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Rock of Ages - die schwäbische Antwort auf Woodstock

23.07.2016 | 13:47

So verheißt es der Pressetext, aber keine Angst: das ist nur musikalisch gemeint. Denn sonst ist das Rock Of Ages ziemlich einzigartig in seiner Ausrichtung auf Familien. Nicht nur dass Kinder bis 10 Jahre freien Eintritt haben, für Jugendliche zwischen 11 und 14 Jahren gibt es das Festivalticket für den halben Preis. Schauen wir doch einmal, was in diesem Jahr geboten werden wird.

Am Freitag geht es traditionell und klassisch los mit einem geradezu umwerfenden Line-Up. Den Anfang macht die GRAHAM BONNET BAND. Muss ich Graham Bonnet vorstellen? Seine Arbeiten mit RAINBOW und der MICHAEL SCHENKER GROUP sind ja sicherlich bekannt, genauso wie seine Band ALCATRAZZ. Und vielleicht spielt er mit seiner Band sogar noch den Titelsong des 1988er IMPELLITTERI-Albums "Stand In Line". Bonnet ist einer meiner absoluten Lieblings-Sänger und der einzige Kritikpunkt ist, dass er nur 45 Minuten wird spielen können. Da bleibt nur Zeit für die größten Hits, aber 'All Night Long', 'Desert Song', und 'God Blessed Video' kommen bestimmt.

Danach gibt es aber keine Ruhepause - UFO sind ein Stimmungsgarant. Ich habe die Band erst vor kurzem im Vorprogramm von JUDAS PRIEST gesehen und denke, dass die Setliste ähnlich aussehen dürfte, durch die etwas längere Spielzeit angereichert mit noch ein, zwei weiteren Klassikern. 'Too Hot To Handle' fehlte beispielsweise, dafür waren aber einige neuere Lieder dabei, was ich ausdrücklich begrüße, da die letzten Alben alle ebenfalls stark waren. Und 'Burn Your House Down' sollte in keinem UFO-Gig fehlen, denn das ist ein großartiges Lied. Mit 55 Minuten dürfte Kurzweil garantiert sein, und wenn man mal ein Lied nicht kennt, lohnt es sich, Saitenhexer Vinnie Moore bei der Arbeit zuzusehen. Sänger Phil Mogg habe ich sowieso noch nie schlecht erlebt.

Okay, das kann ich zwar von SAGA nicht uneingeschränkt behaupten, aber wenn die Jungs aus Kanada einen Best-Of-Set zusammenstellen, wird auch diese Stunde wie im Fluge vergehen. Die Querelen des Ausstiegs Michael Sadlers sind längst vergessen. Üblicherweise konzentriert sich die Band auf Festivals zumeist auf eine Ansammlung von Klassikern, in die sich höchstens ein, zwei aktuellere Stücke einschleichen. Also dürfen wir uns auf Tanzen und Singen freuen bei Songs wie 'Careful Where You Step', 'On The Loose', The Flyer' und 'Humble Stance'. Dabei wird natürlich die charakteristische Stimme von Sadler einen großen Teil des Flairs übernehmen, aber die Crichton-Brüder und natürlich Keyboarder Jim Gilmour sind für den charakteristischen Sound genauso wichtig und weben die Keyboardmelodien, die für Sadler das Vehikel für seine enorme Stimme sind.

AXEL RUDI PELL ist tatsächlich nicht Headliner, obwohl er zweifellos einer sein könnte. was hat er jetzt gemacht, 16 Studioalben? Ohne seine STEELER-Vergangenheit zu berücksichtigen! Der als Blackmore-Jünger gestartete Gitarrist hat mit Johnny Gioeli einen tollen Sänger dabei, der schon 19 Jahre lang die Band frontet, dazu Bobby Rondinelli an den Drums, den sicher der eine oder andere durch RAINBOW, BLACK SABBATH, BLUE ÖYSTER CULT, RIOT und DORO kennen dürfte. Ja, der Mann ist herumgekommen. Musikalisch erwartet uns eine Mischung aus melodischen, schnellen Rockern und den unnachahmlichen epischen Tracks der Marke Pell. Ich hoffe auf 'Casbah' und 'The Clown Is Dead'. Lassen wir uns überraschen.

"Quid Pro Quo" heißt des dann beim eigentlichen Headliner IN EXTREMO. So lautet nämlich der Titel des neuen Albums, das seit 24. Juni erhältlich ist. Bereits auf dem ROCKAVARIA hat mich die Band gut unterhalten und mit 'Sternhagelvoll', einem echten Live-Kracher, auch schon einen Song vom neuen Album gespielt. Als Headliner wird es sicher noch den einen oder anderen Track mehr geben und dazu die üblichen Verdächtigen, die Hits aus zwanzig Jahren der Veröffentlichungen. In München wurde übrigens eine tolle Version von 'Ai Vis Lo Lop' gespielt. Sehr stark. Allerdings wird der Gig bis spät in die Nacht gehen, mal sehen, wie lange die Familien aushalten werden.

Der Samstag muss dann natürlich erst einmal ein bisschen kleinere Brötchen backen nach dieser Heldenriege am Vortag. Zuerst spielt CUCUMBER, von denen ich mich überraschen lassen muss, denn ich kenne die band nicht, und danach die mir ebenfalls unbekannte Kapelle BACKSLASH. Erst mit LUCIFER'S FRIEND betrete ich wieder mir bekannte Pfade und weiß, was mich erwarten wird. Die deutsche Band hat bereits 46 Jahre auf dem Buckel, allerdings auch mehrere Jahrzehnte nichts Neues mehr veröffentlicht. Werden die Herren noch ordentlich rocken können? Wir werden es erleben. Probleme damit dürfte die folgende Band nicht haben: die skandinavischen Rocker TREAT haben in dreißig Jahren sieben durchgehend starke Melodic Metal-Alben veröffentlicht, das letzte in diesem Jahr. Die 55 Minuten Spielzeit mit Melodie-Granaten zu füllen, dürfte ihnen leicht fallen.

Chris Thompson dürfte erst einmal nur den Kennern der Rockszene ein Begriff sein, aber wenn ich die MANFRED MANN'S EARTH BAND sage, wissen alle, worum es geht. Chris ist nämlich der Sänger und Gitarrist selbiger Band gewesen und hat so große Hits eingesungen wie 'Davy's On The Road Again', 'Mighty Quinn' und 'Blinded By The Light'. Da Chris Thompson letztes Jahr eine Best-Of-Doppel-CD veröffentlicht hat, dürfte dieser Gig wohl ein entsprechendes Best of werden.

Und noch einmal erscheint ein Musiker-Name auf dem Billing, der eventuell der einen oder anderen Erklärung bedarf. Ken Hensley ist mitnichten ein Unbekannter, denn er war bis 1980 einer der Köpfe bei URIAH HEEP und brachte uns zahlreiche Klassiker, von denen wir sicher auf dem ROCK OF AGES so einige werden hören können. Ich erwarte 'Free Me', 'The Wizard', 'July Morning' und ganz sicher 'Lady In Black'.

MAGNUM bedarf sicher keiner gesonderten Einleitung. Was soll man auch noch sagen zu einer veritablen britischen Rockinstitution? Achtzehn Alben, darunter Klassiker wie vor allem das 1985er Werk "On A Storyteller's Night", damit kann MAGNUM aus dem Vollen schöpfen. Auch in diesem Fall habe ich die Band erst vor Kurzem gesehen und war begeistert. Mit ihren Mitsingmelodien sind die Fünf ganz sicher eine Bereicherung für jedes Festival, und da ist einzig wiederum die Frage, warum die Band nur eine Stunde Spielzeit haben wird und nicht als Headliner antritt. Die Antwort lautet: BLUE ÖYSTER CULT! Denn die US Amerikaner sind kein häufiger Gast auf deutschen Bühnen. Auch diese Band hat mehr als ein Dutzend Alben auf dem Buckel, allerdings ist die Liste der Hits in Deutschland eher überschaubar. Zwar kennt sicher jeder 'Don't Fear The Reaper' und 'Burnin' For You', aber bei den meisten wird es dann wohl enden. Für diese dürfte BÖC eine Überraschung bereithalten, denn 'This Ain't The Summer Of Love' und 'Cities On Flame With Rock 'n' Roll' schlagen in eine ähnliche Kerbe, und das brillante 'Harvest Moon' ist auch zu einem Live-Standard geworden. In der letzten Zeit wurden die mit Schriftsteller Michael Moorcock geschriebenen Songs 'Black Blade' und 'Veteran Of The Psychic Wars' selten berücksichtigt, vielleicht holen sie uns zuliebe die epischen Tracks mal wieder raus.

Aber selbst jetzt sind wir noch nicht beim Headliner. Dieser Status ist Tobias Sammet mit seinem AVANTASIA-Projekt vorbehalten. Wenn er mit seinen Mitstreitern auftritt, ist eine ebenso bombastische wie dramatische Show vorprogrammiert. Mit zahlreichen Gastmusikern, vor allem verschiedenen Sängern, wird Tobias einen Querschnitt durch die bisherigen sieben Alben spielen, und ich bin sicher, dass wir auch ein Wiedersehen mit MAGNUM-Frontmann Bob Catley werden genießen dürfen. Ich bin gespannt, wer noch so alles dabei sein wird. Ich erwarte Ronnie Atkins, sicherlich Jorn Lande und Amanda Somerville, eventuell auch Michael Kiske. Mal sehen.

Und dann gibt es noch den Sonntag, der etwas ganz Besonderes ist. Der Festivalcharakter mit dem reinen Augenmerk auf Musik war gestern, heute ist Familientag. Vormittags gibt es nämlich Kinderlieder mit Detlef Jöcker, eine Hüpfburg, Kinderschminken und ähnliches. Bis 15:00 Uhr, wenn das Musikprogramm beginnt, ist der Eintritt frei. Dann beginnt FARGO, die hannoveraner Hard Rock Band, die Anfang der Achtziger vier starke Alben aufgenommen hat. den musikalischen Teil des Festivaltages. Im Anschluss folgt die ERSTE ALLGEMEINE VERUNSICHERUNG, die eine Stunde lang die Anwesenden zum Mitsingen animieren und rumblödeln wird.

Doch dann folgen noch drei Hochkaräter: Zuerst einmal SLADE, deren Hits wahrscheinlich jeder von uns mitpfeifen kann. Das kann zwischen echtem Rockact und Showkapelle so ziemlich alles werden, doch immerhin sind auch im 47. Jahr des Bestehens noch zwei Gründungsmitglieder dabei, sodass auch wenn SLADE seit fast dreißig Jahren kein neues Album veröffentlicht hat, die Show zumindest authentisch werden dürfte. Ähnlich muss man wohl auch BARCLAY JAMES HARVEST feat. LES HOLROYD sehen, eine der beiden aktiven Inkarnationen von BARCLAY JAMES HARVEST. Die beiden verbliebenen Gründungsmitglieder der englischen Progressive Rock Band gehen seit 1998 getrennte Wege, aber mit Les Holroyd, dem Sänger der Band, ist hier das Aushängeschild der Truppe am Start.

Als Headliner fungiert eine Dame, die uns allen mit ihren Klassikern bekannt ist: KIM WILDE. Die Hits 'Kids In America', 'Chequered Love' oder 'Cambodia' kennen wir natürlich alle, was aber nicht so bekannt ist, ist die Tatsache, dass Kim auch nach den großen Erfolgen noch sieben weitere Alben aufgenommen hat. Aber an so einem Abend wird sie sicher hauptsächlich ihre Hits spielen und nochmal alle zum Mitsingen inspirieren.

Das ROCK OF AGES Festival findet in diesem Jahr bereits zum elften Mal statt und hat sich als das "etwas andere Festival" einen Ruf erspielt. Ja, es hilft nichts, wir Rocker werden auch älter, Also stehen wir dazu und besuchen das einzige Festival, bei dem unser Nachwuchs auch zur Zielgruppe gehört. Man sieht sich!

(Fotos: Frank Hameister, Hanne Hämmer, Frank Jaeger, Rock Of Ages; letztere mit freundlicher Genehmigung des Veranstalters)

Redakteur:
Frank Jaeger

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