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PANTERA: The Complete Studio Albums 1990 – 2000

19.12.2015 | 10:31

Fast auf den Tag genau vor elf Jahren stand die Musikwelt für einige Sekunden still, als ein DAMAGEPLAN-Konzert in Ohio in einer vollkommenen Tragödie endete und der Schuss auf Dimebag Darrell überall auf der Welt größte Bestürzung und Trauer auslöste. Wie kein Zweiter formte er mit seinem filigranen, gewaltigen Gitarrenspiel, mit seiner sympathischen, herrlich verrückten und liebevollen Aura ein ganzes Jahrzehnt, das nun, wir befinden uns wieder in der Gegenwart, von Warner Music edel zusammengefasst wird.

"The Complete Studio Albums 1990 – 2000" hält, was der Name verspricht, und beinhaltet sämtliche PANTERA-Studioalben der Neuzeit in wunderbarem Vinyl-Format. Den 18.12 sollten sich Schallplattenliebhaber und PANTERA-Verehrer rot im Kalender anstreichen, hält die Box doch Alben für die Ewigkeit parat, die in den folgenden Zeilen ein wenig zur Geltung kommen sollen.

Obwohl PANTERA schon seit 1981 rumwirbelte, war vom späteren Monster-Groove und der rifflastigen Urgewalt noch keine Spur. Auf den ersten vier Alben widmeten sich Dimebag, Vinnie, Rex und der 1987 hinzugestoßende Phil noch dem Glam Rock/Metal, ohne groß Aufsehen zu erregen. Doch alles änderte sich wenige Jahre später, als die Band zu ihrer Bestimmung fand.

1990 sollte nach einer kommerziell also nicht erwähnenswerten Phase der Durchbruch gelingen und ein Flächenbrand in größtem Ausmaß entstehen. "Cowboys From Hell" ist selbst 25 Jahre später immernoch ein absoluter Meilenstein, ein überall gern gesehener Gast in sämtlichen Playlists, dessen Name auf der gesamten Welt für Ehrfurcht sorgt. Nachdem die ersten vier Alben allesamt unter Eigenregie entstanden sind, schnappte sich Atlantic Records dieses heiße Eisen aus Texas und sollte ein goldenes Händchen beweisen: Von Terry Date produziert, fegt "Cowboys From Hell" alles weg, was bei drei nicht auf den Bäumen ist: Anselmo brüllt sich die Seele aus dem Leib und verleiht der Truppe eine gehörige Portion Aggressivität, die Gebrüder Abott sorgen einerseits für verspieltes, aber brutales Riffing, andererseits für punktgenaues und wuchtiges Drumming, und dank Rex' wummerndem Bass fügt sich auch das letzte Mosaiksteinchen in ein Gesamtkunstwerk, das dank Songs wie dem alles vernichtenden Titeltrack, dem wahnsinnigen 'Heresy' und dem bockstarken 'Domination' schnell den Klassiker-Status innehatte. Ob wir es mit schnellen Brechern der Marke 'Primal Concrete Sledge' und 'Shattered', astreinen Groove-Monster, wie 'Message In Blood', die die Band noch perfektionieren sollte, oder selbst balladesken Töne wie 'Cemetery Gates' zu tun haben, "Cowboys From Hell" ist fraglos ein "All Killer, No Filler"-Album, mit der sich die Band ein Denkmal gesetzt hat. Dank des radikalen Kurswechsels hat PANTERA endlich zu jener Stärke gefunden, die sich auch in der Folgezeit auszahlen sollte: Gänzlich ausverkaufte Headliner-Shows, Preise über Preise und weitere Meilensteine der Musikszene sollten den Bandnamen in die Geschichtsbücher bringen. Der in den 1990er Jahren aufkeimende Neo-Thrash wurde geboren.

Nachdem der Vierer auch live zeigen konnte, was in ihm steckt – insbesondere ist ihm das in Moskau 1991 zusammen mit METALLICA und GUNS'N ROSES gelungen – nahm er diese Live-Gewalt mit ins Studio, um mit "Vulgar Display Of Power" einen kongenialen Nachfolger einzutüten. Der brutale Sound, für den abermals Terry Date zuständig war, die Chemie innerhalb der Band und das fast schon fassungslos hohe Level an Energie und Wucht waren die Grundpfeiler, für den nächsten Meilenstein in der PANTERA-Diskographie. Fronter Phil zeigt sich facettenreich, aber brutal gut bei Stimme und metzelt gemeinsam mit Dimebags Schreddern alles nieder. Ein Schlag ins Gesicht, das Artwork – das müsst ihr zugeben – hätte nicht besser gewählt werden können. Genicke wurde reihenweise gebrochen, Evergreens mit Leichtigkeit aus dem Ärmel geschüttelt, "the next big thing" war schon lange kein Geheimtipp mehr. Musikalisch angefangen beim kompromisslosen Opener 'Mouth For War', über 'Walk', zu dessen Riff man nichts mehr sagen muss, und den Wutausbrüchen 'Fucking Hostile' oder 'Rise' bis hin zu 'By Demons Be Driven' oder dem famosen Abschlusstrack 'Hollow', kann "Vulgar Display Of Power" seinem eh schon perfekten Vorgänger das Wasser reichen und ebnet den Weg der Band zum Thron des Jahrzehnts. Als Speerspitze des 90er-Jahre-Thrashs sorgte PANTERA nicht nur für frischen Wind, sondern gleich für einen Hurrikane, der nicht einmal den Hauch von Kritik aufkommen ließ. PANTERA blieb sich der "Cowboys From Hell"-Linie treu, ohne jedoch zu stagnieren und auf der Stelle zu treten: Die Band wusste, was die Stunde geschlagen hatte, und sorgte mit zwei musikalischen Explosionen für Furore. Der Sprung auf die Pole-Position der US-Metal-Charts gibt ihnen Recht.

Wiederum zwei Jahre später sollte PANTERA mit "Far Beyond Driven" nicht nur abermals die Spitze der Album-Charts, sondern auch jene der Extreme erreichen. Das 1994er-Werk gilt gemeinhin als brutalstes, sofern dies nach den Vorgängern überhaupt noch möglich war, facettenreichstes und energiegeladenstes Album der Bandhistorie. Im Studio wurde ihr freie Hand gelassen und wusste dies auch auszunutzen. Erneut von den explosiven und schweißtreibenden Live-Aktivitäten Monate zuvor angesteckt, wusste PANTERA die Gunst der Stunde zu nutzen: Mit 'Strength Beyond Strength' hätte ein brutalerer Einstieg nicht gewählt werden können, 'Becoming' und '5 Minutes Alone' sind in puncto Groove eh von einem anderen Stern, 'Use My Third Arm' lässt die Korken knallen und mit dem BLACK SABBATH-Cover 'Planet Caravan' hat sich nicht nur eine faustdicke Überraschung, sondern zugleich eine wunderschöne, hoch atmosphärische Ballade ans Ende geschmuggelt. PANTERA zeigt sich als eingeschworene Einheit, die es versteht, über die volle Spielzeit von 56 Minuten ihre sämtlichen Stärken herauszukitzeln und den Zuhörer sämtlicheBrutalität vor den Latz zu knallen. Das Texas-Quartett ging 1994 also noch eine Stufe weiter und anstatt sich selbst zu kopieren, untermauerte es jenen Status, den es ab "Cowboys From Hell" innehatte. Wir wissen leider nur zu gut, dass bei PANTERA in der Folgezeit nicht immer alles derart rosig und heiter aussehen würde. Trotzdem sollten auch die beiden Folgealben ihre Glanzpunkte haben und nicht zu Unrecht in der vorliegenden Box zu finden sein.

PANTERA blieb dem Zwei-Jahres-Rhythmus treu und ging 1996 mit "The Great Southern Trendkill" wieder in die Offensive. Erneut trampelte das Flaggschiff des Neo-Thrashs nicht auf der Stelle, sondern setzte im Hinblick auf den Abwechslungsreichtum neue Maßstäbe. Obwohl die drei Vorgänger das Maß aller Dinge waren, sorgten auf der einen Seite die typischen Aggressionsmonster mit durchgetretenem Gaspedal wie das abgefahrene Titelstück, auf der anderen Seite jedoch auch melodische Brocken, die das Unterfangen "Trendkill" merklich und auf äußerst angenehme Art und Weise auflockerten, für Aufhorchen. Speziell '10's' und 'Floods' sind hier zu nennen, die in Anbetracht der Hitdichte im PANTERA-Repertoire zu Unrecht schnell in Vergessenheit geraten. Herausragen jedoch auch die beiden 'Suicide Note'-Teile, die vom Härtegrad nicht unterschiedlicher hätten ausfallen können. Dimebag beweist auch im wiederholten Ansturm, dass er einer der besten Gitarristen der Welt ist und veredelt mit seinen Soli, seinen unbändigen Riffs, auch dieses Album. Erneut hat der Sympathikus ein tolles Album unter der Produktion von Terry Date eingetütet. Doch Springinsfeld Phil sorgte mit seinen enorm düsteren Lyrics für Aufsehen: Jahrelange Medikamentensucht, der eine oder andere Griff zur Spritze, aber auch seine zahlreichen Nebenprojekte – DOWN veröffentlichte nur ein Jahr zuvor das superbe 'NOLA' – forderten ihren Tribut. Die Gesangsleistungen anno 1996 waren auch mal besser, die Bandchemie auch mal harmonischer, manche Songs auch mal zwingender. Trotzdem würden sich viele Bands für "The Great Southern Trendkill" heutzutage die Beine ausreißen.

Der Zwei-Jahres-Rhythmus konnte danach nicht mehr eingehalten werden und Fans mussten lange warten, obgleich 1997 mit "Official Live: 101 Proof" ein extrem starkes Live-Album in die Menge geworfen wurde. In den folgenden drei Jahren war Phil auch in anderen Sparten aktiv und Dimebag und Vinnie feilten sehr lange an neuen Stücken, die sie 2000 als letztes PANTERA-Album an den Mann bringen sollten. Für "Reinventing The Steel" übernahm PANTERA auch selbst die Produktion, anscheinend haben die Jungs seit "Cowboys From Hell" genug von Terry Date gelernt. Das Endergebnis kann sich entsprechend sehr gut sehen und vor allem hören lassen. Die Abott-Brüder haben das Bestmögliche aus der Produktion herausgeholt, speziell Dimebag präsentiert sich an der Klampfe einmal mehr in außerordentlich guter Form und auch Phil kommt an die einstigen Leistungen wieder heran. Gut Ding will schließlich Weile haben, sodass Fans auch über die lange Wartezeit von vier Jahren hinwegsehen und sich zu "Reinventing The Steel" auspowern konnten. 'Goddamn Electric', 'Death Rattle' oder auch 'Revolution Is My Name' und 'You Gotta Belong To It' sorgten für die perfekten Stimmungstracks und dafür, dass die heimischen vier Wände in ein Schlachtfeld verwandelt wurden. Die Texaner konnten stolz auf ihr letztes Werk sein. Doch so sehr das lachende Auge funkelt, so wehleidig und melancholisch fragt sich das weinende, wohin es PANTERA geschafft hätte, wenn, ja wenn es nach "Reinventing The Steel" nicht zu jenen Streitigkeiten gekommen wäre, die letztendlich für den Split sorgten. Was wäre aus PANTERA geworden, wenn Phil nicht mit SUPERJOINT RITUAL und DOWN, die anderen Mitglieder mit REBEL MEETS REBEL auf Achse gegangen wären, wenn zwischen Phil und DAMAGEPLAN nicht die Fetzen geflogen wären, wenn man eine jahrelange Freundschaft nicht wegen einiger Disharmonien über Bord geschmissen hätte, wenn der 8. Dezember 2004 nicht als einer der düstersten und traurigsten Tage in die Musikgeschichte eingegangen wäre.

Fakt ist, dass sich PANTERA mit ihrer 90er-Phase ein unfassbares, unverwüstliches Denkmal gesetzt und Meilensteine erschaffen hat. Ob Jung oder Alt, Alben wie "Cowboys From Hell", "Vulgar Display Of Power" oder "Reinventing The Steel" sorgen selbst viele Jahre später noch für eine Gänsehaut, für Gefühle, die kaum zu beschreiben sind, da sie im Hinblick auf die Wucht, Aggression, aber auch Fingerspitzengefühl und musikalischer Innovation Geschichte geschrieben haben. Es gibt kaum eine Band im härteren Sektor, die sich heutzutage nicht an den Glanzpunkten der PANTERA-Historie orientiert. Der Einfluss ist enorm, die Songs sind legendär, die Alben Evergreens. Ich bin froh, dass sie als Bündel mit der vorliegenden Box – ob nun im CD- oder vorliegend im Vinyl-Format – jene Aufmerksamkeit bekommen, die sie fraglos verdienen. Auch wenn Dimebag diese Veröffentlichung nicht mehr miterleben kann, wird er mit ungemein viel Stolz auf die goldene PANTERA-Ära zurückblicken und wissen, dass er wie kein Zweiter das musikalische Schaffen in diesem Jahrzehnt entscheidend mitgeprägt hat.

Als zusätzliches Sahne-Bonbon fügt sich eine 7-Zoll-Single in die illustre Runde dieser Alben ein: Auf "Piss/Avoid The Light" finden sich zwei Non-Album-Tracks, von denen der eine bislang nur auf der Geburtstags-Edition vom "Vulgar Display Of Power"-Album, der andere im "Dracula"-Soundtrack von 2000 enthalten war. Auf transparent gelben Vinyl ist diese Special-Single nicht nur ein optischer Hingucker, sondern auch für Sammler ein gefundenes Fressen. Diese beiden Songs repräsentieren noch einmal sämtliche Stärken der Band rund um den Ausnahmegitarristen.

Und wie steht es momentan um die anderen drei Mitstreiter? Nun, Phil veröffentlicht in fast jedem Jahr ein Album unter einem anderen Banner, doch so kennt man den nimmermüden Workaholic eben. Um Brown wurde es bis auf DOWN ein wenig ruhiger, doch sein unnachahmliches Bassspiel bleibt in jeder Sekunde in Erinnerung, und Dimebags Bruder Vinnie ist mit HELLYEAH äußerst aktiv. Doch so unterschiedlich die Persönlichkeiten bei PANTERA waren, so legendär war ihre Zusammenarbeit, die in dieser Box passend zur Schau gestellt wird. Also schnallt euch an und erlebt eine musikalische Offenbarung, die wie kaum eine Zweite ein gesamtes Jahrzehnt formte.

Redakteur:
Marcel Rapp

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