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ONKEL TOM: Interview mit Tom Angelripper

22.10.2014 | 12:49

Hart, ehrlich, laut und durstig - so lautet das Motto von ONKEL TOM. Auf "H.E.L.D.", dem neusten Streich Herrn Angelrippers, finden Fans und Anhänger des "Jung von nebenan" einmal mehr alles, was sie für ihr Wohl brauchen. Herrlich frische Getränke- und Liederkost, eine Menge Spaß, aber auch an manchen Stellen den erhobenen Zeigefinger. Wie es zu diesem kam, wieviel von Alex Kraft in diesem Album steckt und welche besondere Beziehung zwischen Onkel und Fanschar herrscht, könnt ihr weiter unten nachlesen. Da das Interview bereits vor dem Release-Datum (19.09.) geführt wurde, möchten wir uns an dieser Stelle entschuldigen, dass wir es euch so lange vorenthalten haben und wünschen euch viel Spaß!

Hi Tom. Erst einmal möchte ich mich bei dir für das Interview bedanken. Wie ist denn momentan die Lage kurz vor dem Release deines neuen Albums?

Ja, das ist immer so eine Sache. Gerade, wenn man die Platte fertiggestellt hat, gibt es viel zu tun. Promotion, Interviews und was es so alles gibt. Aber das hab ich ja nicht nur mit ONKEL TOM, sondern auch mit SODOM. Nö, aber sonst geht es mir gut soweit. Wir haben auch eine Release-Party und einen Videoclip in der Mache, das volle Programm eben.

Zu welchem Song?

'Prolligkeit ist keine Schande', der quasi-Opener.

Bevor ich das Thema auf eben jenes neue Album lenken möchte, würde ich dich gern fragen, warum es ganze elf Jahre zwischen deinem "Weihnachtsalbum" 2000 und "Nunc Est Bibendum" gedauert hat.

Gut, dazwischen erschien ja noch die "Bon Scott hab ich noch live gesehen"-Single und die DVD ("Lieder, die das Leben schreibte" - Anm. d. Red.), aber an ein vollwertiges Studioalbum war damals noch nicht zu denken. Zumal die Jungs damals auch in der Mannheimer und Heidelberger Ecke wohnten und wir einfach nicht zum Proben kamen. Ich bin jemand, der mit einer Band proben möchte und das klappte einfach nicht gut. Das war einfach schlecht zu organisieren. Wir hätten zwar ein paar Songs schreiben können und haben auch einige angefangen, aber es kam einfach nicht zu mehr. Jeder hat noch seine anderen Bands und Verpflichtungen gehabt und vor rund zwei Jahren sprach ich dann mit Alex (Kraft, ehem. Gitarrist - Anm. d. Red.) über die Situation und fragte ihn, ob wir uns nicht trennen wollen. Er war zwar etwas geknickt, aber hat das schon verstanden, es musste ja irgendwie weitergehen. Ich will eine Band in meinem Umfeld haben, bei der ich sagen kann, dass wir heute oder morgen proben. Die Hauptsache ist, dass sich nun etwas bewegt bei ONKEL TOM. Seitdem wir Klaus (Nicodem - Anm. d. Red.) in der Band haben, ging es auch Schlag auf Schlag.

War die Entfernung denn dein Hauptgrund, um dich von Alex zu trennen?

Ja, das war schon der Hauptgrund. Wenn er jetzt in Essen oder Umgebung gewohnt hätte, wäre das gar kein Thema gewesen. Aber wir Ruhrpottler haben auch eine andere Mentalität und vielleicht hatte Alex auch seine kleinen Probleme damit. Bei der "Nunc Est Bibendum" kam er zwar auch oft zu uns, aber irgendwie war das nicht echt. Es ist schon etwas anderes, ob man nun hier wohnt und spontan proben kann oder ob man für's Proben 400 km hin und 400 km zurückfahren muss. Trotzdem ist das ein Hammer-Album geworden! Alex hat tolle Songs geschrieben und viel auch schon im Vorfeld produziert. Ohne Alex wäre ONKEL TOM nicht das, was es momentan ist, das ist klar.

Und die Tatsache, dass ihr nun alle im Umkreis von wenigen Kilometern wohnt, fördert die Bandharmonie? Wie oft trefft ihr euch?

Es ist einfach eine herzliche Atmosphäre in der Band, wir sind alle Kumpels. Im Grunde schaffen wir es mindestens einmal die Woche zu proben. Das muss im Vorfeld wegen den Arbeitsschichten natürlich auch gut koordiniert werden, aber wir schaffen das. Jeder macht zu Hause seine Hausaufgaben, die Songs, Riffs und Texte wurden auch sehr schnell geschrieben. Das hat mir ein wenig gefehlt.

Ja, jetzt lagen bekanntlich nur drei Jahre zwischen dem Vorgänger und dem neuen Album "H.E.L.D.". Dabei steht der Albumtitel für "hart, ehrlich laut, durstig". Sind das die roten Fäden, die sich durch das gesamte Album ziehen?

Ja, absolut. Ich will jetzt nicht jeden Text auseinanderreißen, aber es ist, wie man unschwer erkennen kann, das erste Album ohne Coverversionen. Das fällt aber erst auf den zweiten Blick auf. Speziell in den Anfangsjahren hat ONKEL TOM von den Coversongs gelebt, bei den ersten drei Veröffentlichungen sowieso, und nun gibt es einfach nicht mehr viel zu covern. Und es gibt auch diesmal nicht nur irgendwelche Sauflieder, sondern auch Songs, die sich um das aktuelle, politische Weltbild kümmern.

Stimmt, speziell im letzten Drittel des Albums stechen die Songs hervor...

'Auf Gedeih und Verderb' zum Beispiel. Es geht bei uns ja nicht nur um Alkohol, keiner von uns ist Alkoholiker und unter der Woche trinken wir gar nicht, auch wenn jetzt einige enttäuscht sind, hehe. Wir sind auch nicht besoffen, wenn wir auf der Bühne sind. Natürlich wollen wir Leute Partymucke haben, aber ich schreibe auch gern Texte, die etwas tiefgründiger sind, die nicht so infantil daherkommen und auch etwas zu erzählen haben. Das, was ich bei SODOM schon immer gemacht habe, mache ich nun eben bei ONKEL TOM mit zwei, drei deutschen Texten.

Du hast gerade 'Auf Gedeih und Verderb' angesprochen, ein ziemlich politischer Song. Gab es für dich, speziell in den letzten Wochen, denn einen bestimmten Auslöser für dieses Stück?

Ich brauche ja nur den Fernsehr anzumachen und bin der Meinung, dass wir kurz vor'm 3. Weltkrieg stehen. Und wir sind auch nicht ganz unschuldig an der Lage. Es ist nicht nur Putin der böse Mann, obwohl er schon unberechenbar ist. Aber wir haben ihn soweit in die Enge getrieben, dass klar war, dass er reagieren muss. Das sind letztendlich Sachen, die uns alle angehen, wir sind alle davon betroffen. Jetzt sind wir in einer Situation... so viele Texte kann ich gar nicht schreiben, so viel passiert momentan. Und wenn es wirklich so doll knallt, sind wir eh mitunter die ersten, die was davon abbekommen. Es wird gefährlich! Aber nicht nur das, sondern auch bspw. der Syrien-Konflikt, Israel-Palästina-Konflikt... aber auch innenpolitisch gibt es viel zu meckern.

Also wird deiner Inspiration nicht der Hahn zugedreht...

Nein, niemals. Klar, wir wollen keine schlechte Laune verbreiten, wir umschreiben die ganzen Situationen ja immer. Man muss auch mal zwischen den Zeilen lesen, aber ONKEL TOM ist immer noch ONKEL TOM. Die Musik, auch wenn man nicht auf die Texte achtet, macht Spaß und das ist die Hauptsache.

Richtig! Aber auch 'Der Duft nach Lavendel' fällt da etwas aus dem Rahmen. Was war die Intention dahinter?

Ich bin jemand, der damals auf der Straße groß geworden ist. Wie mit der abschließenden Ballade ziehe ich mit 'Der Duft nach Lavendel' ein Resümee, wie schwer es ist, überhaupt in die Position, in der man bzw. ich jetzt stecke, zu kommen. Man muss sich eben durchbeißen. Ich selbst bin nicht wohl behütet worden und 'Der Duft nach Lavendel' ist für mich etwas sehr Positives. Aber es passieren ja nicht nur schöne Dinge im Leben, auch nicht in meinem, und das versuche ich damit auszudrücken.

Die Texte dazu hast du geschrieben?

Ja, merkt man das so deutlich? Hehe. In erster Linie schreibe ich die Texte für mich selbst, Texte, die mich berühren.

Und 'Ich bin noch am Leben'?

Ne, den hab ich nicht selbst geschrieben. Ich hab mich ja anfangs auch gegen die Ballade am Ende gewehrt. Dann hätte es noch gehießen, "dass der Angelripper auch mit 'ner Ballade ankommt". Aber der Corny hat sehr lange an dem Text gesessen, da ja auch einige in meinem Alter schon verstorben sind, und den Text will man ja auch nicht schmälern oder so.

Und am Ende ist es doch ein schöner Albumabschluss geworden. Gerade die Textstelle "Ihr seid meine Kinder, ihr seid meine Brut, solange ich euch schreien höre, fühle ich mich gut" finde ich sehr gelungen.

Gerade, wenn man auf der Bühne steht, bekommt man von den Fans so viel zurück. Ob das nun mit SODOM oder eben ONKEL TOM ist, man kriegt einfach viel zurück. Das sagt die Doro (Pesch - Anm. d. Red.) ja auch immer. Was wäre ich ohne meine Fans? Ich bin da genauso gestrickt, in dem Moment baut mich das total auf. Du bist zwar ein alter Sack, aber die Fans sagen, man soll weiter machen. Wenn wir jetzt einen auf Rockstar oder dicke Hose machen, wäre das ja auch falsch.

Das wäre auch etwas aufgesetzt.

Wenn ich mich von jetzt auf gleich so ändern würde, wie andere Musiker in meinem Umfeld, die sehr ignorant den Fans gegenüber sind, dann wäre das falsch. Ich meine, wir machen immer noch unsere Autogrammstunden nach den Shows, man kann zu uns auf die Bühne und solche Aktionen sind bei uns, zumindest bis zu einem gewissen Grad, willkommen, hehe.

Zu diesem Geselligen laden ja auch neue Stücke wie 'Ein bisschen Alkohol', 'Wer nach dem Lied noch stehen kann' oder auch 'Am Morgen danach' einfach ein. Man kann mit ONKEL TOM also auch weiterhin diese kumpelhafte Atmosphäre genießen?

Unbedingt. Das wird sich auch nie ändern. Das ist genau das, was ich sage: Wir sind keine Rockstars. In dem Moment, in dem wir auf der Bühne sind, sind wir eben "nur" auf der Bühne. Wir machen kein Rock- oder Metal-Konzert, wir machen ein Konzert für die Fans zusammen mit den Fans. Und diejenigen, die die Gelegenheit haben, mit auf der Bühne zu stehen, dürfen auch gerne mitsingen und grölen, das hat sich alles nicht verändert. Und nach der Show sind wir auch noch da. Hier ein Foto, dort ein Autogramm, da ein Bierchen, wir bleiben dort, wir machen das. Wir machen das nicht eigennützig, sondern wollen mit den Leuten etwas zusammen erleben. Klar, funktioniert das auf Tour manchmal nicht so gut, aber zumindest versuchen wir es.

Bei SODOM stürmen jetzt zwar weniger auf die Bühne als bei ONKEL TOM, aber zumindest ist die Stimmung bei beiden Bands die gleiche.

Obwohl wir bei SODOM auch den einen oder anderen Fall hatten, wo es dann brechend voll auf der Bühne wurde. Das Stagediving oder das Brüllen ins Mikrophon gehört einfach dazu. Sicherlich ist das bei großen Festivals nicht möglich, aber bei kleinen Clubshows kommt das schon hin und wieder vor. Und diesen direkten Kontakt zu den Fans liebe ich auch, Shows, bei denen man schwitzt, es von der Decke tropft und man den Fans die Hand schütteln kann.

Speziell im Ausland wie beispielsweise Südamerika findet man das ja relativ häufig.

Ja, da sind wir mit SODOM ja etwas häufiger als mit ONKEL TOM, aber das wollen wir mit dieser Platte auch ändern. Wir wollen es weltweit vermarkten und haben auch schon einige Anfragen von denjenigen, die das Album gut finden, bekommen.

Viel Erfolg auch in dieser Hinsicht. Bei der Veröffentlichung von "Epitome Of Torture" meintest du, dass es Bonusstücke gab, die du vom regulären Songmaterial trennen musstest. War das bei "H.E.L.D." auch der Fall?

Also es gibt vom Album sowohl eine Jewelcase- als auch eine Digipack-Version und für die Letztere gibt es auch zwei Bonusstücke. Aber das war wieder die Idee der Plattenfirma. Ich versteh's nicht, warum man auf die Jewelcase-Version die beiden Stücke nicht noch draufgepackt hat. Diejenigen, die sich diese Version dann holen, werden dadurch natürlich auch verleitet, sich die anderen Stücke aus dem Netz zu ziehen oder bei Amazon für 2 € nachzukaufen. Ich bin ja noch ein Kind aus den 80ern und kenne so etwas gar nicht, ich bin mit Vinyl aufgewachsen. Aber auf der Vinylversion von "H.E.L.D." gibt es einen weiteren Bonussong aus der "Nunc Est Bibendum"-Session. Da sind am Ende 20 oder 22 Stücke übrig geblieben. Da fingen wir richtig an produktiv zu werden, viele Stücke stammen auch noch aus Alex' Feder. Der Song heißt 'Verlierer'. Aber er hatte auch nichts dagegen, dass wir den nun doch noch verwenden. Ich hab den Text ein wenig an den Film "Verlierer" angelehnt und mich daran erinnert, wie wir Anfang der 80er zu MOTÖRHEAD nach Dortmund gefahren sind. Unzählige Paletten Bier, die wir vernichtet haben, das war eine Zeit, die ich heutzutage schon sehr vermisse. Und darum geht es in dem Song, um die guten, alten 80er. Wir waren noch Metaller durch und durch. Klar, das sind wir heute auch noch, aber es gibt keine Band mehr, bei der ich sagen würde, dass ich da um jeden Preis hinmüsste.

Wo du es gerade erwähnst: VENOM auf dem Rock Hard Festival 2015. Da wird man dich doch sicherlich auch sehen, oder?

Nein, da sind wir in Südamerika unterwegs. Aber wir haben nunmehr seit acht Jahren nicht mehr auf dem Rock Hard Festival gespielt, nun brauchen sie auch nicht mehr ankommen. Ich denke, dass Bobbys Ausstieg der Grund ist, aber das Thema möchte ich jetzt auch nicht breittreten. Das ist der einzige, der für mich plausibel wäre: Wir wohnen in der Nähe, veröffentlichen regelmäßig unsere Platten und ich bekomme immer noch sehr viele Anfragen von Fans, die uns gern dort sehen würden.

Wie wird es denn mit ONKEL TOM in nächster Zukunft weitergehen? Zumal SODOM ja zusammen mit KREATOR, ARCH ENEMY und VADER unterwegs ist.

Ja, die Tour wird bis Ende des Jahres gehen, zwischen Weihnachten und Neujahr spielen wir dann einige Shows mit ONKEL TOM, zumal wir an Silvester eh irgendwie auf der Bühne stehen werden. Letztes Jahr waren wir in Russland und Silvester mit den Fans feiern, ist einfach großartig. Ob ich jetzt zu Hause sitze und Blei gieße oder auf Tour bin, da wähle ich lieber das Tourleben. Zudem hab ich einige Anfragen für das nächste Jahr, ein paar größere Festivals auch für ONKEL TOM.

Dann verbringst du Silvester eben mit deiner zweiten Familie.

Ja, das kann man wirklich so sagen. Manchmal sieht man die Fans eben öfter als die eigene Familie, das ist nunmal leider so. Klar gibt es auch Musiker, die ihre Familie mit zu den Auftritten nehmen, aber ich differenziere das Musiker- und Familienleben. Meine Kinder haben da eh nicht so große Lust drauf.

Meine letzte Frage fernab von der Musik: Deutscher Meister 2015?

Oh Gott, oh Gott... was ich mir wünsche oder was ich glaube?

Sowohl als auch, hehe.

Ich glaube, dass Bayern wieder Deutscher Meister wird. Mein Wunsch wäre es aber, die Schale auf Schalke zu sehen. Gut, das sah in den letzten Spielen nicht so gut aus, aber man kann das jetzt auch nicht am Trainer oder den einzelnen Spielern festmachen. Wir waren schon zu oft zu nah dran. Nie haben wir es geschafft und irgendwann wird es moralisch auch einfach schwierig. Schalke steht mehr unter Druck als jede andere Bundesliga-Mannschaft, die letzte Meisterschaft war 1958. Für Schalke wird es einfach Zeit, sodass auch mal meine Generation eine Meisterschaft miterleben kann. Ich kann da leider nicht helfen. Ich könnte höchstens nochmal einen Schalke-Song aufnehmen, hehe.

Das wäre doch mal eine Idee. Im Mai nächsten Jahres sind wir beide dann schlauer. Tom, ich wäre mit meinen Fragen soweit auch durch und bedanke mich an dieser Stelle auch noch einmal recht herzlich für das Interview. Hast du noch einige Worte an unsere Leser zu richten?

Gerne, gerne. Ich hab im Übrigen letztens auch die Vinyl-Version des Albums in den Händen gehabt, ein ganz schön schweres Teil. Weißes oder auch königsblaues Vinyl, sieht richtig gut aus. Das ist auch die erste ONKEL TOM-Scheibe, die als Vinyl erscheint. Und wie immer: Danke! Ich hoffe, dass sich die Platte gut verkauft und viele zuschlagen. Ich will mich daran jetzt nicht bereichern, aber je mehr man verkauft, desto mehr Gelegenheiten haben wir auch live aufzutreten. Wir wollen und müssen einfach mehr machen. Dafür werden wir auch arbeiten.

Ein schönes Schlusswort, bis demnächst!

Redakteur:
Marcel Rapp

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