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NIGHTWISH: Interview mit Tuomas Holopainen

22.04.2015 | 10:26

Am Rande der Listening Session mit Tuomas stand uns der Bandleader Rede und Antwort in Bezug auf das neue Album "Endless Forms Most Beautiful", das seit Ende März in den Läden steht.

Tuomas ist relaxt und scheint mit sich sehr zufrieden zu sein. Zwar dauerten die Aufnahmen lange, und das Album wurde tatsächlich viermal abgemischt und gleich fünfmal gemastert, wie der Finne berichtet, aber jetzt wäre alles, wie sie es sich erhofft hatten. Nachdem ich das Album nur einmal gehört habe, versuche ich, ein sinnvolles Gespräch zu beginnen. Ich hatte zum Beispiel den Eindruck, dass die Gitarre wieder härter klingt. Tuomas stimmt mir zu und berichtet, dass die Gitarre tatsächlich härter sein sollte als auf den letzten beiden Alben. "Wir haben den cineastischen Ansatz auf die Spitze getrieben, jetzt wollten wir den alten Vibe zurückhaben." Dafür war die Band sechs intensive Wochen lang im Proberaum, sogar Floor Jansen und Troy Donocklay, der für die außergewöhnlichen traditionellen Instrumente zuständig ist, waren von Anfang an dabei, was vorher noch nie der Fall gewesen war. Dadurch ist "Endless Forms Most Beautiful" ein echtes Band-Album geworden.

Das Ergebnis klingt wieder etwas typischer für NIGHTWISH, irgendwo in Richtung "Once", mit mehr Folk und vielleicht auch ein bisschen auf Nummer sicher. Doch Tuomas kann dem natürlich nicht zustimmen, sondern blickt mich an und bestätigt, dass es keine bewusste Entscheidung für genau diesen Sound war: "Wir sind wieder zurück zu unserem alten Sound gegangen, aber das war nicht geplant, es geschah einfach. Wenn ich das Album höre, empfinde ich auch Ähnlichkeiten zu "Oceanborn" und "Once"", sagt Tuomas. Das ist glaubwürdig, aber ich würde ihm auch keinen Vorwurf machen, wenn es denn so wäre. Die einen würden sagen, es wäre mit der neuen Sängerin kalkuliert, nicht zu sehr zu experimentieren, andere würden es eine Rückbesinnung auf alte Stärken nennen. Und ich glaube, dass der Sound früher ja nicht von ungefähr kam, daher ist das vielleicht einfach der Kern der Kompositionen von Tuomas Holopainen und der Ausflug in den totalen Breitwandsound nun auch ad acta gelegt. Gilt das auch für die Folk-Einflüsse? "Wir hatten immer starke Folk-Einflüsse, aber Troy ist jetzt vollwertiges Bandmitglied, dadurch kommt das stärker zum Tragen."

Wenn die Band ins Studio geht, sind immer alle Songs bereits fertig komponiert. Zwar gibt es immer noch ein paar kleine Anpassungen, aber im Großen und Ganzen steht alles. Und es gibt auch nicht mehr, als was benötigt wird. Mit einem Gesichtsausdruck zwischen jugendlicher Verschmitztheit und leichtem Genervtsein sagt Tuomas: "Wir haben so gut wie niemals Bonussongs. Das ist immer etwas problematisch, denn die Nachfrage nach Bonussongs ist groß. Diesmal haben wir gerade ein Lied mehr, als wir brauchten. Deswegen müssen wir auf immer Remixes und Orchesterversionen zurückgreifen. Und 'Sagan' ist nur deswegen über, weil es nicht mehr auf das Album passte."

Ich bitte um ein paar Worte zu einzelnen Liedern, was würde Tuomas für besonders erwähnenswert halten? Tuomas überlegt nur kurz, dann spricht er 'The Eyes Of Sharbat Gula' an. Das Instrumental basiert auf dem berühmten Foto "The Afghan Girl" von Steve McCurry aus dem Jahr 1985, das ein etwa zwölfjähriges Mädchen zeigt, das einen besonders stechenden Blick hat. Die Band entdeckte es auf dem Titelbild einer Ausgabe von "National Geographic". Das Thema der Kinder in Kriegszeiten erwies sich als lyrisch schwer umzusetzen für Tuomas. "Ich habe den Text wieder und wieder geschrieben, weil es ein so sensibles Thema ist", bekennt der Finne. Der Durchbruch kam, als Troy vorschlug, es als Instrumental zu arrangieren." Obendrein enthält das Stück keinerlei elektrische Instrumente. Ja, ich schließe mich dabei den Komponisten an, das Stück wirkt intensiv und vielschichtig und transportiert das Thema sicher besser als mit einem Metal-Riff.

Auch 'Edema Ruh' erwähnt Tuomas, denn seine Liebe für Fantasy-Literatur ist ungebrochen. In dem Song geht es um eine Truppe ziehender Musiker inspiriert von den "Kingkiller Chronicles" von Patrick Rothfuss. "NIGHTWISH ist eine moderne Variante der Edema Ruh. Es ist ein Lied über uns.", sagt der Bandleader. Dabei belassen wir es, ich möchte das Buch lieber lesen, als zuviel verraten zu bekommen. Deswegen lassen wir das einfach mal als Tuomas' Literaturtipp stehen. Wir sehen uns im Buchhandel.

Natürlich können wir das Interview nicht beenden, ohne den von Tuomas und von mir sehr geschätzen Richard Dawkins anzusprechen. "6,4 Milliarden Jahre der Evolution kann man nicht in fünf Minuten abhandeln", sagt Tuomas, als ich die Länge des Liedes erwähne. "Wir hätte es gerne 50 Minuten lang gemacht, aber wir wollten es zusammenfassen, damit der Hörer nicht die Geduld verliert." Ach so, 24 Minuten sind das NIGHTWISH-Äquvalent zu einer Zusammenfassung. Klar. Wir müssen beide lachen. Das Gespräch wendet sich weiter weg von der Musik und mehr in Richtung Dawkins und dessen Schaffen. "Ich habe noch nichts von Dawkins gelesen, dem ich widersprechen würde", sagt Tuomas, der allerdings zugibt, die Autobiographie des Briten nicht gelesen zu haben, und es auch nicht tun zu wollen. "Ich möchte nicht wissen, wie etwas entstanden ist, ich gucke auch nie das "Making Of" zu Filmen. Ich möchte mir die Magie erhalten. Ich habe mal die Biographie von Walt Disney gelesen, das hat viele meiner Träume zerstört. Mit Dawkins ist es ähnlich: Er schreibt so kraftvoll, ich bin einfach nicht interessiert an der Biographie."

Trotzdem kommt Tuomas kurz auf die Person zu sprechen: "Ich habe ihn mal getroffen, er ist einer der höflichsten, zurückhaltendsten Menschen, die ich je kennengelernt habe. Er hat fünfzehn wissenschaftliche Bücher über Evolution geschrieben, angefangen mit dem 1976er "Das egoistische Gen", und nur eines über Atheismus, aber leider kennen die meisten ihn nur wegen "Der Gotteswahn". Es ist sehr direkt und es scheint, als sei er auf einem Kreuzzug. Er sieht Religion als solch negative Kraft in der heutigen Welt, dass ich verstehe, woher er kommt und was er zu erreichen versucht."

Sich des Themas auf dem Album in so direkter Weise anzunehmen, hat NIGHTWISH nicht nur Respekt eingebracht. "Ja, Leute haben unsere CDs verbrannt und Konzertkarten zurückgegeben, weil Dawkins auf einem NIGHTWISH-Album zuviel für sie war. Aber kein vernüftiger Mensch wird heute noch die Evolution leugnen!", beharrt Tuomas. Dabei ist aber der Streit um "Intelligent Design" in den USA noch nicht so lange her. Sind das keine vernünftigen Leute? "Ja, das muss man wohl fast sagen, wobei das nicht im Sinne von verrückt zu verstehen ist, sondern als ungebildet. Viele Kinder in den USA bekommen gar nicht erst die Chance, die Wahrheit zu erfahren, ihnen wird Kreationismus gelehrt, und das ist Unsinn. Sie sind ungebildet, und zumeist gegen ihren eigenen Willen."

Aber obwohl sich Tuomas mit dem Thema offensichtlich persönlich auseinandersetzt, muss ich anmerken, dass sich der Text des Liedes 'The Greatest Show On Earth' um den Biologen Dawkins dreht. "Ja, wir sind eine Band. Wir wollen nicht predigen. Es kommt nicht darauf an, was wir denken, sondern darauf, was du denkst.", relativiert er.

Was ich denke ist, dass mir das Album ausgezeichnet gefällt und ich ganz besonders die Reise des Liedes 'The Greatest Show On Earth' musikalisch wie textlich genieße. Auch nachdem ich das Aufnahmegerät abgeschaltet habe, reden wir noch einige Minuten über das Thema und Dawkins. Das Wort Religion fällt dabei allerdings nicht mehr, wir vergleichen, welches Buch uns jeweils am besten gefallen hat. Am Ende einigen wir uns auf "Der entzauberte Regenbogen". Ich glaube aber, ich muss "Gipfel des Unwahrscheinlichen" nochmal lesen. Das ist doch das Buch mit dem Kapitel über die Entwicklung des Auges, oder?

Redakteur:
Frank Jaeger

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