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PRIMORDIAL: Interview mit Alan Nemtheanga

14.02.2005 | 00:35

“Wenn ihr auf der Suche nach einer originellen Band seid, die wirklich für sich steht und orginal ist und wenn ihr nicht mehr irgendwelche ‚Shampoo-Metal-Bands’ hören wollt, selbst auch individuell seid, dann hört PRIMORDIAL” Es sind selbstbewusste Worte, die Alan Nemtheanga am Ende eines halbstündigen Interviews findet. Gerade befindet sich der Sänger von PRIMORDIAL im Büro von Metal Blade, dem neuen Label der Band aus Irland. Nemtheanga ist gerade dabei, das neue Album “The Gathering Wilderness” zu promoten, ein Werk, das ein Maximum an Doom-Black-Dark-Seele enthält. Wie fühlt man sich denn so kurz vor dem Release eines solchen Werks? ”Ok”, ist die Antwort. ”Nicht anders als bei den anderen Alben, die wir herausgebracht haben. Wir versuchen eben immer das Beste aus uns herauszuholen”, sagt Nemtheanga kurz danach.

Im Falle von “The Gathering Wilderness” scheint dies gelungen zu sein, immerhin verkörpert das Album eine komplette Gefühlsachterbahn aus Trauer, Schmerz, aber auch Hoffnung und Unbeugsamkeit. Mal sehen, ob Alan erklären kann, welche Gefühle PRIMORDIAL mit diesem Album transportieren wollen. “Wenn man versucht, echte Kunst zu schaffen, ist es schwer über so etwas zu sprechen. Die Musik kommt sehr tief aus uns selbst heraus” ,sagt er. Einen Vergleich zu den früheren Sachen aus der musikalischen Brutküche von PRIMORDIAL kann Alan dennoch ziehen. “Die neue Scheibe ist ein neues Kapitel in demselben Buch.” Der aktuelle Teil trage nun den Namen “The Gathering Wilderness”, so Nemtheanga. Doch was bedeutet der Name für ihn? Fast haargenau gibt der Sänger die von ihm verfasste Presseerklärung zu Scheibe wieder, seine Stimme klingt dabei sonorisch tief. “Das Album ist freudloser und dunkler als noch “Storm Before Calm”. Aber die Welt ist seitdem auch ein dunklerer und vor allem gefährlicherer Platz geworden. Das reflektieren auch Musik und Texte.” Alan fügt Beispiele an für diese Abwärts-Spirale, die er in Gang gesetzt sieht: Der Krieg im Irak, Terrorismus, der 11. September... So konstatiert die Stimme von PRIMORDIAL einen spirituellen Niedergang des Westens, einer Welt, die an nichts mehr glaubt und in der die Leidenschaft verloschen ist. Dies wollen er und seine Mitstreiter in der Musik ausdrücken, sagt er. So gibt es zum Beispiel auf “The Gathering Wilderness” den Song ‘The Golden Spiral’ zu finden, ein Stück, wie Alan sagt, ”das den alten Göttern gewidmet ist, mit denen die Menschen eigentlich in Eintracht leben. Außerdem geht der Song auf das keltische Konzept der Lebensspirale Treskele, dass Neues aus dem Alten entsteht.”

Ein Song, der jenseits solche eher abstrakten Gedanken steht, ist ‘The Coffin Ships’. Alan erklärt: “In dem Song geht es um die große irische Hungersnot zwischen 1845 und 1849, bei der rund drei Millionen Iren starben. Ich wollte schon immer einen Songtext dazu schreiben. Dann war ich aber in Skibereen, dort habe ich ein Massengrab aus jener Zeit besucht. Dort gab es ein Memorial, dass sich nun in dieser Form auch in der Textmitte von ‘The Coffin Ships’ findet. Mit diesen Schiffen sind übrigens die Iren gemeint, die auf der Flucht vor dem Hunger nach Amerika auswandern wollten. Bei den Überfahrten starben viele von ihnen. Es war eine tragische Zeit damals für Irland. Aus Respekt für die Opfer von einst ist dieser Song entstanden.” Wie auch die anderen Lyrics auf “The Gathering Wilderness” besitzt der Text von ‘The Coffin Ships’ nicht nur ein interessantes Thema, sondern auch eine wunderbare Sprache, fast schon poetisch angehaucht. Deshalb ist zu vermuten, dass der Schreiber solcher Zeilen sicher auch liest und deswegen wohl auch einen Lieblingsdichter nennen kann? Alan sagt: William Butler Yeats möchte ich nennen. Er war ein großer irischer Schriftsteller und Nationalist, der sein Land geliebt hat. Außerdem wurde er immer als Rebell angesehen. Daneben sollte ich wohl auch noch William Blake und sein Werk nennen, das mich mitgeprägt hat.”

Wie sich die Welt für PRIMORDIAL nach “Storm Before Calm” in die negative Richtung weitergedreht hat, so ist auch die Musik an sich von dieser Entwicklung betroffen; doomiger, trauriger, mit weniger Black Metal-Elementen arbeitend - das sind PRIMORDIAL anno 2005. Oder? Alan bestätigt den Wechsel, verneint aber die Gründe. “Wenn wir eine Platte schreiben, denken wir nicht darüber nach wie sie klingen soll. Das passiert einfach. PRIMORDIAL ist ,wie ich schon sagte, immer ein Buch mit verschiedenen Kapiteln. Oder wie eine Reise mit verschiedenen Stationen. Die Reaktionen bisher waren ziemlich positiv. Wir wollten eben auf der fünften Scheibe auch etwas Neues machen, uns in eine Richtung hin neu einordnen.” ,sagt er. Und wie jedes Kapitel in einem Buch auch für den Autor eine ganz bestimmte Reflexion für sein eigenes Leben und Wirken bedeuten kann, so ist auch “The Gathering Wilderness” für Mr. Nemtheanga eine ganz besonderes Baby. Deshalb wohl auch die Reaktion auf die Frage nach dem Lieblingssong. “Nein. Das ist, als wenn du einen Vater nach seinem Sohn fragst. {PAUSE: persönliche Anmerkung des Autors: Diesen Satz haben solch beseelte Bands wie DISILLUSION, ENSLAVED oder MOONSORROW gebracht, “normale” Bands fühlen sich dagegen meist verpflichtet, auf so eine Frage zu antworten... - eine neues Indiz für Genialität? - weiter im Text...} Tja, zur Zeit höre ich sehr gerne ‘The Golden Spiral’, ‘The Gathering Wilderness’ und ‘The Coffin Ships’. Aber dies wird sich mit Sicherheit in der nächsten Woche wieder ändern.”

Keine Wandlung wird es dagegen bei PRIMORDIAL in Bezug auf ihre Leidenschaft zu klassischer Musik geben, die sich ebenfalls durch den Sound von “The Gathering Wilderness” zieht. Alan schwärmt: ”Wir alle mögen Klassik. Ich selbst mag zum Beispiel sehr die Soundtracks von “Das Piano”, “Clockwork Orange”, “Conan” und “Gladiator”.” Eine andere Inspirationsquelle der PRIMORDIAL'schen Leidenschaft des Musikmachens waren eindeutig die epischen Klänge von BATHORY zu “Hammerheart”-Zeiten. Oder respektive von Quorthon, der am 7. Juni vergangenen Jahres an einem Herzfehler starb. Zu dieser Zeit befanden sich PRIMORDIAL gerade am Beginn der Arbeit für “The Gathering Wilderness”, wie Alan erzählt. “Das Stück ‘The Song Of The Tomb’ ist ihm gewidmet, es ist eine kleine Hommage an sein Schaffen” Och auch von anderen Bands scheinen sich PRIMORDIAL aktuell leiten zu lassen, die Werke von MY DYING BRIDE und frühen ANATHEMA finden sich zum Teil auch im Sound der Band um Nemtheanga. Diese Bezüge lassen sich auch auf dem melancholischen Albumcover entdecken. Alan sieht es so: “Wir hatten bisher immer nur Zeichungen und wollten nun mal etwas, das wie ein Foto wirkt. Ich denke, die Farben auf dem Cover verdeutlichen auch die freudlose und düstere Stimmung des Albums.” Diese Atmosphäre der siechenden Melancholie wir auch durch den Sound erzeugt, den der Klangmagier Billy Anderson erzeugte - jener Mann, der schon Bands wie NEUROSIS zu ihren depressiven Tönen verhalf. “Auch in dieser Hinsicht wollten wir einen neuen Weg einschlagen. Billy ist ein verrückter Typ, wir haben uns gut verstanden. Und mit dem Sound sind wir mehr als nur zufrieden”, sagt der bekennende NEUROSIS-Fan Alan Nemtheanga. Er fährt fort, schließlich muss er noch erklären, warum es ausgerechnet diese Art von erdigen Klängen sein musste. ”Es gibt heutzutage leider viel zu viele Metal-Bands, die freundlich klingen. Das wollen wir nicht. Deshalb haben wir uns für so eine Art von dunklem Sound entschieden”, stellt Alan klar. Nur bei konkreten Namen von solchen Gruppen, da will er sich nicht genau festlegen. “Nennen wir sie einfach skandinavische Shampoo-Metal-Bands. Das hat nichts mit Metal zu tun. Metal muss dreckig und böse klingen.” Ein Satz wie Honig für NIGHTWISH-geschädigte Hörer - Shampoo-Metal sollte das Wort des Jahres werden...

Alan Nemtheanga hat allen Grund, so frei von der Leber zu quatschen und recht entspannt zu klingen. Schließlich haben PRIMORDIAL zum ersten Mal ein wirklich großes und zuverlässiges Label im Rücken. “Es ist wirklich cool, die Jungs arbeiten sehr gut. Wir müssen nichts mehr machen außer Songs zu schreiben”, findet Alan lobende Worte. So werden PRIMORDIAL in Zukunft wohl auch öfter wieder auf den Bühnen der Welt unterwegs sein. Bei solchen Touren meist anwesend ist der Gitarrist der gälischen Doom Metal-Formation MAEL MORDHA, Mr. Gerry Clince. Doch zum festen Bandstamm gehört er trotzdem nicht, wie Alan erklärt. “Er hilft uns wirklich nur aus. Wir haben wegen unseren regulären Jobs immer ein paar Probleme, alle unsere Leute zusammen zu bekommen. Und Gerry weiß, wie unsere Musik gespielt werden muss, wovon sie handelt. Das macht ihn dann doch schon fast zu einem Teil der Band, haha.” Eine weitere Konstante bei den Konzerten von PRIMORDIAL ist das bizarr-theatralische Gepose von einem mit Corpsepaint bepinselten Nemtheanga. “Ich möchte nicht einfach nur auf der Bühne stehen und singen. Metal ist zu einem gewissen Teil auch Theater. Aber nicht im Sinne, dass ich meine Gesten nun spiele. Vielmehr sind dies einfach meine Gefühle, die nach außen dringen - mir fällt es nicht schwer, mich so emotional zu geben.” Wann deutsche Fans wieder in den Genuss einer solchen Darbietung kommen, dass kann Alan Nemtheanga an diesem Januar-Tag noch nicht sagen, bis jetzt sei noch nichts fest bestätigt. Wer die Jungs im vergangenen Jahr nicht gesehen hat, der wird im übrigen einen kleinen Schock bekommen. Alan hat sich die Haare abgeschnitten und trägt nun Glatze. Warum? ”Ich hatte 15 Jahre lang lange Haare, ich wollte passend zum neuen Label auch eine neue Frisur, haha.” Sprichts, und kommt zum Ende. Das Fazit eines Interviews: PRIMORDIAL sind kein Shampoo-Metal. Aber das weiß sowieso jeder, der “The Gathering Wilderness” gehört hat...

Redakteur:
Henri Kramer

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