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NECK CEMETERY: Interview mit Jens Peters

08.10.2020 | 23:04

Das Ruhrpott-Quartett NECK CEMETERY verursachte mit seinem formidablen Drei-Track-Demo bereits ein mittelgroßes Erdbeben im Metal-Underground und endlich steht mit "Born In A Coffin" der erste abendfüllende Longplayer im Regal. Dies ist für Powermetal.de Anlass genug, uns etwas ausführlicher mit Front-Poser Jens Peters über die eigene Erwartungshaltung an das Album, den Psychopathen H.H. Holmes, seine Tätigkeit beim ROCK HARD-Magazin und noch vieles mehr zu unterhalten. Viel Spaß.

Glückwunsch zum großartigen Debütalbum "Born In A Coffin". Euer Drei-Track-Demo wirbelte ja schon eine ganze Menge Staub in der Szene auf, aber das fertige Album ist nochmals eine gewaltige Steigerung dem gegenüber. Wie siehst du das?

Die Konstellation aus Lukas, unserem Drummer, den beiden Gitarristen Boris und Yorck und mir gab es zu dem Zeitpunkt, an dem wir das Demo aufgenommen haben, erst ein halbes Jahr. Wir haben zuvor vielleicht sieben oder acht Mal gemeinsam geprobt und haben dann direkt das Demo aufgenommen. Vielleicht wirkt das Demo deshalb etwas unfertig auf dich, aber andererseits handelt es sich dabei ja auch nur um ein Demo. Eine solche Produktion muss in meinen Augen nicht perfekt sein, sondern soll vielmehr einen Eindruck vermitteln, wo eine Band hin möchte und wie sie überhaupt klingt. Ich gebe dir aber vollkommen recht - das Album klingt viel besser, es wäre aber auch schlimm, wenn nicht. Haha.

Erzähl doch mal, wie das Demo bei euren Fans angekommen ist.

Wir haben die drei Tracks des Demos anfänglich nur auf Kassette und digital veröffentlicht. Von der Kassette haben wir eine Auflage von 100 Stück anfertigen lassen, da wir dachten, dass keiner in der heutigen Zeit 100 Tapes kauft. Das Ende vom Lied war dann, dass die Kassetten nach drei Wochen komplett ausverkauft waren. Dann überlegten wir uns, was wir diesbezüglich machen können und haben noch einmal weitere 100 Tapes nachgeschoben. Auch die sind mittlerweile komplett weg. Nun ist es in dieser ursprünglichen Form mit genau diesen drei Titeln eigentlich nur noch digital erhältlich. Im Juni haben wir zusätzlich eine 7inch-Vinyl pressen lassen, die grob auf dem Demo basiert. Auf der A-Seite ist 'The Night False Metal Dies' drauf und auf der B-Seite mit 'Pain And Pleasure', der vierte, bisher unveröffentlichte Demo-Track. Wir sind zudem alle mega happy, dass unser Album in solch schwierigen Zeiten über Reaper Entertainment veröffentlicht wird. Bei einem Newcomer geht ein Label ja immer ein gewisses Risiko ein, aber gerade in Corona-Zeiten, wo die Kassen im Normalfall sowieso etwas knapper sind, ist dies nicht selbstverständlich. Deshalb sind wir Flori und Greg sehr dankbar.

Ich denke, Reaper Entertainment hat ganz einfach dieses große Potential, welches bei euch zweifellos vorhanden ist, erkannt und geht deshalb meiner Meinung nach kein allzu großes Risiko mit eurem Signing ein. Ich habe "Born In A Coffin" bis zum jetzigen Zeitpunkt gute zehn Mal gezielt angehört und das Besondere an der Scheibe ist die Tatsache, dass sie zu keiner Sekunde langweilig wird. Hinzu kommt, dass ihr einem sehr speziellen Metal-Stil frönt, der sehr schwer in Worte zu fassen ist. Die Scheibe ist in meinen Ohren sowohl textlich als auch musikalisch der perfekte Soundtrack zum aktuellen Weltgeschehen. Wie würdest du euren Stil beschreiben?

Da gebe ich dir recht, unseren Stil zu beschreiben ist nicht ganz einfach. Ich würde tatsächlich Heavy Metal als Oberbegriff wählen. Es gibt Thrash-Einflüsse wie bei 'The Creed', 'Feed The Night' umgibt ein gewisser Doom-Touch, man findet aber ebenso sowohl Epic- als auch True-Metal-Einflüsse. Wir setzen uns da selbst nicht allzu viele Grenzen. Natürlich würden wir niemals Emo-Core mit reinpacken, aber alles was in die traditionelle Richtung geht und womit wir uns selbst gut identifizieren und anfreunden können, kommt da mit rein. Die Einflüsse der einzelnen Musiker sind bei uns auch dementsprechend breit aufgestellt. Yorck und Boris kommen eher aus der Thrash-Ecke, Matti aus der traditionellen, Lukas eher aus der Hard-Rock-Ecke und ich so alles einmal quer durch den Garten, was 80er betrifft. Ich bin jetzt nicht unbedingter Thrash-Fan, aber ich kann mich mit klassischem Metal, Epic, Doom und Glam Metal natürlich bestens identifizieren.

Die Vielfältigkeit eures Sounds sehe ich als eine eurer ganz großen Stärken an. Ein Nichtkenner würde beim Anhören eurer Scheibe vermutlich nicht zwingend auf eine Band aus Deutschland tippen. Glorreiche Ausnahme bildet 'Banging In The Grave', welches nicht nur aufgrund Chris Boltendahls Mitwirken teutonischen Metal in Reinkultur bietet.

Vielen Dank für das Kompliment. Gut, dass du den Titel mit Chris ansprichst. Der Song und die Aufnahmen entstanden ja während des Lockdowns, weshalb wir Chris den Song zugeschickt haben und er nicht bei uns in Troisdorf ins Studio kommen konnte. Ich habe das Lied dann als eine Art Guide-Vocals einmal komplett eingesungen. Er war sehr angetan, meinte aber, dass eine Bridge fehle und er noch eine Idee für nach dem ersten Refrain hätte. Ich sagte ihm, er solle einfach machen. Der Übergang zwischen Strophe und Refrain mit anschließender Sprecheinlage ist tatsächlich komplett auf seinem Mist gewachsen. Die Zusammenarbeit gestaltete sich zudem total unkompliziert. Boris und Chris kennen sich durch die FYREDOGS-Scheibe, welche sie 2010 zusammen aufgenommen haben, schon seit Jahren. Boris hat ihn einfach angerufen, ihm mitgeteilt, dass wir ein Album aufnehmen und ihn gefragt, ob er Bock hätte Gast-Vocals beizusteuern. Auch ich kenne ihn ja durch meine Tätigkeit beim ROCK HARD auch schon sehr lange.

Dann gibt es mit Michael Koch, dem ehemaligen Gitarristen von ATLANTEAN KODEX noch einen weiteren Gastmusiker zu hören. Für welchen Track hat er etwas beigesteuert und wie kam es dazu?

Ich kenne Michi ja auch schon ganz schön lange und man läuft sich immer wieder auf Festivals wie dem HAMMER OF DOOM oder dem KEEP IT TRUE über den Weg. Zudem besteht der Großteil unserer Band aus riesigen ATLANTEAN KODEX-Fans und ich wusste, dass ihm unser Demo gefiel. Also haben wir ihn angefragt und er hatte direkt Lust darauf. Wie schon bei Chris lief alles total unkompliziert ab. Michael spielt übrigens die zweite Hälfte des Gitarrensolos auf unserer epischen Abschlussnummer 'Sisters Of Battle'.

Jens, dein Gesang und deine doch etwas untypische Art Metal zu singen ist für mich eine weitere große Stärke eures Bandsounds und verhilft euch zu einem hohen Wiedererkennungswert. Wie würdest du deinen Gesang selbst beschreiben?

Das ist eine sehr schwierige Frage, vor allem wenn man ja selbst drin steckt. Mich selbst mit anderen zu vergleichen finde ich super schwierig. Ich habe sicherlich keine traditionelle Metal-Stimme wie Eric Adams oder Ronnie James Dio, da liege ich stilistisch schon ganz woanders. Nee, die Frage kann ich dir wirklich nicht beantworten.

Kann ich verstehen, dann kommen wir zur nächsten Frage. Welche Erwartungen hast du bezüglich der Scheibe?

Haha, für uns fühlt sich das Ganze gerade schon ziemlich schräg an, denn wir hatten überhaupt nicht mit solch einem Wirbel gerechnet. Am Anfang war es schon ein Riesen-Ding, als wir 500 Vinyls vom Demo anfertigen ließen und nun wissen wir, die Platte erscheint im Oktober weltweit und es gibt dazu auch noch internationale Promo. Dies ist alles etwas ungewohnt für uns und wir müssen uns erst mal auf die neue Situation einstellen. Alles ist gerade sehr spannend. Auf einmal hieß es von Seiten des Labels, dass wir zwei Videos produzieren und dazu noch weitere internationale Trailer drehen müssen. Erwartungen in dem Sinne habe ich eigentlich nicht. Ich hoffe natürlich, dass die Platte gut ankommt und sich zumindest einigermaßen gut verkauft. Die ersten Reaktionen auf unser gerade veröffentlichtes Video zu 'King Of The Dead' sind super. Der Titel wurde sowohl auf YouTube als auch auf Spotify schon recht häufig geklickt. Nach nur einem Wochenende hat die Single die Klicks unseres Demos schon fast überholt. Wenn man bedenkt, dass unser Demo bereits seit eineinhalb Jahren online steht, scheint dies ein ganz gutes Zeichen zu sein. Im September erscheint dann zu 'Castle Of Fear' noch ein zweites, komplett animiertes Video des Bonner Musikers, Autors und Filmemachers Moritz R. Hellfritzsch, das mir persönlich sehr gut gefällt. Ich bin gespannt wie es ankommen wird.

Wer hat 'King Of The Dead' als erste Video-Auskopplung vorgeschlagen?

Das waren wir. Da waren wir uns auch mit dem Label recht schnell einig. Unser Video zu 'Castle Of Fear' war zwar zuerst fertig, aber in gemeinsamen Gesprächen mit dem Label kamen wir zum Entschluss zuerst ein Video zu veröffentlichen, in dem wir als Musiker zu sehen sind. 'Sisters Of Battle' und 'Fall Of A Realm' fielen ja aufgrund ihrer Länge schon einmal als potenzielle Video-Kandidaten raus. 'Feed The Night' wollten wir nicht, da wir den Titel ja schon auf unserem Demo hatten und einige Leute den deshalb ja auch schon kennen. Der Song mit Chris Boltendahl hätte sich schon angeboten, aber den wollten wir bewusst nicht machen um eventuelles Namedropping im ersten Video zu vermeiden. Letzen Endes blieb ja nur noch 'King Of The Dead' übrig. Da er sowieso der Opener der Platte ist, hat das natürlich gut gepasst.

Gibt es einen bestimmten Grund, weshalb der Song kein Gitarrensolo beinhaltet? Für mich sind griffige Solos zumeist so etwas wie die Kirsche auf der Torte, also quasi das Sahnehäubchen obendrauf.

Haha, da musst du die Herren Gitarristen fragen. Wir setzen uns als Band nicht viele Regeln und es ist doch auch mal lustig eine Single ohne Solo in einem Genre zu veröffentlichen, wo es eigentlich üblich ist Strophe - Refrain - Strophe - Refrain - Solo - Refrain zu machen. Es ist ja nun auch nicht so, dass es gar keine Soli auf der Platte zu hören gibt.

Spürtest du besonderen Druck beim Songwriting, da du ja bekanntlich Mitarbeiter beim ROCK HARD bist? So in der Art: Durch seine tägliche Arbeit muss der doch wissen, wie es zu klingen hat?

Unser erster Gig wurde von "Heavy Metal Home TV" begleitet und genau diese Frage war eine der ersten, die mir dort gestellt wurde. Meine Aussage ist immer noch dieselbe, dass ich deswegen keinerlei speziellen Druck empfinde. Ich bin ja nicht der erste Redakteur, der Musik macht und es gab ja auch Musiker, die später für eine Zeitschrift schrieben. Wenn man für ein Magazin schreibt, hat man ja von Grund auf eigentlich schon ein spezielles Interesse an Musik und dann auch selbst Musik machen zu wollen ist ja ein durchaus nachvollziehbarer Schritt. Ob Leute deswegen meine Arbeit kritischer bewerten, ist mir im Grunde genommen wirklich vollkommen egal. Sobald man sich in die Öffentlichkeit wagt und Musik für Geld anbietet, muss man damit rechnen, dass es immer irgendjemanden geben wird, der die Platte doof findet. Das ist vollkommen ok. Mir persönlich ist es allerdings wichtig, dass der Hörer sie nicht egal findet. Solange der Hörer eine Meinung zur Platte hat, egal ob cool oder doof, kann ich mich mit beidem anfreunden. Es muss nicht jeder NECK CEMETERY gut finden, das ist völlig in Ordnung.

Wer bei euch ist für das Songwriting zuständig?

Bei uns läuft das tatsächlich total old-school-mäßig ab. Wir treffen uns einmal in der Woche in unserem Proberaum und einer der Saiteninstrumentalisten bringt meist irgendein Riff mit, welches dann noch gemeinsam mit unserem Drummer ausgearbeitet wird. Ich sitze daneben und höre mir das alles in Ruhe an. Meist stellen wir die Strophe, die Bridge und einen Refrain fertig und nehmen das dann auf. Ich nehme die Aufnahmen dann mit nach Hause, schreibe einen kompletten Text dazu und mache noch Änderungsvorschläge wie etwaige Kürzungen einer Strophe oder eines Refrains. In der darauffolgenden Woche treffen wir uns dann wieder im Proberaum und arbeiten das Ganze dann gemeinsam aus. Bei uns entsteht alles gemeinschaftlich.

Steckt hinter dem Album ein bestimmtes Konzept?

Nein, es ist keine Konzeptplatte mit zusammenhängenden Texten. Jeder der Titel erzählt seine ganz eigene Geschichte. Beim Texten setze ich mir auch selbst nicht allzu viele Grenzen. Ein Text muss nicht zwingend Fantasy- oder historische Lyrics haben, er darf durchaus auch sozial- sowie politikkritisch sein. Alles, was ich selbst cool finde, baue ich irgendwie ein und da sich noch keiner der Jungs bei mir beschwert hat, denke ich, dass sie mit meiner Arbeit ganz zufrieden sind.

Das trifft sich ja blendend, dass du bei euch als Texter zuständig bist. Hast du Lust, zu jedem der Songs ein paar Sätze zu erzählen?

Kann ich sehr gerne machen. Ich finde es spannend, Texte zu schreiben, die auf mehreren Ebenen funktionieren. Einerseits kann man sich das Album wunderbar anhören ohne sich großartige Gedanken um die Texte zu machen, das funktioniert ganz einfach als Entertainment. Man kann bei Bedarf aber auch in die Tiefe der Texte gehen. Gerade 'Banging In The Grave' funktioniert einerseits ganz gut als Partynummer, andererseits hat der Text aber eigentlichen einen ernsten Hintergrund. Es geht dabei um Alltagsflucht mittels verschiedener Substanzen.

So, dann beginnen wir einfach chronologisch mit 'King Of The Dead'.

Der Titel hat einen Fantasy-Text und basiert auf dem Video-Spiel "World Of Warcraft", welches ich in meiner Jugend oft und gerne gespielt habe. Der Hintergrund der Story ist eigentlich sehr tragisch. Es geht um einen Königssohn, der um sein Land zu retten ein Dämonenschwert aus dem Eis ziehen muss und sich damit eigentlich selbst verflucht. Durch seine Tat verschafft er seinem Land zwar zwischenzeitlich etwas Ruhe, aber weckt damit auch die Armee der Toten auf und verursacht dadurch den endgültigen Untergang seines Landes.

'Castle Of Fear'

Der Song hat einen historischen Hintergrund. Es geht dabei um den Serienmörder H.H. Holmes, der in den späten Achtzehnhunderterjahren in Amerika sein Unwesen getrieben hat. Die Story dahinter ist so bizarr, dass ich sie einfach veröffentlichen musste. Mr. Holmes hat sich pünktlich zur Weltausstellung in Chicago 1893 ein großes Hotelgebäude errichten lassen. Da auch wirklich niemand den kompletten Grundriss des Hauses kennen sollte, hat er in regelmäßigen Abständen immer die kompletten Arbeitertruppen auswechseln lassen. Er ließ beispielsweise doppelte Wände ziehen, baute Falltüren, geheime Räume, ein Säurebad im Keller, einen Verbrennungsofen und ähnliches Zeugs. Während der Weltausstellung hat er dann seine Gäste darin massakriert, deren Fleisch von den Knochen gelöst und die Knochen anschließend an Universitäten weiter verkauft. Er wurde irgendwann gefasst und schlussendlich auch hingerichtet. Ein ehemaliger Polizist hat dann das "Murder Castle", wie es damals im Volksmund genannt wurde, gekauft und wollte ein Museum daraus machen. Drei Tage vor Eröffnung brannte das Schloss jedoch aus bis heute ungeklärten Gründen bis auf die Grundmauern nieder, was den unheimlichen Mythos der ganzen Geschichte verstärkt.

'The Fall Of A Realm'

Dies ist unser politischster Song, der einen dystopischen Ausblick auf das gibt, was uns in Europa erwarten könnte, wenn wir dem wiederaufkeimenden Nationalismus nicht entgegenwirken. Es gab zum Glück eine ganz lange Episode des Friedens, aber momentan entwickelt sich vieles zum Negativen.  

'Feed The Night'

Wir wollten unbedingt eine Nummer vom Demo mit aufs Album nehmen und da wir zum Song mit den meisten positiven Reaktionen darauf, 'The Night False Metal Dies', bereits im Juni eine 7inch-Single veröffentlichten, wollten wir den nicht nochmal verbraten. Die exklusive B-Seite der Single 'Pain And Pleasure' sollte es auch nicht sein, da sonst ihre Exklusivität verloren gegangen wäre. 'Battle The Beast' ist eine coole Nummer auf dem Demo, die allerdings musikalisch nicht so zum Rest des Albums passte, also blieb nur noch 'Feed The Night' übrig. Textlich hat der Song auch eine von Lovecraft inspirierte Horror-Thematik.

'The Creed'

Der zweite Titel, der von einer Videospielreihe inspiriert wurde, nämlich von "Assassins Creed". Im Text geht es einfach darum, dass zwei Geheimbünde sich quasi über die Jahrtausende bekriegen. Es gibt einen uralten Geheimbund, der schon für den Fall der Pharaonen und die Ermordung Cäsars verantwortlich war, und eben die Gegenseite.

'Sisters Of Battle'

Hier geht es um die Belagerung Jerusalems im Jahr 1187 nach der Schlacht bei Hattin. Das etwas Kuriose daran ist die Tatsache, dass diese zum größten Teil von Frauen und Alten geführt wurde. Das Kreuzfahrerheer, welches in der Stadt stationiert war, wurde von Saladin, dem Anführer der Sarazenen, aus der Stadt gelockt. Nach drei mühsamen Tagen der Verfolgung Saladins durch die Wüste waren die Kreuzfahrer alle erschöpft und Saladins Truppen hatten letzten Endes leichtes Spiel und haben alle umgebracht. Als sie bei ihrer Rückkehr dann Jerusalem übernehmen wollten, boten ihnen jedoch die Frauen, Alten und Verletzten über eine Woche lang Paroli, bevor sie dann doch vor der angreifenden Berufsarmee kapitulierten. Saladin bot ihnen bei freiwilliger Kapitulation freies Geleit zur Küste an und übernahm anschließend die Stadt. Von diesem schweren Schlag erholten sich die Kreuzfahrer tatsächlich über mehrere Jahrhunderte nicht.

Vielen Dank für deine Ausführungen, Jens. Nun muss ich dich als großen MÖTLEY CRÜE-Fan aber schon fragen, wie wichtig euch der optische Aspekt eurer Bühnenshow ist. Wirft man einen Blick auf angesagte Bands wie beispielsweise SABATON oder POWERWOLF, scheint ein stimmiges Image nicht ganz unschuldig an deren Erfolg zu sein.

Schon sehr wichtig. Von der ersten Show an legten wir eigentlich großen Wert auf ein ansehnliches Bühnenbild und waren darauf bedacht, dass das Ganze auch stimmig aussieht. Es ist natürlich klar, dass wir bei unserer Größe nicht mit einer RONNIE JAMES DIO-Bühnenshow mit Drachen und Ähnlichem aufwarten können. Wir verwenden Grabsteindeko, Totenköpfe, Grablichter und dergleichen. Auch vom Outfit her versuchen wir uns schon etwas von den Leuten vor der Bühne zu unterscheiden, da wir der Meinung sind, eine Show sollte auch eine Show sein und etwas Besonderes bieten. Allerdings ist das auch oftmals ein schmaler Grat, den man da geht, und man muss darauf achten, dass kein Karneval daraus wird. ALICE COOPER, KISS oder auch MÖTLEY CRÜE sind alles Bands, die großen Wert auf ihre Show legen und damit auch große Erfolge verbuchen dürfen.

Apropos MÖTLEY CRÜE, wie ist deine Meinung als MÖTLEY CRÜE-Supporter zum Rücktritt vom Rücktritt?

Ich war ja in Los Angeles auf den beiden Abschiedskonzerten und habe damals schon gesagt, passt mal auf, ich denke in fünf Jahren gibt es eine Reunion. Damit habe ich insgeheim schon gerechnet und finde das auch überhaupt nicht schlimm. Im besten Fall sieht man eine seiner Lieblingsbands halt noch ein paar Mal mehr live. Ich glaube es gibt Schlimmeres. Haha.

Welches Album der MÖTLEY CRÜE-Discografie ist in deinen Ohren am verzichtbarsten?

Ich glaube die "Theater Of Pain", obwohl das wiedersinnig ist, da ich gerade von dieser Scheibe ein Tattoo auf meinem Oberarm habe. Aber auch die "Generation Swine" ist sehr schwierig. "New Tattoo" finde ich wesentlich besser als sie so mancher in Erinnerung hat. Die Scheibe mit John Corabi finde ich auch sehr gut, ist aber halt nicht der typische MÖTLEY CRÜE-Sound.

Wie fandest du den Netflix-Film "The Dirt"?

Ich fand den gut. Allerdings hätte man, um dem Buch gerecht zu werden, daraus eine mehrteilige Serie machen müssen. Der Film ist in meinen Augen eine Art "Best Of" des Buches. Die Kernaussage ist es ja zu zeigen, wie die Band zuerst riesengroß wird, irgendwann komplett abstürzt um sich dann aber wieder zusammen zu raufen.

Ich würde dir nun gerne drei Fragen stellen, die du ohne großes Nachdenken direkt aus deinem Bauch heraus beantworten sollst. Hast du Lust darauf?

Schieß los.

Die drei besten Alben aller Zeiten sind?

"Crimson Idol" von W.A.S.P., "Slave To The Grind" von SKID ROW und "Appetite For Destruction" von GUNS N ROSES. Auf Platz vier wäre übrigens "Shout At The Devil" von MÖTLEY CRÜE. Haha.

Nenne drei Dinge, die du um jeden Preis in deinem Leben noch erreichen möchtest.

Die vielen Länder bereisen, in denen ich noch nicht war. Durch meine Tätigkeit beim ROCK HARD bin ich ja schon ganz gut rum gekommen, aber es gibt noch sehr viele Länder und ganze Kontinente, auf denen ich noch nicht war wie beispielsweise Südamerika, Asien, Australien oder Afrika. Die Frage von dir ist für mich kaum beantwortbar, da ich mir eigentlich gar keine großen Lebensziele setze, sondern eher Etappenziele, die ich erreichen möchte. Vor einigen Jahren fand ich es äußerst spannend unbedingt mal als Statist in einem Kinofilm ("So viel Zeit", Verfilmung eines Romans von Frank Gooßen) mitzuwirken, was ich dann auch gemacht habe. Danach hatte ich sogar eine Statistenrolle als Polizist bei einer Netflix-Serie ("Die Welle"). Dann habe ich noch einen Gastbeitrag für ein Buch geschrieben ("Hear 'Em All: Heavy Metal für die eiserne Insel" von Frank Schäfer). Also nein, ich kann dir deine Frage wohl nicht zufriedenstellend beantworten.

Kommen wir zur letzten der drei Fragen. Welche drei Dinge würdest du verändern wollen, seien sie auch noch so utopisch?

Zuerst würde ich Religionen abschaffen. Ich denke, in einer so aufgeklärten Welt wie der, in der wir leben, kann man Halt auch ohne Religion finden. Zudem ist Religion zu einem riesigen Teil für das Elend auf dieser Welt mitverantwortlich. Ich spreche hier ausdrücklich nicht vom Glauben, sondern von Religion mitsamt ihrem Fanatismus. Dann würde ich die Zeit gerne in die Achtzigerjahre zurückdrehen. Ich bin zwar in den Achtzigern geboren und habe natürlich auch noch etwas davon mitbekommen, aber ich denke, wenn ich da schon Teenager gewesen wäre, hätte ich mächtig viel Spaß gehabt. Das würde ich liebend gerne nachholen, sei es auch nur für ein paar Tage. Als dritten Punkt würde ich die ganze Klimaproblematik lösen, die uns sicherlich in Zukunft noch viel Freude bereiten wird.

Zum Abschluss würden mich noch deine persönlichen Highlights deiner bisherigen ROCK HARD-Tätigkeit interessieren.

Ein ganz großes Highlight ist unser jährliches ROCK HARD FESTIVAL. Wir machen ja jeden Monat ein Heft und das Festival organisieren wir mit Continental Concerts über ein ganzes Jahr quasi nebenher noch mit. Da steckt wirklich sehr viel Arbeit und Herzblut mit drin. Booking der Bands, Promotexte verfassen, die Webseite aktualisieren, die Bandbetreuung vor Ort, die Ansagen auf der Bühne, all das gehört zu unserem Aufgabenbereich. Wenn wir dann sehen, wie viel Spaß die Leute dort haben und wir uns mit ihnen über die unterschiedlichsten Themen unterhalten können, ist das schon eine tolle Sache. Dieses Jahr bin ich über den Konzertausfall allerdings doppelt traurig, da wir mit NECK CEMETERY dort einen Auftritt gehabt hätten. Dumm gelaufen. Ein weiteres Highlight ist für mich immer wieder Musiker treffen zu dürfen, die man teilweise schon Jahrzehnte gut findet, deren Arbeit man liebt und von denen man dann nicht enttäuscht wird. Es ist mir zum Glück tatsächlich noch nie passiert, dass Leute, die mir wichtig waren, mich enttäuscht haben. Selbst ein Blackie Lawless, dem ein gewisser Ruf voraus eilt, hat sich mir gegenüber in mehreren längeren Gesprächen immer äußerst respektvoll verhalten und alle meine Fragen geduldig beantwortet. Nicht zu vergessen ist die tolle Zusammenarbeit mit meinen Kollegen. Wir haben tatsächlich ein fantastisches Team. Ich bin mit den meisten gut befreundet. Da wir alle momentan noch im Home Office arbeiten, hoffe ich, dass wir bald mal wieder gemeinsam losziehen können um das ein oder andere Bierchen, am besten auf einem Konzert, zusammen zu trinken.

Fällt dir da nicht so langsam die Decke auf den Kopf?

Nein, ganz im Gegenteil. Bei mir hat sich über die Jahre so viel an Platten, Büchern, Filmen oder Videospielen angesammelt, dass ich nicht behaupten könnte, die letzten Monate auch nur eine langweilige Minute gehabt zu haben. Ich hätte nicht einmal meine Waschmaschine anschmeißen müssen, da ich jede Menge Metalshirts im Schrank habe um mich damit noch weitere zwei Jahre einzukleiden. Haha.

Die letzten Worte gehören dir.

Immer weiter machen und immer schön lesen. Unterstützt das Medium eurer Wahl. Egal ob Print oder online. Lasst die Leute in diesen schwierigen Zeiten nicht hängen, in denen jeder Kauf eines Hefts oder auch jeder Klick wichtig ist. Es war mir eine große Freude mit dir zu sprechen und es hat mir sehr viel Spaß gemacht. Bleibt alle gesund.

Redakteur:
Mahoni Ledl

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