Perlen der Redaktion: Jakob Ehmkes Highlights 2023

20.01.2024 | 21:50

Wenn ich mir die musikalische Ausbeute vom vorletzten Jahr anschaue, fällt die recht mager aus. Doch mittlerweile ist mir klar: Auf ein musikalisch schwaches Jahr folgt ein starkes. Und tatsächlich sollte mich 2023 nicht enttäuschen.

Ja, es hat Längen und die Gitarrensoli sind teils etwas uninspiriert, dennoch: Ich mag "72 Seasons" von METALLICA sehr. Mehr noch, für mich ist es besser als "Hardwired…To Self-Destruct" und vielleicht sogar das stärkste Album seit dem Schwarzen. James Hetfield klingt so gut wie lange nicht mehr, auch der leichte "Load"-/"ReLoad"-Flair gefällt mir. Einzig den Grunge-Doom-Ausflug 'You Must Burn!' skippe ich immer wieder mal, doch das ist schnell vergessen, denn es bleiben elf Songs, die einfach Spaß machen und in der zweiten Hälfte nimmt das Album sogar noch einmal Fahrt auf und hat mit 'Inamorata' ein episches Ende. Ein weiteres Highlight schaffte dann das METALLICA-Konzert im Hamburger Volksparkstadion im Mai 2023.

Nun eine Wendung von 180 Grad. Wäre "72 Seasons" nicht gewesen, stünde dieses Album an erster Stelle: "Ashen" von HUMANITY'S LAST BREATH. Mastermind Buster Odeholm hat ein Meisterwerk des bitterbösen Death Metal/-Core geschaffen, der trotz aller Brachialität enorm abwechslungsreich und intelligent komponiert ist und nebenbei das Gitarrenspiel revolutioniert. Das Konzert im Hochsommer in einem viel zu kleinen, vollgestopften Club auf dem Hamburger Kiez wird mir in guter Erinnerung bleiben. Wir bleiben im modernen Bereich, es wird aber wesentlich melodischer. TESSERACT hat mit "War Of Being" das Opus Magnum kreiert. Das ganze Album ist von vorne bis hinten die vertonte Perfektion. Und ich kann es nicht oft genug sagen: Daniel Tompkins! Er ist hier ganz klar der Mann der Stunde und singt sich ein Manifest.

Hören wir nach Frankreich. HYPNO5E ist eine meiner absoluten Lieblingsbands und konnte bei mir bisher mit fast jedem Album 10 Punkte einfahren - so auch dieses Mal mit "Sheol". Die Band ist meisterhaft darin, Dynamik und Übergänge so zu komponieren, dass man innerhalb eines bandtypischen Zehnminüters durch wunderschöne Klanglandschaften fährt, um im nächsten Moment von der Klippe gestoßen zu werden und wiederum sanft zu landen. Hört und schaut euch einfach mal das Video zu 'Sheol Part II' an, dann wisst ihr, was ich meine. Dass Djent kein Genre ist und tiefgründige Albumtitel offenbar sekundär sind, stellt PERIPHERY mit dem fünften Album einmal mehr klar. Davon abgesehen, ist "Djent Is Not A Genre" nicht nur das bisher beste Werk, es macht zudem deutlich, dass die Amerikaner weiterhin zur Speerspitze des modernen Progressive Metal gehören und ein vor Spielfreude platzendes Album kredenzen, das jeder Progfan mal gehört haben sollte. Dass mir COREY TAYLORs zweites Soloalbum "CMF2" mehr gibt als das letzte SLIPKNOT-Album hätte ich auch nie gedacht, ist aber so. Die Hits stapeln sich, es ist melodiös, dennoch auch hart genug, es hat von allem etwas.

Die Hannoveraner THE HIRSCH EFFEKT haben mit "Urian" sicherlich ein etwas ambivalentes Album veröffentlicht, was Kollege Timon Krause in seinem Review gut auf den Punkt bringt. Das Trio untermauert aber weiterhin seine Ausnahmestellung im deutschsprachigen Genre im Speziellen sowie im Progressive Metal im Allgemeinen. "Herr Urian" bezeichnet übrigens umgangssprachlich einen unerwünschten Gast oder wie in Goethes "Faust" den Teufel. So ergeben Artwork und Titel noch einmal ganz anders Sinn, denn das Album ist tatsächlich in gewisser Weise etwas ungemütlich. TEMIC kenne ich noch gar nicht so lange, "Terror Management Theory" wurde schließlich erst im November 2023 veröffentlicht. Dass es das Debüt dennoch geschafft hat, unter meine Top 10 zu kommen, spricht dafür, dass die Band um Mitglieder von der NEAL MORSE BAND, HAKEN, SHINING (Nor) und MARATON verdammt viel richtig macht. Ganz heißer Prog-Tipp! Nicht mehr ganz so heiß, aber immer ein Garant für Qualität ist SOEN, so auch mit "Memorial". Der melancholische Prog bleibt so einzigartig wie berührend, auch wenn die direkten Vorgänger noch stärker sind.

Und nun zum letzten Platz in den Top 10, diesen hat sich SCAR SYMMETRY mit dem sperrigen Albumtitel "The Singularity - (Phase II - Xenotaph)" geschnappt. Dabei handelt es sich um die überfällige Nachfolge vom 2014er-Album und ist ein wilder Ritt zwischen Melodic Death Metal, Prog und Melodic Metal, der alle Trademarks der Schweden ausspielt. KATATONIA ist der Meister der Melancholie und hat mit "Sky Void Of Stars" einmal mehr ein bittersüßes Album am Start, das mehr als zuvor auf Eingängigkeit setzt - und gewinnt!

Ich gönne den Australiern von VOYAGER sehr den Ruhm, den sie mit ihrer Teilnahme am ESC 2023 bekommen haben. Das Album "Fearless In Love" ist sicherlich etwas einfacher als die letzten Alben ausgefallen, tönt aber mit dem Cocktail aus 80s-Synth-Pop und Progressive Metal unverkennbar nach VOYAGER. Die Krebserkrankung von Daniel Estrin war hingegen schockierend, gute Besserung an dieser Stelle! Wesentlicher kälter und düsterer wird es mit IMMORTAL. "War Against All" hat mir viel Freude bereitet und ist für mich das beste Album seit dem Überalbum "Sons Of Northern Darkness". Demonaz zeigt einmal mehr, dass IMMORTAL auch ohne Abbath und sogar ohne Horgh geht. Fehlt nur noch eine Tour.

Nochmal in ganz andere Gefilde führt uns der Multi-Instrumentalist Martin Andres mit seinem POMEGRANATE TIGER. Die letzten Alben des Kanadiers sind für mich die Blaupause in Sachen Instrumental Metal, auch "All Input Is Error" ist da keine Ausnahme, hat aber gegenüber seinen beiden Vorgängern das Nachsehen. Nachdem die letzten Alben von AVATAR mich ehrlich gesagt etwas enttäuschten, haben die Band mit "Dance Devil Dance" wieder ordentlich an Boden gewinnen können. Doch, das ist definitiv tanz- wie moshbar.

Am gleichen Tag wie "72 Seasons" kam ein anderes Album einer Thrash-Ikone auf den Markt: "Scorched" von OVERKILL. Ich kenne einige Leute, die das Album gegenüber dem von METALLICA vorziehen würden. Ich kann sie verstehen, schließlich ist auch Album Nummer 20 ein absolutes Thrash-Bollwerk. Sehr gefreut hat mich die Ankündigung von "Katharsis" der bombastischen Extreme-Metaller KEEP OF KALESSIN. Auch wenn das Album nicht ganz mit der sehr starken Diskographie mithalten kann, kann man es sich sehr gut geben, wenn man mal eine Frischzellen-Blast-Beat-Bombast-Kur benötigt. Einfach erfrischend. Das Erbe von CHILDREN OF BODOM führt der ehemalige Keyboarder Janne Wirman mit WARMEN weiter. Mit der Hinzunahme von ENSIFERUM-Fronter Petri Lindroos ist "Here For None" ein Fest für alle COB-Fans.

Die AC/DC des Death Metal aka CANNIBAL CORPSE haben mit "Chaos Horrific" ihr 16. (!) Album veröffentlicht, leider ist es bei mir etwas untergegangen. In den letzten Tagen bin ich aber verstärkt auf das Album zurückgekommen und muss zugeben, dass es bestimmt noch höher im Ranking sein würde, hätte ich es noch mehr gehört. HAKEN gehört merkwürdigerweise trotz meiner Affinität zum modernen Progressive Metal zu den Bands, die ich zwar gerne höre, bisher aber nicht in dem Maße, dass ich mich als Fan bezeichnen würde oder - bis auf "The Mountain" - Alben in meinem Regal wären. "Fauna" ist aber nach "The Mountain" das erste Album, dass bei mir wieder nachhaltig hängen bleibt und viel entdecken lässt.

Soweit zu meinen Top 20 aus 2023. Zwei Zugaben habe ich aber noch:

CRYPTOPSY gehört, seitdem ich die Band kenne (Anfang 2000er), zu meinen absoluten Favoriten, ich kann jeder Phase was abgewinnen. Nun ist es aber ausgerechnet das erste Album seit Jahren, das mir tatsächlich nicht so recht gefallen mag. "As Gomorrah Burns" ist mir einerseits zu berechnend, das Chaos und der Spielwitz fehlen mir an vielen Stellen, andererseits klingt Schlagzeug-Koryphäe Flo Mounier viel zu steril. Daher ist das Album tatsächlich meine Enttäuschung 2023. Die bevorstehende Tour 2024 mit ATHEIST steht wiederum ganz oben auf meiner To-Go-Liste!

Und zum Schluss noch ein Highlight in eigener Angelegenheit: Dass "Fast Forward", das aktuelle Album meiner Band PARITY BOOT, das Licht der Welt erblickt hat, grenzt schon an ein kleines Wunder. Schließlich hat es schlappe 14 Jahre dafür gebraucht. Wer mag, kann HIER hineinhören.

 

Und hier noch einmal die Top 20 im Überblick (ein Klick auf den Albumnamen führt zum Review):

Rang

Band Album
01. METALLICA
72 Seasons
02. HUMANITY'S LAST BREATH
Ashen
03. TESSERACT
War Of Being
04. HYPNO5E
Sheol
05. PERIPHERY
V: Djent Is Not A Genre
06. COREY TAYLOR
CMF2
07. THE HIRSCH EFFEKT
Urian
08. TEMIC
Terror Management Theory
09. SOEN
Memorial
10. SCAR SYMMETRY
The Singularity (Phase II - Xenotaph)
11. KATATONIA
Sky Void Of Stars
12. VOYAGER
Fearless In Love
13. IMMORTAL
War Against All
14. POMEGRANATE TIGER
All Input Is Error
15. AVATAR
Dance Devil Dance
16. OVERKILL
Scorched
17. KEEP OF KALESSIN
Katharsis
18. WARMEN
Here For None
19. CANNIBAL CORPSE
Chaos Horrific
20. HAKEN
Fauna

Redakteur:
Jakob Ehmke

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