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NIGHTWISH: Interview mit Tuomas Holopainen zu "Human II Nature"

09.04.2020 | 10:05

Es hat lange gedauert, aber wie sagt man? Was lange währt, wird gut. Im Rahmen einer Promotiontour konnte ich das Album hören und anschließend mit NIGHTWISH-Mastermind  Tuomas Holopainen sprechen.

Ein Durchgang ist definitiv zu wenig, um das neue Album der Finnen komplett erfassen zu können. Direkt nach dem Hören der Musik ist es sogar schwierig, zu erfassen, welche Fragen auftauchen. Aber Tuomas wird ja wahrscheinlich die meisten Fragen sowieso schon gehört haben. Wird es bereits langweilig?
"Nein, es ist nett, über das neue Album zu sprechen" antwortet ein entspannter Komponist in der Hotelsuite, die als Interviewraum dient. Aber wiederholt sich das nicht immer wieder? "Nach ein paar Monaten schon", lacht Tuomas. "Aktuell ist es angenehm, deine eigenen Gedanken zu verdeutlichen."

Na, dann mal los. Das letzte Album ist nun bereits fünf Jahre her. Was war denn los, warum hat es so lange gedauert, bis der Nachfolger zu "Endless Forms Most Beautiful" erscheint? Tuomas gibt offen zu: "Mir war einfach nicht danach, neue Lieder zu komponieren. Man kann es nicht erzwingen, sonst kommt nur Mist dabei raus. Also nahmen wir ein Jahr Auszeit, um zu tun, worauf wir Lust hatten. Wir machten das Projekt AURI und danach unternahmen wir unsere Nostalgie-Tour "Decades". Aber der Hauptgrund war, dass wir Zeit brauchten, um die Lieder entstehen zu lassen."

Thematisch, wenn auch nicht unbedingt offensichtlich kompositorisch, hängt das neue Album mit dem letzten zusammen, nicht wahr? "Das ganze Album ist eine natürliche Fortsetzung des vorherigen Albums. Als wir mit "Endless Forms Most Beautiful" fertig waren, hatten wir das Gefühl, dass nicht alles gesagt war, Geschichten übrig waren, die wir erzählen wollten. Schon zu diesem Zeitpunkt wussten wir, dass wir an dem Punkt weitermachen würden, an dem wir aufgehört hatten mit 'The Greatest Show On Earth'. Der Titel kommt daher, dass die ersten neun Lieder des Albums Geschichten über die Menschheit und Menschlichkeit erzählen, erzählt von einer menschlichen Stimme, deswegen gibt es darauf auch sehr viel Text und Gesang und Gesangsakrobatik. Das ist der "Human"-Teil. Dann legst du die zweite CD auf, den "Nature"-Teil, nach all diesem Lärm gehst du in die Natur und entspannst in instrumentaler Musik.", erklärt der Künstler seine Motivation.

Die CD Nummer eins ist wie das Austauschen von Geschichten am Lagerfeuer, vielfältig und mit sehr unterschiedlichen Liedern. "Man muss es mehr als einmal hören, es passiert so viel. Außerdem sollte man die Texte haben, dann ergibt einiges auf dem Album mehr Sinn, zum Beispiel, warum einige der Gesangsmelodien so sind, wie sie sind, oder warum plötzlich eine Männerstimme im Refrain erklingt statt Floors [er meint Floor Jansen, die Sängerin - FJ]. Die Texte geben dem Ganzen einen Sinn." Apropos Männerstimmen. Es ist auffällig, dass noch nie auf einem NIGHTWISH Album so viele der Gesangsparts von den Herren übernommen wurden. "Ja, das war eine bewusste Entscheidung. Wir wollten die menschliche Stimme mehr hervorheben, etwas, das wir auf dem vorherigen Album nicht voll ausgeschöpft hatten. Irgendwann wurde mir bewusst, dass ich drei brillante Sänger in der Band habe und ich dachte, lass sie uns entsprechend einsetzen."

Nach dem Durchgang habe ich das Gefühl, das Album sei weniger offensichtlich, es gäbe weniger Songs, die sofort ins Ohr gehen und Hitpotential haben. Aber Tuomas wiegelt ab: "An so etwas denke ich nicht beim Komponieren. Mir genügt es, wenn das Album genug Interesse erzeugt, um den Hörer zu animieren, es nochmal hören zu wollen. Es ist auch gefährlich, wenn du beim ersten Hören gleich alle Songs total toll findest. Das Album hat dann meist keine Langzeitwirkung. Das ist mir schon oft passiert, ich höre ein Album und bin begeistert, aber nach einem Monat ist es dann langweilig. Ich habe lieber ein Album, das dich neue Dinge entdecken lässt, selbst nach zehn Jahren noch. Ich hoffe, dieses Album ist ein solches."

Ich fand es teilweise sogar irgendwie pessimistisch. Tuomas denkt kurz nach. "Du bist nicht der erste, der das sagt, aber für mich ist es das genaue Gegenteil. Meine Message ist eigentlich, dass die Menschheit wunderbar ist und unser Planet wunderschön, beides ist es wert, dafür zu streiten und es ist ein Privileg, zu leben. Ich möchte Optimismus verbreiten, es gibt genug von "die Welt geht vor die Hunde" und "die Menscheit ist schrecklich", ich wollte einen Gegensatz formulieren zu dem, was uns die Medien eintrichtern. Vielleicht kommt das besser rüber, wenn du auch die Texte hast und es mehrmals hören kannst. Vielleicht siehst du dann das Licht!", lacht der Finne.

Die zweite CD ist dann komplett symphonisch und ein krasser Kontrast zur ersten. Dass Holopainen das kann, wissen wir seit "Imaginaerum", aber hier setzt die Band noch einen drauf und lässt diesen Teil ganz für sich allein stehen. Was steckt dahinter? "Die zweite CD ist eine Art Utopie der Zukunft," erläutert Tuomas seine Beweggründe, "Es musste mit einem klassischen Gedicht von Lord Byron starten und das absolute Highlight des Albums ist für mich die finale Rede, ein Auszug aus Carl Sagans Buch "Pale Blue Dot" [deutsch: "Blauer Punkt im All" - FJ], und die Botschaft des Auszuges ist die finale Aussage des Albums: "Schau auf diesen kleinen, blauen Punkt, wie er im Sonnenlicht hängt. Jeder den du kennst, jeder, der jemals gelebt hat, tat dies auf diesem Punkt. Das sind wir, das ist alles, was wir haben."

In den letzten fünf Jahren ist viel geschehen. Wo "Endless Forms" auf Skepsis stieß, ist nun das allgemeine Bewusstsein für die Natur, die Erde und Ökologie stark gewachsen. Da kommt das Thema des Album zur richtigen Zeit, nicht wahr? "Möglicherweise, aber das war nicht geplant. Ein Journalist schrieb, dies sei unser erstes politisches Album, aber das ist das Letzte, was wir wollen. Wir treffen keine politischen Aussagen", beeilt sich der Bandleader klarzustellen. "Wir wollen zum Nachdenken anregen, mehr nicht. Wenn Menschen den letzten Song hören, den wir "Loveletter to Planet Earth" nennen, und das pflanzt eine Saat, dass der Hörer besser auf den Planeten aufpassen möchte, ist das großartig, aber das ist nicht der Grund, warum wir das Stück geschrieben haben. Für uns ist es einfach eine Ode an die Schönheit unseres Planeten."

Üblicherweise hast du auf den NIGHTWISH-Alben immer einen Lesetipp für die Fans. Gibt es auch auf "Human II Nature" wieder Fantasy-Literatur, die du den Hörern ans Herz legen willst? "Ja, Song Nummer fünf, 'Pan'. Es ist unsere kleine Hommage an die Kraft der menschlichen Phantasie, der Text ist voll von kleinen Auszügen und Tipps über Fantasy-Literatur und -filme, die wir mögen." Jetzt warte ich gespannt auf die CD, um den Text des Liedes zu lesen und zu schauen, was ich erkenne. Du bist ja eine Leseratte. Wie sieht das aus, reist du mit Büchern oder liest du elektronisch? "Bücher. Obwohl ich ein Befürworter moderner Technik bin, kann ich von Büchern nicht lassen. Ich habe mal einen Kindle probiert, weil meine Frau so einen nutzt, es ist einfach nicht das Gleiche. Das altertümliche Gefühl, der Geruch, das Geräusch, wenn du die Seite umblätterst. Es ist sicher auch einfach Nostalgie. Mit Filmen ist das anders, wir kaufen keine DVDs oder Blu-rays mehr, es gibt alles online. Es lässt dir Platz im Regal und bringt weniger Plastik in die Welt. Aber von Büchern kann ich nicht lassen."

Redakteur:
Frank Jaeger

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