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NOTHING SACRED: Interview mit Drummer Sham Littleman

29.07.2021 | 14:28

Auch wenn es diese Formation nie wirklich zu großartigen Erfolgen gebracht hat, ist einer kleinen, eingeschworenen Fanbase das 1988 veröffentlichte "Let Us Prey" dem Bandnamen zum Trotz auf alle Fälle "heilig".

Das ist insofern kaum verwunderlich, da NOTHING SACRED mit diesem, 1988 veröffentlichten Dreher ein amtliches Gerät ablieferte, das sowohl Thrash-Metal-Fans als auch Anhänger des gepflegten Power Metal in seinen Bann ziehen konnte. Für die Band selbst kam jegliches Ansehen aber leider zu spät, denn trotz erster Achtungserfolge der drei Jahre zuvor aufgelegten EP "Deathwish" und dem besagtem, einzigen Studioalbum, schaffte es die Truppe nicht, vom fernen Australien aus die Metal-Welt zu erobern.

Im Gegenteil, frustriert vom Musik-Business wurde 1989 erst einmal ein Schlussstrich unter das Kapitel gezogen. Zwar folgte in den 90er Jahren ein kurzer Reanimationsversuch, doch der blieb erfolglos, weshalb es bis 2014 dauern sollte, ehe man in unseren Breiten den Bandnamen wieder bewusst wahrnehmen konnte. Doch nicht etwa deshalb, weil sich die Herren 2015 tatsächlich wieder zusammengetan hatten, sondern zunächst auf Grund der umfangreichen Neuauflage des 88er-Geräts durch Arkeyn Steel. Da dieser Re-Release und die Reunion nahezu zeitgleich stattfanden, durfte man zumindest insgeheim auch mit frischem Material von NOTHING SACRED rechnen.

Dieses ist seit kurzer Zeit wahrhaftig zu hören, und sollte nicht nur Fans der Band in Euphorie versetzen. Warum das Quintett aus der Metropole Melbourne dennoch verhältnismäßig lange brauchte, ehe "No Gods" tatsächlich startklar gemacht werden konnte, und was sich sonst noch alles rund um das Comeback-Album und die Band selbst getan hat, erzählte uns Drummer Sham Littleman, der sich unserem Fragen-Marathon stellte:

Wann wurde beschlossen NOTHING SACRED wiederzubeleben?

Irgendwie war es in der Tat eine Schnapsidee. Konkret bei der Geburtstagsfeier unseres alten Kumpels John Giles. Der feierte 2010 seinen 50er, und hatte unter anderem auch einige NOTHING SACRED-Musiker eingeladen. So kam es, dass wir unseren "Comeback"-Gig auf der Feier unseres Freundes und Wegbegleiters seit den 80er Jahren spielten. John war damals mit BLACK JACK aktiv, einer Band mit der wir sehr oft gemeinsam aufgetreten sind.

Dieser Abend scheint in der Tat nachhaltige Wirkung gehabt zu haben, oder?

Naja, so wirklich ambitioniert waren wir erst zwei Jahre später. Die Idee war zwar vorhanden, aber es fehlte die treibende Kraft. Erst ab 2012 ging dann wirklich einiges weiter. Damals hatten Karl Lean und ich, also die Ur-Rhythmus-Fraktion der Band, wenn man so will, uns wieder mit unserem ehemaligen Sänger Mick Burnham und George Larin, der in den späten 80er Jahren zum ersten Mal bei uns eingestiegen ist, zusammengetan. Gemeinsam mit George, den ihr vielleicht auch als Gitarristen der Prog-Metal-Band TARAMIS kennt, und Ross Percy, seinem damaligen Partner an der Sechssaitigen, haben wir tatsächlich an den ersten Ideen für neue Songs gearbeitet.

Mick war aber nicht lange dabei, und auch sein Nachfolger Chris Stark hat wohl nicht allzu viel zum Album beigetragen, hat er sich doch nahezu zeitgleich wie Ross wieder aus dem Line-up verabschiedet. Wie seid ihr denn mit euren neuen Kollegen Stuart Bedford und James Davies, die nun als Gitarrist bzw. Sänger auf "No Gods" zu hören sind, in Kontakt gekommen?

James erschien quasi aus dem Nichts auf der Bildfläche. Ich glaube, so etwas nennt man "Fügung des Schicksals". Er ist kooperativ, unkompliziert und verfügt über eine ausdrucksstarke Stimme. Was will man mehr? Stu kannten wir bereits seit den frühen 90er Jahren, hatten ihn aber jahrelang nicht mehr getroffen. Doch bei einer Spoken-Word-Performance von Scott Ian hier bei uns Melbourne haben sich unsere Wege wieder gekreuzt. Wir haben uns spontan zum Jammen verabredet, und was soll ich sagen? Es hat auf Anhieb gefunkt! Chris und Ross haben es einfach nicht geschafft ihr Zeitmanagement so zu koordinieren, dass wir als Band Schritt für Schritt an dem Album planen konnten.

Als die Besetzung komplett war, dürfte es Schlag auf Schlag gegangen sein. Wie lange hat es denn im Endeffekt gedauert, bis das Album fertig war?

Die Aufnahmen selbst erfolgten zunächst völlig entspannt und wären wohl nach ganz kurzer Zeit erledigt gewesen. Doch plötzlich kam uns das Virus samt Lockdown dazwischen, und schon waren wieder drei Monate ohne etwas tun zu dürfen und können, vergangen. Zum Glück waren wir zu diesem Zeitpunkt aber schon fast fertig.

Bekommen wir auf "No Gods" denn ausnahmslos neues Material zu hören, oder hattet ihr einiges davon schon auf Vorrat?

'Final Crime', der Album-Opener und 'Oracle' sind tatsächlich bereits Mitte der 80er entstanden, alles andere ist aber tatsächlich brandneu.

Das erklärt zumindest für mich die stilistische Vielfalt der Scheibe. Oder habt ihr mit der Intention begonnen, Songs zu schreiben, die nahezu das gesamte Spektrum an Power/Thrash-Sounds der letzten 35 Jahre enthält?

Einen Plan hatten wir zwar nicht, eine gewisse Vorstellung davon, wie das Album klingen sollte, aber sehr wohl. Wir haben zwar abgewartet, was bei unseren Sessions entstehen würde, wollten aber auch nichts dem Zufall überlassen. Man kann es wohl als eine Mischung beider Vorgehensweise beschreiben. Dadurch ist vor allem das Tempo der Nummern sehr unterschiedlich ausgefallen. Ich sehe uns am ehesten in der "Old School"-Schublade, schließlich wir haben sehr viele Elemente in unseren Nummern, die an den Stil der 80er Jahre erinnern.

Wie darf man sich den bei euch den Entstehungsprozess von Songs generell vorstellen?

Da gab es bisher keine "Formel", und das wird es auch weiterhin nicht geben. Ich denke, "fließend" trifft es am besten. Im Moment arbeiten wir mit Google-Drive, das hat jeder in der Band. Wir sammeln dort unsere Ideen und Riffs, und jeder kann immer und überall etwas hinzufügen, oder sich eine Idee zur weiteren Bearbeitung vornehmen. Es klingt vielleicht eigenartig, aber für uns ist diese Arbeitsweise produktiver, als wenn wir uns zum Jammen verabreden würden.

Der Titel "No Gods" gewährt eine Menge Interpretationsfreiraum. War das Absicht?

Auf jeden Fall! Jeder kann, und soll sich sogar, seine Gedanken dazu machen, und für sich selbst entscheiden, was es mit dem Titel auf sich hat. Zugegebenerweise haben wir gar nicht großartig darüber nachgedacht, als Karl den Titel vorgeschlagen hatte. Er wiederum sagte einfach, er habe "No Gods" auf der Rückseite eines Shirts gelesen und fand den Titel einfach cool.

Um ganz ehrlich zu sein, bin ich froh, aus einem Land zu kommen, wo Religion einen nicht besonders großen Stellenwert einnimmt. Es wird hier wohl kaum irgendjemanden jucken, dass wir unser Album so benannt haben. Ich habe natürlich Verständnis dafür, dass Menschen an Gott glauben und Religion ihnen wichtig ist. Ebenso ist es mir klar, dass viele Menschen ihr irdisches Leben danach ausrichten, es im Leben nach dem Tod gut zu haben. Das kann und soll jeder für sich entscheiden. Mir ist jedenfalls ein gutes Leben hier wichtiger.

Wem nicht? Euren Texten hätte ich auch keinerlei religiöse Botschaften, aber auch keinen Hang zur Blasphemie angemerkt. Wovon handeln die Texte?

Nun, James bringt im Prinzip alles, was rund um ihn herum passiert, in seine Texte ein. Daher ist es nahezu unmöglich die Songs miteinander in Verbindung zu bringen. Es kann natürlich durchaus passieren, dass ihm irgendetwas aus dem Themengebiet Religion zu einem Text inspiriert, irgendwelche Botschaften, welcher Natur auch immer, wird man bei uns aber nicht finden!

Als überaus gelungen empfinde ich auch das Cover von "No Gods". Von wem stammt es?

Echt? Du magst es? Cool, Danke! Ich habe es entworfen. Ich habe mich ungefähr zehn Jahre lang mit 3D-Animationen beschäftigt, und habe dabei einige Erfahrung sammeln können. Die Spinne und der Schädel geistern mir als Symbole schon länger im Kopf herum, und auch das eigentliche Artwork gibt es schon länger. Ich sah bisher aber noch keinen Anlass, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Es mag, vor allem im Bezug auf meiner Haltung Religionen gegenüber, eigenartig wirken, aber antike Texte und Motive, vor allem aber der Symbolismus dahinter, faszinieren mich sehr.

Bevor wir uns noch über andere Themen unterhalten, eine letzte Frage zu "No Gods". Habt ihr denn eine bestimmte Erwartung, was mit dem Dreher so alles gehen könnte?

Nicht wirklich. Wir wollten einfach nur ein Album veröffentlichen, mit dem wir selbst zufrieden sind. Und das trifft auf "No Gods" auf jeden Fall zu! Ich weiß, dass es gar nicht so einfach ist, mit unseren Songs eine Zielgruppe konkret anzusprechen. Wir spielen schließlich keinen reinrassigen Thrash Metal, sind aber auch keine Power-Metal-Band im eigentlichen Sinn. Naja, eher noch als eine Black-Metal-Truppe, für die man uns auf Grund des Titels auch schon gehalten hat. Wir wollen auch gar keinen neuen Sound definieren, sondern einfach nur das tun, was uns vorschwebt. Wenn man uns nachsagt, wir klingen wie keine andere Band, fühlt sich das schon verdammt gut an. Viel mehr wollen wir eigentlich gar nicht.

Das war aber wohl nicht immer so. "Let Us Prey" hätte wohl wesentlich besser ankommen und NOTHING SACRED damit viel bekannter werden können. Was denkst im Nachhinein war daran schuld, dass es eben nicht so gekommen ist?

Es stimmt, dass wir uns damals viel mehr erhofft hatten. Wir liebten die Songs, und tun das auch heute noch. Doch ab der Fertigstellung der Produktion lief irgendwie gar nichts mehr nach unseren Vorstellungen. Der Sound des Albums war viel zu dünn und zu schwach, um mit anderen Bands mithalten zu können. Außerdem hatten wir überhaupt keine finanzielle Unterstützung von irgendjemandem, sondern waren nur auf uns allein gestellt. Tja, und noch ehe wir die Möglichkeit hätten annehmen können, die Scheibe neu abzumischen, ging uns die Kohle aus. Das war es dann leider mit der Herrlichkeit.

Das heißt, ihr würdet wohl einiges anders machen, wenn "Let Us Prey" erst jetzt als euer Debüt erscheinen würde?

Auf jeden Fall! Und das werden wir auch. Für eine abermalige Auflage des Albums haben wir zuletzt sogar schon die Drum-Tracks neu aufgenommen. Wann genau wir diesen Re-Release verwirklichen können, weiß ich zwar noch nicht, aber es wird definitiv einen neue Auflage des Albums geben, und zwar mit genau dem Sound, den wir uns dafür vorstellen!

Zuvor wird aber wohl noch der Nachfolger von "No Gods" in die Umlaufbahn katapultiert werden, denn dafür haben wir schon einige Songs fertig. Fix ist auch, dass auf der kommenden "Let Us Prey"-Version endlich auch 'Legion' und 'Sudden Death' enthalten sein werden. Diese beiden Songs waren bereits für die Erstauflage eingeplant, konnten aber nicht mehr soweit fertiggestellt werden, dass wir sie mit auf das Album hätten nehmen können.

Irgendwie passt es leider auch ins Bild, dass ihr zu alledem auch noch einen riesigen geographischen Nachteil hattet. Australische Bands konnten einfach weder in den Staaten noch in Europa auch nur annähernd so präsent sein wie die Kollegenschaft von eben dort. Habt ihr das auch als Nachteil gesehen?

Mehr noch. Wir fühlten uns vom Rest der Welt regelrecht isoliert. Zumindest aber gab es bei uns eine florierende Szene, die sich gegenseitig unterstützte. Vor allem an der Live-Front sahen wir in den 80ern eigentlich keinerlei Benachteiligung. Denn wir haben auch so sehr viele Gigs absolvieren können. Und da manche Wochenend-Gigs mitunter mit gehörigen Entfernungen verbunden waren, haben wir auch einige landesweite Tourneen hinter uns bringen können.

Viel größer waren die Probleme, wenn es ans Aufnehmen ging. Bei uns gab es in jener Zeit nämlich tatsächlich keinen einzigen, auf Heavy Metal spezialisierten Produzenten. Dazu kam dann auch noch die schlechte finanzielle Situation, die nicht nur wir, sondern auch unsere Kollegenschaft zu spüren bekam. Den zahlungskräftigen und auch -willigen Labels war Metal in dieser Zeit völlig egal. Dadurch mussten wir es auf eigene Faust versuchen, bloß war das Geld eben bald aus.

Um sich in etwa vorstellen zu können, wie wenig Interesse an Metal bei uns damals bestand, muss man sich vor Augen halten, dass während der an sich "goldenen Tage" für diese Musik, sprich in den 80ern, nur MOTÖRHEAD und IRON MAIDEN für Tourneen nach Australien geholt worden sind.

Da hat sich zum Glück vieles zum Guten verändert. Wie sieht es denn mit der Möglichkeit aus, euch einmal in Europa zu sehen zu bekommen?

Wir würden gerne bei euch auftreten, keine Frage. Allerdings bleibt noch offen, ob sich auch jemand finden lässt, der das finanzieren würde.

Warten wir einfach ab, was geschieht. Da ihr mit NOTHING SACRED ganz gut ausgelastet zu sein scheint, muss auch noch die Frage gestellt werden, ob sich denn bei euren "Nebenbaustellen" wie TEMUJIN oder TARAMIS auch noch etwas tut?

Bei TEMUJIN war Karl zwar der Chef vom Dienst, allerdings hat er schon lange Zeit nichts mehr mit, oder für diese Formation getan. Von einer Auflösung weiß ich aber auch nichts.

Von TARAMIS habe ich ehrlich gesagt auch schon länger nichts mehr mitbekommen. George ist zwar auf dem Papier immer noch ihr Gitarrist, und war auch dabei als die Band 2017 ihren umjubelten Comeback-Auftritt beim "Metal For Melbourne"-Festival absolvierte, da Sänger Shane "Joel" Southby aber schon seit einigen Jahren in Neuseeland wohnhaft ist, hat die Band danach keine weiteren Gigs mehr absolviert.

Ich selbst habe mit GREYSTONE CANYON aber auch noch eine Nebenbeschäftigung. Eine ganz gut organisierte noch dazu. Ich denke, dass wir es schaffen, noch vor Jahresende unser zweites Album zu veröffentlichen. Die Nummern dafür sind jedenfalls bald im Kasten.

Das klingt ja vielversprechend. Auch, dass ihr schon an weiteren NOTHING SACRED-Songs arbeitet. Wie schaut es denn mit Konzerten in näherer Zukunft aus?

Leider nicht ganz so prickelnd. Einige der Venues hier in Melbourne mussten leider dicht machen. Vor dem Lockdown sah es noch besser aus. Unser letztes Konzert fand im Februar 2020 statt. Da durften wir beim "Churches Of Steel" auftreten, einem von Metal-Heads organisierten, kleinen Festival in Adelaide. Headliner war übrigens ARTILLERY, die damals für insgesamt zehn Gigs nach Australien geflogen sind. Anders hätte es auch keinen Sinn gehabt. Mal sehen, wie es weitergehen wird. An Motivation fehlt es uns nicht! Wir haben noch viel vor!

Redakteur:
Walter Scheurer

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