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MORTEMIA: Listening-Session zu "Misere Mortem"

24.01.2010 | 20:12

"Die Suche nach dem herabgefallenen Toupet" oder "Wie ich von MORTEMIAs fetten Keyboardteppichen überrollt wurde". Eine gotisch-melodische Grenzerfahrung.

Morten Veland ist eine Koryphäe - anders lässt es sich nicht umschreiben. Alles begann mit der Gründung der Gothic-Metaller TRISTANIA im Jahr 1997. Nach zwei starken Alben verließ Veland die Band und gründete die nächste Genre-beeinflussende Band: SIRENIA. Dort übernahm er nicht nur die Hauptarbeit, sprich das Songwriting, sondern spielte meist auch alle Instrumente inklusive des Gesangs alleine ein. Doch der Norweger ist noch lange nicht ausgelastet: Mit MORTEMIA, seinem neuesten Projekt, soll es mit dem österreichischen Label Napalm Records nun wieder ein bisschen back-to-the-roots gehen. Das Ziel: an alte TRISTANIA-Zeiten anzuknüpfen.

"Vor einigen Jahren habe ich mich dazu entschieden, SIRENIA in eine melodischere Richtung zu treiben," antwortet Morten auf die Frage, warum er sich zu dem neuen Projekt MORTEMIA entschieden hat. "Ich bin sehr kreativ und schreibe unheimlich viel. Irgendwann fielen mir immer mehr Dinge ein, die nicht mehr in das SIRENIA-Konzept gepasst haben - und da habe ich angefangen darüber nachzudenken, ein neues Projekt zu starten." Neun Songs enthält das Album, das "Misere Mortem" getauft wurde, und am 26. Februar erscheinen wird. Gleich zu Beginn leitet ein gregorianischer Choral den Opener ein, und entführt den Hörer für eine knappe Stunde in eine dunkle, mystische und schließlich bombastische Welt. Groovende Melo-Death-Riffs wechseln sich in 'The One I Once Was' mit atmosphärischen Chören ab und treiben den Hörer ordentlich vor sich her. Stark!

'The Pain Infernal And The Fall Eternal' ist im Mid-Tempo-Bereich angesiedelt und besticht durch coole Geschwindigkeitswechsel. Angereichert mit einer coolen Leadgitarre und 90ies-Keys schallt hier eigentlich ein perfekter Live-Song aus den Boxen, ein echter Mosher. Doch Morten schränkt ein: "Zur Zeit ist MORTEMIA erst einmal nur als Studioprojekt geplant. Ich habe alle Instrumente selbst eingespielt - allein der französische Chor war natürlich von außerhalb. Mal sehen, je nachdem, wie das Album ankommt, kann ich schon vorstellen, ein Line-up zusammen zu stellen und vielleicht ein paar Shows zu spielen." Mit dem dritten Song, 'The Eye Of The Storm', wird klar, dass sich MORTEMIA im Wesentlichen auf zwei Dinge konzentriert: Moderne, fette Gitarren und breite Key-Wände mit Choralunterstützung. Im angesprochenen Song wird das Konzept mit abgestoppten Gitarren ein wenig kontrastiert, doch gerade der Solo-Part macht diesen Song zu einem echten Highlight auf dem Album.

"Ich spiele eigentlich immer Gitarre," erzählt Morten lachend. "In meinem Wohnzimmer steht eine Gitarre, auf der ich beim Fernsehen oder so herumspiele und häufig kommt dann der Moment, wo ich mir denke: Hey, das klingt gut, das muss ich mir merken." Diese Versiertheit am Sechssaiter hört man den Songs jederzeit an. 'The Malice Of Life's Cruel Ways' besticht durch Neunziger-Black-Metal-Atmosphäre, verbunden mit dem Charme von fettem Bombast-Gothic. Gerade der angerockte Stophenpart ist verdammt catchy. Auch hier erheben sich Choräle und lassen leider so langsam etwas wie Langeweile aufkommen: Denn das haben wir schon gehört - ganze vier Mal. 'The Wheel Of Fire' glänzt zwar mit Amboss-Schlagen à la RAMMSTEIN, doch erst 'The Chains That Wield My Mind' kann echte Punkte verbuchen. Das liegt vor allem an dem genialen Lead-Lick zu Beginn. "Die Gitarren haben zum ersten Mal in meinem Schaffen eine wirklich dominante Rolle", erklärt Morten seine Herangehensweise. Und in der Tat: Im Sekundentakt (120 bpm) schwingen sich Snare und Gitarre zu einem dicken Heavy-Metal-Heaven auf.

Bevor das finale Zweigestirn das Dreamscape-Studio in München in Schutt und Asche legt, gibt es mit 'The New Desire' einen Song, der mit seiner fetten Produktion zwar nett zu hören ist, leider aber nichts Neues bietet und damit klar zu den schwächeren Songs des Albums gehört. Ganz anders als die letzten beiden: 'The Vile Bringer Of Self Destructive Thoughts' ergeht sich in bewusst disharmonischen Arrangements, die sich perfekt mit einem interessanten Off-Beat-Drumming ergänzen, und endlich, endlich stehen die Keys hinter den Gitarren zurück und wir hören METAL! 'The Candle At The Tunnel's End' beendet "Misere Mortem" mit einem bluesigen Lick, MARILYN-MANSON-Anleihen und einem groovigen Songwriting und zeigt damit die Misere von "Misere Mortem" auf: Tolle Ideen, geile Riffs und eine unglaublich fette Produktion stehen neben überbordenden Bombast-Elementen, die so gar nicht zur zurückhaltenden Art der Skandinavier passen. Häufig knallt das Album derart, dass sich der Hörer ein wenig Entplüschung wünscht. Doch das ist lediglich ein subjektiver Eindruck und wird mit mehrmaligem Hören möglicherweise ad absurdum geführt. Ich bin gespannt, wie dieses ambivalente Album ankommen wird und verweise auf den 26. Februar.

Redakteur:
Julian Rohrer

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