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NEW MODEL ARMY: Interview mit Justin Sullivan

02.11.2005 | 12:49

Weltschmerz ist Trend. Hunger hier, Orkane da, Terror dort. Doch wenn Justin Sullivan von den Rock-Punk-Ikonen NEW MODEL ARMY über den drohenden Untergang der Erde redet, bekommt das Ende allen Seins ein ganz neues Gewicht. Denn Mister Sullivan scheint nicht gern öffentlich über die Dinge zu reden, die ihn bewegen. "It sucks", sagt er am Anfang des Interviews, ein paar Gesprächspartner hat er an diesem Nachmittag in Berlin schon gehabt. Dazu ist der Engländer verschnupft, er nuschelt. Trotzdem, er muss durch die ewig gleichen Frage-Antwort-Spielchen durch, schließlich muss das neue NEW MODEL ARMY-Album "Carnival" anständig in den Medien vertreten sein. Also, was bedeutet der Name "Carnival"?
Seine Antwort: "Die Welt gleicht mehr und mehr einem mittelalterlichen Maskenball oder einem Volksfest. Alle Dinge werden bunter, emotionaler, vermischter und chaotischer. Je mehr man weiß, desto chaotischer scheint die Welt zu sein, mir geht es jedenfalls so: Ich weiß nichts mehr, je mehr ich weiß. Das bedeutet der Titel." Die Aussage passt zum Werdegang dieser außergewöhnlichen Band: Am Anfang ihres Schaffens verstand sich die Band, die sich nach Oliver Cromwells revolutionärer, republikanischer Armee benannte, als Sprachrohr der unterdrückten Arbeiterklasse unter Englands damaliger Premierministerin Margaret Thatcher. Der Punk prägte die erste Schaffensperiode der Band. Und heute? Der Thatcherismus ist längst vorbei, in Großbritannien regiert Tony Blair. "Er ist ein 'Natural Born Bastard-Son'", sagt Justin Sullivan. Blairs Handeln sei von seiner Eitelkeit bestimmt. "Maggie Thatcher war wenigstens noch von Idee geleitet", sagt Justin und verdreht die Augen.

Mit der täglichen Politik will sich der Frontmann von NEW MODEL ARMY sichtlich nicht befassen, er konzentriert sich lieber auf die langfristigen Veränderungen in der Welt: "Ich denke, dass die Dominanz der europäischen Kultur endet. Jeder Mensch fühlt das in gewisser Weise. Der Westen hat lange Zeit reich und glücklich gelebt, auch jetzt noch. Obwohl wir jetzt schon oft jammern, werden wir später an diese Zeit als eine Zeit der Glückseligkeit denken." Trotz solcher Statements fühlen sich NEW MODEL ARMY nicht als politische Band, ein Image, dass ihnen in ihrer Vergangenheit verliehen wurde: "Wir haben keine politischen Parolen verbreitet, sondern nur emotionalen Reaktionen auf das, was sich in der Welt und um uns herum abspielt. Das ist jetzt noch so. Wir versuchen emotionale Antworten in unserer Musik und den Texten zu geben. Ein Beispiel ist zum Beispiel der neue Song 'Red Earth', der sich mit der Situation in Afrika beschäftigt, wo weiße Farmer von den Schwarzen verjagt werden."

Während der 50-Jährige diese Sätze sagt, dreht er eine Zigarette. Er sieht verlebt aus, während er da in einem kleinen Raum des Berliner Huxley’s sitzt und geduldig Fragen beantwortet. Seine beiden oberen Vorderzähne fehlen, einer ist mit einem Goldimitat ersetzt, daneben klafft ein dunkles Loch. Er wirkt müde, trinkt Wasser, während den Antworten zieht er ab und an Schleim hoch - kein Vergleich zu dem vor Energie strotzenden Frontmann, den die Fans von NEW MODEL ARMY ein paar Stunden später auf der Bühne erleben. Ist das neue Album nicht ein wenig ruhiger als die vergangenen Scheiben? "Nein", sagt er, "Eigentlich ist es nicht so ruhig, die "Eight"-Platte war zum Beispiel viel ruhiger. Aber das sieht sicher jeder anders. "Carnival" wird von den Rhythmusinstrumenten dominiert, besonders von den Trommeln." Sein Lieblingssong ist 'Blue Beat', ein Stück, das durchaus beschwingt beginnt, ohne die typische NEW MODEL ARMY-Melancholie. "Er fällt etwas aus dem Konzept von "Carnival" heraus, weil es der fröhlichste Song ist - zumindest am Anfang. Am Ende bekommt er jedoch ein gruselige Atmosphäre. Ich mag solche seltsamen Kombinationen. Das Stück ist wie ein großes Orchester, das ganz verschiedene Dinge spielt - erst fröhlich, dann unheimlich - also insgesamt seltsam." Und: "Rock ist mir oft zu konventionell, ich möchte Grenzen durchbrechen."

Doch Justin Sullivan orientiert sich nicht nur am künstlerischen Vorabkommen. Der letzte Song des Albums 'Firework Nights' ist dem an Krebs verstorbenen Ex-Drummer Robert Heaton gewidmet, obwohl er schon seit sieben Jahren nichts mehr mit der Band zu tun hatte. "Die Stücke für "Carnival" waren schon fertig - doch der Song ist am Tag nach seinem Tod entstanden. Vielleicht ist dieser Song der bisher Persönlichste von NEW MODEL ARMY. Und vielleicht werden wir ihn niemals live spielen." Justin Sullivan überlegt, versucht die Worte abzuwägen, zwischen seinen Fingern eine halb gedrehte Zigarette. "Nachdem das Album fertig war, ist mir aufgefallen, dass es mit einer Geburt beginnt und mit dem Tod von Robert endet."

Ein weiterer Verlust für NEW MODEL ARMY kam im vergangenen Jahr - der langjährige Gitarrist Dave Blomberg verließ die Band: "Einige seiner Ideen sind noch auf "Carnival" zu finden, vor allem die Gitarre. Jeder bei uns spielt Gitarre, auch ich. Man kann es nicht wirklich heraushören. Allerdings ist es seltsam ohne ihn, aber völlig ok, denn Wechsel sind immer gut. Das Gefühl auf der Tour jetzt ist eben etwas anders." Wortkarg gibt sich Justin Sullivan auch, als er auf das Cover von "Carnival" angesprochen wird - schließlich kam das dort zu sehende Auge auch schon in ähnlicher Form auf dem "Stange Brotherhood"-Album von 1998 vor. Wie kommt das? "Ich bin nicht der Künstler. Allerdings hat uns - damals war das vom Gefühl her ähnlich - die Verbindung von Auge und Totenkopf auf Anhieb gut gefallen. Es ist eben manchmal so: Du siehst etwas und verbindest es sofort mit deiner Arbeit."

Und nach dieser Gegenwart, in der er zufrieden mit der neuen Scheibe ist und Medien samt Fans die aktuelle Tour samt der neuen Platte abfeiern?! Viel weiter möchte Justin Sullivan nicht in die Zukunft blicken. War "Carnival" am Ende vielleicht sogar die letzte Platte, ist dies nun die finale Tour? "Das kann ich nicht sagen. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Vielleicht wird NEW MODEL ARMY untergehen, wenn die Welt in die Sonne stürzt, vielleicht auch eher. Aber die Vorstellung, dass NEW MODEL ARMY mit der Welt zusammen untergeht, diesen Gedanken gibt es schon, seit es die Band gibt. Dies ist sozusagen eine der zentralen Ideen der Band, dieses Lebensgefühl." Viel mehr will er nicht sagen. Letzte Worte?! "Keine, nur auf meinem Grabstein."

Redakteur:
Henri Kramer

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