mir bekommen, muss ich eine Nummer dann doch gesondert hervorheben. Dabei handelt es sich um den überlangen Knaller 'Satan's Fall', der allein schon mit seiner Spielzeit von über elf Minuten hervorsticht. Aber die Länge allein ist ja oftmals nicht ausschlaggebend. So auch hier. Diese musikalische Achterbahnfahrt bietet zu jeder Minute überraschende Taktwechsel, kommt immer wieder mit anderen Stimmungen um die Ecke und ist einfach bis heute für den Schreiber dieser Zeilen der wohl beste Longtrack aller Zeiten. Die meisten anderen Songs kannte der eingefleischte Fan damals bereits durch die kursierenden Livetapes, sodass man nur noch mit dem gern mal übersehenen Deepcut 'At The Sound Of The Demon Bell' gänzlich neues Futter serviert bekommt. Auch dies ist eine toll aufgebaute Nummer, die begeistert. Außerdem überraschen die Dänen beim abschließenden Titelsong mit einer an URIAH HEEP erinnernden Magie, die von der ruhigen Untermalung ausgeht. Wenn King Diamond hier beschwörend ins Mikrophon flüstert, schaut man sich unterm Kopfhörer schon mal bange um, ob hinter einem nicht besagte Melissa steht. Denn "I think Melissa's still with us". Dies sind die unheilverkündenden letzten Worte des Albums, die den Hörer gleichzeitig fasziniert und beklemmt zurücklassen. Irgendwie kommt man nicht umhin, das Album erneut anzuhören.

[Holger Andrae]

 

So viel zu den regulären Alben. Damit ist es im Hause MERCYFUL FATE aber noch nicht getan. Gerade diejenigen unter Euch, die einen Narren am Frühwerk der Band gefressen haben, finden auf Compilations und semi-offiziellen Veröffentlichungen noch weiteres Sogmaterial, das den offiziellen Songs manchmal kaum hinterherhinkt. Eine besonders lohnenswerte Anschaffung ist dabei für mich "Return Of The Vampire", eine Sammlung der alten Demos, die nicht nur die Entwicklung der Songs wunderbar wiedergibt. So hören wir hier Aufnahmen aus den Jahren 1981 und 1982. Im Detail wäre dies das 81er Demo "Burning The Cross", auf welchem der nie offiziell veröffentlichte Titelsong heraussticht. Diese sehr lange Nummer wurde von ex-Gitarrist Benny Petersen geschrieben und somit nie verwendet. Eine Schande, handelt es sich hierbei um einen meiner Lieblingssongs. Spannend ist außerdem 'On A Night Of Full Moon', welches eine sehr früher Version von 'Descecration Of Soul' vom zweiten Album "Don't Break The Oath" ist. "Death Kiss" wurde für das englische Label Ebony Records im gleichen Jahr eingespielt, aber nie veröffentlicht. Die daran anschließenden Nummern stammen noch aus den Zeiten der Band DANGER ZONE und bieten erstklassigen okkulten Hard Rock. 'You Asked For It' ist dann vom ersten Demo der Dänen, als Gitarrist Michael Denner noch nicht mit an Bord war. Ebenfalls eine sehr feine Nummer. Auch dieser Song wurde später unter anderem Namen verwendet und ist als 'Black Masses' auf der Flipside der "Black Funeral"-Maxi zu finden.

Ich könnte hier jetzt noch auf weitere Ableger wie ZOSER MEZ, BLACK ROSE und BRATS eingehen, aber dann wird es endlos, denn fast alle Musikanten sind/waren vor und nach MERCYFUL FATE musikalisch sehr aktiv.



Chris Staubach:
01. Into The Unknown
02. Don't Break The Oath
03. Time
04. Melissa
05. In The Shadows
06. Dead Again
07. Mercyful Fate (EP)
08. 9

Frank Jäger:
01. Melissa
02. Don't Break The Oath
03. Mercyful Fate (EP)
04. In The Shadows
05. Into The Unknown
06. Dead Again
07. Time
08. 9

Holger Andrae:
01. Melissa
02. EP
03. Don't Break The Oath
04. In The Shadows
05. Into The Unknown
06. 9
07. Time
08. Dead Again

Jens Wilkens:
01. Don't Break The Oath
02. Melissa
03. Mercyful Fate (EP)
04. In The Shadows
05. Time
06. Into The Unknown
07. Dead Again
08. 9

Rüdiger Stehle:
1.  Mercyful Fate (EP)
2.  Melissa
3.  Don't Break The Oath
4.  Into The Unknown
5.  In The Shadows
6.  Time
7.  Dead Again
8.  9

Kenneth Thiessen:
01. Melissa
02. Don't Break The Oath
03. Mercyful Fate (EP)
04. Time
05. In The Shadows
06. Into The Unknown
07. Dead Again
08. 9

Marcel Rapp:
1.  Don't Break The Oath
2.  Melissa
3.  Mercyful Fate (EP)
4.  9
5.  Into The Unknown
6. Time
7.  In The Shadows
8.  Dead Again

Tobias Dahs:
01. Don't Break The Oath
02. Melissa
03. Mercyful Fate (EP)
04. In The Shadows
05. Dead Again
06. Into The Unknown
07. Time
08. 9

Redakteur:
Holger Andrae

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