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PAIN: Interview mit Peter Tägtgren

27.10.2016 | 17:09

"Coming Home" - geben wir es ruhig offen zu - schlug vollkommen zurecht ein wie eine Bombe. PAIN und Peter sind zurück: melodiöser, exzentrischer, besser und charismatischer denn je. Zugegeben, PAIN hat nie ein wirklich schlechtes Album veröffentlicht, doch "Coming Home" stellt selbst meinen Liebling "Psalms Of Extinction" in den Schatten. Wir konnten Peter Tägtgren persönlich zu einem äußerst netten Gespräch begrüßen.

"Uns geht es sehr gut und wir sind momentan alle ziemlich entspannt. Das Album scheint gut anzukommen, das freut uns natürlich sehr." Wir sprachen ihn darauf an, wie weit die Arbeiten an "Coming Home" zurückreichen und inwiefern er neben HYPOCRISY und dem jüngsten LINDEMANN-Projekt auch noch Zeit fand, anscheinend im Vorbeigehen ein bockstarkes PAIN-Album zu veröffentlichen. "Ich glaube, ich habe schon vor rund vier Jahren angefangen, einige Ideen für "Coming Home" niederzuschreiben und an den Songs zu arbeiten. Im Sommer 2013 wurde ich dann von Till (Lindemann - Anm. d. Red.) auf ein RAMMSTEIN-Konzert eingeladen und anschließend sagte er, wir sollen doch ein wenig Musik miteinander machen. Durch LINDEMANN wurden die Ideen für die neue PAIN-Platte erst einmal auf Eis gelegt. Im September des letzten Jahres, als das "Skills In Pills"-Album schon längst erschienen war, nahm ich diese Arbeiten dann wieder auf. Ich habe also im Endeffekt über ein Jahr an der neuen PAIN-Platte gearbeitet. Das musste aber zwischenzeitlich auch unterbrochen werden, da ich beispielsweise noch das neue Album von SABATON produziert habe. Während den Aufnahmen habe ich Joakim (Broden, SABATON - Anm. d. Red.) auch gefragt, ob er nicht als Gastsänger auf "Coming Home" in Erscheinung treten wolle. Und nun ist er bei 'Call Me' zu hören, mir gefällt der Song sehr. Nicht nur von der Story her."

Welche Story meint Peter? "Nun, 'Call Me' beschreibt einen Callboy, der von Frauen angerufen wird, die Zeit und Sex von ihm wollen. Im Gegenzug bekommt er natürlich Geld von den Damen, mit denen er Zeit verbringt. Er ist hin- und hergerissen, ob ihm Geld oder Sex wichtiger ist, eine richtig komische Geschichte." Ein waschechter Gigolo, wie er im Buche steht, und ein vielbeschäftigter Mann. Doch bevor wir auf das neue Album eingehen, erklärt mir Peter die Entwicklung der Band der letzten fünf Jahre. "Weißt du, fünf Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Die Dinge ändern sich so schnell. Als die letzte PAIN-Scheibe erschien, spielte ich über 100 Shows mit HYPOCRISY und als dann "End Of Disclosure" erschien, kamen nochmal so viele Gigs dazu und urplötzlich war so viel Zeit vorbei. Aber ich habe keine Sekunde bereut und hatte sehr viel Spaß. Und wenn du bei deinen Arbeiten Spaß hattest, verfliegt die Zeit eh im Nu."

Ein vielbeschäftigter Mann, so kennen wir Peter Tägtgren seit Jahren. Scheinbar hat sein Tag 48 Stunden oder er kommt gänzlich ohne Schlaf aus. Wenn man dazu weiß, dass seine Arbeiten stets Hand und Fuß haben, ist das schon beeindruckend. Inwiefern beeinflussten denn die anderen Projekte die aktuelle Scheibe? "Nun, ich wollte mich ein wenig von dem entfernen, was ich in der Vergangenheit mit PAIN geschrieben habe, ohne jedoch den Geist und den Stil von PAIN zu verändern. Es sollte also eine Weiterentwicklung und vor allem überraschend sein. Ich musste irgendwie beim Songwriting aus meiner Komfortzone heraus, da ich ein wenig von meinem üblichen Songwriting gelangweilt war. Klar wäre das alles einfacher gewesen, aber diesmal wollte ich einfach keine Shortcuts und Kompromisse machen. Darum ist es wohl solch ein langer, ungewöhnlicher Prozess geworden, der sich am Ende aber doch gelohnt hat. Das Album klingt verdammt frisch." Das liegt wohl auch an Songs wie 'Call Me' oder dem eher unytpischen Opener 'Designed To Piss You Off'. "Das ist genau das, was ich meine. Für unsere Verhältnisse vielleicht etwas ungewöhnlich, obwohl da 100% PAIN dahintersteckt. Diese Eröffnung haben die Leute sicherlich nicht erwartet und genau solche Situationen liebe ich. Ein bisschen Funk hier, Country dort, die Mischung finde ich richtig gelungen. Ich kann mit der Musik meiner Kreativität freien Lauf lassen, also warum nicht mal auf diese Art ein Album eröffnen?"

Und ähnlich abwechslungsreich und spannend verläuft auf Peters Mondfahrt im weiteren Verlauf. Obwohl PAIN immer noch dem Industrial-Sound zuzurechnen ist, gibt es hier und dort Passagen, die das Unterfangen merklich auflockern und diese Platte zu dem machen, was sie im Endeffekt ist: ein bärenstarkes PAIN-Album. "Im Endeffekt beinhaltet es thematisch alles, was man sich so vorstellen kann. Durch das LINDEMANN-Projekt habe ich gelernt, ein wenig mehr Humor und Sarkasmus in die Texte miteinfließen zu lassen. Es ist die mit Abstand humorvollste PAIN-Scheibe und ein weiteres Puzzle-Teilchen. Ich habe schon des Öfteren über negative Dinge geschrieben, doch es ist nicht alles so trüb und traurig, haha. Ein paar positive Vibes haben noch keinem Album geschadet. Und trotzdem gibt es auch durchaus ernsthaftere Themen, die der aufmerksame Zuhörer schon rausfiltern kann." 'Natural Born Idiot' wäre beispielsweise solch ein Song, der jedem von uns aus dem Herzen sprechen könnte. "Manchen Menschen möchte man einfach nur komplett aus dem Weg gehen und aus seinem Leben verbannen. Jeder hat so jemanden bei sich im Bekanntenkreis. Ein Dummschwätzer, Klugscheißer, Besserwisser, wir wissen alle, wovon dieser Song im Endeffekt handelt."

Aufsehen erweckt auch die Position des Trommlers auf "Coming Home". Sebastian Tägtgren, Peters Sohn, schwingt die Trommelstöcke und Väterchen ist voll des Lobes für den kleinen Schützling an der Schießbude. "Ja, es stimmt, mein Sohn hat die Drums auf dem Album übernommen. Er ist ein toller Drummer und er hat frisches Blut in die Band gebracht. Es ist so, als sei eine neue Art von Generation in die Band gestoßen. Die Zusammenarbeit war eben ziemlich einfach, da wir in einem Haus leben." Und solch ein frisches Blut ist sicherlich auch für die nächsten Monate durchaus hilfreich, wenn es für Peter und PAIN um den Erdball geht. "Ja richtig, zunächst sind wir in Europa unterwegs. Deutschland, Tschechien, Frankreich, Spanien, Portugal, wir kommen auf jeden Fall gut rum. Dann geht es auf das 70.000 Tons Of Metal-Boot und Nordamerika dürfte dann auch an der Reihe sein. Von der East- bis zur West-Coast haben wir knapp 15 Headliner-Auftritte. Da kommen auch einige Länder auf uns zu, die wir bei den letzten Tourneen außen vor gelassen haben. Wir hoffen natürlich darauf, euch irgendwo zu sehen." Man darf sich also auf eine PAIN'sche Hochzeit freuen. "Coming Home", ein Album, das in vielerlei Hinsichten überrascht, aber trotzdem 100%ig PAIN beinhaltet. So darf man auch den Gigs freudig entgegenblicken, wenn neben obligatorischen Krachern der Marke 'The Great Pretender', 'Dirty Woman' und 'Shut Your Mouth' auch neuere Hits wie 'Designed To Piss You Off', 'Pain In The Ass' und natürlich 'Black Knight Satellite' dazu stoßen. Wir sind gespannt.

Redakteur:
Marcel Rapp

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