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PARADISE LOST: Interview mit Greg Mackintosh

12.05.2020 | 21:32

Neues Album, Bandbiographie und momentan leider keine Konzerte: Der alte Haudegen hatte viel zu erzählen.

Im Vorfeld der Veröffentlichung des neuesten Studioalbums "Obsidian" bot sich für uns die Möglichkeit einen gepflegten Plausch mit Gitarrist Greg Mackintosh zu führen. So etwas lässt man sich natürlich nicht entgehen. Schon gar nicht, wenn ein solches Hammer-Gerät für Gesprächsstoff sorgt. Greg erwies sich zudem allen momentanen Umständen (und auch sämtlichen Vorurteilen) zum Trotz keineswegs als übellauniger Genosse, sondern viel mehr als bodenständiger, realitätsnaher Typ, den - durchaus typisch britisch - offenbar generell nur wenig aus der Ruhe bringen kann.

An sich wollte ich zunächst mit dir über die anstehende Tour und diverse Festival-Gigs sowie über die Vorbereitung darauf sprechen, schließlich hättet ihr ja einiges vorgehabt.

Kein Problem. Ich bin zwar - so wie alle anderen auch - mehr oder weniger dazu verdonnert worden, von jetzt auf gleich zu Hause zu bleiben, aber was soll's. Freiwillig würde das wohl nur ein sehr geringer Teil der Menschheit tun. Aber sofern man sich nicht auf etwaige Verschwörungstheorien beruft, kann man sich wohl oder übel damit abfinden und hält sich im Sinne der Allgemeinheit an diverse Maßnahmen. Mehr als abzuwarten und auf Verbesserung zu hoffen, bleibt uns allen momentan nicht. Und da es in den nächsten Wochen eben nicht möglich sein kann, gehen wir zu einem anderen Zeitpunkt auf Tour. Immerhin konnten wir bereits einen neuen Termin für eine Release-Show hier bei uns fixieren. Also, für September sind wir zuversichtlich. Aber sag mal, warum wolltest du eigentlich mit der Frage nach unserer Tour-Vorbereitung ins Interview einsteigen?

Weil ich wissen wollte, wie ihr die Setlist zusammengestellt hättet. Wären beispielsweise Songs von "Obsidian" schon bei den Gigs und Festivals vorgestellt worden, die vor dem Veröffentlichungsdatum eingeplant waren?

Hmm. Gute Frage eigentlich. Soweit sind wir allerdings gar nicht gekommen, haha. Die Setlist einer Tour differiert immer von der bei Festivals, das ergibt sich schon auf Grund der unterschiedlichen Spielzeiten. Die Vorstellung neuer Songs auf einer Tournee kann sich mitunter sogar von Show zu Show ändern. Vor allem kurz vor dem offiziellen Release, weil wir uns da noch in einer Art Aufwärmphase befinden. Glaub mir, ganz so einfach ist es auch nach all den Jahren nicht eine Setlist zusammenzustellen, weil jeder von uns eine andere Vorstellung hat. Aber es macht immer noch Spaß mit den anderen Jungs zu diskutieren und uns dann auf die Songs selbst und die Reihenfolge zu einigen.

Die Frage hat sich für mich auch dadurch ergeben, da ich auf eurem neuen Album gleich mehrere Kandidaten habe heraushören können, die unbedingt auf die Bühne gebracht werden müssen. Ich denke, es ist auch nicht übertrieben zu behaupten, dass ihr auf "Obsidian" die Essenz eures bisherigen Schaffens in Form von neuen Songs unterbringen konntet.

Danke, das sehen wir genauso. Allerdings war das eigentlich gar nicht so geplant, sondern hat sich im Laufe der Zeit so ergeben. Da wir für dieses Album vergleichsweise schnell gearbeitet haben und innerhalb von nur knapp mehr als einem halben Jahr mit den Songs und den Aufnahmen fertig waren, ist es wohl gestattet von einem Album zu sprechen, dass geradezu "spontan" entstanden ist. Außerdem ist es nach wie vor so, dass wir gemeinsam entscheiden, welche Songs schlussendlich auf einem Album verwendet werden. An Ideen im Vorfeld mangelt es nie, der Prozess von den ersten Riffs hin zur komplett durcharrangierten Komposition ist bisweilen ein wenig mühsam. Es ist nämlich wirklich nicht so einfach ein für alle zufriedenstellendes Ergebnis zu erzielen.

Dennoch scheint das interne Klima bei euch auch nach über 30 Jahren verdammt gut zu sein. Schließlich gibt es nicht viele Bands, die von sich behaupten können, nach so langer Zeit noch immer nahezu vollständig im Original-Line-up unterwegs zu sein.

Absolut! Meiner Meinung nach ist die Freundschaft, die Nick, Aaron, Steve und mich seit damals verbindet, auch das Allerwichtigste für die Band überhaupt. Wir waren nichts weiter als fünf Burschen aus dem britischen Halifax, die zusammen Musik machen wollten, und sind das im Prinzip bis heute geblieben. Okay, ein wenig, ähem, "reifer" sind wir natürlich schon, aber immer noch Freunde. Freunde fürs Leben! Darauf sind wir stolz, denn keiner hätte jemals gedacht, dass wir an unserem "Hirngespinst PARADISE LOST" so lange festhalten würden. Uns verbindet auch viel mehr als nur die Musik, auch wenn die Band klarerweise sehr viel dazu beigetragen hat, dass wir bis heute ein dermaßen inniges Verhältnis zueinander pflegen.

Andererseits wäre die Band-Geschichte mit all ihren Höhen und Tiefen auch anders verlaufen, wenn ihr "nur" Kollegen gewesen wärt...

Du meinst, wir würden heute vielleicht über die Geschichte unserer ehemaligen Band reden, wenn es nicht so wäre? Ganz sicher. Speziell in jener Phase, als wir nach den uns völlig überwältigenden Erfolgsjahren wieder aus dem Rampenlicht verschwanden, haben wir uns gegenseitig unterstützt und uns immer wieder aufbauen können. Auch die musikalische Metamorphose vom Doom-Sound in den ersten Jahren hin zu unserem aktuellen Sound wäre nicht möglich gewesen, wenn wir nicht eine dermaßen intensive Beziehung zueinander hätten.

Die wird jedem Fan spätestens dann so richtig bewusst, wenn er eure Historie an Hand der vor wenigen Wochen als deutschsprachige Ausgabe erschienenen Band-Biografie "No Celebration" nachvollzieht. Wie fühlt es sich denn an, wenn man als Musiker zu einer solchen Ehre kommt?

Alt, oder sollte ich besser sagen "legendär", haha. Nein im Ernst, es war zwar eine überaus zeitintensive Angelegenheit für uns alle, aber es hat sich gelohnt, denn das Ergebnis ist wirklich gut geworden. Irgendwie fühlt es sich zwar beim Lesen eigenwillig an, durch die Augen eines Anderen betrachtet zu werden, durch die unzähligen Interviews und Gespräche, die wir mit dem Autor geführt haben, ist uns aber auch einiges wieder bewusst geworden. Mitunter war es fast wie eine Therapie für uns, da wir bei so manchem, längst verdrängten Thema noch einmal in uns gehen mussten.

Zudem legt der Schmöker auch einige Tatsachen offen, die man als Fan immer nur vermuten konnte. Definitiv eure ureigene, in manchen Augen vielleicht als stur bezeichnete, Arbeitsweise, die durchaus auch auf eure Herkunft, noch viel mehr aber auf das "Kollektiv" PARADISE LOST zurückzuführen ist.

Daran wird sich auch nichts mehr ändern! Wir haben zwar in den letzten Jahren unsere Arbeitsweise ein wenig verändert, unsere Einstellung ist jedoch gleich geblieben. Durch die Möglichkeiten, die ich in meinem privaten Studio habe, lässt sich im Vorfeld einer Album-Produktion mittlerweile vieles schnell und völlig unkompliziert erledigen. Das war für "Obsidian" sehr hilfreich, speziell für die Zusammenarbeit von Nick und mir. Unter anderem habe ihm für einige Songs meine Vorstellungen vom Gesang als Snippets zukommen lassen und er hat mir dann seine Versionen davon zurückgeschickt. So kam es, dass wir einige Songs in unterschiedlich eingesungenen Varianten zur Auswahl vorliegen hatten und dadurch nachträglich Diskussionen, ob es nicht doch hätte anders auch gehen können, vermeiden konnten.

Ein guter Plan, denn "Obsidian" klingt trotz stilistisch unterschiedlich angelegter Tracks wie aus einem Guss. Stimmt es, dass ihr den Vorschlag eures Labels das Veröffentlichungsdatum [15.05.2020 - d. Red.] zu verschieben, abgelehnt habt?

Ja! Für uns gab es nämlich wirklich keinen Grund dazu. Zum einen, weil sich auch für uns der Markt verändert hat und der Großteil unseres Absatzes inzwischen digital bzw. online über die Bühne geht und es daher für viele Fans nicht mehr zwingend nötig ist in einen Plattenladen zu marschieren. Und zum anderen, weil wir der Meinung sind, dass man den Menschen im Moment nicht auch noch Kunst und Kultur komplett untersagen sollte. Wenn schon keine Konzerte stattfinden dürfen, sollen sich unsere Fans zumindest an den neuen Songs erfreuen können! Es ist durchaus möglich, dass es bessere Verkaufsstrategen als uns gibt und man muss auch unsere Einstellung weder verstehen, noch teilen. Doch was wir unseren Fans bieten wollen, bleibt nach wie vor einzig und allein unsere Angelegenheit!

Redakteur:
Walter Scheurer

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