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REQUIEM (CH): Interview mit Ralf Winzer Garcia

06.08.2009 | 17:11

Beim ersten Hördurchgang des neuen Longplayers der Schweizer Death-Metal-Truppe REQUIEM bläst es mir gewaltig die Ohren weg. Was mich daran besonders fasziniert, ist die punktgenaue Schärfe, mit der das Hammermaterial eingespielt wurde. Grund genug, im Dialog mit Bassist Ralf Winzer Garcia herauszufinden, welche Inspirationsquellen hier im Spiel waren. Dabei erweist sich Ralf als relaxter  Repräsentant einer Band, die nach fünfzehn Jahren im Metalbusiness immer noch Spaß an Live-Gigs und Touren hat und Qualität höher bewertet als kommerziellen Erfolg.

Erika:
Mit "Infiltrate…Obliterate…Dominate" legt ihr innerhalb von acht Jahren euer fünftes Album vor. Ein ziemlich hohes Arbeitstempo! Wo nehmt ihr die Inspirationskraft für diese ganze Kreativität her?

Ralf:
Nun, Kreativität lässt sich ja bekanntlich nicht planen oder erzwingen. Von daher hatten wir bis anhin Glück, dass die Ideen so kommen, wie sie kommen. Wir machen uns darüber nicht wirklich viele Gedanken. Sicherlich spielen die vielen Erfahrungen letztendlich auch eine große Rolle und auch die Tatsache, dass wir nur noch zu viert sind. Die Aufgabenverteilung hat sich, ohne je darüber gesprochen zu haben, ganz klar herauskristallisiert. Deswegen und durch die mittlerweile langjährige Übung, Kompositionen zu erstellen, Arrangements zu gestalten und Themen zu entwickeln, wurde das Tempo eben nicht langsamer, sondern hat sich konstant bei einer recht hohen Geschwindigkeit eingependelt. Eine spezielle Inspirationskraft haben wir nicht. Das Kreative fließt einfach aus jedem einzelnen von uns heraus, wenn es gerade benötigt wird.

Erika:
Eure bisherigen Alben wurden im Großen und Ganzen immer recht gut bewertet. Immer wieder mal taucht der Vergleich mit MALEVOLENT CREATION auf. Derartige Rückmeldungen werden euch sicher zufrieden stellen. Inwiefern habt ihr euch vor diesem Hintergrund seit der letzten Veröffentlichung 2007 weiterentwickelt? Wo war nach eurer Auffassung Bedarf und Raum für Veränderung oder neue Wege?

Ralf:
Ganz klar sind wir sehr zufrieden, dass wir nie eine Platte abgeliefert haben, welche total verrissen wurde. Qualität ist uns viel wichtiger als ein gut vermarkteter Schnellschuss, der letztendlich nicht hält, was er verspricht. Der Vergleich mit MALEVOLENT CREATION taucht überraschenderweise hier und da immer noch auf, da hast du Recht. Dies liegt meiner Meinung nach unter anderem auch daran, dass es nicht mehr allzu viele Bands gibt, die diesen Stil mit diesen einschlägigen Stilmitteln verfolgen. Wir aber offensichtlich schon. Jedoch haben wir uns von dieser sehr starken Beeinflussung spätestens seit dem letzten Album "Premier Killing League“ doch entfernt. Die Weiterentwicklung fand vor allem darin statt, verschiedene Grooves und Rhythmuswechsel noch stärker auszubauen, ohne dabei die Geschwindigkeit zu vernachlässigen. Nach wie vor ist klar: Wir haben das Rad auch nicht neu erfunden, aber haben dennoch unseren persönlichen Sound zu einem noch größeren Wiedererkennungswert hin entwickelt. Veränderung ist immer wichtig, um den Spaß an der Sache nicht zu verlieren und um eine wirklich echte Eigenständigkeit zu erreichen.

Erika:
In den vergangenen zwei Jahren habt ihr diverse Live-Gigs gespielt, wart auf Festivals und seit mit namhaften Größen wie BELPHEGOR und VADER oder EXTREME NOISE TERROR unterwegs gewesen. Inwiefern haben euch die Tour-Erfahrungen beeinflusst oder verändert? Sind derartige Bands für euch auch noch in irgendeiner Weise Vorbilder, oder seid ihr nach immerhin zwölf Jahren Bandgeschichte selbst schon derart abgeklärt, dass euch Tour-Erfahrungen keine neuen Einblicke mehr gewähren?

Ralf:
Die kurze Tour 2007 mit VADER und BELPHEGOR in England und den Niederlanden war im Nachhinein betrachtet eine sehr wirkungsvolle Angelegenheit, die uns weitergebracht hat. Die Sache mit EXTREME NOISE TERROR fand übrigens aus gesundheitlichen Problemen bei ENT Ende 2008 nicht statt, weswegen wir kurzfristig mit LOWBROW (Ex-Mitglieder von u. a. NASTY SAVAGE, OBITURY, SIX FEET UNDER, DEATH) auf eine sehr erfolglose Low-Budget-Tour gegangen sind. Zuletzt waren wir, um dies noch zu erwähnen, mit LIVIDITY (US) im April dieses Jahres unterwegs, was sich für uns wiederum besonders gelohnt hat.

Um zu deiner Frage zu kommen: Abgeklärt sind wir sicherlich nie. Allerdings haben wir nach den Erfahrungen, die oftmals recht hart und kostspielig waren, schon so was wie Routine entwickelt. Manche Bands sind schon noch von Bedeutung für uns, da wir ja immer noch Musik- bzw. Metalfans sind. Jedoch sieht man im Laufe der Zeit das ganze Business mit anderen Augen als vielleicht vor fünfzehn Jahren. Ich würde nicht mehr von Vorbildern sprechen, sondern eher von tiefem Respekt gegenüber Bands, welche sich trotz widriger Umstände sehr lange gehalten haben und weiterhin Qualität abliefern. Neue Einblicke wird es zum Glück immer wieder geben, auf einzelnen Shows aber auch auf Tour. Der Zauber des Ganzen ist immer noch da, aber das Ganze fühlt sich mittlerweile viel ruhiger und überschaubarer an als früher.

Erika:
Welche Rückmeldungen gibt es denn bisher auf die neue Scheibe? War etwas Interessantes dabei, mit dem ihr wirklich Lust habt, euch auseinanderzusetzen?

Ralf:
Die neue CD wird erst diesen Freitag (31.Juli 2009) in den Läden stehen und mit den Bewertungen der Magazine geht es auch erst jetzt so langsam los. Von daher können wir da ehrlicherweise noch nicht so viel sagen. Die paar wenigen Reviews und Rückmeldungen bisher, waren aber alle sehr, sehr positiv. Zumindest zeichnet sich ab, dass wir in Bezug auf den Geschmack der Metalfans einiges richtig gemacht haben mit dem neuen Material.

Erika:
Welche Erwartungen im Hinblick auf euer musikalisches Fortkommen und auf kommerziellen Erfolg in der Metalszene verknüpft ihr mit der aktuellen Veröffentlichung?

Ralf:
Ganz ehrlich haben wir in Hinsicht auf kommerzielle Erfolge keinerlei Erwartungen. Dies ist für uns auch nicht relevant bzw. es schert uns absolut nicht. Zudem haben die bisherigen Erfahrungen im Business gezeigt, dass da sowieso nicht mehr viel zu holen ist – und wenn, profitiert an letzter Stelle die Band selber. Wichtig ist für uns, weiterhin qualitativ hochwertige Kompositionen und Produktionen abzuliefern und so oft wie möglich für uns interessante Shows und Touren zu spielen. Das ist genau das, was für uns zählt und was auch extrem Freude macht. Alles andere ist utopisch und hat mit dem eigentlichen Grund, warum wir überhaupt Musik machen, nichts zu tun.

Erika:
Zum zweiten Mal habt ihr euch für die Zusammenarbeit mit Andy Classen als Produzent entschieden. Was war diesmal anders? Konntet ihr von den Erfahrungen bei der letzten CD mit ihm profitieren? In welcher Weise?

Ralf:
Viel verändert hat sich bis auf die Arbeit an den Vocal-Arrangements eigentlich nicht. Seine Arbeitsweise passt zu uns wie die berühmte Faust aufs Auge: zielorientiert, schnell und strukturiert. Wir kamen auch dieses Mal mit den fertigen Songs und einer sehr langen Vorbereitung im Rücken bei Andy im Studio an. Geändert wurden nur hier und da ein paar kleine Details, was das Instrumentale anging. Durch den sehr schnellen Prozess bei den Aufnahmen von Drums, Gitarren und Bass blieb uns noch genügend Zeit, um bei den Vocals ein wenig mehr herumzuexperimentieren als letztes Mal. Ich denke die Songs haben sichtlich davon profitiert, da sich Michis Stimme auch weiterentwickelt hat.

Erika:

Ein Wort zum Namen der neuen Scheibe: Was wollt ihr mit diesem etwas eigensinnigen Titel aussagen?


Ralf:
Uns ist immer wichtig, dass sich jeder, der sich mit den textlichen Inhalten beschäftigt, eine Meinung oder Theorie bilden kann. Übersetzt bedeutet der Titel ja so viel wie "Eindringen…Auslöschen…Herrschen". Drei Verben, die uns von der Bedeutung her im Leben oft genug begegnen. Sei es nun in der Auseinandersetzung zwischen Kriegsparteien oder in zwischenmenschlichen Beziehungen. Letztendlich dreht sich alles um Macht. Dies liegt in der menschlichen Natur. Wer hat das Sagen, wer hat "die Hosen an" usw. Ob dies im großen weltpolitischen Geschehen oder zum Beispiel in einem kleinen familiären System ist, spielt dabei keine Rolle. Der Prozess, wie dies abläuft, ist dabei immer derselbe und wird durch die drei besagten Wörter recht treffend beschrieben.

Erika:
In welchem Zusammenhang zum Albumtitel steht das ebenso bizarre – aus meiner Sicht aber sehr atmosphärisch ansprechende – Coverartwork? Ich nehme an, ihr hattet etwas Einfluss darauf? Was assoziiert ihr selbst mit diesen knörzigen Steingestalten?

Ralf:
Dan Seagrave bekam von uns eine kurze Zusammenfassung der Texte und ein paar Inputs für die Umsetzung. Das endgültige Ergebnis trägt zu unserer Freude natürlich ganz klar seine Handschrift. Die Assoziation wird hinsichtlich der Gestalten so erklärt, dass dies die personifizierte Lähmung und Machtlosigkeit von beteiligten Personen oder Systemen ist, welche den Prozess, der ja durch den Albumtitel gegeben wird, mitgemacht haben.

Erika:
Obwohl ihr nun nicht erst seit gestern mit dem Namen REQUIEM durch die Death-Metal-Welt lauft, kann ich mir die Frage nicht verkneifen, wie ihr eigentlich zu diesem Namen gekommen seid? Ich assoziiere ja mit einem Requiem letztlich doch eher ein Musikstück aus dem Genre der Klassik, eben die klassische Totenmesse, getragener Chor, Friedhofskapelle oder Kirche etc. Ich vermute, ihr habt völlig andere Bilder dazu. Welche denn?

Ralf:
Die Verbindung zur Klassik steht im allgemeinen Verständnis sicherlich immer noch an erster Stelle in der Gedankenwelt der Gesellschaft. Als REQUIEM 1997 gegründet wurden, musste natürlich ein Name her, der nicht zu abgedroschen war und zudem etwas aussagte. Und da "Requiem" nun mal die lateinische Bezeichnung für eine Totenmesse ist, lag es nahe, dies mit dem Stil Death Metal zu verbinden. Eine Death-Metal-Band, welche nach der Totenmesse benannt ist, passte damals wie heute auch noch einfach ins Konzept hinein.
Im Laufe der Jahre gab es noch viele andere Bands, mit dem gleichen Namen, was es nicht leichter machte. Mittlerweile konnten wir uns da aber behaupten und durchsetzen, da die anderen Bands gleichen Namens nie lange genug aktiv waren.

Erika:
Welche anderen Metalbands interessieren euch eigentlich selbst? Gibt es jenseits des Metals Stilrichtungen, die euch ansprechen?

Ralf:
Jeder von uns hat einen etwas anderen Geschmack. Grob ist da alles dabei von Punk, Crust, Grind, Hardcore, Metal in allen Varianten wie Doom, Black, Death etc. Dann kommen noch experimentelle Sachen hinzu wie NEUROSIS, EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN usw.

Ich persönlich verfolge ab und zu den Werdegang von neueren Bands, die interessant sind, wie zum Beispiel GOATWHORE oder THE DEVIL'S BLOOD. Ansonsten läuft bei mir altes Hardcore-Zeugs wie CRO-MAGS, SLAPSHOT, MINOR THREAT, GORILLA BISCUITS, die neue ASPHYX zum Beispiel bis hin zu Sachen wie DOWN, ELECTRIC WIZARD und dann natürlich NAPALM DEATH oder aber auch EXODUS.

Was rein spieltechnische Finessen angeht, interessiere ich mich auch für Stilrichtungen abseits des Metals, bei welchen der Bass stark im Vordergrund steht.
Meist sind es bei mir Phasen, in der die eine oder andere Stilrichtung dann öfters läuft. Da ist alles dabei von AUTOPSY, SADUS, PUNGENT STENCH oder VENOM über W.A.S.P. bis hin zu JOHNNY CASH.

Erika:
Wie geht es jetzt weiter? Sind 2009/2010 Touren oder Festivals mit euch geplant, auf die eure Fans schon mal ein Auge werfen könnten?

Ralf:
Nach Veröffentlichung der neuen CD werden wir weiterhin so viel wie möglich Promotion dafür betreiben, das Barther Metal Open Air an der Ostsee steht noch an, dann eine kurze Tour in England, wonach noch eine weitere im Winter folgen soll. Für Anfang 2010 ist eine weitere, drei- bis vierwöchige Tour in Planung. Da wir da noch in Verhandlungen stehen, kann ich noch nichts Konkretes sagen. Auf jeden Fall werden wir viel in ganz Europa unterwegs sein Ende 2009 und das ganze nächste Jahr. Nachlesen bzw. informieren kann man sich über die kommenden Daten unter: www.myspace.com/requiemdeathmetal oder www.requiem-net.com.

Festivals für nächstes Jahr werden sicherlich sein das HeavyMetal.ch-Festival in Zürich, das Party.San, das Queens Of Metal und das Kaltenbach in Österreich. Diese sind aber alle noch nicht definitiv bestätigt, die konkreten Abmachungen laufen erst im Winter 2009. Von daher darf man gespannt bleiben.

Vielen Dank für die interessanten Fragen und den Support über die Jahre hinweg.

Erika:
Danke für dieses Interview!

Redakteur:
Erika Becker

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