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POWERWOLF: Interview mit Matthew Greywolf

16.07.2021 | 11:39

Auf dem neuen POWERWOLF-Album geht es ziemlich wild und abenteuerlustig zu. Entsprechend heißt das gute Stück "Call Of The Wild" und hat neben den typischen Band-Trademarks auch eine Menge Besonderheiten zu bieten. Zum einen wäre die Werwolfsthematik zu nennen, mit der Matthew Greywolf und seine hungrige Truppe das achte Mahl servieren. Zum anderen sprachen wir mit ihm auch über das Artwork sowie "Missa Cantorem" und entlockten ihm die eine oder andere sehr interessante Geschichte über "Call Of The Wild".

Matthew, wie geht es dir?

Das Wichtigste ist: Alle Freunde und Familien sind gesund! Und wir haben es trotz der widrigen Umstände geschafft, das Album ohne Kompromisse fertigzustellen und viel mehr kann man derzeit eigentlich nicht vorlegen. Natürlich muss man einiges ausblenden oder hinten anstellen, aber generell geht es uns sehr gut, danke.

Nun findet die nächste heilige Messe statt, "Call Of The Wild" erscheint über Napalm Records. Die Gitarren hast du in den Sandlane Studios in den Niederlanden aufgenommen. Wie gestaltete sich denn generell der Aufnahmeprozess des neuen POWERWOLF-Albums?

Wir mussten zunächst ein wenig umplanen. Das war allerdings auch der einzige Einfluss, den die Pandemie auf das Album hatte, denn künstlerisch hatte sie keinen Einfluss. Ursprünglich wollten wir wieder in Schweden aufnehmen, hatten allerdings schon im Spätsommer letzten Jahres in weiser Voraussicht festgestellt, dass es wahrscheinlich zu abenteuerlich sein wird, im Dezember, als die Drum-Aufnahmen anfangen sollten, nach Schweden zu reisen. Deswegen haben wir bei Joost van den Broeck in den Niederlanden genau dort aufgenommen, wo auch schon zu "The Sacrament Of Sin" die Orchestrierungen eingespielt wurden und selbst dahingehend wurde es spannend, ob wir überhaupt in die Niederlande einreisen konnten. Zwei Tage bevor ich zu den Gitarrenaufnahmen reisen wollte, hing die ganze Band gespannt am Newsticker und am Ende des Tages hat alles gut geklappt, bis auf die Tatsache, dass wir nicht alle gemeinsam im Studio sein konnten.

"The Sacrament Of Sin" schoss gnadenlos durch die Decke. Habt ihr an das neue Album eine ähnliche Erwartungshaltung oder seid ihr eher mit der Prämisse "Kommt, wir machen mal eine neue POWERWOLF-Platte" an die Arbeiten herangetreten?

Ich glaube, dass die Wahrheit irgendwo dazwischen lag. Ganz unvorbelastet geht man einerseits eigentlich nie an ein neues Album, wenn der Vorgänger, den du liebst, auch dabei sehr erfolgreich war. Ein gewisser Respekt vor dem Album ist schon vorhanden, weil du ihm auch gerecht werden willst. Andererseits konnten wir uns auch schon bei "The Sacrament Of Sin" viel freier bewegen als bei den Alben zuvor, wir sind auch ein paar Wagnisse eingegangen. Wir hatten eine Ballade sowie mit 'Demons Are A Girl's Best Friend' auch einen sehr offenen Rocksong am Start. Es war spannend zu sehen, wie all dies wohl angenommen wird. Und wenn auf Tour die neuen Songs genauso wie die alten Klassiker gefeiert werden, bringt dir das unheimlich viel Selbstvertrauen und den Rückenwind, gestärkt an ein neues Album heranzutreten. Das brachte uns die Lehre, dass wir letztendlich schreiben können, was wir möchten, und wenn wir dies mit unseren Trademarks würzen, klingt es eben nach POWERWOLF. Die Art des Songwritings, Attilas markante Stimme, die Kirchenorgel – am Ende wird es POWERWOLF sein. Also sind wir sehr frei an die neue Scheibe gegangen. Das beste Beispiel ist 'Blood For Blood (Faoladh)', inspiriert von einer irischen Werwolf-Legende, die mich sehr fasziniert hat. Gedanklich war ich bei einer recht folkigen Instrumentierung, sodass ich, was ich vorher noch nie tat, den Song an einer Akustikgitarre geschrieben habe, klassischer Lagerfeuer-Stil. Mir kam im ersten Moment nicht in den Sinn, daraus einen POWERWOLF-Song zu machen, und als ich ihn Attila vorspielte, bestand er darauf, dass wir aus diesem Song etwas machen. Und diese Offenheit, diese freie Arbeitsweise, die hätten wir in dieser Form vor fünf, sechs Jahren noch nicht gehabt.

Am 20. Mai erschien mit 'Beast Of Gévaudan' die erste Single des "Call Of The Wild"-Albums. Und in einem meiner Lieblingsfilme "Pakt der Wölfe" wird diese wahre Geschichte der Bestie thematisiert. Habt ihr euch bei dem Song vom Film inspirieren lassen oder passt dieser Mythos einfach nur schlicht und ergreifend gut zu POWERWOLF?

Der Film ist schon etwas älter. Da wurde das Biest leider auch in seiner Gestalt gezeigt, was meiner Meinung nach nicht hätte gemacht werden müssen. Aber das ist ein anderes Thema, hehe. Tatsächlich habe ich den Film erst gesehen, als ich mich mit der Legende beschäftigt habe, da mir die eigentliche Story schon über zehn Jahre, als wir an "Bible Of The Beast" saßen, im Kopf herumschwirrt. Dabei mussten allerdings zwei Dinge zusammenkommen: Du brauchst den passenden Text, aber auch die musikalische, passende Ebene. Und speziell wollte ich die rastlose Hetzjagd auf das Biest, auf dieses eigentliche Mysterium, thematisieren. Und da, wie du schon sagtest, wir bei diesem Album etwas angriffslustiger agieren wollten, hat es diesmal zum "Call Of The Wild"-Album gepasst.

Ich persönlich komme aus Grevenbroich, das nur 10 km von Bedburg entfernt liegt. Und dort lebt die Geschichte des Peter Stump, dem "Werwolf von Bedburg". Und mit 'Varcolac' findet der nächste Werwolf bei euch Erwähnung, diesmal schaut ihr in die rumänische Mythologie. Was genau fasziniert euch hierbei? Glaubst du persönlich, es hat solch ein Fabelwesen mal existiert?

Im Wesentlichen bin ich auch hier von der Legendenbildung sehr fasziniert. Ich möchte der Frage auch nicht auf den Grund gehen und es auch nicht wissen wollen. In Gévaudan ist etwas Mysteriöses passiert, indem Menschen einem Tier zum Opfer gefallen sind und genau das hat viele Fragen aufgeworfen. Man hat versucht, das durch ein übernatürliches Wesen greifbar zu machen. Es gab rationale, natürliche Erläuterungen, dass es sich hierbei um ein Rudel, bestehend aus mehreren Biestern, handelte, bis hin zu Deutungen speziell seitens der Kirche, die die Bestie als fleischgewordene Waffe Gottes an den sündhaften Menschen interpretiert hat. Nicht das Biest selbst fasziniert mich persönlich, sondern die Tatsache, dass man in vielen Kulturen die verschiedensten Deutungen für scheinbar übernatürliche Vorfälle findet. Und bei 'Varcolac' stammt der Begriff ursprünglich aus dem Altgriechischen und in der rumänischen Mythologie ist dieses Wesen so mächtig, dass es den Mond und die Welt verschlingen kann. Und ich als Nerd lese mich sehr gern in solche Sachen hinein und manche werden letztendlich sogar zu POWERWOLF-Songs, hehe. Und bezüglich Peter Stump kann ich dir frei heraus sagen, dass er schon lange auf meinem Zettel ist. Aber wie ich es schon beim Gévaudan-Biest gesagt habe: Du kannst solch eine Geschichte nicht erzwingen. Da müssen Melodie, Stimmung und Atmosphäre passen.

Falls du Bildmaterial aus Bedburg brauchst, gib gern Bescheid. Aber auch der Opener 'Faster Than The Flame' hat einen historischen Hintergrund. Dafür geht es zurück ins 13. Jahrhundert. Magst du kurz ausführen, was es dabei auf sich hat?

Hierbei geht es nicht um die klassischen Hexenverbrennungen. Natürlich ist dies der Aufhänger, aber diese Verbrennungen standen eher für die Tatsache, dass man sich unbequemer Kritiker oder Menschen, die einem unheimlich waren, entledigt hat. Dennoch kannst du zwar den Ketzer verbrennen, aber nicht die Message. Und darum geht es in dem Song, denn die Gesellschaft hat sich im Zuge der Reformation und Aufklärung auch entwickelt: Die Botschaft ist mächtiger oder in diesem Fall schneller als die Flamme, auch eine gute Möglichkeit, das Album einzuleiten

Dazu passt das Artwork auch hervorragend zum Titel und zu der ohnehin recht angriffslustigen Ausrichtung des Albums. Wir sehen den Werwolf mit der Waage - auf der einen Seite fallende Engel und Heilige, auf der anderen Seite festsitzende Dämonen. Was möchte uns der Künstler mit diesem Bild sagen?

In diesem Fall möchte der Künstler tatsächlich keine Gewichtung demonstrieren. Darum ging es mir gar nicht, kann man natürlich auch derart deuten. Die Grundidee war aber erstens, diese angriffslustige Bewegung des Wolfes zu zeigen. Das komplette Artwork ist in Bewegung und soll auch zeigen, dass es nicht das reine Gute, aber auch nicht das rein Böse gibt, sondern eine konstante Bewegung der Dinge, eine Art Wandel. Was gestern noch als gut gesehen wurde, hat vielleicht auch eine Schattenseite und umgekehrt. In diesem Zusammenhang fand ich auch die dritte Werwolfsgeschichte Faoladh sehr interessant, eine irische Version dieser Thematik in 'Blood For Blood'. Und hier ist das Faszinierende, dass hierbei der Werwolf nicht als das archetypisch Böse angesehen wird, sondern hier gibt es viele Überlieferungen, die ihm positive Eigenschaften als Beschützer der Kranken, Verwundeten und rastlosen Seelen zuweisen. Und letztendlich haben diese Wesen auch etwas Tragisches an sich und es gibt deutlich mehr Schattierungen als nur zu sagen, es sei ein Monster.

Insofern ein sehr einleuchtendes Artwork. Mit "Missa Cantorem" habt ihr einen speziellen Bonus in der Hinterhand, auf dem ihr mit namhaften Sängern und Sängerinnen POWERWOLF-Klassiker zum Besten gebt. Speziell ALESTORM-Chris, Matthew von TRIVIUM und Björn von SOILWORK bzw. THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA gehören zu meinen Lieblingen. Welche Kollaboration hat euch den meisten Spaß bereitet, welche ist eurer Ansicht nach recht außergewöhnlich geworden?

Hehe, Chris von ALESTORM hat natürlich perfekt mit seiner Art und seinem Humor zu 'Resurrection By Erection' gepasst. Eine Story, die aufgrund der Entstehung sehr viel Spaß gemacht hat: Matt von TRIVIUM und ich sind vor einigen Jahren auf dem Wacken Open Air nebeneinander hergerannt und haben festgestellt, dass wir Fans der jeweils anderen Band sind. Und als die losen Ideen zu "Missa Cantorem" zusammengetragen wurden, kamen wir auch dazu, Matt zu fragen. Er war direkt Feuer und Flamme und das Besondere ist zum einen, dass er sich keinen der großen Hits oder offensichtlicheren Songs, sondern mit 'Fist By Fist (Sacralize Or Strike)' das letzte Stück der "The Sacrament Of Sin"-Scheibe ausgesucht hat, das ein wenig zwischen die Stühle gekommen ist. Ich persönlich mag den Song sehr und es ist daher eine sehr originelle Wahl. Zum anderen kam Matt persönlich auf mich zu und sagte, dass wir es live auf Twitch aufnehmen sollten. Ich muss gestehen, ich war vorher nie auf Twitch und konnte damit nichts anfangen. Er hat mich etwas geguidet, ist dort auch sehr aktiv, und hat tatsächlich eine nicht näher definierte Special-Aktion angekündigt. Und als dann er sowie mehrere Bandmitglieder von POWERWOLF im Twitch-Raum waren, hat er live seine Ideen zum Song entwickelt und kundgetan. Die Session hat insgesamt fünf Stunden gedauert, wir haben uns gegenseitig gepusht, Meinungen ausgetauscht und am Ende waren seine Spuren im Kasten. Dieses Projekt hat mir einmal mehr aufgezeigt, wie natürlich alle Menschen in dieser Szene sind. Der Kontakt mit allen Partnern auf "Missa Cantorem" war unheimlich nett und gerade bei etwas vielseitigeren Sängern, wie beispielsweise Björn, hatten wir keinerlei Ahnung, wie die Songs am Ende aussehen würden. Wir gaben ihnen freie Hand und daraus entwickelte sich eine enorm spannende Geschichte. Das macht für mich die Magie des Projekts aus, dass sich jeder nach seinen eigenen Vorstellungen mit einbringen konnte.

Und bei AMON AMARTH gab es auch eine interessante Anekdote…

Richtig. Wir sind schon lange mit der Band befreundet und haben es im letzten Jahr das erste Mal geschafft, gemeinsam auf Tour zu gehen. Südamerika stand an und die Auftritte konnten auch beinah komplett gespielt werden, bis die Pandemie alles auf Eis legte. Und irgendwann stellten wir uns die Frage, wie 'Nightside Of Siberia' klingen würde, wenn Johan [Hegg – Anm. d. Red.] ihn eingesungen hätte. Der Song hat auch einen gewissen AMON AMARTH-Vibe. Und während eines Frühstücks hat Falk-Maria Johan einfach auf diese Idee angesprochen und er wiederum sofort zugesagt. Ein paar Wochen später war der Track dann fertig und daraus resultierte erst die Idee, ein paar andere Freunde zu fragen. Einer der wenigen positiven Aspekte der Pandemie war, dass die einzelnen Sänger neben Lust auch die Zeit dazu hatten.

Ich habe reingehört und da sind viele Überraschungen dabei, die "Call Of The World" als Ganzes natürlich umso interessanter machen. 2022 teilt ihr euch auch die Bühne mit einer kleinen, sympathischen Band namens IRON MAIDEN…

Ein absoluter Jugendtraum von mir, der sich in der Theorie bereits erfüllt hat. Es wäre natürlich schön, wenn die Praxis dann auch funktionieren würde. Auch so ist es bereits ein Ritterschlag und eine große Ehre für uns, definitiv etwas, auf das wir uns enorm freuen!

Die Pfoten sind gedrückt, dass wir euch im nächsten Jahr wieder auf der Bühne sehen. Matthew, dir vielen Dank für das tolle Interview, bleib gesund!

Vielen Dank, du auch und bis bald!

Redakteur:
Marcel Rapp

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