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NECROS CHRISTOS: Interview mit Mors Dalos Ra

29.03.2011 | 13:15

NECROS CHRISTOS gelten als einer der Geheimtipps im härteren Underground. Mit "Doom Of The Occult" haben sie ein wahres Monster geschaffen, das auf einem interessanten architektonischen Konzept basiert und gekonnt den Spagat zwischen finsterem Death/Doom und orientalischen Akustikstücken meistert. Wir trafen Sänger/Gitarrist/Mastermind Mors Dalos Ra zu einem langen und interessanten Gespräch in einem Berliner Lokal.

Und obwohl Musik und Image der Band nicht so wirken, als sei hier eine fröhlich-sympathische Figur am Werk, ist der Berliner genau das. Lächelnd und sich der Stärke von "Doom Of The Occult" bewusst, nimmt Mors Dalos Ra mich in Empfang. Mit dem Aufbau aus instrumentalen Zwischenspielen, den sog. "Temple" und "Gates" und den sehr schweren, sehr zähen, düsteren Songs folgen NECROS CHRISTOS einer tief durchdachten Architektur, wie der Songwriter erläutert: "Das Album hat eine Architektur, die man auf der CD auch gleich erkennt. Die Architektur basiert auf dem Chanukka-Leuchter, ohne jedoch Bezüge zur eigentlichen Thematik dieses Festes zu nehmen. Der Leuchter ist jegliche eine Variante, um diese Messe, die das Album letztendlich darstellt, in eine Form zu bringen. Die neun Songs sind die neun Flammen, weshalb das 10-minütige Epos auch in der Mitte des Albums ist, weil es die große Flamme in der Mitte darstellt. Und im Grunde gehören sonst immer zwei Flammen zusammen. Jeder Song wird dann noch von einem Temple eingeleitet und jedes Paar aus Songs von einem Gate abgeschlossen."

Die orientalischen Zwischenspiele sind ein wesentliches Merkmal von NECROS CHRISTOS und man ist fast etwas verwundert, wenn dann in Berlin nicht ein Mann mit Migrationshintergrund vor einem sitzt, der die orientalische Musik mit in die Wiege gelegt bekommen hat. "Mein Vater ist passionierter Archäologe, der mich schon als Kind immer mitgenommen hat zu irgendwelchen Ausgrabungsplätzen in der Türkei, in Griechenland etc. und das hat mich echt geprägt. Schon damals fand ich die Musik immer sehr reizvoll und habe diese orientalische Musik dadurch schon genauso früh kennengelernt wie den Metal. Ich bin einfach mit beiden Formen der Musik aufgewachsen und habe immer schon beide Formen geliebt.", erzählt Mors Dalos Ra.

Diese musikalische Prägung hat auch das Interesse an Religionen und Philosophien gefördert, die heute in den Texten deutlich wird. "Ja, ich wollte schon damals wissen, was hinter dieser Kultur steht und habe deshalb angefangen mich damit zu beschäftigen und habe mich dadurch auch schon früh mit okkulten Themen zu beschäftigen. Wobei man "okkult" als spirituelles Studium auffassen sollte. Ich bin ein im spirituellen Sinne sehr religiöser Mensch. Das Kabbala Mystizismus ist das, was mich in den letzten acht Jahren am meisten beschäftigt hat.", erzählt Mors Dalos Ra und ergänzt: "Auch Teilen der Lehre des mystischen Christentums kann ich sehr viel abgewinnen, ohne auch nur ansatzweise an die Dogmen der Kirche zu glauben. Die Kirche verachte ich, das ist eine furchtbare Institution, die alles falsch gemacht hat, was man falsch machen kann. Wenn man die Schätze bedenkt, die sie hüten und fördern sollte, kann ich nur zu dem Schluss kommen, dass sie wirklich alles falsch gemacht hat. Deshalb kann ich bspw. nie in die Kirche gehen. Aber ich kann den uralten Mythen des Christentums ganz viel abgewinnen. Gerade auch die Person Christus ist sehr faszinierend und hat sicher nicht umsonst so viel bewegt auf dieser Welt. Das hat halt wenig damit zu tun, was in der Bibel steht.", ist Mors Dalos Ra sehr deutlich und fügt hinzu: "Auch den Koran schätze ich sehr, obwoh ich ihn nicht sooo gut kenne. Aber diese Religionen müssen für mich immer auch eine dunkle Seite haben. Ich bin nicht jemand, der denkt, dass die Religion mich grinsend und glücklich durchs Leben gleiten lässt. Nein, ganz im Gegenteil. Mich mit diesen Thesen auseinanderzusetzen, zwischen den Zeilen zu lesen und die dunklen Seiten, die jeder in uns hat, anzunehmen und mit diesen Seiten umgehen zu können und dies im Leben in positive Energie umzuwandeln, treibt mich an. Ich denke beispielsweise, dass Menschen, die extrem gegen etwas hetzen, diese Seite häufig selbst in sich tragen und diese bekämpfen. Und man muss halt lernen, sich selbst zu erkennen, auch in ganz, ganz dunklen Momenten. Um diese Dualität von Gut und Böse geht es in der Kabbala Mystik. Wenn alles gut wäre, wäre nichts gut. Wenn alles schlecht wäre, wäre nichts schlecht. Und das kann ja nicht sein, denn sonst kannst du dich als Seele ja nicht weiterentwickeln."

Man merkt an dieser Stelle schon, dass Mors Dalos Ra ein grundsätzlich sehr offener und wissbegieriger Mensch ist, der sich eher als Weltenbürger, denn als Deutscher sieht. Dies untermauert er auch sogleich: "Ja, ich denke nicht in Grenzen, Ländern oder Hautfarben, das finde ich ganz schlimm. Es geht ausschließlich darum, wie mir ein Mensch gegenüber tritt. Wenn er mich mit Respekt behandelt, dann bekommt er genau das auch zurück, wenn aber nicht, wird er merken, dass ich nicht nur nett sein kann. Das ist eine Grundeinstellung, die sich über die Jahre bei mir so entwickelt hat. Ich hasse nicht, weil ich hassen muss und ich hasse auch nicht, weil ich der bitterböse Black-Metaller bin. Das ist doch Schwachsinn. Sollen sie hassen, wen und was sie wollen, das ist doch meist eh nur Fake.", ist der Berliner erfrischend geradlinig.

Dieser ganze Exkurs zeigt auch deutlich, warum der orientalische Teil der Musik bei NECROS CHRISTOS so authentisch klingt, obwohl die führenden Musiker in der Band nicht aus dem Orient sind. "Ja, ich denke auch, dass wir sehr authentisch sind.", stimmt Mors Dalos Ra zu. "Zumal ich durch mein Studium und meine 20 Jahren Erfahrung viele Musiker aus diesem Raum kenne, mit denen ich schon zusammengearbeitet habe und die mir auch schon häufig bestätigt haben, dass ich Gitarre wie ein Araber oder ein Perser spiele. Das ist natürlich das größte Kompliment, das man mir machen kann."

Dass sich NECROS CHRISTOS auf deutschen Bühnen eher rar machen, hat durchaus auch etwas damit zu tun, wie NECROS CHRISTOS ihre Musik und das Musikbusiness sehen: "Wir haben nun mal alle Jobs und alle unser Leben, da können wir gar nicht ständig auf Tour gehen. Dass wir uns so rar machen, ist aber durchaus auch gewollt, weil wir dadurch wirklich gute, eher exklusive Gig-Angebote bekommen haben, die wir nicht bekommen würden, wenn wir an jeder Steckdose spielen würden. Aber davon abgesehen, wollen wir auch gar nicht von NECROS CHRISTOS leben müssen, denn dann würden wir in diesen Zyklus kommen, wo wir alle zwei Jahre ein Album aufnehmen müssen, wo wir immer auf Tour sein müssen. Und ich glaube nicht, dass wir dann noch Qualität abliefern könnten. Ich möchte einfach den Freiraum haben, mir vier Jahre für ein Album Zeit lassen zu können. Und wenn man "Doom Of The Occult" hört, hört man auch den Aufwand, der hinter diesem Album steckt. Es gibt auf "Doom Of The Occult" keine Samples. Alles ist komponiert, alles, was du hörst, ist echt. Vom Chor des Openers über die orientalischen Instrumente, die in den Tempeln und Gates verwendet werden, bis hin zu jeder angeschlagenen Seite, ist alles echt. Und als Künstler möchte ich mir einfach den Freiraum nehmen können, im nächsten Jahr dann eben kein Album zu veröffentlichen." Daran wird sich auch nichts ändern, falls "Doom Of The Occult" ein - verhältnismäßig - großer Erfolg wird. "Ich mache die Musik in erster Linie für mich und für einige Freunde, auf deren Meinung ich großen Wert lege. Alles andere ist mir eigentlich egal. Es ist egal, ob das Ding ein Erfolg wird oder nicht. Das ändert nichts daran, wie wir unsere Musik machen, wie viel Zeit wir für ein Album brauchen oder sonst irgendetwas, das NECROS CHRISTOS betrifft.", stellt Mors Dalos Ra unmissverständlich klar.

Auch was die Zukunft von NECROS CHRISTOS angeht, hat der Bandkopf schon eine sehr klare Vorstellung. "Auf dem nächsten und damit letzten NECROS CHRISTOS-Album wird es dann je neun Temple, Gates & Songs geben. Dann haben wir drei Alben mit je neun Songs, damit wird das Gremorium mit dem dritten Album abgeschlossen. Wenn du also die Spielzeit und die Produktionsdauer von "Doom Of The Occult" als Maßstab nimmst, wird das letzte Album wohl ein Doppelalbum, das sicher nicht bereits in vier Jahren erscheinen wird."

Redakteur:
Peter Kubaschk

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