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POOSTEW: Interview mit Christian Veltmann

09.02.2008 | 10:52

Einen überlangen Konzeptsong erwartet man als Letztes von einer Band aus der Grindcore-Szene. Das dachten sich auch die Münsteraner Blastbeat-Freunde POOSTEW. Und so überraschen sie auf ihrer aktuellen EP "Misericordia" mit einem in vier Kapitel unterteilten Mammuttrack. SPOCK'S BEARD-Supporter, die jetzt feuchte Hände kriegen, sind trotzdem nicht gut beraten, das Ungetüm aus schleifendem Death Metal und Highspeed-Getöse durch die eigene Teestube marodieren zu lassen. Shouter Christian Veltmann seufzt zu Beginn des Gesprächs über die Gründe für die jüngste Entwicklung erst mal aufrichtig, weil er von einer ganz schlimmen Krankheit unmittelbar betroffen ist.

Christian:
In Münster ist auch 'n bisschen Karneval angesagt. Und da wir hier über 'ner Kneipe wohnen, bin ich jetzt schon genervt wegen heute Abend. Ist 'n Traum, kannst du dir vorstellen (lacht).

Oliver:
Nicht nur im Vergleich zu dieser Seuche ist eure neue EP interessanter. Warum hattet ihr Lust auf mehr Komplexität?

Christian:
Bedingt dadurch, dass wir 2007 ein paar Rückschläge verkraften mussten, z. B. die Trennung vom Label und den Aus- und Einstieg unseres Schlagzeugers (Guido Panreck - Anm. d. Verf.), hatten wir 'ne kleine Auszeit, und die habe ich mit Paul (Haus; g. - Anm. d. Verf.) genutzt. Ich habe mich selbst mal hinters Schlagzeug gesetzt, und wir haben einfach munter drauflos geschrieben. Dabei kam die Idee zustande, auch Sachen zu verwenden, die nicht in den typischen POOSTEW-Sound passen. Wir dachten: "Komm, wir machen was, das noch keiner gemacht hat und was Besonderes ist." Wir haben uns dann entschieden, aus dem Joke, dass wir eh nie einen Song machen würden, der länger als eineinhalb Minuten ist, mal das Maximum rauszuholen und diesen Zwölf-Minuten-Song geschrieben.

Oliver:
Sind die Grindcore-Fans schon bereit für Progrock?

Christian:
Für Progrock? (grinst) Wir können ja jetzt schon auf die ersten Feedbacks zurückschauen. Und es scheint so, als würden alle es sogar recht dankbar aufnehmen, dass mal wieder ein bisschen Wiedererkennungswert erscheint und auch nicht nur die ganze Zeit Vollgas gegeben wird. Es scheinen auch alle zu erkennen, dass das nicht unser neuer Stil ist und wir jetzt demnächst Doom-Grind mit Zwanzig-Minuten-Songs machen, sondern dass wir das auch als Experiment und Projekt gesehen haben.

Oliver:
"Misericordia" klingt schmutziger als der letzte Longplayer "Plutocracy". Warum?

Christian:
Wir waren wieder bei Jens Ballaschke, zu dem wir seit unserem ersten Studiobesuch auch ein freundschaftliches Verhältnis pflegen. Und wir haben einfach weiter am Sound gearbeitet. Was er uns bei "Plutocracy" geschraubt hat, hat uns schon sehr gut gefallen. Aber diesmal haben wir gesagt: "Okay, 'Wand' ist cool. Aber wenn wir schon technischer werden, muss es auch klar definiert sein." Jetzt ist alles vielleicht nicht ganz so brachial, aber es hört sich körniger, dreckiger an. Und als wir den fertigen Mix bekommen haben, war für uns klar, dass es so gut passt. "Plutocracy" haben wir sieben-, achtmal gemixt, und das Ding hier ist mit zwei Mal sofort durch gewesen.

Oliver:
Du hast euer Ex-Label bereits kurz angesprochen. Was ist mit Silentstagnation schiefgelaufen?

Christian:
Das ist 'ne lange Geschichte. Als wir damals mit dem Kontakt angefangen haben, war das eher ein freundschaftliches Verhältnis. Man hat sich über Musik unterhalten und kam von einem Thema aufs andere. Irgendwann kam das Angebot: "Ich (gemeint ist Label-Betreiber Marcel Thoms - Anm. d. Verf.) mache eure nächste Platte." Daraus ist dann die Split mit den JaKas (JAPANISCHE KAMPFHÖRSPIELE - Anm. d. Verf.) entstanden. Kurz nachdem die Split ("Heirat aus Hass/Scheidung aus Spaß" - Anm. d. Verf.) erschienen war, gab's Probleme zwischen dem Label und den JaKas. Und wir haben uns gewundert, dass sie sich distanzieren. Weil wir aber andere Informationen hatten (uns wurden andere Details erzählt als den JaKas und umgekehrt) hatten wir noch keinen Grund, das groß zu hinterfragen und haben fröhlich unser Album produziert und alles vorgeschossen. Eigentlich sollten die Studiokosten vom Label getragen werden.

Als wir zur Tour loswollten, hatten wir keine CDs da, obwohl das Release-Date anstand. Und 'ne Tour zu fahren, die nach der CD benannt ist, ohne sie dabeizuhaben, ist natürlich mehr als blöd. Auf die Fragen, wo denn unsere CDs sind, kamen immer irgendwelche fadenscheinigen Ausreden. Nach der Tour haben wir ihn darum gebeten, uns unsere Merch-Verkäufe auszuzahlen. Das ging dann hin und her. Und irgendwann meinte er, er müsse umziehen und seinen Arbeitsplatz wechseln. Kurz darauf waren seine Telefonnummern lahmgelegt, er unbekannt verzogen und wir haben nichts mehr von ihm gehört.

Wir haben dann andere Labelbands angeschrieben und es öffentlich gemacht. Und auf einmal kamen aus allen Ecken irgendwelche Leute, die genauso von ihm abgezogen wurden - seien es Künstler, mit denen er gearbeitet hat, oder Labels. Erst auf die Bekanntmachung, dass wir uns von dem Label trennen, weil wir abgezogen wurden, hat er sich wieder gemeldet und gemeint, dass er uns jetzt sofort einen Vertrag schicken würde, und dann wäre alles gut. Leider haben wir diesen Vertrag nie bekommen. Er schuldet uns immer noch unser Geld. Aber da wir keine Telefonnummer oder Adresse haben, können wir nicht rankommen.

Oliver:
Unseriös und dreist geht die Hardcore-Szene zugrunde.

Christian:
Das Schlimme ist, dass man gerade in der Hardcore-Szene sagt, dass man keine Verträge braucht. Aber wir haben stark dazugelernt.

Oliver:
Bei Baskat Recordings, dem neu gegründeten Label von JaKas Christof Kather und WHITE EYES' Christian Bass, werden sich die Vorfälle eher nicht wiederholen.

Christian:
Ja. Aber da haben wir trotzdem sofort 'nen Vertrag abgeschlossen, einfach damit beide 'ne Sicherheit haben. Und es läuft dadurch gleich ganz anders. Jeder weiß, was er bekommt. Jetzt müssen wir natürlich erst mal gucken, wie es für das Label anläuft.

Oliver:
Ist es Zufall, dass man eine Verbindung zwischen dem EP-Titel und MISERY INDEX' "Discordia" konstruieren kann?

Christian:
Auf die Frage warte ich schon. Du bist jetzt der Erste, das wundert mich. Das war ja das, was mir meine Bandkollegen gleich unter die Nase geschmiert haben. Es ist natürlich 'ne schöne Mischung aus "misery" und "discordia". Aber es ist eigentlich ein ganz anderes Ding: Ich musste einen Lateinkurs belegen und habe diesen wunderschönen "Stowasser" bekommen. Und aus Langeweile habe ich darin rumgeblättert und irgendwann die Seite aufgeschlagen, wo "misericordia" stand. Das hat mir sehr gut gefallen und damit war dann der Albumtitel geboren. Es war keine Absicht.

Oliver:
Anstatt Tolkien-Bücher nach einem Namen zu durchforsten, kann man auch mal den "Stowasser" zur Hand nehmen.

Christian:
(lacht) Es hat dann so 'nen kleinen intellektuellen Touch und macht was her.

Oliver:
Dennoch ist es kein Geheimnis, dass ihr MISERY INDEX-Fans seid.

Christian:
Daraus haben wir noch nie einen Hehl gemacht. MISERY INDEX sind eine der Bands, die es schaffen, den Grindsound mit einer modernen Studioaufnahme zu verbinden. Und das ist für mich sehr wichtig. Es ist schon 'ne geile Sache, wenn man mal alles raushört und es 'n richtiges Brett ist - auch wenn irgendwelche alten CARCASS-Aufnahmen natürlich Charme haben.

Oliver:
Textliche Parallelen gibt es zwischen euch und den Amis auch.

Christian:
Na ja, das liegt wahrscheinlich am Grindcore, der schon immer politisch angehaucht war. Ich habe bei unserer ersten EP auch nur so Quatsch-Texte geschrieben. Aber irgendwann dachte ich mir: Jetzt könntest du auch mal Thematiken finden, die Sinn machen und bei denen der Leser - raushören tut's ja eh keiner - was mitnehmen kann. Ich glaube, wenn man mit halbwegs offenen Augen durch die Welt geht, interessiert man sich irgendwann für Politik und soziale Geschehnisse.

Oliver:
Ist es dir wichtig, dass man auch deine Texte liest und nicht nur zu der Musik ausklinkt?

Christian:
Ich verlange von keinem, dass er sich von mir und meinen Texten belehren lässt. Und ich will auch nicht mit erhobenem Zeigefinger vorne stehen. Für uns ist auch der Spaß an der Musik im Vordergrund, und ich freue mich, wenn die Leute nur die Musik abfeiern. Aber ich finde es ganz schön, wenn Bands das irgendwie mit Texten verbinden. Es macht für mich keinen Sinn, mir einen Text durchzulesen, in dem es darum geht, dass die Exfreundin weggerannt ist oder dass irgendwelche Nutten auseinandergeschnitten werden.

Oliver:
Übersetzt heißt "misericordia" "Mitleid, Barmherzigkeit, Bedauern". Wovon handelt der Song?

Christian:
Inhaltlich geht es um unsere Umweltpolitik, um globale Erwärmung, was natürlich gerade ein sehr aktuelles Thema ist, und um die Scheinheiligkeit, mit der wir damit umgehen. Obwohl wir in Deutschland so tun, als wären wir die Vorreiter der Klimapolitik, ist Bahn fahren immer noch zigmal teurer als Auto fahren. Und das macht für mich keinen Sinn. Wozu stecken wir da Geld rein, wenn wir nicht das öffentliche Verkehrsnetz subventionieren und es jedem für wenig Geld ermöglichen, es zu nutzen. Dann bräuchten wir nämlich keine Autos mehr. Genau das gleiche Ding ist, dass es seit Jahren die Möglichkeit gibt, ein Auto herzustellen, das wenig Sprit braucht. Aber die Benzin-Lobby ist so groß, dass kein Interesse daran besteht. Diese Scheinheiligkeit, dass immer gesagt wird, dass alles getan wird, kotzt mich wirklich an. Was wir machen, ist nur Kosmetik.

Oliver:
Das düstere Artwork transportiert die Musik gut nach außen und ist einmal mehr sehr geschmackvoll ausgefallen.

Christian:
Wir haben mit unserem Graphiker Kubassa schon längst 'ne Ebene gefunden. Der macht jetzt seit drei Platten unsere Artworks. Eigentlich brauche ich ihm nur noch den Titel sagen, und der Junge bastelt drauflos und trifft wirklich meinen Nerv. Obwohl, ich erinnere mich, dass wir an der ersten Platte verzweifelt sind, weil ich so ein Dickkopf bin und ihn immer wieder rumgescheucht habe, noch mal was zu verändern. Und ich glaube, er war sehr dankbar, als er mir diesmal den Entwurf geschickt hat, und ich sagte: "Ja, gekauft."

Oliver:
Szandor Kubassa ist sehr vielseitig. Das "Misericordia"-Design unterscheidet sich gestalterisch deutlich von dem des letzten Albums.

Christian:
Das ganze Artwork war für die 10" konzipiert (kommt über das belgische Midnight-Manhunt-Label - Anm. d. Verf.). Wir haben gesagt, wir machen eine 10", die einseitig bespielt ist, und auf die andere Seite wird das Artwork gedruckt. Er war dadurch natürlich etwas beschränkter und hat es halt einfarbig gemacht. Dass es bei dem CD-Artwork noch ein bisschen aufgewertet wurde, ist dem Kather von JAPANISCHE KAMPFHÖRSPIELE zu verdanken. Der kam mit der Idee, das Ganze mit diesem Chrome-Look aufzupolieren.

Oliver:
2007 war insgesamt ein holpriges Jahr für euch. Wie sehen die Pläne für 2008 aus?

Christian:
Im März werden wir erst mal 'ne Tour fahren. Da wollen wir natürlich die EP vorstellen, und das ist vielleicht auch die einzige Möglichkeit, sie am Stück zu hören. Da spielen wir in Deutschland, Österreich und Ungarn. Für Mai/Juni ist dann Italien angedacht; das ist aber noch nicht bestätigt. Später im Jahr wollen wir dann mit einer schwedischen Band auf Tour gehen, ein paar andere Auslandsaufenthalte sind auch noch geplant, und es stehen Festivals wie das "Fuck The Commerce" an.

Oliver:
Ein voller Terminkalender.

Christian:
Ja. Es fühlt sich ganz gut an, dass man doch noch gefragt ist, nachdem man sich 'ne kleine Auszeit genehmigt hat, obwohl wir nie wirklich inaktiv waren.

Redakteur:
Oliver Schneider

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