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OOMPH!: Interview mit Dero,

01.01.1970 | 01:00

Vor dem Konzert in Köln (s. Review) der deutschen Electro-Metaller OOMPH! hatte ich die Gelegenheit mit Dero (v.) und Flux (g.) über ihr neues Album, die Tour, 10 Jahre OOMPH! und vieles andere mehr zu sprechen. Die beiden erwiesen sich dabei als sehr professionelle, megasympathische, äußerst redselige, mal humorvolle, mal ernste Gesprächspartner, die ich 45 Minuten lang mit Fragen löcherte. Also nehmt euch Zeit und lest selbst....


Peter:
Erst ein mal vielen Dank, das Ihr euch Zeit für powermetal.de nehmt.
Ihr seid jetzt seit etwa einer Woche auf Tour. Wie läuft es bislang?

Flux:
Es läuft sehr gut. Wir hatten schon einige ausverkaufte Shows und die Stimmung ist sowieso immer super, weil die Leute, die zu unseren Konzerten kommen, wissen, dass wir zusammen mit den Fans eine Party feiern wollen und so läuft es dann auch immer ab.

Peter:
Ich war gestern bei Eurer Show in Bochum. Ist das normal? (die Halle ist bald zusammengebrochen, so gut war die Stimmung – d. Verf.)

Flux:
Das ist schon fast repräsentativ. Bochum ist natürlich sehr gut gelaufen, weil die Show ausverkauft war.

Dero:
Aber in Berlin und Braunschweig war es genauso.

Flux:
Und auch wenn weniger Leute da sind, ist die Stimmung eigentlich die selbe.

Peter:
Mir ist aufgefallen, dass ihr eine sehr deutschsprachige Setlist habt. Ist das bewusst so gewählt? Oder schreibt Ihr auf deutsch einfach die besseren Songs?

Flux:
Haben wir echt?

Peter:
Ja, es sind nur vier oder fünf englischsprachige vertreten.

Dero:
Vielleicht sind die einfach am live-tauglichsten. Es ist ja schon so, dass Du darauf achtest, dass auf der Setlist die Songs stehen, die live am meisten abgehen. Und es ist womöglich tatsächlich so, dass die deutschen Songs live-kompatibler sind, was dann auch die Setlist erklärt.
Die englischen Songs sind eher so die sphärischen, die ein OOMPH!-Album abwechslungsreich machen und live soll es halt zur Sache gehen. Klar braucht man auf der Bühne mal so den ein oder anderen ruhigen Song zum Luft holen und dann wieder einen Abgehblock, aber es soll halt live Party gemacht werden.

Peter:
So viele Songs zum ausruhen, waren da gestern nicht dabei. Von den beiden à-Capella-Songs am Ende mal abgesehen.
Machst Du da eigentlich gezielt Konditionstraining vor einer Tour? Du springst immerhin jeden Abend die ganzen 80 Minuten über die Bühne.

Dero:
Es ist schon so, dass man auch privat Sport macht. Ich jogge auch zu Hause, mache Fitness, schwimme ab und zu. Man bereitet sich da schon auf eine Tour vor.
Dann habe ich noch den Vorteil, dass ich kein Raucher bin und somit wohl ein größeres Lungenvolumen als ein Raucher habe. Zudem habe ich mittlerweile auch eine ganz gute Atem- und Gesangstechnik, die es mir schon erlaubt die Action auf der Bühne mit dem Gesang zu kombinieren.

Peter:
Wie seid Ihr an die Vorband SUBURBAN TRIBE gekommen? Die sind gestern in Bochum sehr gut angekommen, aber ich hab von denen noch nie gehört.

Dero:
Das ist auch eine ganz neue Band aus Finnland, die gerade versucht auch hier in Deutschland Fuß zu fassen. Sie haben gerade einen Nr.1-Hit in Finnland gehabt und einen Award für das dazugehörige Video gewonnen. Aber in Deutschland sind sie absolute Newcomer, weswegen sie hier halt auch noch niemand kennt.
An die Band gekommen sind wir durch unser Management.

Flux:
Genau! Unser Management ist mit dem finnischen Management von SUBURBAN TRIBE befreundet und sie arbeiten sehr viel zusammen. Da ging der Kontakt recht schnell über die Bühne. Die haben uns dann eine CD geschickt, die hat uns gefallen, passt auch musikalisch zu uns und dann war das klar.

Peter:
Eure Live-Show ist wesentlich metallischer als Eure letzten Alben. Logisch mit zwei Gitarren und einer echten Rhythmus-Fraktion. Aber es wurde zu "Ego" ein wenig kritisiert, dass ihr zahmer geworden seit.

Dero:
Es ist halt so, dass man beim siebten Album versucht neue musikalische und emotionale Türen in dir zu entdecken, die man auch öffnen kann. Gerade wenn man wie wir den Anspruch hat, sich nie selbst zu kopieren. Wir haben halt das wütende, etwas aggressivere schon 5-6 Alben vorher ausgelebt und wir wollten jetzt auch mal andere Emotionen zulassen. Wir sind halt nicht nur wütend und nur aggressiv in unserem Leben. Wenn du aber ehrlich deine Musik vermitteln willst, musst du auch diese anderen Momente zulassen und dann müssen wir auch musikalisch reflektieren, dass wir auch mal traurig, machtlos, melancholisch und still sein können. Ich glaube dieser Verlust vor dem Zugeben dieser Emotionen hat den Oomph!-Sound vielschichtiger und mehrdimensionaler gemacht.

Flux:
Du hast ja selber gesagt, dass Konzert sei relativ hart. Wir haben ja sechs oder sieben Songs vom neuen Album gespielt. Von daher ist "Ego" immer noch hart genug, nur ist – wie Dero schon gesagt hat – die Bandbreite größer geworden als vorher, wo nur harte Stücke drauf waren und daher einen harten Gesamteindruck von einem Album vermittelt. Diesmal ist es wesentlich abwechslungsreicher und wenn man den Durchschnitt nimmt, ist es wohl insgesamt etwas ruhiger geworden, aber es sind nach wie vor harte Stücke dabei.

Peter:
Stört es Euch denn, wenn in Reviews gesagt wird, ihr seid "massenkompatibel", "Viva2-kompatibel" etc. geworden?

Flux:
So lange wir nicht VIVA-kompatibel sind, geht es immer noch. (lacht)

Dero:
Nein, das stört mich überhaupt nicht, denn im Endeffekt muss ich als Musiker bzw. als Sänger und Texter noch hinter meiner Musik stehen können und das ist für mich der Hauptansatzpunkt, wenn ich ein Text schreibe oder wir ein Lied komponieren. Wir müssen dahinter stehen, es müssen die Gefühle sein, die wir gerade empfinden, die wir einfließen lassen. Und wenn wir dann gerade nicht wütend sind, dann lohnt es sich auch nicht mit der Brechstange ein wütendes Lied zu machen. Entsprechend war die Bestandsaufnahme unserer emotionalen Zustände als wir "Ego" komponierten halt so, wie es geworden ist. Wir wollten da nichts kreieren, nach dem Motto: "Unrein" und "Plastik" waren jetzt erfolgreich. also machen wir auf dieser Schiene weiter. Obwohl es ja letztlich gar keine Schiene war, da sich "Unrein" und "Plastik" schon völlig voneinander unterscheiden.
Wir wollten einfach nur gucken, ob es neue Dimensionen gibt, die wir an uns entdecken können und ich hoffe, dass ist uns gelungen, denn das war der Hauptansatzpunkt für "Ego". Mich nervt so was dann überhaupt nicht, weil es für mich als Sänger auch wichtig ist eine möglichst große Bandbreite zu bieten. Je mehr man an Flexibilität mit der Stimme hinzugewinnt, je mehr gewinnt ja auch die Musik an Dimensionen. Wenn Du als Sänger nur auf eine Art und Weise singen kannst, dann hat die Musik auch kompositionstechnisch nicht viel Freiraum um den Gesang herum. Erweitert sich aber die Bandbreite des Gesangs, erweitert sich auch die Musik.
Klar, einige alte Hardcore-Fans, die unseren ersten fünf Alben abgefeiert haben, denken vielleicht, dass sie noch 10 weitere Alben dieses Brett hören können.
Mir aber macht es halt gerade auch sehr viel Spaß zu singen und das hat unsere Musik auch befruchtet.

Flux:
Ich find auch irgendwo die Frage ein bisschen komisch. Es ist klingt ja fast immer wie ein Vorwurf, dieses "ihr seid nicht mehr so hart". Für uns war immer nur wichtig, dass wir glaubhaft sind und uns in der Musik wieder finden. Dass da nichts gekünstelt ist, sondern dass wir das sind, was wir da verkörpern.
Ist man wirklich nur glaubhaft cool, wenn man den ganzen Tag da rumschreit? Das verstehe ich nicht, dass es für einige Leute so wichtig ist, dass man immer noch hart sein muss.

Dero:
Wir vermitteln mittlerweile auch auf der Bühne, das wir uns auch verhohnepiepeln können. Wir können also auch über uns selbst lachen und das ist ganz wichtig. Wir sind halt keine Musiker, die sich todernst nehmen. Wenn du das erst mal gemerkt hat und auch über dich selbst lachen kannst, gewinnt deine Show und das Auftreten auf der Bühne so sehr, weil du so locker mit dir selbst und mit dem Konzert umgehen kannst und es einfach zur Party ausartet. So sollte es auch sein. Es soll eben nicht dieses abgehobene Monologding sein, wo oben die Band steht und der Sänger sein Ding abzieht und im schlimmsten Falle die Fans auch noch wie den letzten Dreck behandeln, wie es einige Bands aus den USA tun. In Amerika mögen das die Leute vielleicht so, aber ich finde ein Konzert sollte ein gemeinschaftlicher Spaß-Event sein.

Peter:
Den Unterschied hab ich bemerkt als ich PARADISE LOST und Euch jetzt live gesehen habe. Beide Shows ausverkauft, die Stimmung zu Beginn super. Und während bei Euch am Ende die Halle gebebt hat, hob sich der Stimmungspegel bei PARADISE LOST nicht, weil sie einfach kein Spaß vermittelten und ihren Gig runterleierten. Ihr hingegen hüpft, divt etc. und strahlt über das ganze Gesicht bei Eurer Show.

Dero:
Ich denke, dass es wichtig ist den Leuten, die für die Show bezahlt haben zeigt, dass man gemeinsam Spaß haben will und nicht nur wir auf der Bühne. Da könnten wir auch im Proberaum spielen. Aber wir wollen den Leuten auch Tribut zollen, die für uns bezahlt haben, um die Show zu sehen. Das ist für uns sehr, sehr wichtig.

Flux:
Ich finde auch dieses "Wir sind toll und ihr seid Scheiße"-Gehabe total blöd. Ich habe sicherlich auch meine Phasen auf der Bühne, wo ich eher in mich gekehrt bin oder wo ich mich mal ein wenig abreagiere. So wirke ich bei dem einen Song sicher anders als beim nächsten, wo ich einfach nur über mich selber lache oder gucke, was im Publikum passiert und darüber lachen muss.

Peter:
Eure neue CD heißt "Ego" und handelt bei den Lyrics in erster Linie von Dir, Dero. Und da gibt es häufiger mal Passagen wie "Hilf mir" oder "Rette mich". Sprichst Du da in erster Linie mit Dir selbst, so "Ich vs. mein Inneres" oder geht es da um eine bestimmte Person?

Dero:
Es ist schon so, dass ich meine Texte so anlege, dass alle möglichen Interpretationsebenen offen bleiben. Aber es ist auch so, dass dieses Album, im Gegensatz zu den Vorgängern, die sich ja mehr mit dem gesellschaftlichen Umfeld beschäftigt und dieses kritisch hinterfragt haben, nun vorrangig mich kritisch hinterfragt. Deshalb ist das Album auch so ausgefallen und trägt entsprechend den Titel "Ego", denn es ist schon oft ein Zwiegespräch.

Peter:
Der Titelsong hat etwas von innerer Zerrissenheit. Ist das so? Bist Du so?

Dero:
Auf jeden Fall! Das ist auch meine Triebfeder, warum ich überhaupt Musiker geworden bin. Das macht das Leben auch aufregend.

Peter:
Du hast für dieses Album als Inspirationsquelle ein Psychologie-Studium begonnen.

Dero:
Auch dafür. Aber auch um mal Abstand von der Musik zu bekommen. Wir hatten eine lange Europa-Tour mit SKUNK ANANSIE. Wir waren fast ein halbes Jahr unterwegs und da brauchte ich wirklich neuen Input und musste mal völlig abschalten. Da dachte ich mir, fang mal wieder an zu studieren. Ich hab vor Jahren schon mal studiert, Deutsch und Englisch. Und jetzt wollte ich irgendwas nehmen, was auch gut ist, um mich selber etwas kennen zu lernen. Da bot sich dieses Psychologie-Studium an. Das Studium hat mich auch sehr befruchtet und mich als Mensch weiter gebracht. Ich werde auch in Zukunft, wenn ich Freizeit habe weiter machen.

Peter:
Stichwort Europa. In Deutschland seit ihr mittlerweile ja recht populär. Wie sieht es aus in Resteuropa und auch in den USA?

Flux:
Also die USA gehören ja nicht zu Europa. Ich hab ja in Geographie aufgepasst. (lacht)
Fangen wir erst mal mit Europa an. Also Frankreich läuft sehr gut, da bemüht sich Virgin (d. Label – d. Verf.) auch sehr. Wir verkaufen dort sehr gut, spielen live regelmäßig und machen auch viel Promo dort. Die anderen Länder werden jetzt auch so langsam kommen, weil wir im Anschluss an die Tour wohl auch eine Europa-Tour machen werden und dann wird da eine Menge aufgebaut werden. Wir haben ja schon einmal mit SKUNK ANANSIE die Europatour gemacht und da wollen wir diesmal drauf aufbauen. Es ist also im Kommen. Wir haben natürlich dadurch, das man sich hauptsächlich in Deutschland aufhält und wir hier seit 10 Jahren die meisten Touren und die meiste Promotion machen, hier auch den größten Erfolg. An den anderen Ländern müssen wir jetzt genauso hart arbeiten wie wir es in Deutschland getan haben, denn auch da sind wir kein One-Hit-Wonder.
An Amerika arbeiten wir auch. Wir hatten da ja schon Releases zu unserer Independant-Zeit und haben dort auch gute Konzerte gespielt. Daher haben wir auch noch Fans in den Staaten, aber Virgin-Amerika wollen das Album dort derzeit nicht veröffentlichen. Ist natürlich ein bisschen blöd, aber wenn sie nicht wollen, wollen sie nicht und wir werden uns wohl in diesem Jahr noch nach einer anderen Vertriebsart umgucken. Wenn Virgin es nicht will, will es vielleicht eine andere Firma.

Peter:
Sollte da nicht auch der Erfolg einer Band wie RAMMSTEIN – auch wenn sie musikalisch und von der Show her überhaupt nicht mit Euch zu vergleichen ist – Türen öffnen und Virgin den Kick geben auch Eure Alben dort zu veröffentlichen?

Flux:
Ich denke, dass kann man so nicht über einen Kamm scheren. Der Erfolg von RAMMSTEIN in den USA basiert ja nur zum Teil auf der musikalischen Seite. Natürlich gibt es dort auch viele Industrial-Fans, die die NINE INCH NAILS oder MARILYN MANSON hören und dann auch RAMMSTEIN mögen, aber der Erfolg von RAMMSTEIN basiert ja viel auf dem Image. Das ist eine Geschichte, die wir ja so überhaupt nicht widerspiegeln. Ganz im Gegenteil! Das ist für mich das Verwerflichste, was RAMMSTEIN je gemacht haben. Das Image der deutschen Jugend im Ausland so zu zeigen, wie es zum Glück nicht mehr ist. Wenn man die Möglichkeit hat, weltweit ein Bild der deutschen Jugend bzw. des deutschen Volkes zu zeigen, dann darf man einfach nicht ein Riefenstahl-Video zeigen oder mit Schönheitsidealen der 30ger Jahre spielen. Denn glücklicherweise sind weder die Deutschen im allgemeinen noch die Jugend im besonderen so, aber im Ausland fühlt man sich nur wieder bestätigt. Genau dieses Bild haben sie von dem Deutschen nun mal vor Augen und dann kommt da eine Band, die denen zeigt "Jawohl, die Deutschen sind alle so". Ich denke, wir könnten morgens nicht mehr in den Spiegel schauen, wenn wir durch ein solches, verwerfliches Images unseren Erfolg begründen würden. Das ist nicht unser Ding, da haben wir eine ganz andere Glaubhaftigkeit und eine ganz andere Ausrichtung..

Peter:
Ihr werdet häufig als Pioniere der 'Neuen Deutschen Härte' genannt, wollt euch als solche aber – wie auch in der Antwort gerade deutlich wurde – überhaupt nicht in dieser Schublade sehen. Trotzdem beziehen sich aber Bands wie WEISSGLUT oder MEGAHERZ auf Euch als Inspiration.

Dero:
Dafür können wir aber nichts. Die haben vielleicht auch schon Joghurt mit rechtsdrehender Milchsäure gegessen und trotzdem kann der Joghurt nichts dafür, dass einige Bands politisch fragwürdig sind.
Aber ich denke, als dieser Begriff NDH aufkam, das war ca. 1996, da gab es uns ja bereits fünf Jahre. Also waren wir weder neu, noch deutsch, weil schon immer Bilingual und hart sind wir nun auch nicht ausschließlich. Daher denke ich, dass dieser Begriff überhaupt nicht auf uns passt. Zudem ist dieser Begriff aufgrund der deutsch-politischen Vergangenheit mehr als fragwürdig und ich würde ihn mir überhaupt nicht aufs Revers heften. Ich wehre mich vielmehr dagegen, wenn uns das von Anderen auf unser Produkt geklebt wird. Das entbehrt einfach jeder Grundlage.
Wie gesagt, wenn andere Bands uns da als Inspirationsquelle angeben, können wir nichts dafür, aber ich sehe uns in dieser Schublade überhaupt nicht und mag auch diesen Begriff gar nicht.

Peter:
Es ehrt euch auch gar nicht, wenn diese Bands – wie Rammstein z.B. – sagen " der OOMPH!-Sound hat uns inspiriert"?

Dero:
Überhaupt nicht! Wir können ja nix dafür. Wie Flux schon gesagt hat, wenn man das Musikalische beiseite lässt, dann habe ich auch Probleme mit den visuellen Klischees, die da vermittelt werden. Von daher kann mich das nicht stolz machen, wenn eine Band, die ich von ihrem Image her fragwürdig finde, uns als Inspirationsquelle angibt. Ich hoffe auch, dass das nur musikalisch gemeint ist.

Peter:
Was anderes wäre ja auch völlig aus der Luft gegriffen.
Jetzt seit Ihr 10 Jahre im Geschäft. Habt Ihr am Anfang von Eurer Karriere mit so einer Entwicklung gerechnet? Oder hattet Ihr so eine Art Masterplan?

Flux:
Der Masterplan den wir hatten, war, dass wir uns gegründet haben, um etwas Besonderes, Neues zu schaffen. Um zwei Musikstile, die wir sehr mochten – den Rock von AC/DC, MOTÖRHEAD etc. und elektronische Einflüsse – zu verbinden und das dann zum Beruf zu machen, also irgendwann mal die Möglichkeit zu haben von der Musik leben zu können. Das können wir mittlerweile seit einigen Jahren, so haben wir uns diesen Masterplan schon mal erfüllt.
Wir hatten nie vor von 0 auf 1 zu schießen mit dem ersten Album, was auch völlig utopisch gewesen wäre. Wir waren ja schon vor 10 Jahren schon in einem relativ gereiften Alter, so dass wir es auch halbwegs abschätzen konnten, dass man bei einem Indie-Label nicht sofort auf Platz 1 einsteigt. Dann haben wir vier, fünf Jahre beim Indie verbracht und haben da dann ganz gute Lehrjahre gehabt.

Dero:
Ich muss da jetzt mal unterbrechen. Deine Aussage, Flux, impliziert ja, dass wir mittlerweile 50 Jahre alt sind. (allgemeines Gelächter)

Flux:
(lacht) Na, ich bin es doch.
Bei der Zeit beim Indie hat man ja auch viel selber machen müssen und hat vom Geschäft viel mitbekommen. Da hat man dann doch gelernt, was da so abgeht. Jetzt können wir auch im Vergleich zu anderen Bands, die mit dem ersten Album in die Charts klettern, unsere 'Charterfolge' ganz gut verkraften und auch entsprechend einschätzen. Darum bleiben wir vielleicht auch mehr auf dem Teppich als es Andere sind.

Peter:
Ihr habt auch gerade jetzt eine neue Single mit dem Titel "Niemand" veröffentlicht, die nicht auf dem Album vertreten ist. Wie kam es dazu?

Flux:
Ja, wir hatten das Album fertig und waren froh, dass es endlich im Kasten war. Dann hat unser Management eine Anfrage von einer deutschen Produktionsfirma bekommen. Es wurde ein neuer, deutscher Film gemacht zu dem wir einen Song machen sollten und das klang auch alles ganz vielversprechend. Es sollte dann ein Kombination geben mit Film/Video, wo alles Hand in Hand geht, mit Werbetrailern etc. Die Produktionsfirma kannte halt unsere Band und haben uns auch gar keine Vorgaben gegeben, wie der Song sein sollte. Sie waren der Meinung, dass OOMPH! eben genau die richtige Art von Musik machen und das passe auch inhaltlich zum Film. So hatten wir freie Hand und sollten einen Song schreiben und sie wollten sehen, was daraus wird. Es sollte aber auf alle Fälle was Exklusives sein.
So ist dann der Song "Niemand" entstanden, der allen inkl. der Filmfirma gut gefallen hat, aber leider hat diese Produktionsfirma ihren Film gar nicht mehr zustande bekommen.
Wir hatten also nun "Niemand" und haben uns überlegt, was wir jetzt damit machen. Wir hätten ihn bis zum nächsten Album aufbewahren können oder sofort veröffentlichen. Und da wir nicht wussten, wo wir beim nächsten Album musikalisch sind, und ob der Song dann noch zum restlichen Material passt, haben wir ihn eben als Single veröffentlicht. Zumal wir "Niemand" auch viel zu gut finden, als das wir ihn jetzt auch 1,5 Jahre den Fans vorenthalten wollen. Es brannte auch unter den Nägeln, ihn jetzt zu veröffentlichen, weil wir auch so hinter dem Song stehen. Dies heißt aber nicht, dass es nicht noch eine Single vom Album geben wird.

Peter:
Ich als Fan hätte mir natürlich statt der zwei Remixes lieber noch ein oder zwei echte neue Songs gewünscht. War das in der Zeit nicht drin?

Dero:
Das war einerseits zeitlich nicht drin, da wir nur auf diesen einen Song hingearbeitet hatten für diesen Soundtrack. Andererseits ist es auch so, dass wir mit OOMPH! in dem Sinne kein 'Ausschussmaterial' fabrizieren. Wenn wir sehen, dass ein Song nicht das repräsentiert, was wir von ihm erwarten, dann landet er sofort im Müll und wird auch nie wieder angefasst. Ich denke, es gibt viele Bands, die sagen 'okay, den und den Song nehmen wir noch für eine B-Seite', aber wenn es der Song aus qualitativen Gründen nicht wert war auf das Album zu kommen, warum sollen wir ihn dann auf eine B-Seite packen? Ich find,
dass das doch auch Verarschung ist, auch wenn sich der eine oder andere Fan darüber freut.

Peter:
Mir wäre auch ein brandneuer Song lieber gewesen.

Dero:
Ja, das war dann das zeitliche Argument.

Flux:
Das ist natürlich der Idealfall, wenn während der Komposition noch ein anderer Track entstanden wäre. Dann hätten wir das natürlich auch gemacht, aber wir hatten leider keinen Song und die Tour ging los. Wir haben aber natürlich versucht die Single so wertvoll wie möglich zu machen. Mit den Remixes, mit der Akustikversion von "Swallow" und dem Multimediapart mit den zwei Livetracks. Die Single ist also vollgepackt, so dass sich die Investition für den Fan schon lohnt.

Peter:
Ihr seid jetzt noch ein Weilchen auf Tour und was passiert dann? So als Ausblick....

Dero:
Dann haben wir erst mal einen Monat Pause und gehen dann – wie schon erwähnt – auf Europa-Tournee, wo wir auch wieder sechs Wochen eingespannt sind. Kurz vor Weihnachten sind wir dann wieder zu Hause und dann geht es erst mal für mich und wohl auch die Anderen in Winterurlaub. Dann will ich auch erst einmal nix mehr hören von Musik und Band, aber das natürlich auch nur für zwei Wochen. Tja, und dann geht es schon wieder los mit Kompositionen.

Peter:
Das ist also schon so ein echter Dauerrhythmus?

Dero:
Ja, klar. Da wir auch unser eigenes Studio haben, ist es so, dass wir nach einer Tour auch wieder ins Studio gehen und neue Ideen sofort festhalten. Es ist halt genau wie Du sagst so ein Kreislauf, in dem wir auch bleiben wollen. Sonst würde es womöglich zwei, drei Jahre dauern bis das nächste Album erscheint, aber wir wollen schon alle 1,5-Jahre ein neues Album veröffentlichen.

Peter:
Euer Line-Up ist ja nun schon seit Ewigkeiten konstant. Was würde passieren, wenn einer von Euch aussteigen würde? Wäre dann sofort Ende? Geht das für Euch überhaupt, ist das vorstellbar?

Flux:
Wir sind eine sehr eingeschworene Produktionsgemeinschaft. Es würde auf jeden Fall Probleme im Studio geben, weil wir es einfach gewohnt sind zu dritt im Studio zu arbeiten ab einer gewissen Produktionsphase. Und da alles gemeinschaftlich beschlossen und im Zweifelsfall toddiskutiert und irgendwann abgestimmt wird, wäre es schon eine gehörige Umstellung für uns.
Es macht keinen Sinn sich vorher darüber Gedanken zu machen. Wenn es passieren sollte, dann wird man einfach merken wie die anderen beiden Übrigen dann damit zurechtkommen würden. Das ist nichts, was man vorher planen kann.

Peter:
Flux nennt das gerade eine 'Produktionsgemeinschaft'. Ist das nicht schon eher ein eheähnlicher Zustand?

Flux:
(lacht) Mit allem was dazu gehört. Sex und Streit.

Dero:
(lacht) In einer alten Ehe gibt es doch keinen Sex mehr, oder?

Flux:
(lacht) Das soll man nie ausschließen. Manchmal, wenn die Hormone mit einem durchgehen.
Nein, es ist wirklich so. Klar, man kennt sowohl die Stärken, als auch die Schwächen des Anderen. Und beides wird sowohl zum positiven wie auch zum negativen ausgenutzt. In Streitigkeiten nutzt man die Schwächen aus, und wenn man an einem Strang zieht, nutzt man die Stärken aus.

Dero:
Ich denke, dass es im zwischenmenschlichen Bereich eigentlich nur positiv ist, wenn Du über einen längeren Zeitraum zusammen arbeitest. Dann hast Du ja durch die Zeit die Chance durch den Anderen dich besser kennen zu lernen. So haben wir es logischerweise schon langen nicht mehr nötig Masken vor dem Anderen aufzusetzen, sei es in der Konversation oder in gesellschaftlichen Dingen. Das vereinfacht eine Beziehung total. Und wenn man dann noch auf die Stärken und Schwächen des Anderen eingeht, dann befruchtet das eine Arbeit.

Peter:
Kommen wir zu meiner – als Onlineredakteur – Pflichtabschlussfrage. Was haltet Ihr von Online-Magazinen?

Dero:
Das ist natürlich sehr gut. Wir haben ja auch eine eigene Page (http://www.oomph.de) mit Forum, wo sich die Fans austauschen.
Ich denke, dass dem Medium Internet definitiv die Zukunft gehört, aber trotz alledem werden die Printmedien parallel dazu Bestand haben.

Peter:
Im Prinzip war es das dann auch schon. (lacht)
Gibt es noch irgendwas, was ihr sagen wollt?

Dero:
Also ich möchte auf diesem Weg bedanken bei all den Fans, die uns schon seit unserer ersten CD kennen, verfolgen und mit uns mitgewachsen sind, die all die Stilveränderungen mit durchlebt und akzeptiert haben und uns heute immer noch hören.

Redakteur:
Peter Kubaschk

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