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MESHUGGAH: Interview mit Tomas Haake

29.06.2005 | 23:27

Eigentlich sind MESHUGGAH viel zu gestört für diese Welt. Findet auch Drummer Tomas Haake, der munter ins Telefon plaudert, warum seine Band mit ihrem neuen Album "Catch Thirty-Three" nun noch komplizierter als sonst klingt, wo doch die meisten anderen Gruppen von Scheibe zu Scheibe den eher eingängigeren Weg einschlagen. "Keine Ahnung, warum das so bei uns ist. Dies ist aber auch gleichzeitig das Coole für mich an dieser Band: Du weißt nie, was passieren wird. Wir setzen uns nicht einfach hin und sagen, dass wir komplex klingen müssen. Das kommt ganz automatisch, so seltsam und bizarr sind wir eben." Bizarr, komisch, seltsam, eigenartig - solche MESHUGGAH-typischen Attribute lassen sich auf englisch mit dem Wort "weird" zusammenfassen, dass Tomas während des Interviews noch oft benutzen wird. Gerade ist er beschäftigt, packt seine Sachen für die dreiwöchige Europatour, die MESHUGGAH unter anderem durch ihre Heimat Schweden, Dänemark, Belgien, England und Deutschland führen wird - bei den Clubgigs sollen 40 der 80 Minuten Show dem neuen Monumentalwerk "Catch Thirty-Three" gehören. Der Titel der Scheibe ist dabei an den Antikriegsroman "Catch22" von Joseph Heller angelehnt und beschreibt eine paradoxe Situation, in der ein Mensch nur verlieren kann, egal wie er handelt. "Der Name ist so eine Art typische MESHUGGAH-Wendung, eine Art paradox-bizarre Illusion. Die '22' wollten wir aber bewusst nicht verwenden. Die '33' passt besser zu uns, denn diese Zahl verfolgt uns. Eigentlich ist es ja immer die '23' als Zahl, die mit wichtigen Ereignissen verbunden ist, aber für uns selbst ist es die '33'. Das hat unser Gitarrist Fredrik schon vor ein paar Jahren entdeckt: Die Nummern von Leuten, die uns anrufen, haben eine '33', du guckst auf die Uhr und siehst eine '33', solche Sachen eben. Wenn du es weißt, dann weißt du es eben. Außerdem ist auch die '33' mit vielen historischen Ereignissen verbunden. Die '33' ist einfach überall, haha."

In diesem Zusammenhang ist auch das auf den ersten Blick abstrakte Albumcover zu verstehen, auf dem drei kunstvoll verschnörkelte Schlangen sich gegenseitig in ihre Schwänze beißen. "Das Artwork habe wie immer ich gemacht. Eine Schlange beißt eine Schlange beißt eine Schlange - drei Schlangen, '33', haha. Es steht für die Unendlichkeit und ist gleichzeitig eine unglaubliche Situation, etwas Paradoxes. Alles ist untereinander vernetzt, aber nicht hundertprozentig zusammen." Auch das Album an sich funktioniert nur als Einheit, trotz verschiedener Titel ist es ein ganzer Song, wie Tomas bestätigt. "Ich denke, dass es das komplexeste Werk ist, dass MESHUGGAH bisher gemacht haben. Es klingt experimentell und eigenartig. Wir wollten solche dunkle Soundlandschaften kreieren und wussten, dass wir uns nicht limitieren lassen wollen. Die Texte sind passend dazu metaphorisch, nie direkt und erzählen keine Geschichten. Wir würden nie sagen 'Rettet den Regenwald' oder 'Sex, Drugs & Rock'n'Roll' predigen. Wir möchten das Gehirn mit unseren Lyrics anregen, es geht diesmal um paradoxe Gegensätze und um Dynamik. Herausgekommen ist ein wirklich einzigartiges Album, auf das wir sehr stolz sind." Doch warum gerade jetzt, warum in dieser Form, warum so konsequent? "Die Idee zu so einem Experiment lag schon lange Zeit vor, bestimmt schon zehn Jahre oder mehr. Damals hatten wir aber noch nicht wie jetzt ein eigenes Studio - da dies nun da ist, konnten wir machen, was wir wollten, ohne auf Geld und Zeit achten zu müssen. Dadurch hat es auch länger gedauert, die Platte fertig zu bekommen - mindestens acht oder neun Monate haben wir Musik geschrieben. Zwischendurch kamen dann noch Auftritte und die 'I'-EP, dadurch hat sich das Album noch weiter verzögert."

Das Studio, von dem Tomas spricht, liegt in der Heimatstadt von MESHUGGAH, in Stockholms Norden. Dort teilen sie sich einen Raum mit CLAWFINGER. "Wir verstehen uns sehr gut und waren auch schon miteinander auf Tour. Und wenn die Bands jeweils ihre neuen Scheiben aufnehmen, dann kommt die andere Gruppe eben für längere Zeit einmal nicht proben, das klappt dann schon." Überhaupt scheinen MESHUGGAH ein recht gespaltenes Verhältnis zu Proben und Üben zu haben. "Wir studieren eben zwei Wochen vor einer Tour unser Set ein und natürlich proben wir auch, bevor wir in ein Studio fahren. Es dauert jedenfalls nicht lang. Ich würde dies aber auch nicht unbedingt als Talent bezeichnen. Wir wissen einfach, wie wir klingen wollen - wenn etwas cool klingt, dann spielen wir es einfach, egal ob es schwer oder leicht ist. Und für die "Catch Thirty-Three" haben wir wir wirklich hart gearbeitet, damit sie so klingt, wie es jetzt ist." Die Arbeit scheint sich gelohnt zu haben, denn Tomas reagiert fast euphorisch, als er die Frage nach den bisherigen Reaktionen auf "Catch Thity-Three" vernimmt. "Es ist wirklich großartig. Während unserer bisherigen Karriere waren die Kritiken immer gespalten, doch die neue Scheibe findet wohl jeder toll. Wie gesagt, wir sind stolz, dass unser spezieller Sound so gut ankommt." Zwei entscheidende Merkmale, die gerade das neue MESHUGGAH-Werk so ansprechend machen, sind das Drumming aus dem Computer und die Klänge einer 8-Saiten-Gitarre. "Die 'Eight-Strings' haben wir ja schon auf 'Nothing' benutzt. Wir wussten damals aber noch nicht, was sich für den Klang durch diese Instrumente alles rausholen lässt. Inzwischen wissen wir es, haha... Und bei den Trommeln: Wir verwenden für unsere Demos immer einen Drumcomputer. Diesmal klang das Ergebnis so gut wie ich, deshalb wollten wir es einfach ausprobieren. Vielleicht pisst es manche Fans an, dass wir solche Technik verwenden, aber für uns ist eben das Endresultat, der zu hörende Sound, am Wichtigsten. Auf der Bühne spiele ich dann aber wieder alles live, ich kann das genauso."

Bei der anstehenden Tour stehen insgesamt vier Dates in Deutschland an: Kann es nicht ein bisschen mehr sein, außer einer noch im Herbst angekündigten Tour in Amerika? "Klar wollen wir mehr in Europa und in Deutschland unterwegs sein, aber das hängt auch von unseren Verkaufszahlen ab. Jetzt freuen wir uns aber erst einmal auf die anstehende Reise, wo wir zum Beispiel beim Rock am Ring und beim Donington-Festival auftreten - ob danach noch etwas kommt, werden wir sehen." In jedem Fall soll es bald nach der Tour schon wieder mit dem Werkeln an einer neuen Scheibe losgehen. Welchen Gastmusiker könnten sich die Jungs denn mal so vorstellen? "Mike Patton", kommt prompt die Antwort aus dem Hörer. "Der Mensch ist ein großartiger Visionär, ein toller Sänger und schert sich nicht um die Musikindustrie - diese Einstellung passt zu MESHUGGAH. Aber er hat wohl zu viele Projekte. Devin Townsend wäre auch reizvoll. Oder James Hetfield. Es gibt viele tolle Musiker. Wir könnten uns auch vorstellen, mit rein elektronischen Bands zusammen zuarbeiten, etwa dem Ein-Mann-Projekt SQUAREPUSHER." Dafür hat Tomas "noch nie" von dem Gerücht gehört, dass Jeff Loomis von NEVERMORE und Gitarrist Fredrik eine musikalische Liason planen. Wie auch immer, MESHUGGAH scheinen schon jetzt heiß zu sein, sich nach "Catch Thirty-Three" an einen neuen Longplayer zu wagen. "Manchmal zieht sich ja das Schreiben von Musik hin, manchmal geht es aber auch sehr schnell. Wir können nichts versprechen, wir fühlen uns aber nach diesem Album so inspiriert, dass wir unbedingt wieder neue Sachen ausprobieren wollen."

Tourdaten - MESHUGGAH

20.05.2005 STOCKHOLM - Mondo (SE)
21.05.2005 BENGTFORS - 2000 Decibel (SE)
22.05.2005 COPENHAGEN - Vega (DK)
24.05.2005 MULHOUSE - Le Noumatrouff (FR)
25.05.2005 PARIS - Le Trabendo (FR)
27.05.2005 WINTERTHUR - Gaswerk (CH)
28.05.2005 FRIBOURG - Fri-Son (CH)
29.05.2005 MILAN - Transilvania (IT)
31.05.2005 BUDAPEST - A38 (HU)
01.06.2005 VIENNA - Planet Music (AT)
02.06.2005 WÖRGL - Komma (AT)
03.06.2005 NÜRNBERG - Rock Im Park (DE)
04.06.2005 BURGUM - Waldrock (NL)
05.06.2005 NÜRBURG - Rock Am Ring (DE)
06.06.2005 AMSTERDAM - Melkweg Max (NL)
08.06.2005 HAMBURG - Knust (DE)
09.06.2005 BOCHUM - Riff (DE)
10.06.2005 VOSSELAAR - Biebob (BE)
11.06.2005 DONNINGTON - Download (UK)

Redakteur:
Henri Kramer

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