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NEKROPOLIS: Interview mit Marcel Rösch & Marc Steiner

11.03.2005 | 15:08

NEKROPOLIS ist eine junge Band aus der Schweiz, die vor kurzem mit ihrem sehr guten, in Eigenregie produzierten, Debütalbum "The Perversion Of Humanity" auf sich aufmerksam machte, und dabei sehr gelungen den Spagat zwischen wuchtigem, modernem Death Metal und der Atmosphäre des epischen Black Metal meisterte. Gitarrist Marcel Rösch und Sänger Marc Steiner beantworteten all möglichen Fragen zur Geschichte und zu den Einflüssen von NEKROPOLIS, zur schweizerischen Szene und viele mehr...

Rüdiger:
Ich bin beinharter MANILLA ROAD-Fan, und die hatten mal ein Stück namens "Necropolis". Eure Landsmänner von MESSIAH haben sogar ein MANILLA ROAD-Stück gecovert. Ihr seid nicht auch zufällig Fans von Mark Shelton & Co., oder? Falls nein, welche Totenstadt hat euch bei der Namenswahl inspiriert?

Marcel:
MANILLA ROAD ist ja okay, aber von diesem Song haben wir uns nicht inspirieren lassen. Warum auch immer, aber ein griechischer Name wurde bevorzugt. An einem regnerischen Nachmittag, saßen Beni, Marc und Reto bei vielen Bierchen in einer Kneipe und hatten ein griechisches Wörterbuch im Gepäck. Einer der Jungs stieß ein Messer ins Buch und dort wo die Messerspitze stehen bleiben würde, dies sollte der neue Bandname werden. Tja, glücklicherweise traf es auf ein Wort, dass dem dazumals angestrebten Image von "dunkel und böse" entsprach. NEKROPOLIS heißt ja "Stadt der Toten oder Friedhof". So war's.

Rüdiger:
NEKROPOLIS gibt es seit 1998 als - wie ihr in eurer Info schreibt - die Zeit des Death Metal der alten Schule langsam zu Ende ging. Wie habt ihr diese Zeit und den musikalischen Umbruch damals erlebt? Der Black Metal war ja gewissermaßen noch ziemlich angesagt. Was hat euch dazu bewogen eine eigene Band ins Leben zu rufen, und unter welchen Gesichtspunkten habt ihr die musikalische Richtung ausgelotet?

Marc:
Wie bei so vielen gegen Ende der Schulzeit – das war so um 1990 - tapezierten größtenteils METALLICA-Poster unsere Wände. Man wollte genau so auf einer Bühne stehen, was schlussendlich wohl Ansporn genug war, eine eigene Band zu gründen. Nachdem jeder in den verschiedensten Bands mitgewirkt hatte und sich daraus langsam NEKROPOLIS ergab, suchte man nach neueren Wegen sich musikalisch weiter zu entwickeln. Während die einen noch voll der OBITUARY-, BENEDICTION- oder GRAVE-Welle fröhnten, waren es glaube ich Marc und Beni die sich durch das damals neu erschienene DIMMU BORGIR-Album "Enthrone Darkness Triumphant" inspirieren ließen. Man wollte Death Metal mit Synthesizerklängen und einer zweiten, eher kreischenden Stimme versehen. Dies ist bis heute der Grundstein geblieben. Je älter man wurde, desto mehr hörte man auch in andere Stilrichtungen hinein und fand sogar in völlig fremden Szenen Dinge, die man verwenden konnte. So ergab es sich, dass wir nach sechs Jahren NEKROPOLIS unser neues Album, mit unserem eigenen Stil veröffentlichen konnten.

Rüdiger:
Ihr bewegt euch stilistisch zwischen Black und Death Metal, wobei ich euer Debüt musikalisch etwas näher am Black Metal sehen würde. Ich finde aber, dass der spürbare Death-Metal-Background verhindert, dass eure Musik, die ja auch stark vom Keyboard geprägt ist, zu sehr an den episch-melodischen Black Metal erinnert. Siehst du das auch so?

Marcel:
Hm, hab ich mir noch nie überlegt. Wenn es so sein sollte, fände ich es auf jeden Fall nicht negativ. Das gibt dem Album hoffentlich genau den nötigen Unterschied, damit sich eben nicht nur die eine Szene diese Platte reinziehen kann.

Rüdiger:
Kann man vereinfacht sagen, dass NEKROPOLIS die Atmosphäre des epischen Black Metal mit der Durchschlagskraft und Heaviness des Death Metal verbindet?

Marcel:
Absolut!

Rüdiger:
Welche Bands aus den jeweiligen Lagern (Black und Death Metal) haben euch denn zu Anfang eurer Karriere am stärksten beeinflusst? Bist du der Meinung, dass man diese Einflüsse bei eurem Debüt heraushören kann?

Marcel:
Es sind hier DEICIDE, CANNIBAL CORPSE, DISSECTION, MACHINE HEAD, AT THE GATES, DIMMU BORGIR, CRADLE OF FILTH und der Klassiker METALLICA, die uns in den Anfängen beeinflusst und geprägt haben, zu erwähnen. Ja ich finde, dass man jede dieser Bands irgendwo im Album wiederfinden kann. Doch bin ich auch der starken Überzeugung, dass wir es doch geschafft haben eine gut bemerkbare eigene Note zu kreieren.

Rüdiger:
Wenn ihr von den Old-School-Riffs von NEKROPOLIS sprecht, welche alte Schule ist da vorrangig gemeint? Hat beispielsweise auch die Bay Area einen gewissen Eindruck hinterlassen?

Marc:
Ganz klar. Wenn man mit Songbüchern von z.B. METALLICAs "Kill 'Em All" Gitarre spielen gelernt hat, wird man das irgendwie nie mehr los. Häufig erinnern uns die eigenen Ideen an die trashigen, alten Zeiten, auch wenn die Riffs inzwischen doch etwas gefeilter und nicht mehr allzu kratzig daher kommen.

Rüdiger:
Ich finde den Wechsel zwischen Kreischen und Growlen sehr gelungen. Die zwischen Marc und Reto aufgeteilten Vocals sind so etwas wie euer Markenzeichen. Werdet ihr das auf künftigen Releases weiter konsequent in dem Stil durchziehen, oder zieht ihr auch Experimente in Erwägung, die bei einzelnen Stücken die Gesangsanteile neu gewichten würden?

Marcel:
Ich denke, dass wir das Prinzip und die Grundidee beibehalten werden. Wir sind aber auf keinen Fall zu sehr auf das Getätigte fixiert. Wenn neue Songs geschrieben werden, kommen neue Ideen und die werden wir ausleben.

Rüdiger:
War es von Anfang an klar, dass NEKROPOLIS zwei Sänger haben würde, oder hat sich das einfach so ergeben, als Reto die Band verstärkte?

Marcel:
Das war sicherlich nicht so geplant, doch eine super Ergänzung und Verstärkung allemal.

Marc:
Hehe... es ist schon fast peinlich. Eigentlich ergab sich das so, dass ich mit meiner Gitarre anfangs immer aus dem Takt fiel, sobald ich meine Stimmbänder zu strapazieren begann. Als Reto dazu kam, der ähnliche Probleme zu hegen pflegte, beschloss man den Gesang aufzuteilen. So konnte jeder für sich die gängigeren Parts mit bzw. die komplizierteren ohne Gesang bestreiten. Als mit der Zeit dann aber Routine reinkam, spielte dies keine große Rolle mehr, jedoch wurde uns klar, dass dies zu unserem Markenzeichen geworden ist.

Rüdiger:
Während im Black Metal Keyboardsounds weit verbreitet sind, ist dieses Element dem klassischen Death Metal lange Zeit ziemlich fremd geblieben. Eine Band wie NOCTURNUS hat in dem Bereich gewisse Pionierarbeit geleistet. Zählt die Gruppe zu euren Einflüssen? Gerade 'The Heretic' weckt bei mir diese Assoziation.

Marc:
Nein. NOCTURNUS hat uns hierbei glaube ich nicht beeinflusst. Zumal weil sie damals kaum jemandem von uns bekannt war. Es war eher der Zufall, dass man aus Death-Metal-Bands zu NEKROPOLIS fand und zudem einen Keyboarder hatte, der dieses Element hinzufügte.

Rüdiger:
Eure Songs ähneln sich strukturell zwar schon ziemlich stark, ich finde aber, dass jedes Stück spannende Details enthält, die sich erst bei mehrmaligem Hören erschließen, dann aber ziemlich fesseln können. Ist zum Beispiel ein außergewöhnliches Solo wie bei 'Organ Removement' oder das Sample bei 'Shadows Of Profanity' bewusst designt um den Song aufzulockern und interessant zu gestalten, oder "passiert" das einfach unabsichtlich während des Songwritings?

Marcel:
Ich finde, genau das ist ein wichtiger und extrem spannender Punkt an unserem Album. Man kann es hundertmal durchhören und wird immer wieder neue kleine Finessen finden. Es war ganz klar so angestrebt, die Songs strukturiert und das ganze Album mit einem roten Faden durchzogen zu produzieren. Was aber gleichzeitig auch immer im Vordergrund stand, waren eben genau diese Auflockerungen, diese Einschübe, diese "neuzeitlich" eingefügten Interludes. Die Songs walzen einem so massiv entgegen, da musste einfach zwischendurch eine beruhigende oder herausgehobene Sequenz eingebaut werden.

Rüdiger:
Wie ist das bisherige Feedback zu eurer selbst finanzierten Scheibe? Die Reviews, die ich gelesen habe, waren ja zumeist recht positiv.

Marcel:
Das Debüt lief bis zum jetzigen Zeitpunkt erstaunlich gut. Auf Grund der uns bekannten Fanbase konnten wir mit einem gewissen Absatz schon im Voraus rechnen. Diese Erwartungen haben sich auch erfüllt oder sogar etwas übertroffen. Erstaunlicher war mehr, welche Leute aus der ganzen Schweiz über unsere Page http://www.NEKROPOLIS.ch CDs bestellt haben. Wir erklären uns das auch ein wenig mit den rundum gut ausgefallenen Reviews in über 70 Magazinen. Die Reviews sind im Grossen und Ganzen gut bis sehr gut, was uns doch mit etwas Stolz erfüllt! Mit der Zeit wiederholen sich die Meinungen der Rezensenten, was uns auf bisher vielleicht untergegangene Schwachpunkte bzw. Stärken aufmerksam macht – wovon zweitere erstaunlicherweise meist in der Mehrzahl niedergeschrieben wurden. Sicherlich bleiben wir uns selber treu und machen was wir wollen, jedoch sind Meinungen Dritter immer wieder Ansporn zu neuen Herausforderungen – vor allem bei so konstruktiver Kritik wie wir sie momentan ernten dürfen.

Rüdiger:
Führt das dann auch dazu, dass sich das ein oder andere Label meldet, oder lassen die weiter auf sich warten?

Marcel:
Ja, es gibt Labels die sich dafür interessieren, aber wir bleiben vorläufig weiter offen bzw. möchten zurzeit keine konkretere Antwort dazu abgeben... ;-)

Rüdiger:
Ich hatte erst kürzlich ein Interview mit euren Landsleuten von EXCELSIS, die bereits ihr viertes Album mehr oder weniger in Eigenregie herausgebracht haben. Wie sieht es mit der metallischen Infrastruktur in der Schweiz aus? Meinst du, dass es derzeit schwerer ist für eine Band aus der Schweiz, an einen guten Deal zu kommen, als für Bands aus z.B. Deutschland oder Italien?

Marcel:
Es gibt zwar ganz bestimmt eine fundierte Metalszene hier in der Schweiz und wir bieten auch einige wirklich gute Kracher. Doch im Gegensatz zu Deutschland, Polen oder gar Skandinavien hinken wir doch etwas hinterher. Nicht unbedingt von den Bands her, eher von den Möglichkeiten sich zu präsentieren. Meines Wissens gibt es nicht ein einziges offizielles Black- oder Death-Metal-Label hier in der Schweiz. Sind wir ehrlich, logisch ist es für Schweizer Bands schwieriger an einen Deal in Deutschland ranzukommen, als für einheimische Kompositionen. Schließlich habt ihr ja selbst genügend gute Bands und wenn du nebenbei noch 100% im Beruf tätig bist, wird es doch etwas schwierig in Deutschland eine stetige Präsenz zu zeigen. Aber nichtsdestotrotz: Die Schweizer sind bekannt, dass sie viel an sich arbeiten und Perfektionisten sind, das tun wir auch!

Rüdiger:
Weiter zum Musikbiz: Ist euer Ziel ein richtiger Plattenvertrag im klassischen Sinne, oder wäre euch die derzeit immer populärer werdende Alternative lieber, weiterhin die Alben in Eigenregie zu produzieren, um sie dann an ein Label zu lizenzieren und vertreiben zu lassen?

Marcel:
Das wird sich in Zukunft zeigen. Ich denke, beide Varianten haben ihre Vor- und Nachteile. Was wir sicher weiterhin möchten, ist die potenziell nächste Platte in Eigenregie zu recorden, aber das ist ja nicht der einzige Unterschied dieser beiden Möglichkeiten.

Rüdiger:
Politik bzw. Gesellschaftskritik: Welche Perversionen der Menschheit prangert ihr in euren Texten an?

Marc:
Es ist eine Mischung aus allem. Sei es Religionen, die Politik oder die Gesellschaft. Ganz klar stellen unsere Texte diese Themen auf eine übertriebene Weise bloß und werden bis ins Makabere hineingezogen. Vielleicht mag sich der eine oder andere fragen, ob es uns denn so schlecht gehe, wenn wir uns z.B. über die Politik auslassen. Eigentlich nicht – nein – es sind eher die kleinen, auf einen Blick gesehen vielleicht unwichtigen Dinge. Jedoch lösen diese bei manchen später irgendwelche Assoziationen aus. Vieles was den gesellschaftlichen Aspekten nicht entspricht, wird in ein ausgegrabenes Loch geworfen, zugedeckt und wenn möglich mit einem unschuldigen Symbol versiegelt. Das war im Mittelalter mit den Kreuzrittern und Hexen so und ist es auch noch heute – vielleicht sogar noch krasser, wenn man bedenkt wie die Drahtzieher gewisser Großmächte mit dem Thema Sex und Gewalt oder religiöse Vereinigungen mit Missbräuchen umgehen.

Rüdiger:
Zurück zur Musik: Die Schweiz hat ja ein unheimlich großes und bedeutendes Erbe im Bereich des extremen Metal. Viele besonders innovative und wegweisende Black-, Thrash- und Death-Metal-Acts kommen aus eurer Heimat (z.B. HELLHAMMER, CELTIC FROST, MESSIAH, CORONER, SAMAEL). Wart ihr euch in eurer musikalischen Orientierungsphase dessen bewusst? Wart ihr "musikalische Patrioten", oder habt ihr als Jugendliche mehr auf Bands aus dem Ausland geschaut?

Marcel:
Wir waren nicht unbedingt musikalische Patrioten. Sicher sind wir in gewisser Weise stolz darauf, dass im speziellen CORONER und SAMAEL Bands sind, die es aus der Schweiz hinaus geschafft haben. Wir denken aber in der Musikszene ganz klar grenzenlos.

Rüdiger:
Nur falls die Band für dich eine spezielle Bedeutung hat: Was erwartest du vom (vielleicht!?) noch dieses Jahr erscheinenden CELTIC FROST-Reunionalbum?

Marc:
Hm, dazu kann ich mich kaum äußern ohne mich bloß zu stellen (schmunzel). CELTIC FROST waren damals im restlichen Europa und den Staaten bekannter als hier, und als man bei NEKROPOLIS von ihnen erfahren hat, war ihre aktive Zeit wohl schon vorbei. Also in dieser Hinsicht sind keine Erwartungen da.

Rüdiger:
Wie sieht es derzeit mit Tourplänen aus? Können wir Schwaben damit rechnen, dass ihr in Kürze mal über den Bodensee übersetzt, um uns eine Kostprobe von NEKROPOLIS live zu geben?

Marcel:
Wir spielen am 15. April in Ulm im Cat Café zusammen mit MENTAL AMPUTATION. Weiter haben wir einige Kontakte knüpfen können und es werden Austauschgigs über die Bühne gehen. Im September planen wir zusammen mit ENIGMATIK, einer weiteren CH-Band, nochmals für mindestens eine Woche durch Deutschland zu touren. Zur Zeit ist aber die am 28. April startende Tour durch Tschechien und Polen im Vordergrund. Wir möchten die Tour eigentlich mit ein paar Gigs in Deutschland abschließen, haben aber für den 11., 12. und 14. Mai noch keine Clubs gefunden. Das Extreme Aggressions Festival am 15. Mai in Deutschland, genauer in der Diskothek Belinda in Sulzbach/Murr, wird jedoch der krönende Abschluss dieser Odyssee. Des weiteren kam kürzlich die Zusage vom Open Air Eich-Kult hinzu.

Rüdiger:
Mit welcher namhaften Band würdet ihr gerne Mal als Opener durch die Welt ziehen?

Beide:
Yeah, natürlich mit DIMMU BORGIR oder CRADLE OF FILTH!

Rüdiger:
Sonstige Zukunftspläne: Seid ihr schon beim Songwriting für einen Nachfolger zu "The Perversion Of Humanity"?

Marcel:
Klar! Wir haben im Frühling 2004, nach eigentlichem Abschluss der "The Perversion Of Humanity"-Produktion auch schon wieder mit neuen Songs begonnen. Wir wollen euch ja schließlich auch in Zukunft noch auf der Pelle bleiben. Im Moment steht aber die Promotion zum Debüt-Album im Vordergrund. Deshalb wird von neuen NEKROPOLIS-Songs bis zum nächsten Album nichts zu vernehmen sein.

Rüdiger:
Sonst noch etwas, das du euren Fans mitteilen möchtest?

Beide:
Besucht unsere Gigs, wenn wir in Deutschland sind, kauft unsere Platte – sie ist das Geld wert, denn die Produktion ist topp und sogar in einem Digipack verpackt – und trinkt weiter kräftig Bier!

Rüdiger:
Gut, vielen Dank, dass ihr euch für uns Zeit genommen habt.

Redakteur:
Rüdiger Stehle

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