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Powermetal - The Essentials: Platz 10

09.08.2018 | 23:27

Nach einer überlangen Wartepause steigen wir nun in die Top Ten unserer Essentials-Reihe ein. Anders als bei den letzten Artikeln zu dem Thema, werden wir Euch hier keine 10er-Blöcke um die Augen hauen. Erstens wird dies den zehn Alben nicht gerecht und zweitens soll es ja auch ein bisschen spannend bleiben.

Auf Platz 10 erfreuen wir uns am vierten Album der Band NEVERMORE. "Dead Heart In A Dead World" heißt es und es sollte der Beginn einer langjährigen Zusammenarbeit mit Produzent Andy Sneap werden. Auf diesem Album gelingt den Beteiligten ein selten kopierter Spagat zwischen wunderbaren Melodien und zeitgemäßer Härte. Ich selbst musste mich damals an das Album aufgrund des Klangbildes erst heran tasten, war aber schnell in den manchmal leicht waltzigen Melodien verloren. Heute ist es mein Lieblingsalbum der Band, auch wenn es nicht an die Glanztaten von SANCTUARY heran reicht.

[Holger Andrae]

Holgs großartige Serie nimmt also leider ein Ende, umso stolzer macht es mich, am letzten Kapitel mitwirken zu dürfen.

NEVERMORE - ja, wie habe ich diese Band vergöttert. Jeff Loomis war für mich der Ansporn, mich immer wieder hinzusetzen und mein Gitarrenspiel zu verbessern. Mit mehr Glück gesegnet bin ich jedoch jedes Mal, wenn ich "Dead Heart In A Dead World" auflege. Eine glatte Zehn, auch wenn das Hitfeuerwerk in meiner Gunst etwas hinter "Enemies Of Reality" (Andy Sneap hat sich mit dem Remix selbst übertroffen) und "Dreaming Neon Black" steht.

Anders als meine Zeitgenossen fand ich erst 1999 Zugang zu NEVERMORE. Die legendäre Show auf dem Dynamo Open Air zu später Stunde, bei der einer aus der Security beim Stagediving mitmachte (ohne Witz!). Damals kannte ich schon "Dreaming Neon Black" und war platt. Das hohe Niveau des Vorgängers konnten Warrel Dane & Co. zwar nicht toppen, aber die wesentlich positivere Grundstimmung und die erstmalig von Andy Sneap klangveredelten elf Songs sind durch die Bank Volltreffer. Heavy produziert wie ein Death-Metal-Album, aber filigran runtergerotzt ist NEVERMORE für mich nach wie vor eine Ausnahmeerscheinung in der Schnittmenge zwischen Thrash- und Power Metal. Schon mal die grandiose Neuinterpretation von 'The Sound Of Silence' gehört? Brutaler waren die Seattler nie wieder. Auf der anderen Seite schrieben Dane und Loomis mit 'Believe In Nothing' und 'The Heart Collector' zeitlose, völlig klischeefreie Halbballaden, die auch heute noch für Gänsehaut sorgen. A propos heute: Auch knapp 18 Jahre nach Release klingt die Scheibe taufrisch und hätte gestern erst erscheinen können. NEVERMORE hat mit "Dead Heart In A Dead World" einfach alles richtig gemacht und hat den Ehrenplatz unter unseren besten Zehn mehr als verdient.
[Haris Durakovic]

"Warrel Dane und seine Letzten Langhaarigen", so haben wir sie immer genannt. Nach dem Meisterstück "Into The Mirror Black" brauchte ich eine Weile, um der neuen Härte folgen zu können, doch mit "Dead Heart In A Dead World" war es geschehen, denn hier setzt die Band auf das starke "Dreaming Neon Black" sogar noch eine Nuance drauf. Die Gesangsmelodien halten zusammen, was sonst in eine schwermetallische Progorgie münden könnte, und machen das Album zum Höhepunkt des Bandschaffens und zweitbesten Album von Warrel Dane.
[Frank Jäger]

Für mich war NEVERMORE - insbesondere Warrel Danes Stimme ohne SANCTUARY-Vorbelastung (die hab ich erst später kennen gelernt) - eine Offenbarung. Gerade die Mischung mit den kalten, verschachtelten Riffs und den virtuosen Soli von Jeff Loomis war damals einzigartig. So hab ich ab dem Debüt bis einschließlich "Dead Heart In A Dead World" alle NEVERMORE-Alben verschlungen. Danach trat dann aber ein Abnutzungs-Langeweile-Effekt ein. Folglich ist dieses hier behandelte Stück das letzte mit vergötternder Zuwendung bedachte. Klar hat es den besten Sound der NEVERMORE-Diskografie, crisp und klar, und nicht mehr ganz so schwer und aggro wie auf meiner persönlichen Lieblings-Scheibe "Dreaming Neon Black". Und keine Frage, das Songmaterial ist herausragend, quasi ohne Ausfälle und es ist kein Wunder, dass man damit jede Menge Metallerherzen eingesammelt hat. Da dies aber eh jedem klar ist, möchte ich hier auf die drei tollen Bonus-Tracks hinweisen. 'Love Bites' von JUDAS PRIEST beweist einmal mehr, dass NEVERMORE in der Lage war, alten Klassikern ein völlig neues Gesicht zu geben und quasi einen NEVERMORE-Song draus zu machen. 'All The Cowards Hide' ist nochmal ein Rückblick auf die mentale Verwüstung, die bei Warrel Dane in der "Dreaming Neon Black"-Zeit geherrscht haben muss. Und dann mein Liebling. 'Three Chances' mit diesen lieblichen Akustikgitarren und einem Warrel Dane im Singer-Songwriter-Stil. Schade, dass es nie mehr Musik in dieser Art gab. Aber das macht 'Three Chances' in NEVERMOREs Schaffenzeit absolut einzigartig.

[Thomas Becker]


Ich war damals als Jungspund ziemlich skeptisch nach dem Ende der von mir vergötterten SANCTUARY, ob das denn mit NEVERMORE und diesem sperrigeren, moderneren Sound was werden würde. Aber gleich das erste, selbstbetitelte Album hat 1995 jeden Hauch eines Zweifels weggewischt und den Grundstein für ein unglaublich spannendes, reichhaltiges Gesamtwerk gelegt. NEVERMORE-Abende gehören zu den faszinierendsten und erlesensten Musik-Erlebnissen überhaupt. Ganz besonders angetan hat es mir "Dead Heart In A Dead World", ein Album ohne das mein Leben ein Stück ärmer wäre.
[Martin Van Der Laan]


"Dead Heart In A Dead World" löst alleine schon beim CD-Titel großartige Assoziationen aus: Gefühlvolle Gesangspassagen, kraftvolles Schlagzeug, überragende Gitarrensoli und eine düstere, aber sehr tragende und dynamische Komposition. Der stellenweise disharmonische Charakter der Stücke mit leicht verzerrter Stimmlage unterstreicht den tiefen, gewichtigen Tonus des Gesamtkunstwerkes. So ist es nicht verwunderlich, dass es immer wieder als das beste Progressive-Album seiner Zeit bezeichnet wird und verdient von uns auf Platz 10 gewählt wurde.

Fast 18 Jahre sind nun vergangen, in denen "Dead Heart In A Dead World" bei mehreren Gelegenheiten auch live vorgestellt wurde, und dies jedesmal in perfekter Inszenierung; unter anderem auf einer Tour zusammen mit SAVATAGE im Jahre 2001. Während Dane, Loomis und Sheppard Konstanten im NEVERMORE Line-Up sind und sich zum Teil auch schon aus der Vorgängerband SANCTUARY her kennen, ist insbesondere die Besetzung des zweiten Gitarristen von vielen Wechseln geprägt. Dies führt dazu, dass Jeff Loomis, nach Tim Calverts Weggang der einzige Gitarrist ist. Auf "Dead Heart In A Dead World" benutzt er zum ersten Mal bei NEVERMORE eine 7-Seitige Gitarre. Dies führt zu einer neuen Bandbreite und somit neuen Spielarten der Gitarrenlinie, die sich auch in der Vielseitigkeit des Albums niederschlägt.
Wie so viele gute Alben ist auch auf diesem Werk eine Ansammlung von überragenden Stücken, unterbochen von einigen "nur guten" Songs zu hören. Als Ballade überzeugt 'The Heart Collector', reicht aber in Kraft, Traurigkeit und Brutalität nicht an Stücke wie "Insignificant", welches ebenfalls eine Ballade ist, heran. Überragend ist "Narcosynthesis", welches die herausragenden Talente der Ausnahmmusiker auf beispiellose Weise zum Vorschein bringt. Die Themenbandbreite der Stücke reicht von Politik über Drogen und Gesellschaftskritik.  Die tragende Melancholie und Dringlichkeit der Stimme resultieren in einem dunklen Werk misanthropischen Ausmaßes. Ebenfalls düster und dem Inhalt der Songs passend angelehnt ist das CD-Cover. Hier hat Travis Smith ein für ihn bezeichnendes Artwork geschaffen. Ein in schwarz und blautönen gehaltener Hieronymus-Bosch-Albtraum. An der Erdunterseite hängt kopfüber eine aus Wurzeln geborene, maskenhafte humanoide, zerbrochene Gestalt, welche ein riesiges Loch dort hat, wo das Herz sein sollte. Man sieht in dem "Dead Heart" nur schwarze Leere und entsprechend herum im Erdreich nur eine "Dead World".  In filigranen Buchstaben ist der Albumtitel um den Korpus angeordnet. Dieser Stil klare, kalte und erbarmungslose Stil ist auch bei diversen Covern von ICED EARTH, OPETH und SOLITUDE AETURNUS zu finden, die Travis Smith ebenfalls kreiert hat.
[Yvonne Päbst]


Ob die NEVERMORE-Die-Hards eben diese Scheibe kritischer sehen mögen als der vermeintliche Mainstream, weil sie ja manchen zufolge so kommerziell und anbiedernd sei, ist mir ziemlich schnuppe. Ich mochte Nevermore niemals wegen des Riffgeschrotes, sondern eher trotz des Riffgeschrotes. Wenn es um NEVERMORE geht, dann war ich nämlich nie der allzu große Fan des Loomis'schen Gitarrenzaubers, und auch die massigen Riffs, das oft erdrückende Klangbild waren nie die ausschlaggebenden Momente für mich, diese Band zu mögen. Vielmehr gab es immer ein Leuchtfeuer im NEVERMORE-Sound, das mich Mal für Mal zurückbrachte zu dieser eigenwilligen und stilprägenden Band aus Seattle: Warrel Danes Stimme, glockenhell, eindringlich, emotional; gerne mal ergreifend bis verstörend, und stets für mich der rote Faden, der mich durch die Alben führte. Eine Kollegin sagte mal, dass es der besondere Reiz der Band sei, dass Warrel gegen den Sturm ansingen, ja anschreien muss. Das kann ich zwar verstehen, empfand es aber selbst nur selten so, denn ich mag es, wenn der Sänger glänzen kann, wenn er die Luft zum Atmen hat, die seine Stimme braucht. Aus diesem Grund ist für mich auch "Dead Heart In A Dead World" die beste NEVERMORE, denn durch ihre etwas zurückgefahrene Gitarrenarbeit, durch das nicht ganz so stark tobende Saitengewitter gibt genau dieses Album den Hooklines des Sangeskünstlers unter allen Alben der Band am meisten Raum und all den nötigen Glanz, um sich in die Hirnrinde des Hörers einzugraben. So bescheren mir Übersongs wie das unfassbar gute 'The Heart Collector', 'The River Dragon Has Come', das Titelstück oder auch das sehr intensive 'Believe In Nothing' noch heute eine Gänsehaut nach der anderen. Manchen NEVERMORE-Fans mag das tote Herz zu poppig und zu glatt sein, andere werden bemängeln wollen, dass Jeff Loomis auf anderen Scheiben mehr frickeln und glänzen konnte, doch für mich stimmt genau hier einfach alles und daher präsentiert "Dead Heart In A Dead World" bis heute eine einzigartige Band auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft
[Rüdiger Stehle]

 


Wenn von den essentiellsten Veröffentlichungen nach dem Millenniumswechsel die Rede ist, darf dieses Album nicht fehlen. Die Herren Dane (R.I.P.!), Loomis, Williams und Sheppard befanden sich in einer kreativen Hochphase und wussten zudem auch auf den Bühnen dieser Welt für Furore zu sorgen. Nur knapp anderthalb Jahre nach "Dreaming Neon Black" kredenzte man diesen Vorschlaghammer, der sowohl technisch anspruchsvoll und komplex, aber auch knallhart aus den Boxen gedonnert kam. Doch auch balladeskes und verträumt-atmosphärisch angelegtes Material gab es zu hören, das - wie auch so mancher Power/Thrash-Bastard - vor zwingenden Hooks förmlich überquoll. Für viele Fans das Meisterwerk der Band!
[Walter Scheurer]


"Dead Heart In A Dead World" erschien in der für mich persönlich bisher wohl schwierigsten Zeit in meinem Leben. Diverse persönliche Dramen spielten sich ab, mit dem plötzlichen Tod meines Vaters an der Spitze. Diese Musik war wie Medizin, vielleicht sogar Therapie für mich. Mal wütend, mal verzweifelt, mal melancholisch singt Warrel Dane seine Melodien und spiegelt damit punktgenau mein Inneres wider. Vor allem aber sorgte dieses Werk jedes Mal dafür, dass ich mich am Ende des finalen Titeltracks besser gefühlt habe als beim eröffnenden 'Narcosynthesis'.

Doch auch abseits dieser sehr emotionalen Note ist "Dead Heart In A Dead World" für mich ein absolutes Meisterwerk. Die Symbiose aus den modernen Gitarrensounds, Loomis' durchaus progressiver Griffbrettarbeit und den vielen eingängigen Refrains ('Evolution 169', 'Believe In Nothing', 'Inside Four Walls' oder natürlich 'The Heart Collector') spricht eben nicht nur das Herz sondern auch das Hirn an.

Fast 18 Jahre ist das nun her und ich würde diesen NEVERMORE-Höhepunkt immer noch als das beste Metal-Album des aktuellen Jahrtausends bezeichnen. Mittlerweile zweifele ich fast daran, dass es je überboten wird.
[Peter Kubaschk]

Redakteur:
Holger Andrae

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