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POWERMETAL.de: The Essentials - Platz 20 - 11

13.08.2017 | 12:52

Es geht auf die Zielgerade zu. Die "Essentials"-Reihe liefert dieses Mal die Plätze 20 - 11. Wie immer kompetent und unterhaltsam vorgestellt von Redaktionslegende Holger Andrae

Peter Kubaschk
- Chefredakteur -

Den Auftakt zur vorletzten Runde macht auf Platz 20 ein Album, bei welchem wohl nicht wenige Leser mit einer Top-Ten-Platzierung gerechnet haben. Es ist ein Album, welches von nicht wenigen als eines DER Heavy-Metal-Alben angesehen wird. Dass der Verfasser nicht zu dieser Spezies gehört, wird der eine oder andere bereits mitbekommen haben, aber auch er kann nicht von der Hand weisen, dass es die fünf Herrschaften aus Birmingham mit dieser Schmerzkugel geschafft haben, einen zweiten Frühling ihrer Karriere einzuläuten. Ob ein gewisser Scott Travis mit Schuld daran ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Fakt ist allerdings, dass besagter Schlagzeuger, der vormals bei RACER-X die Felle verprügelt hat, auf diesem Album für den nötigen Wumms sorgt. Schon der alles vernichtende Titelsong, der das Album sicherlich nicht grundlos eröffnet, lässt im Jahre 1990 sämtliche Kinnladen gen Erdoberfläche klappen. So hart hat man JUDAS PRIEST zuvor noch nie gehört. Sieht man das Album im zeitlichen Kontext, hat es eine ähnliche Vormachtstellung wie 'Stained Class' zwölf Jahre vorher. Die Priester wollen es der Welt noch einmal so richtig zeigen. Nachdem man Mitte der 80er einen Durchhänger-Phase durchlebt hat, schrillt sich der Metal Gott zurück auf den Olymp. Aber auch die Herren Downing und Tipton wissen wieder, wie eine scharfkantige Metalgitarre zu klingen hat. Poppige Momente sucht man auf "Painkiller" vergeblich und auch die sonst immer wieder gern eingestreuten Balladen sind auf diesem Album nicht vertreten. Im Jahr 1990 wollen die Priester ein eindeutiges Statement veröffentlichen. Da sind Titel wie 'All Guns Blazing' oder 'Metal Meltdown' nur allzu ernst zu nehmen und auch das Covermotiv macht sehr deutlich klar, dass man auf diesem Album seine Ohren 'Between The Hammer And The Anvil' legen wird.  Die beiden Videoclips zum Titelsong und dem hymnischen Hacker 'A Touch Of Evil' helfen, Goldstatus zu erreichen und die anschließende Tour mit ANNIHILATOR und PANTERA im Vorprogramm schlägt riesengroße Wellen. In unseren Reihen muss es seit der letzten Liste ein paar Plätze lassen, denn damals konnte man noch Platz Neun belegen. 27 Jahre nach seiner Veröffentlichung landet man elf Plätze weiter unten, wird aber immerhin noch sechs Mal genannt. Zuständig dafür sind die Kollegen Sebastian, Rüdiger, Michael, Walter, Stefan und Chris. Anmeckern müsst ihr die anderen.


Für Platz 19 müssen wir nicht umziehen, denn auch diese Band stammt aus Birmingham. Man muss keine hellseherischen Fähigkeiten besitzen, um zu ahnen, dass es sich um BLACK SABBATH handelt. Eine der ganz großen Bands, die bislang noch gar nicht in unserer Liste aufgetaucht ist. Beinahe etwas befremdlich, aber wer weiß, was weiter oben noch kommen wird. An dieser Stelle finden wir die erste Kollaboration mit Ronnie James Dio: "Heaven And Hell". Aus heutiger Sicht ist es erstaunlich, dass dieses Album, so großartig geworden ist, denn die Umstände während der Entstehung waren alles andere als optimal. Wir alle wissen, dass ein Ersatz für Frontmann Ozzy Osbourne gefunden werden musste, was allein schon ein Grund für erdbebenartige Unruhen im Bandcamp gewesen sein muss. Erschwerend hinzu kommt aber noch die Problematik, dass Basser Geezer Butler mitten in einer Scheidung steckt und daher ebenfalls für unbestimmte Zeit nicht verfügbar ist und Drummer Bill Ward durch anhaltig zu tiefes Blicken in Gläser ebenfalls temporär nicht in der Lage ist, aktives Mitglied einer Band zu sein. So steht Mister Iommi beinahe völlig allein mit dem Rücken zur Wand und trifft sich mit Ronnie James Dio, um eine neue Band zu starten. Beide denken beim ersten Treffen nicht, daran, BLACK SABBATH fortzusetzen. Als sie aber das bereits ausgemusterte 'Children Of The Sea' am ersten Abend vervollständigen, ändern sie ihre Pläne. Um weiter an Songideen arbeiten zu können, wird Iommis' alter Freund Geoff Nicholls als Bassist hinzu gezogen und sogar der ehemalige RAINBOW-Bassist Craig Gruber wird zu Rehearsals geladen. Als Geezer zurückkehrt, übernimmt Nicholls als permanenter Keyboarder der Liveposten hinterm Vorhang. Ungünstige Voraussetzungen für kreatives Arbeiten, sollte man meinen, aber vielleicht ist es auch genau diese stressbeladene Stimmung, die "Heaven And Hell" so klingen lässt, wie es klingt. Schon die brachiale Rifforgie 'Neon Knights', die den Rundling mit einem Paukenschlag einleitet, setzt ein dickes Ausrufezeichen und kommt wie ein Befreiungsschlag aus den Boxen geknallt. Wenn man bedenkt, wie kränkelnd die beiden vorherigen Werke mit Ozzy klangen, ist man doppelt erstaunt, mit welcher Energie die Herrschaften hier zu Werke gehen. Mit dem anschließenden 'Children Of The Sea' erschafft man einen weiteren Klassiker in Sachen schön-schauriger Musizierkunst. Dios Gesangsleistung in den ruhigen Passagen sorgt auch heute noch für Ganzkörperentenparka und die Melodieführung ist einfach sensationell. Das ist ein Song, der wunderbar alle Merkmale von BLACK SABBATH in fünf Minuten zusammenfasst. Mächtiges Riffing vom Riffgott wechselt sich mit ruhigen, aber unglaublich mystisch klingenden Akustikparts ab, Geezer zappelt dazu permanent auf seinem Tieftöner herum und Bill swingt lässig, aber druckvoll den Hammer im Hintergrund. Rattenscharf. Ebenso grandios ist das heimtückisch startende 'Die Young', welches ebenso brutal über den Hörer einfällt, wie die Eröffnungsnummer. Solcher Brachialkraft kann man sich einfach nicht entziehen. Ebenso wenig wie dem etwas überstrapazierten Titelsong, der wohl als einer DER Metalklassiker in die Annalen der Musikgeschichte eingehen wird. Man mag zu dem immer wieder inszenierten Livemitsingspiel während dieser Nummer stehen, wie man will, diese Musik ist einfach magisch und auch durch solche Überpräsenz nicht zu zerstören. Da können die verbleibenden vier Nummern nicht ganz mithalten. Dies liegt aber nur an der Klasse dieser vier detailliert vorgestellten Songs, denn auf anderen Alben wären auch das famos-schleppende 'Lonely Is The Word' und das rock'n'rollende 'Walk Away' als Highlights zu nennen. Das Album ist in den USA inzwischen mit Platin versehen worden, was die allgemeine Anerkennung innerhalb der Musikszene wiederspiegelt. Unsere Kollegen  Rüdiger, Alex, Frank, Marius, Walter und Chris haben die Scheibe hierhin gewählt. Well done.


Für Platz 18 können wir ebenfalls in England verweilen, denn hier finden wir das sechste Album von IRON MAIDEN, welches von sechs Redakteuren gewählt wurde. Es ist außerdem das sechste Maiden-Album in unserer Liste. Dreimal die Sechs: Da war doch was. Ob sich Sebastian, Michael, Marius, Stefan, Julian und Thomas etwas dabei gedacht haben, vermag ich nicht zu sagen. Fakt ist, dass auch unsere Liste die übermächtige Stellung von IRON MAIDEN reflektiert und vielleicht ist diese Reflektion ja noch nicht zu Ende. Auf dem Album "Somewhere In Time" beginnt die Band erstmals mit Gitarrensynthesizern zu arbeiten, was den Schreiber dieser Zeilen damals zu der schrägen Ansicht getrieben hat, er brauche diese Scheibe nicht. Das ist natürlich hanebüchener Unfug, denn dieses Album braucht jeder, der auf anspruchsvollen Heavy Metal steht. Natürlich vermissen wir hier die punkige Attitüde der Frühwerke, aber das Quintett zeigt auf "Somewhere In Time", dass auch vermeintlich verkopfte Musik sehr mitreißend klingen kann.  Schon der eröffnende Titelsong bringt das Blut ordentlich in Wallung, da Steve Harris hier mit gewohntem Galoppiergezupfe für den nötigen Drive sorgt.  Wer nach diesem fulminanten Start aber glaubt, die Eisernen Jungmänner würden auch während der anderen sieben Nummern derartig energisch nach vorne preschen, sieht sich getäuscht. Auf "Somewhere In Time" beschreiten die fünf Musikanten den auf voran gegangenen Alben begonnenen Weg zu mehr Melodien und mehr Ernsthaftigkeit. Manche nennen es progressiv, so würde ich die zumeist sehr langen Nummern auf diesem Rundling aber nicht bezeichnen. Vielmehr beginnt die Band hier einzelne Passagen häufiger zu wiederholen oder minimal zu variieren. So geht man nach acht Songs mit einer Spielzeit von über 51 Minuten durchs Ziel. Eine recht beachtliche Durchschnittslaufzeit pro Song wie ich finde. Das allein ist aber nicht der größte Unterschied zu vorherigen Alben, denn lange Songs gab es immer schon. Neu ist die Verwendung von Gitarrensynthesizern, die der Musik einen klinischen Sci-Fi-Touch verleiht. Überraschend gut passt dazu auch das gesprochene Intro des Titelsongs, welches dem Film "Blade Runner" entnommen wurde. Die eben bereits angesprochene Detailverliebtheit innerhalb der Songs setzt sich im wohl großartigsten Coverartwork der Band fort. Es gibt unendlich viele Querverweise in die Vergangenheit der Band und man kann beinahe sagen, dass nichts auf dem Cover zufällig so aussieht, wie es aussieht. Ein Cover, in welchem man sich verlieren kann. Weitere musikalische Auffälligkeiten sind der Umstand, dass es keine Komposition von Sänger Bruce Dickinson auf dem Album gibt, dafür aber erste Alleingänge von Adrian Smith. Eine hört auf den Namen 'Wasted Years' und ist der einzige Song ohne Gitarrensynthesizer. Das Album landet in den britischen Charts auf Platz 3, in den USA platziert man sich auf Nummer 23 der Bilboardliste, während man in Deutschland auf Nummer 8 einsteigt.


Auf Platz 17 wenden wir unser Augenmerk auf eine Band, die insgesamt nicht ganz so populär ist, wie die drei Kandidaten zuvor. Dazu müssen wir über den großen Teich segeln und in Seattle vor Anker gehen. Dort gibt es in den 90er Jahren neben Grunge auch noch wahrhaftigen Heavy Metal. Eine Band, die in diesem Metier mit zwei Alben Maßstäbe setzen kann, hört auf den Name SANCTUARY. Das 1990 erscheinende, zweite Album der Band mit dem bedeutungsschwangeren Titel "Into The Mirror Black" schlägt in der Szene ein, wie kaum eine andere Scheibe zu dem Zeitpunkt und bis heute wird die Band, aus der kurze später NEVERMORE hervor geht, kultig verehrt für ihre ersten beiden Alben. Schon das düstere Coverartwork lässt erahnen, dass wir es hier mit schwerer Musik zu tun haben. Und genau so ist es auch. Allein der Song 'Epitaph', den Sänger Warrel Dane kurz nach dem Tode seines Vaters schrieb, geht tief unter die Haut. Aber auch die anderen Stücke sind von einer Tiefgründigkeit geprägt, die man nicht oft serviert bekommt. So ist die sozialkritische Grundaussage der Openers 'Future Tense', zu welchem auch ein Video gedreht wird, bis heute gültig. Aber auch die musikalische Umsetzung sorgt für offene Münder. So hören wir auf dem gesamten Album extrem fein aufeinander abgestimmte Riffs, die einfach nur drücken und die dabei auch noch technisch anspruchsvoll sind. Könnt Ihr Euch vorstellen, wie alte SAVATAGE in Kombination mit FATES WARNING klingen würden? Nein? Gut, dann habt ihr SANCTUARY wohl noch nicht gehört. Bei aller Verspieltheit sind die Nummern von SANCTUARY immer auch unglaublich melodisch und verfügen fast alle über ergreifende Refrains, bei denen man in der Regel mit der geballten Faust mitsingen muss. Bestes Beispiel hierfür ist wohl der von hackenden Riffs nach vorne peitschende Überflieger namens 'Taste Revenge', bei dem wirklich jeder (!) abgehen wird. Neben dem überirdischen Gitarrenspiel ist es aber natürlich in erster Linie der bis in Mark erschütternde Sirenengesang von Warrel Dane, der schnell zu den besten Sängern im US Metal gezählt wird. Was er auf den beiden SANCTUARY-Alben für Gesangslinien abliefert, ist mit schnöden Worten kaum zu beschreiben. Man muss diese immer kurz vor dem Wahnsinn agierende Stimme einfach selber hören und spüren, um zu verstehen, woher diese Faszination kommt. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob er mächtig angepisst wie in 'Taste Revenge' oder melancholisch klingt. Es ist jedes Mal eine emotionale Achterbahnfahrt für den Zuhörer, wenn Warrel seinen Seelenstriptease hinlegt. Dies hören innerhalb der Redaktion Martin Zunderlaan, Frank,  Peter, Walter, Simon und Holger so und verhelfen dem Album mit ihren Stimmen zum verdienten Platz 17.


Bevor es nun mit Platz 16 weiter geht, empfehle ich allen Leser eine Stunde Yoga-Übungen, um die nachfolgend beschriebene Platte unfallfrei mitlesen zu können. Sechs Kollegen – Martin VDL, Rüdiger, Alex, Frank, Simon und Holger – haben eine Scheibe auf diese hohe Position gewählt, die jegliche Normen sprengt und – obwohl sie bereits 1989 erschienen ist – noch immer als Vorzeigewerk für eine ganze Stilrichtung herhalten darf. Die Rede ist vom zweiten Album der Texaner WATCHTOWER mit dem Titel "Control And Resistance". Irreführender könnte eine Überschrift gar nicht sein, denn kontrolliert klingt hier gar nichts. Die Band ist damals einer DER Underground-Insider-Tipps und ihr in Eigenregie veröffentlichtes Vinyldebüt "Energetic Disassembly" hat 1985 (!) alle Grenzen gesprengt. Alle Welt wartet damals auf ein Nachfolgealbum bei einem renommierten Label. Diese Warterei dauert beinahe vier lange Jahre, eine Zeit, in der Sänger Jason McMaster und Gitarrist Billy White aussteigen und durch Alan Tecchio (vormals HADES) und Ron Jarzombek (vormals SA SLAYER) ersetzt werden. Das Album, welches bei Noise Records erscheint, beinhaltet acht sensationelle Songs, die allen Vorschusslorbeeren gerecht werden. Was die Rhythmusfraktion bestehend aus Doug Keyser (bs.) und Rick Colaluca (dr.) in allen Stücken abzieht, muss man hören, um es zu erfassen. Man hört den Kompositionen an, dass die Herren Musiker neben METALLICA und RUSH auch KING CRIMSON und UK mögen. Sollte es Leser geben, die noch keinen Ton von WATCHTOWER kennen, empfiehlt sich das auch als Video ausgekoppelte 'The Eldritch', in welchem es wunderbar wieselflink und hektisch zugeht. Dazu addieren sich der gewohnt hohe Gesang von Alan Tecchio und die seltsamen Gitarrenfiguren von Ron Jarzombek, der auch mal Songs aus Telefonnummern oder Wolkenumrissen bastelt. Wer schon etwas geübtere Ohren hat, versuche es wahlweise mit dem langen 'The Fall Of Reason', in welchem die Band so etwas wie einen ohrwurmigen Refrain eingebaut hat oder mit dem verspielten 'Life Cycles'. Lustiges Detail am Rande: Die Band, für die Jason McMaster WATCHTOWER verlassen hatte, heißt DANGEROUS TOYS und der letzte Song auf diesem Album 'Dangerous Toy'. Ein Schelm, der Schelmiges dabei denkt.

Passend zum frickeligen Texasrausch vom Wachturm, gibt es auch auf dem folgenden Platz 15 leicht verquere (Flöten-)Töne zu hören. Auch hier ist es ein Demo, welches der Band Plantagen voller Vorschusslorbeeren einbringt und auch hier gibt es zuerst mal ein Album in kompletter Eigenregie. Anders als bei den Texanern, wird jenes Album aber kurz darauf vom deutschen Label Rising Sun Records neu aufgelegt und so einer breiteren Masse zugänglich gemacht. Die meisten Leser werden bereits wissen, dass es sich um "A Social Grace" von PSYCHOTIC WALTZ handeln muss. Ein Album, welches die Verspieltheit früher FATES WARNING-Werke, mit der Düsternis 70er-BLACK SABBATH-Alben und dem Folk von JETHRO TULL verbindet. Die 13 Nummern auf diesem, vom wundervollen Coverartwork ihres sechsten Mitglieds Mike Clift (RIP) eingehüllten, Albums sind allesamt kleine Wundertüten, die den Hörer in eine Art glückseligen Trancezustand versetzen. Für mich  definiert das Gitarrenduo Brian MacAlpin und Dan Rock den Begriff der "flirrenden" Gitarre. Darunter zaubern Norm Leggio (dr.) und Ward Evans (bs.) quere Rhythmen, die im Gegensatz zu den Primzahltakten der Herren WATCHTOWER eher dem Zickzacklauf eines Flusses ähneln. Über diesen vermeintlichen wirren Notenfolgen schlängeln sich die Gesangslinien des Buddy Lackey, der heimlich und vielleicht auch ein bisschen tückisch versucht den Hörer einzulullen. Ein Unterfangen, das ihm zumeist ganz ausgezeichnet gelingt. So kann man bei der wahnsinnigen Halbballade 'Halo Of Thorns' wohl nicht anders, als im Entenparka auf Kuschelkurs zu gehen, während man bei einem knallharten Stakkato-Kracher der Marke 'Successor' auch mal wild headbangend durch die Wohnstube zappeln wird. Völlig außer Kontrolle geraten die Sinne des Verfassers dieser Zeilen aber außerdem noch beim finalen 'Nothing', welches schleppend beginnend, im weiteren Verlauf einen derartig mitreißenden Strudel erzeugt, dass ich immer völlig wegdrifte bei Zuhören. Da wird die Textzeile "everything is nothing" schnell Programm. Wer es lieber etwas behutsam möchte, darf die Flöten-Epik nicht verpassen und muss somit 'I Remember' antesten. Aber Achtung: Danach kauft man "A Social Grace". Garantiert! Auf die weiteren Songs gehe ich nicht weiter ein, sonst sprengt das hier den Rahmen. Es sei nur noch gesagt, dass es sich bei dieser Band obendrein auch noch um eine der besten Livetruppen dieses Erdballs handelt. Die sechs Verantwortlichen für diese Nennung heißen. Martin, Rüdiger, Walter, Tom, Simon und Holger.


Für Platz 14 verweilen wir in den USA, schwenken aber nach Florida. Dort nimmt eine maskierte Band ihr zweites Album "Transcendence" bei einem gewissen Herrn Morris auf. Wir reden natürlich von CRIMSON GLORY und dem Album, mit dem die Band eigentlich hätte ganz groß werden müssen. Eine weitere dieser unverständlichen Ungerechtigkeiten des Musikgeschäftes. Aber ich bin nicht hier, um diese Dinge anzuprangern, ich möchte die unglaubliche Qualität dieser Musik in Erinnerung bringen. Die zehn Songs auf diesem Album umfassen die komplette Bandbreite des anspruchsvollen, mitreißenden und melodischen US Metals, vorgetragen von einem Sänger, dessen Stimme mir jedes Mal sofort tief unter die Haut geht. John Patrick McDonald, Jr besser bekannt als Midnight, der leider am 8.7.2009 von uns ging, verfügt über eine Stimmfarbe, wie es sie nur einmal gibt. Kraftvoll, einfühlsam und immer emotional bis zur Zungenspitze. Es spielt überhaupt keine Rolle, ob er einen treibend-melodischen Song wie 'Lady Of Winter', einen aggressiven Uptempo-Kracher wie 'Red Sharks' oder eine Ballade wie 'Lonely' , für die es auch ein Video gibt, singt. Jedes Mal glaubt man ihm jedes einzelne Wort; er lebt die Texte und man durchlebt sie mit ihm. Die Band auf seine einzigartige Stimme zu reduzieren würde den restlichen Mitgliedern aber Unrecht tun. Vor allem die beiden Gitarristen Jon Drenning und Ben Jackson zaubern hochmelodische Harmonien aufs Parkett und verwöhnen den qualitätsbewussten Headbanger auch immer mit der nötigen Dosis an treibenden Riffs. Dazu pumpen Jeff Lords (bs.) und Dana Burnell (dr.) die nötigen Rhythmen durch die Boxen. Dies ist besonders eindrucksvoll, wenn man ein bisschen herum experimentiert. Hier verweise ich auf das sphärische Titelstück und auf fast epische 'In Dark Places', in welchem mehr als ein leichter LED ZEPPELIN-Groove zu hören ist. Wer es hingegen ein bisschen härter mag, sei auf das bereits erwähnte 'Red Sharks' oder das hackende 'Where Dragons Rule' hingewiesen. Sieben Kollegen haben diese Scheibe so hoch hinauf gewählt: Chris, Tom, Thunderlaan, Peter, Michael, Marius und Holger.

Über die Band auf Platz 13 muss ich nichts mehr schreiben. Sie ist zum siebenten Mal in dieser Liste und das mit einem Album namens 'Seventh Son Of The Seventh Son". Es ist vorerst das letzte Album mit Gitarrist Adrian Smith, der erst 1999 wieder zur Band zurückkehrt. Bei dem Album handelt es sich um ein Konzeptalbum, in dessen Inhalt sich mit dem (Aber)Glauben beschäftigt, dass dem siebenten Kind eines siebenten Kindes Heilkräfte inne wohnen würden. Textlich gibt man sich sehr kryptisch, so dass man die ersten vier Songs nur vage dem Thema zuordnen kann. So setzt man sich im Opener 'Moonchild' mit den Schriften von Aleister Crowley auseinander. Erst in der zweiten Hälfte des Albums wird die Storyline konkreter, was bedeutet, dass man sich sehr intensiv mit den Texten beschäftigen kann. Musikalisch setzt man beim Vorgängeralbum an und arbeitet verstärkt mit Gitarrensynthsizern. Obendrein ist auffällig, dass beinahe alle Musiker am Songwriting beteiligt sind und dass verstärkt auf gemeinsames Komponieren geschaut wird. Die Band geht immer weiter weg von kurzen, schnellen Songs und legt immer mehr Wert auf ausgefeilte Arrangements und ausschweifende Passagen. Das hochmelodische 'Can I Play With Madness' wird der bis dahin größte Charthit der Band. Man landet auf Platz 3 der britischen Hitliste. Das Album selbst ist das zweite Werk der Band, das in Großbritannien die Pole Position einnehmen kann. Die weiteren Auskopplungen ('The Evil That Men Do', 'The Clairvoyant' und 'Infinite Dreams') können sich ebenfalls alle in den Top 10 platzieren und die Band ist auf einem Triumphzug. Auch in unserer Redaktion, denn Sebastian, Stephan, Tobias, Jule, Marcel und Tom haben den siebenten Sohn hierhin gewählt.

Für Platz 12 reisen wir zurück nach Florida und verweilen dort auch eine ganze Weile. Rüdiger, Peter, Frank, Marius, Walter und Tom haben dieses Metal-Musical in unserer Liste so weit nach oben geschoben. Dass es sich hierbei nur um "Streets – A Rock Opera" von SAVATAGE handeln kann, dürfte längst klar sein. Es ist das erste Album dieser Art von SAVATAGE, dem mit "Dead Winter Dead" und "The Wake Of Magellan" und "Poets And Madmen" noch drei weitere folgen sollten. In der Streets-Story geht es um einen drogenabhängigen Rockstar namens DT Jesus, der sehr tief fällt, um schlussendlich aber doch seinen inneren Frieden findet. Die Geschichte hat Produzent Paul O'Neil bereits im Jahr 1979 für ein nie aufgeführtes Broadway-Musical verfasst. Sänger Jon Oliva hat daraus die Texte für das ursprünglich als Doppelalbum geplante Konzeptwerk geschrieben, welches auf Drängen der Plattenfirma dann als Einzelwerk veröffentlich wird. Auch der unglückliche Umstand, dass etliche Songs zu Doppelpaaren unter jeweils einer Indexnummer der CD zusammengefasst werden, liegt im Interesse der Plattenfirma, die nicht mehr als 12 Songs auf einem Album möchte. Zwei Songs – 'When The Crowds Are Gone' und 'Gutter Ballet' – sind bereits auf dem voran gegangenen Album verwendet worden. Sieht man von diesen Mankos ab, bekommt man eines der musikalisch besten und textlich am meisten fesselnden Konzeptalben im Rockbereich. Von Sänger Jon Oliva, der hier aus gesundheitlichen Gründen zum letzten Mal für sehr lange Zeit auf einem SAVATAGE-Album singt, gewohnt erstklassig in Szene gesetzt, feuert die Band hier ein Feuerwerk ab, das bis heute noch über die komplette Albumlänge begeistern kann. Neben herzergreifenden Balladen wie 'A Little Too Far' oder 'If I Go Away' bis hin zu krachenden Riff-Brechern der Marke 'Jesus Saves'  bekommt der aufgeschlossene Metalfan hier alle Schattierungen seiner Lieblingsmusik serviert und wenn man kurz vorm Finale bereits im siebenten Himmel am der Luftgitarre herumspielt, gibt mit 'Believe' noch einen der am meisten ergreifenden Songs der Dekade zu hören. Die Nummer allein macht "Streets" zu einer Pflichtveranstaltung. Ach, vor einiger Zeit hat man sich übrigens erbarmt und endlich die ursprüngliche Komplett-Version mit vorher gestrichenen Sprachpassagen veröffentlicht. Es gibt also keine (!) Entschuldigung mehr, dieses Album nicht zu besitzen.

Und weil wir gerade schon dabei sind folgt nun das erste Album, welches von sage und schreibe neun Kollegen gewählt wurde. Martin, Rüdiger, Peter, Walter, Stefan Lang, Tobias, Jule, Chris und Tom haben den Vorgänger zum eben abgehandelten Werk auf Platz 11 gesetzt. "Gutter Ballet" von SAVATAGE zeigt die Band noch von ihrer deutlich härteren Seite, hat aber auch schon einige orchestrale und bombastische Elemente mit an Bord. Zu den beiden Songs, die eigentlich zum "Streets"-Zyklus gehören – dem Titelsong und der epischen Ballade 'When The Crowds Are Gone' – werden Videoclips gedreht. Diese beiden Nummern werden im Studio allein von den Oliva-Brüdern und Paul O'Neil eingespielt, wobei Jon auch noch die Drums bedient. Highlights auf diesem sensationellen Album heraus zu filtern, ist quasi unmöglich, da die Band hier ausschließlich Hammersongs veröffentlicht hat. "Gutter Ballet" ist dann auch das letzte Werk der Band, auf dem sie ihren ursprünglich von harten Gitarren dominierten US Metal spielt. So kann man im fulminanten Opener 'Of Rage And War' noch einmal die herrlich krachende Riffwalze von Criss Oliva in der Magengrube spüren. Ebenfalls herrlich mystisch, düster und heavy kommen die beiden Schauerepen 'Hounds' und 'The Unholy' aus den Boxen gedonnert. Das ist US Metal in Perfektion. Hackende Rhythmik – man beachte nur das zerstörerische Schlagzeugspiel von Steve 'Doc Killdrums' Wacholz -, Riffs, die einen in den Sessel drücken, Harmonien, die einen verzaubern und eine Stimme, die jedes Glas zerspringen lässt. Aber auch die ruhigeren Momente, wie das verträumte 'Summer's Rain', überzeugen nicht allein aufgrund dieses Sängers zu Einhundert Prozent.

So schließe ich die vorletzte Runde und lasse Euch mal fröhlich rätseln, welche Scheiben in unserer Top Ten vertreten sein werden. Happy guessin!

Redakteur:
Holger Andrae
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