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Metal Matters - ab in die Forschung

19.09.2011 | 04:47

Man erinnere sich: Braunschweig. Hochschule für Bildende Künste. Sommer 2010. Die erste Wissenschaftstagung zum Heavy Metal. Jetzt sind die Vorträge in einem Forschungsband zum Nachlesen erschienen. Das Metal-Studium kann beginnen.

Schon lange ist meine These, dass Heavy-Metal-Fans keine Aussteiger sind, keine politischen Umstürzler oder Anarchisten. Der Metaller an und für sich kommt aus der Mitte der Gesellschaft, ist Handwerker, Beamter oder Bankangestellter. Dass auch unter den Universitätsprofessoren Metalfans sind, wissen wir spätestens seit der Veröffentlichung von "Metal Matters – Heavy Metal als Kultur und Welt", dem Vortragsband zur gleichnamigen dreitägigen Tagung, die vom 3. bis 5. Juni 2010 an der HBK Braunschweig stattgefunden hat. So verrät Professor Rolf F. Nohr, einer der Initiatoren der Tagung, im Vorwort des im LIT Verlag Münster erschienenen Buches, dass die Idee für die in Rede stehende Tagung "…beim dritten Bier in einer Kneipe und der Besprechung möglicher gemeinsamer Projekte…" der Herausgeber entstanden sei.  Nohr offenbart dabei: "Metal ist wohl eine der stabilsten und homogensten kulturellen Formationen, was sich in der Biografie der Herausgeber auch darin zeigt, dass wir immer wieder Berührungspunkte mit dieser Formation gefunden haben, Heavy Metal immer treuer, wenn auch nicht immer auffälliger oder aufdringlicher Begleiter unseres Lebens war."   
In diesem Sinne scheint Heavy Metal keinesfalls eine jugendkulturelle Subkultur zu sein. Nohr entdeckt im Heavy Metal ein "bedeutungsproduktives Sozialisationsprodukt" und verweist darauf, dass "Metal-Menschen (…) durch ihre Alltäglichkeit für einen auf das Besondere gerichteten Blick verschlossen bleiben."  


"Metal Matters", das Buch zur Tagung umfasst sämtliche Beiträge jener Referenten, die im vergangenen Sommer eben gerade doch einen besonderen Blick auf die Heavy-Metal-Kultur geworfen haben und sich mit zum Teil äußerst diffizilen Detailfragen auseinandergesetzt haben. Tatsächlich erweist es sich als hilfreich, diese hochspezifischen Beiträge noch einmal nachzulesen. Ich erinnere mich nur zu gut daran, dass mir einige Vorträge in Braunschweig aufgrund ihrer wissenschaftlichen Fachtermini einfach zu kompliziert waren, so dass mir manche Botschaft des Erforschten verborgen geblieben ist. Beim Lesen ist das nun erfreulicherweise anders.

Noch einmal steige ich in Julia Eckels Überlegungen zur textilen SchriftBildlichkeit (Schreibweise im Original) der Kutte ein und werde auf ein interessantes Detail aufmerksam. Eckel bemerkt, dass im Vergleich zu anderen Musikkulturen, z. B. dem Hip Hop, der Metal die einzige Kultur ist, in der die Bandlogos auf T-Shirts und Patches eine überaus große Bedeutung haben, während die Verehrung von gefeierten Modelabels im Gegensatz zum Hip Hop keine Rolle spielt.

Neben Kutte und Schriftbild der Bandlogos, das sich im Beitrag über Metal-Ästhetik in der Cover-Gestaltung von Rainer Zuch wieder findet, erweist sich der Black Metal als dankbarer Forschungsgegenstand der vorliegenden Textsammlung.
Schon in Braunschweig hatte mich Birgit Richard, Frankfurter Professorin für Neue Medien in Theorie und Praxis mit ihren Beobachtungen zu Männlichkeitsmodellen des Black Metal in Online-Videos fasziniert. Als sehr amüsant erweist sich Richards Vergleich eines Musikvideos der norwegischen Black-Metal-Band IMMORTAL mit einem CD-Cover der Popformation POLARKREIS 18. Dass der Black Metal in seinen Inszenierungen romantische Bezüge aufweist, belegen einige Kapitel später auch Sascha Pöhlmanns anspruchsvolle Analysen der amerikanischen Black-Metal-Band WOLVES IN THE THRONE ROOM, deren Gesamtkunstwerk Pöhlmann als "… Fortführung der amerikanischen Romantik im 21. Jahrhundert…" verstanden wissen will. Andreas Wagenknecht schließlich untersucht "die Ernsthaftigkeit des Black Metal und seine ironisierende Aneignung anhand von Fanclips auf Youtube". Erfreulicherweise kommt er dabei zu dem Ergebnis, dass selbst im Black Metal nicht alles gänzlich bierernst genommen werden muss. Zitat: "Denn nur, wer das Böse mit Humor nimmt, kann im Alltag überleben."

Auf über 400 Seiten finden sich insgesamt 28 Vorträge zur Kultur und Welt des Heavy Metal, die sich auf ziemlich abgefahrenem wissenschaftlichem Niveau bewegen. Ob dies alles den Metalfan interessiert? Hier werden die Meinungen – insbesondere unter den Fans selbst – auseinandergehen. Meiner Auffassung nach ist die vorliegende wissenschaftliche Auseinandersetzung allemal gewinnbringender als die jüngst im deutschen Fernsehen präsentierten Einblicke in die Metalszene anhand von Mitschnitten des WACKEN OPEN AIR, die in schöner Regelmäßigkeit viel mehr die Bewohner des Veranstaltungsortes als die Kultur des Metals zum Inhalt haben. Das brauche ich nicht.

Die Heavy-Metal-Kultur, die sich selbst immer wieder gerne dem Verdacht aussetzt, von der Mainstream-Gesellschaft ausgegrenzt und abgelehnt zu werden, findet in den Forschungsbeiträgen des "Metal Matter" zumindest aufgeschlossene Referenten, die sich mit Sachkenntnis vorurteilsfrei dem Forschungsgegenstand widmen. Dass einige der Referenten dabei offenbar über Szenekenntnis aufgrund eigener Zugehörigkeit verfügen, konnte in Braunschweig schmunzelnd beobachtet werden und lockert den gemeinhin trockenen wissenschaftlichen Diskurs etwas auf.

Wer in die Forschungsmaterie einsteigen will, der ist mit 34,90€ dabei. Das Buch aus der Reihe "Medien'welten. Braunschweiger Schriften zur Medienkultur" ist über den Verlag sowie im Handel zu erhalten.  
Etwas weniger komplex hält übrigens der Tagungsblog auf dem Laufenden.  Als Einstieg sind die hier präsentierten Neuigkeiten der richtige Weg in die Wissenschaft.

Redakteur:
Erika Becker

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